Leopold von Wiese

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Leopold Max Walther von Wiese und Kaiserswaldau[1](* 2. Dezember 1876 in Glatz; † 11. Januar 1969 in Köln) war ein deutscher Soziologe und Volkswirt, Hochschullehrer und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

Leben[Bearbeiten]

Leopold von Wiese war der einzige Sohn eines früh verstorbenen preußischen Offiziers und erhielt seine schulische Ausbildung auf den Kadettenanstalten in Wahlstatt und Lichterfelde, wo er fast acht äußerst unglückliche Jahre verlebte, ehe er das Kadettenkorps verlassen konnte.[2] Er studierte dann Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und wurde dort 1902 zum Dr. phil. promoviert. Anschließend war er wissenschaftlicher Sekretär des „Instituts für Gemeinwohl“ in Frankfurt am Main. Im Jahr 1905 wurde er Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Berlin. 1906 als Professor der Staatswissenschaften an die Königliche Akademie zu Posen berufen, wechselte er schon 1908 als Professor für Volkswirtschaftslehre und Gewerbeökonomie an die Technische Hochschule Hannover. 1912 wurde von Wiese Studiendirektor an der „Akademie für kommunale Verwaltung“ in Düsseldorf und 1915 Professor an der Handelshochschule Köln.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde von Wiese im Jahr 1919 Direktor am „Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften“ in Köln und als ordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften und für Soziologie an die 1919 wiedergegründete Universität zu Köln berufen. Er hatte damit den ersten Lehrstuhl für Soziologie in Deutschland inne. An dem auf Initiative des Oberbürgermeisters Adenauer gegründeten „Institut für soziale Forschung“ war er Direktor der Abteilung für Soziologie. Seine von ihm ab 1921 herausgegebenen Kölner Vierteljahreshefte für Sozialwissenschaften[3] existieren unter dem Titel Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie noch heute.

Bis 1933 war von Wiese Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Nach der „Stilllegung“ der DGS durch Hans Freyer und des Forschungsinstitutes für Sozialwissenschaften durch die Nationalsozialisten ging er 1934 für ein Jahr in die USA. Seinen Lehrstuhl übernahm Willy Gierlichs. Nach seiner Rückkehr lehrte er Volkswirtschaft in geschlossenem Hörerkreis.

Im Jahr 1946 wurde er Vorsitzender der wiederbelebten DGS, die er reformierte, bis 1955 als Vorsitzender führte und international wieder bekannt machte. Zum 1. Oktober 1949 wurde von Wiese emeritiert. 1954 wurde er Vizepräsident der „Internationalen Gesellschaft für Soziologie“.

Von Wiese ist der Vater des Literaturwissenschaftlers Benno von Wiese und der Schauspielerin und Schriftstellerin Ursula von Wiese.

Leistungen[Bearbeiten]

Wiese ist bekannt für seine Werke zur Gesellschaftslehre. Er versuchte, die Soziologie der Gegenwart als eine eigenständige Sozialwissenschaft zu etablieren, losgelöst von Geschichte, Psychologie und Philosophie. Leopold von Wiese konzentrierte sich auf die sozialen Beziehungen zwischen Menschen als „soziale Prozesse“ und die dafür bedeutsamen Strukturen als „soziale Gebilde“. Gemeinsam mit Georg Simmel gilt er als Begründer der formalen Soziologie. Seine Beziehungslehre hat in der Soziologie keinen Einfluss mehr.

Zu seinen Schülern zählt Karl Gustav Specht, der Mitbegründer der Gerontologie und Medizinsoziologie in Deutschland und frühere Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg.

Leopold von Wiese und der Nationalsozialismus[Bearbeiten]

1934 diente sich von Wiese den neuen Machthabern mit seiner Beziehungslehre an. In den Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie schrieb er: „Je mehr ich diese Weltenwende auf mich wirken lasse, desto mehr ist mir das klar: Jetzt wäre gerade auch in Deutschland die Zeit für eine kraftvoll wirkende realistische Gesellschaftslehre gekommen! Biologie, Erb- und Rassenlehre sowie politische Ethik können es nicht allein machen; ein sehr großer, der größte Teil der von der praktischen Entwicklung aufgeworfenen Fragen gehört der Soziologie an.“ [4] Das Regime hatte dennoch keine Verwendung für seine Soziologie. Als erster Nachkriegsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie forcierte er eine Strategie des „kollektiven Beschweigens“[5] Im ersten Vortrag des 8. Deutschen Soziologentages in Frankfurt am Main sagte er 1946 über die Zeit des Nationalsozialismus nur: „Und doch kam die Pest über die Menschen von außen, unvorbereitet, als ein heimtückischer Überfall. Das ist ein metaphysisches Geheimnnis, an das der Soziologe nicht zu rühren vermag.“ [6] Damit, so die späte Einschätzung von Manfred Lauermann, stellte von Wiese „glänzend unter Beweis, dass Soziologen schlicht zu dumm sein können, soziologisch zu denken!“ [7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Zur Grundlegung der Gesellschaftslehre für Volkswirtschaftslehre, Habil. 1905
  • Gedanken über Menschlichkeit, 1915[8]
  • Staatssozialismus, 1916
  • Der Liberalismus in Vergangenheit und Zukunft, 1917
  • Kindheit. Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren, 1924
  • Allgemeine Soziologie als Lehre von den Beziehungsbedingungen der Menschen, 2 Bände 1924/29
    • 2., neubearbeitete Auflage als: System der Allgemeinen Soziologie als Lehre von den sozialen Prozessen und den sozialen Gebilden der Menschen (Beziehungslehre), 1933; 4. A. 1966
  • Soziologie. Geschichte und Hauptprobleme, 1926
    • 9. (= letzte) Auflage als Geschichte der Soziologie, 1971
  • Homo sum. Gedanken zu einer zusammenfassenden Anthropologie, 1944
  • Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft, 1947
  • Erinnerungen, 1957
  • Philosophie und Soziologie, 1959
  • Der Mensch als Mitmensch, 1964
  • Der Mitmensch und der Gegenmensch im sozialen Leben der nächsten Zukunft, 1967

Literatur[Bearbeiten]

  • Studien zur Soziologie. Festgabe für LvW zum 70. Geb.- Hgg. Ludwig H. Adolph Geck, Jürgen von Kempski, Hanna Meuter. 1. Band (mehr nicht ersch.) Internationaler Universum Vlg., Mainz 1948
  • Heine von Alemann: Leopold von Wiese und das Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften in Köln. 1919 bis 1934. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Wiesbaden, 28 (1976), S. 649–673
  • Heine von Alemann: Leopold von Wiese (1876–1969). In: Kölner Volkswirte und Sozialwissenschaftler. Über die Beiträge Kölner Volkswirte und Sozialwissenschaftler zur Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Hg. Friedrich-Wilhelm Henning. Böhlau, Köln 1988. S. 97–138 (= Studien zur Geschichte der Universität zu Köln; 7), ISBN 3-412-00888-5
  • Guy Ankerl: Sociologues allemands. A la Baconnière, Neuchâtel 1972, S. 33–72
  • Helene Kleine: Soziologie und die Bildung des Volkes. Hans Freyers und Leopold von Wieses Position in der Soziologie und der freien Erwachsenenbildung während der Weimarer Republik. Leske + Budrich, Opladen 1989, ISBN 3-8100-0751-X
  • Manfred Lindemann: Über „formale“ Soziologie. Systematische Untersuchungen zum „soziologischen Relationismus“ bei Georg Simmel, Alfred Vierkandt und Leopold von Wiese. Bonn, Phil. Diss. 1986
  • Willibald Reichertz: Ostdeutsche als Dozenten an der Technischen Hochschule Hannover (1831–1956). In: Ostdeutsche Familienkunde 55 (2007), S. 109–120
  • Paul Trommsdorff: Der Lehrkörper der Technischen Hochschule Hannover 1831–1931. Hannover, 1931, S. 127–128

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kaiserswaldau, heute Piastów, ein Stadtteil von Piechowice, damals Petersdorf
  2. Seine Zeit in Wahlstatt beschrieb er im Jahre 1924 unter dem Titel Kindheit; Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren, Paul Steegemann, Hannover; neu erschienen und von Hartmut von Hentig kommentiert unter dem Titel Kadettenjahre, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, 1978.
  3. ab ca. 1924 "...für Soziologie". Zur Titelgebung im Einzelnen siehe die Diskussionsseite zur Nachfolge-Zeitschrift
  4. Zitiert nach: Silke van Dyk, Alexandra Schauer, "... daß die offizielle Soziologie versagt hat". Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS, Essen: Deutsche Gesellschaft für Soziologie, 2010, S. 45.
  5. So Silke van Dyk, Alexandra Schauer, "... daß die offizielle Soziologie versagt hat". Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS, Essen: Deutsche Gesellschaft für Soziologie, 2010, S. 143.
  6. Verhandlungen des 8. Dt. Soziologentages vom 19. bis 21. Spt. 1946 in Frankfurt am Main/Tübingen 1948, S. 29.
  7. Manfred Lauermann, Die Geburt der Soziologie aus dem Geist der Renaissance. Alfred von Martin im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext, in: Richard Faber, Perdita Ladwig (Hrsg.), Gesellschaft und Humanität. Der Kultursoziologie Alfred von Martin (1882-1979), Würzburg 2013, S. 155- 188, hier S. 157, Anmerkung 2.
  8. "ein Mahnwort gegen den Annexionstaumel"

Weblinks[Bearbeiten]