Eichmann-Prozess

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Als Eichmann-Prozess wird das Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann bezeichnet, in dem dieser vor dem Jerusalemer Bezirksgericht zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 für den millionenfachen Mord an Juden zur Verantwortung gezogen wurde. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang.

Der Prozess erregte große internationale Aufmerksamkeit und wird bis heute kontrovers diskutiert. Bekannt sind die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangenen Äußerungen von Hannah Arendt, die Eichmann in ihrer Publikation Eichmann in Jerusalem als Schreibtischtäter bezeichnete und von der Banalität des Bösen sprach.

Eichmanns Rolle im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Hauptartikel: Adolf Eichmann

Als Mitglied der NSDAP und der SS ab 1932, des Sicherheitsdienstes (SD) ab 1934, als Leiter der Zentralstellen für jüdische Auswanderung in Wien und Prag 1938 und 1939 sowie als Leiter der Reichszentrale für jüdische Auswanderung in Berlin und Referatsleiter für "Judenangelegenheiten" im Reichssicherheitshauptamt („Eichmannreferat“) ab 1940 war Adolf Eichmann während des gesamten Dritten Reichs mit der Arisierung, "forcierten Auswanderung" und Judenvertreibung, etwa nach Madagaskar oder Nisko, bis hin zu den planmäßigen Deportationen und der Ermordung in Konzentrations- und Vernichtungslagern vertraut und mit der praktischen Umsetzung in ganz Europa befasst. Er gilt mit seinen Vorgesetzten Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich und Ernst Kaltenbrunner sowie anderen Verantwortlichen, etwa Hans Frank, Odilo Globocnik oder Rudolf Höss, als eine der Schlüsselfiguren bei der Endlösung der Judenfrage.

Eichmann selbst besuchte das Generalgouvernement, das Warschauer Ghetto und verschiedene Lager, darunter das KZ Auschwitz, wo er die Gaskammern besichtigte. Auf Dienstreisen in die meisten der von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiete organisierte er die durchzuführenden Transporte. Zudem nahm er im Januar 1942 als Protokollführer an der Wannseekonferenz teil, in der über die „Endlösung“ der Judenfrage beraten wurde. Eichmann organisierte im März und Oktober 1942 noch zwei Folgekonferenzen, die in seinem Referat in Berlin stattfanden. Die Sprache seines Protokolls, das später der Staatsanwaltschaft in Jerusalem als Beweismittel diente, ist beispielhaft für seinen verharmlosend-bürokratischen Stil.

Der Prozess[Bearbeiten]

Der deutsche Verteidiger Robert Servatius (links vorn) mit dem israelischen Generalstaatsanwalt Gideon Hausner (stehend) während einer Sitzung
US-Nachrichten über die Verurteilung Eichmanns in I. Instanz.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang Eichmann entlang der sogenannten Rattenlinie die Flucht nach Argentinien, wo er mit gefälschten Papieren unter den Namen Otto Henninger und Ricardo Clement lebte. Am 11. Mai 1960 wurde er von israelischen Agenten in Buenos Aires gefasst und - da es noch kein Auslieferungsabkommen zwischen Israel und Argentinien gab - am 22. Mai 1960 nach Israel entführt. Der Distriktsrichter in Haifa erließ am 23. Mai 1960 den Haftbefehl gegen Eichmann. Mit der Leitung der Verhöre wurde Avner Werner Less betraut.

Am 1. Februar 1961 wurde die Mitteilung der Belastungspunkte (notice of charge) dem 54-jährigen Angeklagten zugestellt, gleichzeitig wurde der Verteidigung das polizeiliche Vernehmungsprotokoll von über 3000 Seiten sowie 1300, später insgesamt 1600 Dokumente in Abschrift übergeben. Den Großteil stellten bei Ende des Zweiten Weltkriegs im damaligen Auswärtigen Amt sichergestellte Akten dar, die bereits im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher von der Anklage verwendet worden waren.

Weitere Beweismittel waren rund 100 Zeugen, die meisten von ihnen Überlebende des Holocaust. Unter ihnen waren beispielsweise der Vater von Herschel Grynszpan, Repräsentanten der ehemaligen Reichsvereinigung der Juden in Deutschland sowie Angehörige des bewaffneten jüdischen Widerstands wie der Partisanenführer Abba Kovner oder Jitzhak Zuckerman, der am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt gewesen war. Für die Verteidigung wurden diverse eidesstattlich versicherte Zeugenaussagen verlesen wie die von Erich von dem Bach-Zelewski, Richard Baer, Kurt Becher, Theodor Horst Grell, Wilhelm Höttl, Walter Huppenkothen, Hans Jüttner, Herbert Kappler, Hermann Krumey, Max Merten, Franz Novak, Franz Alfred Six, Alfred Slawik, Eberhard von Thadden, Edmund Veesenmayer und Otto Winkelmann. Diese Zeugen waren nicht persönlich erschienen, da sie befürchtet hatten, in Israel ebenso wie Eichmann selbst strafrechtlich belangt zu werden. Außerdem wurde der Sachverständige Gustave M. Gilbert gehört.

Die Verteidigung verzichtete am 12. Februar 1961 auf die Durchführung eines Vorverfahrens, so dass die Generalstaatsanwaltschaft unter Gideon Hausner am 21. Februar 1961 Anklage gegen Adolf Eichmann erhob. Während der Voruntersuchung hatten mehrere Geschädigte beantragt, zur Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen als Nebenkläger zugelassen zu werden. Nachdem Bedenken gegen ihre Zulassung aufgetreten waren, erhoben die Geschädigten vor den Zivilgerichten in Haifa und Jerusalem Schadenersatzklagen, die die Gerichte aber in Abwesenheitsverfahren mangels hinreichender Klagebegründung abwiesen.

Die Legitimation des Prozesses[Bearbeiten]

Grundlage der Anklage und der Verurteilung Eichmanns war das von Justizminister Pinchas Rosen eingebrachte, von der Knesset am 1. August 1950 verabschiedete und am 9. August 1950 veröffentlichte „Nazis and Nazi Collaborators (Punishment) Law“ (NNCL), ein Gesetz zur Bestrafung von Nazis und ihren Helfern. Dieses orientierte sich am Londoner Statut von 1945, das zur Durchführung der Nürnberger Prozesse eingerichtet worden war. Es stütze sich auf die UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes [1] und den israelischen „Criminal Code Ordinance“ (CCO) von 1936.

Schon zu Beginn des Prozesses, aber auch im Berufungsverfahren brachte Eichmanns Verteidiger prozesshindernde Einwendungen vor. Das Gesetz von 1950 könne wegen Verstoßes gegen das strafrechtliche Rückwirkungsverbot keine Zuständigkeit eines israelischen Gerichts begründen für die Aburteilung von Taten, die vor der Gründung Israels und außerhalb seines Staatsgebiets verübt worden waren. Die Eichmann zur Last gelegten Taten seien zudem "acts of state" gewesen, also Hoheitsakte des deutschen Reiches, die völkerrechtlich der Jurisdiktion eines fremden Staates nicht unterworfen seien und für die Eichmann auch persönlich vor einem ausländischen Gericht nicht belangt werden könne. Der Verteidiger rügte, dass die israelische Regierung Eichmann ohne die Zustimmung Argentiniens nach Israel habe verschleppen lassen, und bezweifelte, dass jüdische Richter ihm gegenüber die erforderliche Unbefangenheit aufbringen könnten.

Das Gericht wies diese Einwände in beiden Instanzen zurück und berief sich auf das so genannte Weltrechtsprinzip. Nach diesem können schwere Menschenrechtsverletzungen wie Völkermord auch von einem Gericht außerhalb des eigentlichen Tatbereichs geahndet werden – in diesem Fall dem Staat Israel. Nachdem auf dieser Grundlage die Nürnberger Prozesse von den Alliierten geführt worden waren, war es nun an Israel, entsprechend die Aburteilung eines der Hauptverbrecher des Nationalsozialismus zu betreiben.

Die Anklage[Bearbeiten]

Nach neunmonatigen Ermittlungen wurde die Anklage gegen Adolf Eichmann in 15 Punkten beim zuständigen Bezirksgericht in Jerusalem erhoben. Hauptankläger war der Generalstaatsanwalt Gideon Hausner. Als Grundlage der Anklage dienten über 1500 Dokumente, es sagten 100 Zeugen aus, davon 90 Überlebende aus Konzentrationslagern.

Die 15 Anklagepunkte lassen sich in 4 Kategorien unterteilen:

  • Kategorie 1: Verbrechen gegen das jüdische Volk:
    • 1. Anklagepunkt: Verursachung des Todes von Millionen von Juden durch Vernichtungslager, Einsatzgruppen, Arbeitslager, Konzentrierung und Massendeportation.
    • 2. Anklagepunkt: Schaffung von Lebensbedingungen für Millionen von Juden, durch die diese physisch vernichtet werden sollten.
    • 3. Anklagepunkt: Verursachung schwerer körperlicher und seelischer Schäden für Millionen von Juden in Europa.
    • 4. Anklagepunkt: Vorbereitung von Maßnahmen für die Sterilisation der Juden, um Geburten von Juden zu verhindern.
  • Kategorie 2: Verbrechen gegen die Menschlichkeit:
    • 5. Anklagepunkt: Verursachung der Ermordung, Vernichtung, Versklavung und Deportation der jüdischen Bevölkerung.
    • 6. Anklagepunkt: Verfolgung von Juden aus nationalen, rassischen, religiösen und politischen Motiven.
    • 7. Anklagepunkt: Durchführung der Ausplünderung von Juden durch unmenschliche Maßnahmen, einschließlich Raub, Zwang, Terror und Quälerei.
    • 9. Anklagepunkt: Deportation einer halben Million Angehöriger der polnischen Zivilbevölkerung von ihren Wohnorten mit der Absicht, an ihrer Stelle Deutsche anzusiedeln.
    • 10. Anklagepunkt: Deportation von 14.000 Angehörigen der slowenischen Zivilbevölkerung von ihren Wohnorten mit der Absicht, an ihrer Stelle Deutsche anzusiedeln.
    • 11. Anklagepunkt: Deportation von Zehntausenden Roma, sowie ihre Zusammentreibung, Transportierung und Ermordung in den Vernichtungslagern.
    • 12. Anklagepunkt: Deportation von ungefähr 100 Kindern aus der Zivilbevölkerung des Dorfes Lidice in der Tschechoslowakei und ihr Transport nach Polen zum Zwecke der Vernichtung.
  • Kategorie 3: Kriegsverbrechen:
    • 8. Anklagepunkt: Misshandlung, Deportation und Ermordung von Juden.

Die Verteidigung[Bearbeiten]

Der Kölner Rechtsanwalt Robert Servatius, der mehrere Angeklagte in den Nürnberger Prozessen verteidigt hatte, übernahm ab Juni 1960 auf Wunsch der Angehörigen Eichmanns die Verteidigung. Es assistierte ihm der junge Münchener Rechtsanwalt Dieter Wechtenbruch. Anlässlich des Prozesses wurde ein Gesetz erlassen, das ausländischen Anwälten den Zugang zu einem israelischen Gericht gewährte, da dem geltenden Verfahrensrecht nach nur ein israelischer Staatsangehöriger die Vertretung eines Angeklagten vor einem Gericht in Israel vornehmen konnte. Obwohl sich israelische Anwälte zur Verteidigung Eichmanns im Interesse eines rechtsstaatlichen Verfahrens anboten, sah man von dieser Option aufgrund zweier Überlegungen ab: einerseits wäre ein israelischer Verteidiger Gefahr gelaufen, die israelische Öffentlichkeit gegen sich aufzubringen und überdies dem Verdacht ausgesetzt gewesen, die Verteidigung in diesem Fall möglicherweise nicht hinreichend auszuführen.[2]

Eichmann selbst verteidigte sich während des gesamten Prozesses immer wieder mit der Begründung, er habe nur auf Befehle hin nach dem so genannten Führerprinzip gehandelt und sich somit nicht im juristischen Sinne schuldig gemacht. Auch sei er nie direkt an der Ermordung oder Deportation von Menschen beteiligt gewesen, sondern habe lediglich als „Rädchen im System“ Befehle weitergegeben. In einer Tonbandaufnahme vor seiner Entführung aus Argentinien hatte er sich dagegen noch ganz anders gegenüber alten Nazis geäußert: „Ich bereue gar nichts. […] Ich krieche nicht zu Kreuze.“ Er bedauerte darin, nicht 11 oder 12 Millionen Juden in die Vernichtungslager geschickt zu haben. Er empfand sich daher als Versager im nationalsozialistischen System.[3] Die Tondokumente und Abschriften der von Willem Sassen mit Eichmann in Argentinien geführten Interviews wurden zwar nicht in Gänze als Urkundsbeweis der Anklage zugelassen, [4] von Eichmann eigenhändig redigierte Auszüge konnten ihm im Kreuzverhör aber vorgehalten und so als Bestandteil seiner Zeugenaussage in den Prozess eingeführt werden. [5]

Eichmann stellte sich weniger als überzeugter NS-Ideologe denn als unauffälliger Schreibtischtäter dar (so Hannah Arendt). Wenn auch seine schwere Schuld unumstritten war, so eignete sich der unscheinbare Adolf Eichmann wenig, um den Mord an 6 Millionen Juden zu erklären.

In einem Kasten aus Panzerglas vor Angriffen geschützt, gestand der Angeklagte letztlich ein, dass es sich bei dem Judenmord um eines der schwersten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte handle, für das er selbst jedoch in keiner Weise verantwortlich sei. Er betonte immer wieder, nur auf Befehl gehandelt zu haben. Hätte man ihn aufgefordert, selbst Morde zu begehen, wäre er auch diesem Befehl gefolgt.

Das Urteil[Bearbeiten]

Das Hauptverfahren im Prozess gegen Adolf Eichmann vor dem Jerusalemer Bezirksgericht mit dem Aktenzeichen 40/61 begann am 11. April 1961 im Haus des Volkes (hebräisch ‏בית העםBeit Ha'am) (heute Gerard Behar Center Bezalel Street 11) im Zentrum Jerusalems. Vorsitzender Richter war Moshe Landau, die Beisitzer Benjamin Halevi und Yitzhak Raveh. Es gab keine Geschworenen. Am 14. August 1961 vertagte sich das Gericht mit der Ankündigung, sein Urteil binnen drei Monaten zu verkünden. Dessen Verlesung begann am 11. Dezember 1961 und endete am 15. Dezember 1961, dem 121. Sitzungstag, mit dem Ausspruch der Todesstrafe. [6]

Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme, nicht zuletzt aufgrund der Zeugenaussagen von ehemaligen Mitarbeitern Eichmanns wie Dieter Wisliceny oder der von Josef Löwenherz für den Prozess zusammengestellten schriftlichen Erklärung, [7] kam Eichmann eine führende Rolle bei der Planung, Organisation, Ausführung und Überwachung des Holocaust zu, nicht nur bei der Deportation und Ermordung der ungarischen Juden im Jahr 1944 durch das Sonderkommando Eichmann. Dies ergab sich auch aus einer Vielzahl erhaltener Dokumente wie Besprechungsprotokollen, dienstlicher Korrespondenz, von Eichmann unterzeichneten Deportationsbefehlen oder Statistiken über von Eichmann veranlasste Transporte (Korherr-Bericht), mit denen er im Kreuzverhör durch Generalstaatsanwalt Hausner konfrontiert worden war. Außerdem war Eichmann durch die Aussagen von Hermann Göring, Ernst Kaltenbrunner, Hans Frank und Joachim von Ribbentrop im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher schwer belastet worden. Danach war Eichmann als enger Vertrauter von Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich die treibende Kraft bei der Endlösung der Judenfrage, die er "so schnell wie möglich" erledigen wollte.

Eichmann wird die massenhafte Tötung durch Giftgas (Zyklon B) in den Vernichtungslagern zugeschrieben. Sein Stellvertreter Rolf Günther hatte im Juni 1942 Kurt Gerstein mit der Beschaffung von 100 kg Blausäure beauftragt. Dass diese zur Tötung von Menschen bestimmt war, unterlag seinerzeit als Geheime Reichssache der höchsten Geheimhaltungsstufe.

Der Schuldspruch und das Strafmaß beruhten sowohl auf Eichmanns ungebrochenem und von ihm selbst so bezeichneten Antijudaismus als auch seinen Funktionen und seinen tatsächlichen Befugnissen als Referatsleiter für "Judenangelegenheiten" im RSHA, die über seinen offiziellen Rang als Obersturmbannführer weit hinaus gingen. Er konnte sich nicht strafmildernd darauf berufen, nur auf Befehl gehandelt zu haben (Befehlsnotstand), da er zur Überzeugung des Gerichts keinen Gewissenskonflikt empfunden, sondern sich nicht nur die ihm erteilten Befehle zu eigen gemacht und stets aus innerer Überzeugung ausgeführt, sondern sich auch eigene Befehlsgewalt angemaßt hatte.

Nachdem Eichmann und sein Anwalt am 17. Dezember Berufung eingelegt hatten, wurde das Urteil in zweiter Instanz am 29. Mai 1962 durch das am 22. Mai zusammengetretene Berufungsgericht unter Vorsitz des Präsidenten des Obersten Gerichtshofs von Israel, Isaac Olsham, nach sechs Sitzungen bestätigt. [8] Eichmann richtete danach ein Gnadengesuch an den israelischen Präsidenten Jizchak Ben Zwi. Daneben hatten auch Eichmanns Verteidiger Robert Servatius, seine Frau und sein in Österreich lebender Bruder sowie der jüdische Religionswissenschaftler Martin Buber darum ersucht, das Todesurteil nicht zu vollstrecken. Ben Zwi jedoch lehnte alle Gnadengesuche ab.[9] Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt.

Adolf Eichmann war neben John Demjanjuk der einzige nicht-jüdische Nationalsozialist, der jemals in Israel vor Gericht gebracht und der einzige Angeklagte, der jemals von der israelischen Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Für andere Straftaten als Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen sieht das israelische Recht keine Todesstrafe vor. Eichmanns Körper wurde verbrannt und die Asche ins Mittelmeer gestreut, um zu verhindern, dass sein Grab zur Gedenkstätte würde.

Die Folgen des Prozesses[Bearbeiten]

Rezeption im In- und Ausland[Bearbeiten]

Der Prozess gegen Eichmann erregte internationales Aufsehen und wurde weltweit mit großem Interesse von den Medien verfolgt, insbesondere aber in Deutschland und Israel, da er die planmäßige Tötung der europäischen Juden erstmals in das öffentliche Bewusstsein rief. [10] Bis zu 38 Länder und 80 % der damals möglichen Zuschauer verfolgten laut dem verantwortlichen Filmproduzenten Milton Fruchtman den Prozess. In der Folge kam es in Deutschland zu Strafprozessen gegen ehemalige Wachmannschaften der Vernichtungslager Auschwitz und Majdanek. Die NS-Vergangenheit wurde auch Thema im deutschen und israelischen Schulunterricht. Der Eichmann-Prozess und ähnliche Verfahren wollen bis in die Gegenwart [11] an den systematischen Massenmord erinnern und einer Verdrängung und Leugnung des Holocaust entgegenwirken. [12]

Vor allem das Berufungsurteil des israelischen Supreme Court war wegweisend für die weitere Entwicklung der internationalen Strafgerichtsbarkeit zur Ahndung von Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. [13]

Zu Meinungsverschiedenheiten führte in der internationalen wie der israelischen Presse, dass der Prozess in einem umgebauten Theater (Beit Ha’am, bedeutet soviel wie Gemeinschaftshaus) stattfand, und seine ungewöhnliche Inszenierung, zum Beispiel die Unterbringung Eichmanns in einem Glaskasten und die hinter Tüchern versteckten Kameras, die - im Gegensatz zu bis dahin üblicher Praxis - das Publikum das Geschehen im Saal live mitverfolgen ließen. Auch erfolgte die redaktionelle Auswahl der international ausgestrahlten Szenen durch eine einzige US-amerikanische Filmfirma, Capital Cities Broadcasting Corporation.

Die Bilder und Tonaufnahmen des Eichmann-Prozesses [14] wurden zu Ikonen des Holocaust, viele Dokumentationen griffen auf die vom damaligen Filmteam ausgewählten Zooms, Ausschnitte und Perspektiven zurück. Der Eichmann-Prozess, seine Zitate und Bilder läuteten eine Wende in der deutschen Vergangenheitsbetrachtung ein, führte zu neuem Interesse und zum Ende der bis dahin vorherrschenden deutschen Vergessenheit in Bezug auf die Judenvernichtung.

Hannah Arendt[Bearbeiten]

In ihrem Buch Eichmann in Jerusalem berichtet die jüdische Politologin Hannah Arendt vom Prozess gegen Eichmann.

Bekannt wurde ihre Veröffentlichung von 1963 vor allem durch ihre Beurteilungen Eichmanns selbst, den sie, wenn auch als „größten Verbrecher seiner Zeit“, so dennoch als „Hanswurst“ beschreibt. Sie prägt den Begriff „Banalität des Bösen“, den ihr Buch zugleich als Untertitel trägt. Das größte Missverständnis des Buches besteht in der Deutung, Arendt habe Eichmann lediglich als Befehlsempfänger gesehen. Arendt beschreibt Eichmann als tätigen Menschen, als einen, der mit viel Eifer und Einfallsreichtum die Vernichtung der europäischen Juden vorantrieb. Er organisierte und trieb voran, getragen von seiner „Ideologie der Sachlichkeit“, immer das vermeintliche „Gesetz des Führers“ verfolgend.[15] Insofern sei er wie die meisten Nationalsozialisten ein völlig durchschnittlicher Mensch gewesen, woraus viele Leser den Schluss zogen, jeder Mensch sei in entsprechenden Situationen zu solchen Gräueltaten bereit, was Arendt verneinte.

Sie stieß mit ihren Veröffentlichungen nicht nur in der jüdischen Welt auf Ablehnung. Das Buch und die 1965 gehaltene Vorlesungsreihe Über das Böse sind bis heute Teil der internationalen Diskussion über den Prozess.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen München 2006 ISBN 3-492-24822-5
  • Christina Große: Der Eichmann-Prozeß zwischen Recht und Politik. Frankfurt 1995 ISBN 3631466730
  • Wolfgang Benz (u. a., Hrsg.) Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1998
  • Gideon Hausner: Gerechtigkeit in Jerusalem. München 1967
  • Karl Jaspers zum Eichmann-Prozess. Ein Gespräch mit Luc Bondy, in: Der Monat Jg. 13. 1961, Heft 152, S. 15–19
  • Peter Krause: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse Frankfurt 2002 ISBN 3593370018,- teilweise online lesen bei google-books
  • F. A. Krummacher (Red.): Die Kontroverse. Hannah Arendt, Eichmann und die Juden München 1964
  • Hans Lamm: Der Eichmann-Prozeß in der deutschen öffentlichen Meinung. Eine Dokumentensammlung Frankfurt 1961
  • Jochen von Lang (Hg.): Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre Wien 1991
  • Avner W. Less (Hrsg.): Schuldig. Das Urteil gegen Adolf Eichmann Frankfurt 1987 ISBN 3-6100-8432-4
  • Harry Mulisch: Strafsache 40/61. Eine Reportage über den Eichmann-Prozess Berlin 1987 ISBN 3-7466-8016-6
  • Bernd Nellessen: Der Prozeß von Jerusalem. Ein Dokument Düsseldorf & Wien 1964
  • Moshe Pearlman: Die Festnahme des Adolf Eichmann (aus dem Englischen von Margaret Carroux & Lis Leonard The Capture of A. E.) Frankfurt 1961 [16]
  • Werner Renz (Hrsg.): Interessen um Eichmann. Israelische Justiz, deutsche Strafverfolgung und alte Kameradschaften. Campus, Frankfurt a.M. 2012, ISBN 978-3-593-39750-4
  • Robert Servatius: Verteidigung Adolf Eichmann, Plädoyer von Robert Servatius, Verlag Ferd. Harrach KG, Bad Kreuznach 1961
  • Dov B.Schmorak (Hg.): Sieben sagen aus. Zeugen im Eichmann-Prozeß Einleitung Peter Schier-Gribowoski, Berlin 1962
  • dsb. (Hg.): Der Eichmann-Prozeß. Dargestellt an Hand der in Nürnberg und in Jerusalem vorgelegten Dokumente und Gerichtsprotokolle Wien u. a. 1964
  • Julia Schulze Wessel: Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus, Suhrkamp, Frankfurt 2006, ISBN 978-3518293966
  • State of Israel, Ministry of Justice (Hg.): The trial of Adolf Eichmann. Record of proceedings in the District Court of Jerusalem mehrbändiges Werk, Jerusalem 1992–1995
  • Heinrich Senfft: Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ im Licht der Goldhagen-Debatte Lang, Bern 1997
  • Barry Sharpe: Modesty and arrogance in judgement. Hannah Arendt's Eichmann in Jerusalem Westport, Conn. 1999 ISBN 0-275-96403-5
  • Gary Smith (Hg.): Hannah Arendt revisited. „Eichmann in Jerusalem“ und die Folgen Frankfurt 2000 ISBN 3-518-12135-9
  • Christian Volk: Urteilen in dunklen Zeiten. Eine neue Lesart von H. Arendts „Banalität des Bösen“. Berlin 2005 ISBN 3-936872-54-6
  • Irmtrud Wojak: Eichmanns Memoiren. Ein kritischer Essay. Frankfurt 2001 ISBN 3-593-36381-X
  •  Fritz Bauer Institut (Hrsg.): Adolf Eichmann vor Gericht. Der Prozess in Jerusalem. Mit Beiträgen von Bettina Stangneth, Ruth Bettina Birn, Willi Winkler, u.a.. In: Einsicht. Bulletin des Fritz Bauer Instituts. Frühjahr 2011, Nr. 05, ISSN 1868-4211 (Heft als PDF, 4,4 MB, abgerufen am 15. November 2011).
  • Der Eichmann-Prozess-Kanal. Yad Vashem und das israelische Staatsarchiv haben Videos von der Verhandlung hochgeladen. Jüdische Allgemeine, 13. April 2011. Abgerufen am 25. Januar 2015.

Weblinks[Bearbeiten]

  • „Eichmann war nicht banal“, Die Welt, 28. August 1999 von Raul Hilberg
  • Der Eichmann-Prozess in Jerusalem von Christian Hofmann. Ausführlicher Bericht, Zitate, Literatur auf Shoa.de
  • Bibliothek; des Simon-Wiesenthal-Centers; gib ein: "eichmann" in die Suchzeile; es erscheinen 70 Titel (2011) als Print oder digitales Medium
  • CIA-Dossier Adolf Eichmann, USA National Security Archive (englisch)
  • Adolf Eichmann: Aufzeichnung Götzen – geschrieben in der Haft in Israel
  • Eichmanns Aussage über die Wannseekonferenz (deutsch), Eichmann–Prozess bei youtube
  • 50 years after Eichmann trial. Publication of selected documents by Israel State Archives, Israelisches Staatsarchiv 2011 enthält über 106 Dokumente aus dem und rund um den Prozess mit ihrer Archiv-Nr., mit Namen in der Überschrift (z. B. bei Briefen: Absender und Empfänger) sowie je eine stichwortartige Kurzbeschreibung des Dokuments, das im Staatsarchiv im Orig. einsehbar ist. Im Anhang (nach Nr. 106): einige Seiten aus "Meine Memoiren" sowie Auszug aus "Götzen", dieser in Handschrift, in Masch.schrift und als engl. Summary. Bildergalerie
  • Adolf Eichmann vor Gericht. Der Prozess in Jerusalem in Einsicht 05, Bulletin des Fritz Bauer Instituts, Frühjahr 2011, 120 S. Beiträge von Bettina Stangneth, Ruth Bettina Birn, Willi Winkler, u.a. als PDF
  • Rezension von Lawrence Douglas zu Haim Gouri: Facing the glass booth. The Jerusalem Trial of Adolf Eichmann. Aus dem Hebr. von Michael Swirsky. Wayne State UP 2004 ISBN 0814330878 Gouri war Augenzeuge des Prozesses über seine ganze Dauer, das Buch ist daher wichtig im Vergleich mit (und kontrovers zu) Arendts Darstellung. Rezension mit Verweisen auf weitere englischsprachige Lit. zum Prozess; Buch mit Personen- und Stichwortverzeichnis
  • Transkript in Englisch des gesamten Prozesses oder als .ftp. Die Nutzung erfordert etwas Übung, da die Sitzungen nicht einzeln datiert sind! 1. Verwende den oberen Link "The District Court Sessions" (der untere gleichnamige .ftp-Link hat eine falsche Datierung, Juni und July wurden z. B. verwechselt); 2. Grenze den Zeitraum ein mit Hilfe der weiteren Links; 3. Rufe einzelne Sitzungen, nummeriert, aber nicht datiert auf; 4. klicke Dich innerhalb einer Sitzung von vorn nach hinten durch (jede Sitzung ist auf mehrere Seiten verteilt). - Hat man weder das Datum (dabei Vormittags-/Nachmittags-Sitzungen unterscheiden!) noch die Nr. der Sitzung, wird es schwierig, da ohne Suchfunktion
  • Bericht der Auschwitzflüchtlinge Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Ende April 1944). Richard Breitman (Hg): Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB). Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus (1933-1945), Dokumente - Rassenpolitik. Abgerufen am 3. März 2015. Ziel des Berichts war es insbesondere, die ungarische jüdische Gemeinde vor ihrer durch das Sonderkommando Eichmann unmittelbar bevorstehenden Vernichtung zu warnen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom 9. Dezember 1948
  2. Werner Renz: NS-Verbrechen und Justiz. Eine Einführung, Werner Renz (Hrsg.): Interessen um Eichmann. Israelische Justiz, deutsche Strafverfolgung und alte Kameradschaften. Campus, Frankfurt a.M. 2012, S 27 f.
  3. Gabriel Bach - Der Ankläger und der Eichmann-Prozess. Dokumentation, ARD, 27. Januar 2010.
  4. Mitschnitt des 88. Verhandlungstages (ab Minute 33:49). Youtube.
  5. Mitschnitt des 105. Verhandlungstages, Entscheidung Nr. 95 zu Beginn. Youtube.
  6. Urteil des Bezirksgerichts Jerusalem Criminal Case No. 40/61 (engl.) pdf. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  7. Leo Baeck Institute - Center for Jewish History: Guide to the Papers of Joseph Löwenherz (1884–1960), 1938–1960, AR 25055 / MF 546, Processed by Renate Evers
  8. Berufungsurteil vom 29. Mai 1962 (engl.) pdf. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  9. Peter Krause: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse, Campus Verlag GmbH, Frankfurt a. M. 2002, S. 73f
  10. Anja Kurths: Die Bedeutung der Shoah in der israelischen Gesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung, 28. März 2008. Abgerufen am 18. Februar 2015.
  11. NS-Verbrechen: Früherer SS-Mann wegen Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen angeklagt. Süddeutsche Zeitung vom 16. Februar 2015. Abgerufen am 17. Februar 2015.
  12. Gabriel Bach: Der Prozess gegen Adolf Eichmann, in: Bundesministerium der Justiz: Die Rosenburg. 2. Symposium. Die Verantwortung von Juristen im Aufarbeitungsprozess. Vorträge gehalten am 5. Februar 2013 im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Nürnberg-Fürth, S. 23 ff. pdf. Abgerufen am 13. Februar 2015.
  13. Eichmann Supreme Court Judgement. 50 Years on, its Significance today. Amnesty International Publications, 2012. Pdf, englisch. Abgerufen am 15. Februar 2015.
  14. Ausführliche Mitschnitte des Eichmann-Prozesses auf youtube zur Verfügung gestellt von Yad Vashem, 2011
  15. nach Julia Schulze Wessel, Ideologie der Sachlichkeit. Hannah Arendts politische Theorie des Antisemitismus, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006, ISBN 978-3518293966. Die Argumentation ist Thema des gesamten Buches.
  16. zitiert in Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem, Penguin, 1994, p. 235