Lothar Hermann

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Lothar Hermann (geboren 1901 in Quirnbach;[1] gestorben Juli 1974 in Argentinien) war ein deutsch-jüdischer Holocaust-Überlebender, der maßgeblich dazu beitrug, dass Adolf Eichmann in Buenos Aires enttarnt und verhaftet werden konnte.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Lothar Hermann war ein deutscher Jude. Während der NS-Zeit wurde er 1935 bei dem Versuch, 90 Reichsmark nach Frankreich zu schmuggeln, ertappt, was in der Folge zu einem von der Gestapo betriebenen Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Spionage führte und eine halbjährige Internierung im KZ Dachau nach sich zog.[2] Er selbst überlebte, während zahlreiche seiner Familienangehörigen von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Nach der KZ-Zeit emigrierte er zunächst in die Niederlande und heiratete dort Marta Waldmann. Nach zwei Jahren reiste er mit ihr nach Uruguay aus und zog dann weiter nach Argentinien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Hermann in Argentinien. Seine Tochter Silvia ging als 12-Jährige in einen Jugendclub, in dem sie auch einen damals 16-Jährigen mit Namen Klaus kennenlernte. Lothar Hermann, der inzwischen erblindet war, vermutete nach Recherchen, dass es sich bei diesem Klaus um den Sohn von Adolf Eichmann handele. Schon 1954 hatte Hermann seine Vermutungen erst der jüdischen Gemeinde in Buenos Aires, dann der DAIA (span., Delegacion de Asociaciones Israelitas Argentinas), der jüdischen politischen Dachorganisation in Argentinien, weitergegeben, die aber nicht darauf reagierten. Hermann gab seine Information an Fritz Bauer weiter und auch an Tuviah Friedman, der von Israel aus versuchte, Nazi-Verbrecher zu ermitteln, aber bei der weiteren Kontaktaufnahme mit Hermann massiv von den israelischen Behörden behindert wurde. Fritz Bauer, der zu diesem Zeitpunkt in Hessen als Generalstaatsanwalt arbeitete, gab diese Information seinerseits auf geheimem Weg an den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad weiter. Mit Hilfe seiner Tochter Silvia konnte Lothar Hermann schließlich nachweisen, dass Klaus' Vater Riccardo Klement einen falschen Namen trug und tatsächlich Adolf Eichmann war. Agenten des Mossad beschatteten Adolf Eichmann nach anfänglichen Zweifeln und entführten ihn mangels fehlendem bilateralen Auslieferungsabkommen 1960 schließlich nach Israel, wo ihm 1961 der Prozess gemacht und er nach der Verurteilung 1962 hingerichtet wurde.

Hermann selbst wurde, als er die ganzen wahren Hintergründe der jahrelangen Verhinderung einer Verhaftung Eichmanns und die tatsächlichen Umstände seiner dann schließlich erfolgten Festnahme öffentlich darlegen wollte, 1961 von der argentinischen Polizei verhaftet (unter dem Vorwand des Mossads, hier den in Argentinien vermuteten KZ-Arzt, Josef Mengele vor sich zu haben/gefunden zu haben) und im argentinischen Gefängnis gefoltert. Erst ein Vergleich der Fingerabdrücke brachte 14 Tage nach Verhaftung Aufklärung und Hermann kam frei.[3] Er habe sich später nie mehr zu den Dingen geäußert. Erst durch seine Großnichte Liliana Hermann sind die Ereignisse wieder publik geworden. (Siehe auch dazu im Deutschlandradio das Feature vom 26. Februar 2013.[4])

Der Wortlaut der im Jahr 2012 auf mehreren deutschen, öffentlich-rechtlichen Hörfunkkanälen ausgestrahlten Feature von Gaby Weber bringt einige Details der Recherche der Nachfahren Hermanns zur Sprache, die den Umgang des Staates Israel mit Hermann zu dessen Lebzeiten unter keinem für Israel günstigen Licht erscheinen lassen.[5]

Aus Angst vor einem Racheakt floh Hermanns Tochter Silvia in die USA. Bis zu seinem Tod im Juli 1974 in Argentinien traf Lothar Hermann seine Tochter nie wieder.[6][7][8]

Die von dem Autor und Nazijäger Tuviah Friedman ausgesetzte Belohnung von 10.000 US-Dollar für die Ergreifung Eichmanns wurde nach langem Zögern zur Regierungszeit Golda Meirs 1972 an Hermann gezahlt.[4]

Eine in Argentinien gehostete Website berichtet ausführlich über Hermann. Enthalten sind auch Fotos und Hinweise zur Ehrung seines Verdienstes.[9]

In einem englischsprachigen Artikel, auf einer der von Jack Beckett verantworteten Website, wird Lothar Hermann ebenfalls als explizit erster Informant und erste Quelle für den Eichmann-Wohnort genannt.[10]

"Erst 1972 bewilligte Golda Meir, die israelische Premierministerin, die Auszahlung der versprochenen Belohnung. Sie erkannte damit an, dass die Entdeckung von Adolf Eichmann auf Lothar Hermann zurückgegangen ist. 1974 starb er in Coronel Suarez, wo er begraben ist. Aber erst am 13. August 2012 wurde Lothar Hermann posthum geehrt vom Staat Israel, als Person die Eichmann entdeckte, ihn verfolgte und seine Verhaftung beschloss. Sechs Wochen später, am 28. September 2012, ehrte Ricardo Moccero, Bürgermeister der Stadt Coronel Suarez, Lothar Hermann, der seine letzten Lebensjahre in dieser Stadt verbracht hatte. Liliana Hermann, die Grossnichte und seine früheren Nachbarn sowie die israelische Gemeinde von Coronel Suarez waren anwesend, als eine Gedenktafel übergeben und an die Ungerechtigkeiten, die Lothar Hermann erleben musste, erinnert wurde. Lange Zeit blieb das Grab namenlos, jetzt wurde es gepflegt und auf dem Grabstein sein Name angebracht."[9]

Filme[Bearbeiten]

Der Autor und Regisseur Raymond Ley verfilmte seine Recherchen über Lothar Hermann und Adolf Eichmann 2010 in dem Doku-Drama Eichmanns Ende - Liebe, Verrat, Tod.[7] Dieser Film entspricht aber in vielen Dingen nicht den Tatsachen. Vor allem die angebliche Liebesbeziehung zwischen Silvia Hermann und Klaus Eichmann ist frei erfunden, aber auch die Hintergründe, die zur Ergreifung Eichmanns führten.

Auf Basis der mitgeschnittenen Verhöre und Verhandlungen von Adolf Eichmann erarbeitete der israelische Regisseur Eyal Sivan 1999 den Dokumentarfilm Ein Spezialist, der von der Wiener Firma Lotus Film produziert wurde.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem: das unbehelligte Leben eines Massenmörders. Arche-Verlag, 2011, ISBN 978-3-7160-2669-4, S. 404.
  2. Gaby Weber: Eichmann wurde noch gebraucht, 2012, Verlag Das Neue Berlin, S. 68
  3. Gaby Weber: Halbherzige Ehrung. Ohne Selbstkritik: Jüdische Gemeinde erinnerte in Buenos Aires an Lothar Hermann. In: Junge Welt. 15. August 2012. (online auf: ag-friedensforschung.de)
  4. a b Der Held aus Quirnbach. auf: dradio.de 26. Februar 2013.
  5. SWR2 Tandem - Manuskriptdienst: Der Kampf der Zwergin. (PDF; 80 kB) auf: swr.de
  6. So wurde Nazi-Monster Eichmann wirklich enttarnt.
  7. a b "Eichmanns Ende" in der ARD: Teufels Advokat trifft Teufels Bürokrat. auf: spiegel.de, 25. Juli 2010.
  8. Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod. in der deutschsprachigen Wikipedia
  9. a b Lothar Hermann, der Eichmann in Argentinien fand. auf: lotharhermann.com.ar, 3. Januar 2013.
  10. The incredible James Bond tactics used by Israeli spies to capture Nazi Adolf Eichmann in South America. auf: warhistoryonline.com, 18. Januar 2013.
  11. Eichmann war von fürchterlicher Komik. In: Der Spiegel. 45/1999.