Münchhausen-Syndrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
F68 Andere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F68.1 Artifizielle Störung (absichtliches Erzeugen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen)
Münchhausen-Syndrom
Hospital-hopper-Syndrom (Krankenhausspringer)
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Münchhausen-Syndrom (auch als „artifizielle Störung“ bezeichnet, von französisch artificiel „künstlich“, auch Koryphäen-Killer-Syndrom) ist eine psychische Störung, bei der die Betroffenen körperliche Beschwerden erfinden bzw. selbst hervorrufen und meist plausibel und dramatisch präsentieren.

Die Bezeichnung prägte 1951 der Londoner Psychiater Sir Richard Asher (1912–1969) nach dem Baron Münchhausen, dem „Lügenbaron“.[1] In englischen Veröffentlichungen wird meist der Name „Munchausen“ verwendet.

Krankheitsbild[Bearbeiten]

Im Vergleich zu Patienten mit ähnlichen Störungen wie Konversionssyndrome, Somatisierung und Hypochondrie sind sie selten und wesentlich schwieriger zu erkennen. Es handelt sich vorwiegend um Männer mittleren Alters. Neuere Langzeitstudien ergaben, dass aber auch Frauen im Klimakterium häufiger am Münchhausen-Syndrom leiden. Typisch ist der Besuch zahlreicher Ärzte und Krankenhäuser mit wechselnden, beliebigen, aber ausgeprägten Symptomen (z. B. Bauchschmerzen, neurologische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bewusstseinsverlust und „Anfälle“; Lungen- und Magen-„bluten“) und eine hohe Frequenz an aufwendigen apparativen Untersuchungen und Operationen.

Der Krankheitsgewinn ist die Erlangung medizinischer Zuwendung (ärztliche Untersuchungen, Aufnahme ins Krankenhaus, diagnostische und therapeutische Prozeduren bis hin zu unnötigen operativen Eingriffen). Die Betroffenen neigen zu Selbstverletzungen oder -vergiftung, um ihre Erkrankung zu belegen, und sie fordern oft schwerwiegende medizinische Untersuchungen und Eingriffe, welche das simulierte Krankheitsbild hervorrufen oder verschlimmern können. Hierbei laufen Ärzte Gefahr, zu „Mittätern“ von Selbstbeschädigern zu werden und hinterher für ihre fahrlässige Mithilfe auf Schadenersatz verklagt zu werden.

Ziel und Motiv der Betroffenen ist es häufig, Zuwendung und Mitleid durch Ärzte, Pflegepersonal und Familienangehörige zu bekommen. Gewöhnlich wechseln die Patienten sofort den Arzt, sobald die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung angesprochen wird; psychiatrischen Überweisungen und Untersuchungen entziehen sie sich. Die Patienten entziehen sich in der Regel auch einer Behandlung, die in einem psychotherapeutischen Zugang liegen könnte.

Klassifizierung[Bearbeiten]

Patienten mit dem Münchhausen-Syndrom leiden überzufällig häufig auch an anderen psychischen Störungen wie Selbstverletzung, Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder aggressiver Persönlichkeitsstörung. Entsprechend der Fachliteratur (Eckhardt) wird die artifizielle Störung (das Münchhausen-Syndrom) als Form selbstverletzenden/selbstschädigenden Verhaltens im Rahmen der Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgefasst. Das Münchhausen-Syndrom ähnelt der historischen Diagnose Pseudologia phantastica (Anton Delbrück, 1891).

Als Ursache der Störung werden – wie bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung – ungünstige psychosoziale Aufwuchsbedingungen (evtl. auch echte Traumatisierungen) in Kindheit und Jugend diskutiert (ausführliche Darstellung bei Eckhardt).

Münchhausen-Stellvertretersyndrom[Bearbeiten]

Eine besondere Form – das Münchhausen-Stellvertretersyndrom (engl. Munchausen by proxy syndrome) – liegt vor, wenn Eltern oder sonstige Aufsichtspflichtige eines Kindes oder Anvertrauten diese als Symptomträger präsentieren, häufig einhergehend mit strafbarer Kindesmisshandlung.[2][3] In einigen Fällen werden auch Haustiere als „Proxies“ beschrieben.[4][5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Annegret Eckhardt: Das Münchhausen-Syndrom – Formen der selbstmanipulierten Krankheit. Urban und Schwarzenberg, München 1989.
  • Henrik Uwe Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 1984 ff.
  • R. Plaßmann: Artifizielle Krankheiten und Münchhausen-Syndrome. In: Mathias Hirsch (Hrsg.): Der eigene Körper als Objekt. Zur Psychodynamik selbstdestruktiven Körperagierens. Gießen 1998, S. 118–154.
  • R-M. Schulte: Intrakorporale Fremdkörper und Münchhausen Syndrom. W. Zuckschwerdt Verlag 1988.
  • E. Hildebrand, K. Hitzer, K. Püschel: Simulation und Selbstbeschädigung: unter besonderer Berücksichtigung des Versicherungsbetrugs. Verlag Versicherungswirtschaft, Karlsruhe 2001, ISBN 3-88487-906-5.

Die Fachliteratur beschreibt die Übergänge vom Münchhausen-Syndrom zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und umgekehrt als fließend:

  • C. N. Bools, B. A. Neale, S. R. Meadow: Co-morbitdity associated with fabricated illness (MbpS). 1992.
  • C. N. Bools, B. A. Neale, S. R. Meadow: Follow-up of vitims of fabricates illness (MbpS). 1992.
  • M. Krupinski, M. Soyka, E. Tusch-Bauer, R. Frank: Muenchhausen-by-proxy-Syndrom: eine interdisziplinäre Herausforderung. 1995.
  • D. A. Rossenberg: Web of deceit: A literature review of Munchausen by proxy syndrom. 1997.
  • H. A. Schreier, J. A. Libow: Hurting for love: MbpS. 1994.
  • Julie Gregory: Du hast mich krank gemacht – Meine Mutter ließ mich leiden. ISBN 3-404-61592-1.
  • Sabine Nowara: Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. In: Deegener, Körner (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Hogrefe, Göttingen 2005.
  • R. Meadow: Munchausen syndrome by proxy: The hinterland of child abuse. In: Lancet 1977; 2, S. 343–345.
  • R. Meadow: Munchausen Syndrome by Proxy. 3. Auflage. In: ABC of Child Abuse. BMJ, London 1997, ISBN 978-0-7279-1106-3, S. 47–50.
  • M. Bryk, P. T. Siegel: My mother caused my illness: The story of a survivor of Münchhausen by proxy syndrome. In: Pediatrics. 1997 100, S. 1–7.
  • P. DiBiase, H. Tirnmis, J. A. Bonilla, W. Szeremeta, J. C. Post: Munchausen syndrome proxy complicating ear surgery. In: Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 1996, 122, S. 1377–1380.
  • Danny, Grant, Pinnock: Epidemiology of Munchausen syndrome by proxy in New Zealand. In: J. Paediatr. Child Health. 2001 37, S. 240–243.
  • J. O. Warner, M. J. Hathaway: Allergic form of Meadow’s syndrome (Munchhausen by proxy). In: Archives of Disease in Childhood 1984, 59, S. 151–156.
  • K. M. Keller, M. Noeker: Münchhausen-by-proxy-Syndrom. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. 1997, 145, S. 1156–1162.
  • H. Schreier, J. Libow: Munchausen by proxy Syndrom: A Modern Pediatric Challenge. In: Journal of Pediatric. 1994, 125, S. 110–115.
  • D. E. Hall, L. Eubanks: Evaluation of Covert Video Surveillance in the Diagnosis of Munchausen Syndrome by Proxy: Lessons From 41 Cases. In: Pediatrics. 2000, 105, S. 1305–1312.
  • S. J. Boros, J. P. Ophoven, R. Andersen, L. C. Brubaker: Munchausen syndrome by proxy: a profile for medical child abuse. In: Aust Fam Physician. 1995, 24(5), S. 768–769, 772–773.
  • J. Gray, A. Bentovim: Illness Induction Syndrome. In: Child Abuse and Neglect. 1996, 20, No 8, S. 655–673.
  • Feldman, Hickmanm: The Central Venous Catheter as a Source of Medical Chaos in Munchausen Syndrome by Proxy. In: Journal of Pediatric Surgery. No 4 (April) 1998; 33, S. 623–627.
  • A. K. Souid, K. Korins: Unexplained Menorrhagia and Hematuria: Case Report of Munchausen’s Syndrome by Proxy. In: Pediatric Hematologie and Oncology. 1993; 10, S. 245–248.
  • D. Roth: How “Mild” is Mild Munchausen Syndrome by Proxy. In: Isr J Psychiatry Relat Scl. No 3 (1990); 27, S. 160–167.
  • J. A. Libow: Munchausen by proxy victims in adulthood: a first look. In: Child Abuse Negl Sep. 1995; 19, S. 1131–1142.
  • H. Schreier: On the importance of motivation in Munchausen by Proxy: the case of Kathy Bush. In: Child Abuse Negl. 2002 May; 26(5), S. 537–549.
  • R. Meadow: Unnatural sudden infant death. In: Arch Dis Child. 1999; 80, S. 714.
  • R. Meadow: Munchausen syndrome by proxy abuse perpetrated by men. In: Arch Dis Child. 1998; 78(3), S. 210–226.
  • A. B. Prakken, L. den Hartog, J. J. Waelkens: A new variant of Munchausen's syndrome by proxy: the father in an active role. In: Tijdschr Kindergeneeskd. 1991; 59(3), S. 91–94.
  • T. Single, R. L. Henry: An unusual case of Munchausen syndrome by proxy. In: Aust N Z J Psychiatry. 1991; 25(3), S. 422–425.
  • H. M. C. Munro, M. V. Thrusfield: Battered Pets. In: Journal of Small Animal Practice. 42 (8) 2001, S. 385–389.
  • H. S. Tucker, F. Finlay, S. Guiton: Munchausen syndrome involving pets by proxies. In: Archive of Disease in Childhood. 2002; 87(3), S. 263.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • William McIlroy (zum gut dokumentierten Fall William oder Stewart McIlroy)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In: Lancet. 1951 Feb 10;1(6650), S. 339–341 doi:10.1016/S0140-6736(51)92313-6
  2. VOX: Grausame Mutterliebe. Sendung vom 17. März 2002.
  3. ORF: Betrifft – Wenn Eltern zur Gefahr werden. Sendung vom 4. Juli 2001.
  4. H. M. C. Munro, M. V. Thrusfield: Battered Pets. In: Journal of Small Animal Practice. 42 (8) 2001, S. 385–389.
  5. H. S. Tucker, F. Finlay, S. Guiton: Munchausen syndrome involving pets by proxies. In: Archive of Disease in Childhood. 2002; 87(3), S. 263.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!