Leberecht Migge

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Leberecht Migge: Lage- und Gartengestaltungsplan der Siedlung Frankfurt-Heddernheim, Ende 1920er Jahre

Leberecht Migge (* 20. März 1881 in Danzig; † 30. Mai 1935 in Worpswede) war ein deutscher Landschaftsarchitekt und Autor.

Leben[Bearbeiten]

Leberecht Migge wuchs als zwölftes von dreizehn Kindern einer Danziger Großkaufmannsfamilie auf. Nach einer Gartenbaulehre und ersten praktischen Erfahrungen in Hamburg war er seit 1904 bei der Gartenbaufirma Jacob Ochs tätig.[1] Er entwickelte sich rasch vom handwerklich-technisch ausgerichteten Gärtner zum Grüngestalter.

Ab 1913 war Leberecht Migge freischaffend tätig. Bereits 1912 war er dem Deutschen Werkbund beigetreten. Gefördert durch die hierdurch entstandenen Kontakte und die Planung verschiedener öffentlicher Parks entwickelte Migge seine eigene Theorie von Rolle und Funktion der Landschaftsarchitektur. Er publizierte seine Ideen in Büchern wie „Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts“ (1913) und „Jedermann Selbstversorger“ (1918). Er stellte hierin seine Vorstellungen über die sozialen Funktionen des städtischen Grünraums dar und entwickelte die aus England kommende Idee der Gartenstadt zu seinem eigenen Modell weiter. Nach seiner Auffassung sollte es möglich sein, die Städte zu autonomen Wesen zu entwickeln, ohne die umgebende Landschaft auszubeuten.

Seit 1920 lebte Migge in der Künstlerkolonie Worpswede und versuchte zunächst hier seine Ideen im „Sonnenhof“-Projekt und darüber hinaus durch seine Arbeit für den Anhaltischen Siedlerverband zu verwirklichen. Für den Siedlerverband plante er unter Anderem jeweils die Gärten in der Versuchssiedlung „Dessau-Ziebigk“, „Hohe Lache“ und in Dessau-„Kleinkühnau“. Für Migges Nutzgärten ist typisch, dass jeweils alle Gärten einer Siedlung einem gleichen Muster folgen und durch rhythmische Akzente wie Obstbaumpflanzungen unterschieden werden. Seinem sozialreformerischen Anliegen entsprechend wurden die Gärten mit Spalieren, Komposttoiletten und Gartenlauben ausgestattet.

Die künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem von Heimatschutzbewegung und Volksparkbewegung bestimmten Zeitgeist führten Leberecht Migge und Künstler wie Bernhard Hoetger und Heinrich Vogeler zu dem sozialreformerischen Modell der „Arbeitskommune“. In diesem Projekt wurde die Verzahnung von Gärtnerei, Landwirtschaft und angelagerten Werkstätten mit dem Ziel erprobt, Hand- und Kopfarbeit in der Kunst zusammenzuführen. Zu diesem Zweck hatte Migge den „Moorhof“ in Worpswede gegen Bezahlung mit Produkten des Hofes von dem Bildhauer Bernhard Hoetger gepachtet.

In den 1920er und 1930er Jahren gestaltete Leberecht Migge viele Außenanlagen der in der Zeit der „Weimarer Republik“ entstandenen Bewegung des „Neuen Bauens“. Er arbeitete in dieser Zeit mit bekannten Architekten wie Otto Haesler (Georgsgarten, Celle), Bruno Taut und Martin Wagner (Hufeisensiedlung, Berlin-Britz, Bezirk Neukölln; Waldsiedlung Berlin-Zehlendorf) zusammen.

Zusammen mit Ernst May und dem Frankfurter Gartenbaudirektor Max Bromme gestaltete er den Übergang von der Frankfurter Kernstadt zu den neuen Siedlungen in der Peripherie. Die Gärten und Grünanlagen der Römerstadt-Siedlung sind ein bekanntes Beispiel für diese Zusammenarbeit am Projekt Neues Frankfurt.

Nachdem er lange Zeit mit dem Kommunismus sympathisiert hatte, begeisterte er sich 1932 für den Nationalsozialismus. In der Zeit des Nationalsozialismus erlangte er mangels geeigneter Kontakte keine beruflichen Erfolge. Er starb 1935 an einem Nierenleiden. In Wilhelmshaven und Frankfurt am Main Stadtteil Riedberg sind Straßen nach ihm benannt.

Rezeption und Bedeutung für die Gegenwart[Bearbeiten]

Die von Migge mit Nachdruck vertretenen Ideen machten ihn unter seinen Kollegen zu einem „Einzelkämpfer“, obwohl viele seiner Vorstellungen der sozialen Situation seiner Zeit angepasst waren und von ihnen in einzelnen Aspekten geteilt wurden.

Mit seinen Arbeiten steht Leberecht Migge in der Tradition der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Reformbestrebungen im großstädtischen Wohnungsbau und in der Stadtplanung, die schließlich in die Gartenstadtbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts mündete. Zu dieser Zeit gelangte die Verantwortung für die Gestaltung des Freiraumes zunehmend in die kommunale Verantwortung. Förderlich hierfür waren theoretische Funktionskonzepte wie die Unterscheidung in „sanitäres“ Grün und „dekoratives“ Grün (Camillo Sitte) und die Freiflächentheorie von Martin Wagner. Zu einer Intensivierung dieser Tendenzen kam es jedoch erst unter den geänderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Weimarer Zeit. Mit der wachsenden Bedeutung öffentlicher Grünflächen eröffneten sich auch für die privaten Grünräume neue Gestaltungsmöglichkeiten, die mit neuen Bau- und Siedlungsformen korrespondierten. Das Verhältnis von Innenwohnraum zu Außenwohnraum wurde zu einem charakteristischen Unterscheidungsmerkmal verschiedener Architekturströmungen und ihrer Protagonisten.

Da der Berufsstand der Gartenarchitekten traditionell für eine bürgerliche Klientel arbeitete, setzten sich die neuen Bestrebungen der Freiraumgestaltung im Geschosswohnungsbau nur langsam durch. So musste ein Mitarbeiter des Architekten Ernst May 1927 empört feststellen: „Es war, als gäbe es in Deutschland nur Schlösser und Zierparks und nicht tausende Menschen, die auf einem kleinen Stück Erde auch einen Garten der Schönheit haben möchten.“ Es verwundert daher nicht, dass die Arbeiten Leberecht Migges auf dem Gebiet des Neuen Bauens im Geschosswohnungsbau in damaliger Sicht als die eines Außenseiters seiner Zunft erschienen. Migge entwarf im öffentlichen Raum vielfältige nutzungsorientierte Konzepte wie Spielbereiche für Kinder, gemeinschaftlich nutzbare Dachgärten, Ruhebereiche für Ältere oder auch der Müllentsorgung.

Migges besonderes Interesse galt jedoch dem privat nutzbaren Garten, der als „erweiterter Wohnraum“ diente. Dieses Konzept wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt, es wurde jedoch von ihm zu serieller Anwendung weiterentwickelt. Hierzu Migge selbst: „Das Ziel der Garten-Industrialisierung ist, jedermann einen Garten zu verschaffen, einen technisch guten Garten.“

Ein weiterer Schwerpunkt Leberecht Migges waren seine sozialreformerischen Bestrebungen, den benachteiligten Bevölkerungsgruppen eine Selbstversorgung zu ermöglichen. Diese Bestrebungen gehen bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Auf diesem Gebiet war Migge durch seine publizistische Wirkung ein herausragender Verfechter dieser Ideen. Eine Untersuchung der Wirtschaftlichkeit ergab jedoch, dass eine Einführung des von Migge entwickelten Gartentyps kaum tragfähig war. Durch diese Bestrebungen kommt Leberecht Migge dennoch ein großer Anteil an der Hinwendung der Gartenarchitektur zu kleinbürgerlichen und proletarischen Interessen zu.

Umstritten ist der Anteil Leberecht Migges an den Bauten der klassischen Moderne. Indem Migge dem sozialen und wirtschaftlichen Nutzen des Hausgartens eine dominierende Stellung beim Hausbau einräumte, war es genau das Gegenteil von dem, was das Bauhaus wollte: Der Freiraum sollte wie das Gebäude streng, einfach und funktional sein. Walter Gropius als einflussreichster Architekt des Bauhauses gestand dem Freiraum kaum Einfluss auf den Hausbau zu.

Migges Gedanke, dass sich jede/jeder sich selbstversorgen können solle und dazu über Haus und Garten autonom verfügen müsse, wurde in den 1970er Jahren von der Kasseler Schule der Landschafts- und Freiraumplanung wieder aufgegriffen und weiterentwickelt zur Autonomie im Gebrauch, die in der Freiraumplanung zu ermöglichen sei oder zumindest nicht verhindert werden solle.[2]

Werke[Bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten]

  • Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts. Diederichs, Jena 1913. (Nachdruck: GhK, Fachbereich Stadtplanung und Landschaftsplanung, Kassel 1983)
  • Jedermann Selbstversorger. Eine Lösung der Siedlungsfrage durch neuen Gartenbau. Diederichs, Jena 1919.
  • Der soziale Garten. Das grüne Manifest. Berlin-Friedenau 1926. (Nachdruck: Gebr. Mann, Berlin 1999, ISBN 3-7861-2291-1)

Literatur[Bearbeiten]

  • Christine Ahrend: Die Bedeutung der demokratischen Planungsansätze der zwanziger Jahre für die emanzipatorischen Planungen der Gegenwart. In: Ulrich Eisel, Stefanie Schultz (Hrsg.): Geschichte und Struktur der Landschaftsplanung. TU, Univ.-Bibliothek, Berlin 1991, ISBN 3-7983-1461-6, S. 247–278 (=Reihe: Landschaftsentwicklung und Umweltforschung. Nr. 83).
  • Martin Baumann: Freiraumplanung in den Siedlungen der zwanziger Jahre am Beispiel der Planungen des Gartenarchitekten Leberecht Migge. Trift-Verlag, Halle 2002, ISBN 3-934909-13-2 (=Dissertation, Hochschule der Künste Berlin 2001).
  • Helmut Böse, K.H. Hülbusch: Cotoneaster und Pflaster. Pflanzen und Vegetation als Gestaltungsmittel. In: Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation (Hrsg.): Nachlese Freiraumplanung. Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation, Kassel 1989, S. 23–32.
  • Helmut Böse-Vetter: Migge im Nachfüllpack. Anmerkungen aus aktuellem Anlaß. In: Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation (Hrsg.): Nachlese Freiraumplanung. Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation, Kassel 1989, S. 16–23.
  • David H. Haney: When Modern was Green: Life and Work of Landscape Architect Leberecht Migge. Routledge, London/ New York 2010, ISBN 978-0-415-56139-6.
  • Heidrun Hubenthal (Hrsg.): Bibliographie über Leberecht Migge. Findbuch zum Leberecht-Migge-Archiv. Infosystem Planung, Univ., Kassel 2004, ISBN 3-89117-140-4.
  • Inge Meta Hülbusch: ‚Jedermann Selbstversorger‘. Das Koloniale Grün Leberecht Migges. In: Lucius Burckhardt (Hrsg.): Der Werkbund in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Form ohne Ornament. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1978, ISBN 3-421-02529-0, S. 66–71.
  • Jürgen von Reuß: Migge, Leberecht. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-00198-2, S. 488 f. (Digitalisat).
  • Johannes Rosenplänter: Zur Entstehung der 'Ruhestätte der Opfer der Revolution' auf dem Kieler Eichhoffriedhof 1918-1924. Ein Werk des Landschaftsarchitekten Leberecht Migge. In: Rolf Fischer (Hrsg.), Revolution und Revolutionsforschung – Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19. Reihe: Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Band 67), Ludwig Verlag, Kiel 2011, ISBN 978-3-86935-059-2.

Ehrungen[Bearbeiten]

Die Leberecht-Migge-Anlage in Frankfurt-Kalbach-Riedberg wurde im April 2013 nach ihm benannt.[3]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gert Gröning, Joachim Wolschke-Bulmahn: Grüne Biographien. Patzer-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-87617-089-3, S. 261.
  2. Inge Meta Hülbusch 1978; Helmut Böse und Karl-Heinz Hülbusch 1980; Helmut Böse-Vetter 1989; Christine Ahrend 1992
  3. Amtsblatt für Frankfurt am Main, 144. Jg, Nr. 17, Stadt Frankfurt am Main, 23. April 2013.