Macho
Macho (sprich: [ˈmatʃo]; spanisch macho „männlich, Männchen“), ist ein Lehnwort aus dem Spanischen, mit dem in der deutschen sowie in anderen Sprachen ein Mann bezeichnet wird, welcher sich stark an den traditionellen Bildern der männlichen Geschlechterrolle orientiert. Im Sinne dieses Verständnisses von Männlichkeit ist es ein sich übertrieben männlich gebender Mann.
Macho gilt als möglicher Gegenbegriff zum Wort Softie. Gelegentlich wird Macho als Schimpfwort benutzt.
Verwendung im Spanischen[Bearbeiten]
Im Spanischen bedeutet „macho“, angewendet auf Tiere, lediglich „männlich“ als Gegenwort zu „weiblich“ („hembra“).
Die in anderen Sprachen stark negative Konnotation besteht nicht: Auf Menschen angewandt unterstreicht der Begriff macho, durchaus positiv verstanden, die Männlichkeit. Erst als „machismo“[1] wird daraus der Männlichkeitswahn, der dann im deutschen Lehnwort wiederzufinden ist (der Suffix -ismo kann die Konnotation nämlich negativ verändern). Der „machista“ steht unter dem Zwang, seine Männlichkeit in der Gesellschaft, notfalls auch gegen seine eigenen Interessen, unter Beweis stellen zu müssen; das bezieht sich sowohl auf die „Verteidigung der Ehre“ wie auch auf sexuelle Herausforderungen.
Der weibliche bzw. komplementäre Gegensatz zum „Machismo“ (speziell in Lateinamerika) ist der „Marianismo“.
2010 erstellte Rilo Chmielorz ein Radio-Feature mit dem Titel: macho ibérico – Galan und Gewalttäter. - Neue Erkundungen zu einer alten Spezies. für Deutschlandfunk (Erstausstrahlung 30. Juli 2010), SWR und Saarländischer Rundfunk.[2]
Analyse von Textdokumenten aus Spanien und Iberoamerika: Der elende Glanz des Machismo[Bearbeiten]
1. Obwohl der Machismo in aller Munde ist und trotz Regulierungsversuchen von bürgerlich-liberaler und linker Seite weiterhin seine Blüten treibt, ist seine Aufarbeitung erschreckend gering: Selbst die Spanische Wikipedia gibt sich mit Wortbedeutungen sowie einigen Querverweisen zufrieden und auch ihr angelsächsisches Pendant geht über weiterführende Hinweise zur Beziehung USA und Mexiko nicht hinaus.[3]
Wirklich fundierte Untersuchungen beziehen sich dabei nur auf den spanischsprachigen Raum und hier wiederum speziell auf Iberoamerika. Der Grund liegt wohl darin, dass in diesem Kulturbereich nicht nur die Wortprägung entstand und das Phänomen besonders stark ausgeprägt ist, sondern vor allem auch eine große Fülle von Dokumenten aus Literatur und Liedtexten vorliegt. Es sind somit greifbare Belege vorhanden, die unverhohlen nicht nur den Glanz, sondern auch die elende Kehrseite des Machismo beschreiben. In mündlichen Befragungen würde sich hingegen die übergroße Mehrheit der Männer als Macho hinstellen und allein schon wegen des „guten Rufs“ die dahinter stehenden Nöte und Ängste (auch wegen psychologischer Verdrängungs- und Kompesationsmechanismen) nicht offenlegen, weshalb statistische Erhebungen mit großer Vorsicht zu betrachten sind.
Die nachstehend referierten Untersuchungen basieren methodisch auf psychoanalytischen Theorien speziell zur prä-ödipalen Konfliktforschung bei der Triangulierung sowie deren Übertragung auf literaturwissenschaftliche Interpretationsweisen.[4]
Als kulturelle Ursprünge der Ausformung des lateinamerikanischen Machismo gelten die christlich-abendländische Spaltung des Frauenbildes in Heilige und Hure, die sich seit den Kirchenvätern und der provenzalischen Troubadourlyrik belegen lässt, sowie frauenfeindliche Traditionen der präkolumbianischen Kulturen, die mit denen der spanischen Eroberer eine Synthese eingingen, die wiederum im Rahmen des generellen Kultursynkretismus Lateinamerikas gesehen werden muss. Desgleichen müssten vorchristliche Männlichkeitsrituale, wie sie im spanischen Stierkampf weiterleben, berücksichtigt werden.[5] Die sozio-ökonomischen Grundlagen sind ein Fortleben feudaler Muster, Caciquismo und Caudillismo sowie eine nur schwach entwickelte Mittelschicht mit einem fehlenden bürgerlich-liberalen Denken. Sozialpsychologisch wird Machismo als Kompensation für das Minderwertigkeitsgefühl der Kreolen gegenüber den Spaniern in Europa, sowie der von allen verachteten Mestizen mit ihrer traumatischen Urmutter La Malinche gedeutet.[6]
2. Der äußere Anschein, den sich der Machismo in den Texten der Trivialliteratur, der Folklore, in Filmen etc. gibt, bietet folgendes Bild, das großteils auch die am Anfang des Artikels angeführten Kriterien umfasst:
- Überbetonung von männlicher Potenz und Genitalität.
- „Hombría“ als eine enorme Empfindlichkeit in Ehrangelegenheiten und damit verbunden eine extreme Aggressivität mit einer tollkühnen Todesverachtung, die sowohl das eigene als auch das fremde Leben geringschätzt. Hier mündet der Machismo in jene Violencia, die das private und politische Leben Mexikos und weiter Teile Lateinamerikas bis heute beherrscht. In der „hombría“ spiegelt sich das Nachwirken der spanischen „caballería“, die ihrerseits ganz ähnliche Verhaltensmuster der unterworfenen Völker mit übernommen hat, was bei dem raschen Prozess der Mestizierung unausweichlich war. In beiden Fällen handelte es sich um Kriegerkasten, deren zentrale Werte Ehre, Heldenmut und Todesverachtung sind. Für die spanische Seite ist der Funktionsmechanismus der „Hombría“ in der Theaterproduktion des 16. und 17. Jahrhunderts, dem Siglo de Oro, in mehr als 11.000 (!) Comedias dargelegt: Die von Gott allen Menschen zugeteilte Ehre („honor“) wird nur wirksam als gegenseitige Zuerkennung von Ehrenhaftigkeit innerhalb der sozialen Gemeinschaft („honra“) und wird so schnell degradiert zur Abhängigkeit vom Guten Ruf („opinión“). Verschlimmert wird dies durch das Festmachen der männlichen Ehre an derjenigen der weiblichen Familienmitglieder. Die Ehre wird so bereits beim geringsten Verdacht verletzt, und eine Wiederherstellung ist nur durch Blutrache möglich. Bei der Ehrenrache gibt es dabei zwei Verhaltensmuster: In der übergroßen Zahl, den Comedias de capa y espada, handelt der Held impulsiv und in aller Öffentlichkeit gewalttätig; eine kleine Zahl von Stücken, vor allem die Dramas de honor, führen hingegen die Ehrenrache nur so weit öffentlich aus wie es auch die Beleidigung war, denn eine unüberlegte Ehrenrache in aller Öffentlichkeit würde gerade dieser erst die erlittene Ehrverletzung kundtun.[7]
- Der Machismo ist beileibe kein Unterschichtenphänomen. Seine Faszination macht vor keiner sozialen Schicht Halt und verbindet sich häufig mit politischen Führerfunktionen, die sich als caciquismo und caudillismo in dörflichem, regionalem oder gar nationalem Rahmen äußern. Das Spektrum machistischer Verhaltensformen wird hier um ein neues Element bereichert: der Macho als „Hombre serio“ oder „Hombre sincero“, der niemals lacht, sich würdevoll, unnahbar, undurchdringlich und somit über alles erhaben gibt: somit der kluge, listenreiche und vorausschauende Held der Dramas de honor.
- Auch die unerlässlichen, stereotypen Attribute des Macho können die historische Herkunft nicht verleugnen: das schnelle Pferd, die Reit- und Fechtkunst, das phantasievolle Kostüm in bunten Farben mit Gold- und Silberstickerei, der Sombrero, Stiefel und Sporen, Patronengurte, Pistole und Messer, Trinkfestigkeit und Kartenspiel. Sein Benehmen ist ein reines Imponiergehabe, und nicht zufällig ist der Hahn sein Lieblingstier und der lärmende Hahnenkampf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. In den gehobeneren Schichten hat man sich hingegen eine Uniform, den gepflegten (Trachten-) Anzug sowie die undurchdringliche Selbstbeherrschung beim Glücksspiel vorzustellen.
- Das Verhältnis des Macho zu Frauen ist auf spezifische Weise gespalten: Während die Frauen des eigenen Clans, allen voran die Mutter, als reine und engelhafte Wesen eine kindliche Verehrung genießen, die ansonsten nur noch der Jungfrau Maria zuteil wird [8], werden alle anderen Frauen erst einmal als Wesen abqualifiziert, die es einzig mit dem Ziel der Bestätigung der eigenen Unwiderstehlichkeit zu erobern gilt. Auch hier lebt die antiplatonische Tradition der spanischen Comedia weiter: der Galán/Caballero sieht eine hübsche Frau (oftmals hört er auch nur von ihrer Schönheit), schmachtet sofort in „Liebe“ zu ihr, was immer in den Satz mündet: „tengo que gozarla“ (frei übersetzt: „ich muss sie unbedingt vernaschen“). Ausschlaggebend dafür, wie der Macho über die fremde Frau spricht, ist, ob der Zeitpunkt vor oder nach ihrer Eroberung liegt: Vorher preist er ihre Schönheit und Tugend in wahrhaft - man denke an die Volksmusik - höchsten Tönen; nachher zeigt er jedoch, dass die vermeintlich Angebetete nur ein Sexualobjekt war, das aber gerade aufgrund der erfolgreichen Eroberung besondere Verachtung verdient und beschimpft wird als unehrenhaft, potentiell untreu und daher nun hässliches Wesen, das sich als Keil zwischen den Mann und seine Mutter schiebt. Die Frau, die man einmal heiratet, muss daher Jungfrau sein - und so beginnt der Prozess in der nächsten Generation von neuem. Die Ambivalenz dieses Frauenbildes steigert sich bis zur Schizophrenie in an Brutalität nicht zu überbietenden Flüchen vom Typ „Chinga la madre“[9] bis hin zur Beschimpfung der Mutter eines männlichen Rivalen als „Puta“ - eine Beleidigung, die wenn sie der eigenen Mutter gilt, unweigerlich blutige Ehrenrache erfordert.
- Das erstaunlichste Phänomen ist sicherlich die Faszination, die der Macho nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis heute auf Frauen ausübt. Es ist gerade die Frau, die vom Mann ein machistisches Gebaren verlangt; es ist die Frau, die zumindest momentan stolz ist, von einem Macho zu einem Sexualobjekt degradiert zu werden - daher auch die „Hembra“ in ihrer ursprünglichen Bedeutung als instinkthaft-sinnliches Weib. Es sind die Frauen, die ihre Söhne zu Machos erziehen, ihre Töchter jedoch zu willenlosen Hembras, die im Idealfall vor der Heirat einzig der Verbürgung der Familienehre dienen und ansonsten auf der letzten Stufe einer Familienhierarchie stehen, die sie erst dann verlassen, wenn sie selbst verheiratet sind und einen kleinen, zukünftigen Macho zur Welt gebracht haben.
3. Spätestens hier stößt man auf die Familienstruktur, die machistische Individuen hervorbringt. Ausgangspunkt ist die offensichtliche Dominanz einer „matrifokalen“ Familie. Der Begriff darf nicht mit matriarchalisch verwechselt werden und bedeutet vielmehr, dass in einer sich nach Außen patriarchal gebenden Welt die wahre Herrin des Hauses die Frau ist - ein Haus, das durch die weitgehende Abwesenheit oder gar das Fehlen des Mannes der Bestimmung durch Frauen und Mütter überantwortet bleibt. Sie sind der einzig fixe und ruhende Pol, bleiben dem öffentlichen Bereich zumeist verborgen und engagieren sich erst in den letzten Jahren bewusst als Las madres bei öffentlichen Protesten. In den sozialen Unterschichten sind es zumeist die Frauen, die für die ökonomische Basis der Familie sorgen, Geschäfte erledigen und die Kinder ernähren, während der Vater dieser Kinder, wenn er überhaupt noch vor Ort ist, aufgrund seiner Armut, seiner zumeist unsicheren Arbeitsstelle sowie seinem Ausschluss aus gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen keinerlei Autorität verkörpert. In der Öffentlichkeit gibt er sich gerne als Macho, kann aber - bildhaft gesprochen - nicht das Bein mit den Machos der Oberschicht heben. Es bleibt ihm nur die Bewunderung dieser Kaste sowie die Identifikation mit den „Caciques“ und „Caudillos“, deren Frauen wenigstens nicht für den Unterhalt der Familie sorgen müssen, aber ebenfalls vom öffentlichen Leben ausgeschlossen bleiben.
Die Analysen der psychologischen Konsequenzen der matrifokalen Familienstruktur bei der Entwicklung des männlichen Kindes gehen von einem Modell aus, wonach sich das Kind in der prä-ödipalen Phase mit dem ernährenden Elternteil (d.h. in den hier zur Diskussion stehenden Gesellschaften mit der Mutter oder ihrer weiblichen Ersatzperson) identifiziert und nicht automatisch mit dem Vater, wie dies Freud noch postulierte.[10] Diese symbiotische Bindung an die Mutter kann nur durch eine Identifikation mit einer Vatergestalt gelöst werden, welcher die Aufgabe der Welterschließung zufällt. Gelingt diese Triangulierung nicht oder nur unvollständig, dann kann die Fähigkeit zu zwischenmenschlichem Kontakt und Auseinandersetzung mit der Realität, je nach Grad der erfolgten Vateridentifikation, gestört werden.
Die machistische Attitüde wäre demnach ein post-ödipaler Mechanismus, durch den doch noch eine Lösung von der alles dominierenden Mutter versucht wird. Hinter der Verherrlichung der Frau als einem sakralen Wesen verbirgt sich die Angst vor ihr; in der Konsumsexualität mit der dazugehörigen Verachtung der fremden, nicht zum Familienclan gehörenden Frau äußert sich ganz offensichtlich eine unbewusste Rache an einer alles dominierenden Mutter. Der Macho bleibt inzestuös an die Mutter fixiert, und seine phallische Sexualität entpuppt sich im wahren Sinne des Wortes als „Prä“-Potenz, hinter der sich ein Individuum mit ungenügender Ich-Organisation versteckt, das zu echtem zwischenmenschlichem Kontakt unfähig ist. Die extremste Folge ist eine Vereinsamung des Individuums, jene „Soledad“, die höchstens momentan durch eine blindwütige, „vor-sadistische“ Violencia überbrückt werden kann, wobei sich die Violencia als konterphobisches Handeln gegen die symbiotische Bindung an die Mutter deuten lässt. Selbst wenn es zu einer Identifikation mit dem, seinerseits selbst machistischen, Vater kommt, dann führt diese dazu, dass sein späterer Kontakt mit fremden Frauen immer nur der Bestätigung dient, dass man nicht an die Mutter gebunden ist.
Eine ausschließliche Deutung des Machismus als Rache an einer omnipotenten Mutter greift zu kurz und würde den Müttern die Schuld zuschieben [11]: der Macho hat auch ein handfestes ödipales Problem mit dem Vater und dessen Autorität, die er nicht oder nur teilweise verinnerlicht hat, was etwa das anarchische, sich über alle Gesetze hinwegsetzende Gebaren erklären hilft. Noch konkreter wird dies beim Aspekt der Ehre: Jede von einem Macho entehrte Frau impliziert die verlorene Ehre eines Vaters, bzw. Ehemannes und ist somit ein Angriff auf den innersten Kern der sozialen Ordnung einer sich patriarchalisch gebenden Gesellschaft. Es ist bezeichnend, dass dieser Aspekt zum ersten Mal in der ersten literarischen Behandlung des Don Juan in El burlador de Sevilla y convidado de piedra (1613) von Tirso de Molina benannt wird: Don Juan verführt die Frauen nicht um der Lust willen, sondern um die Ehre der Väter zu zerstören. Dieser Angriff auf die Ordnung der Gesellschaft ist der explizite Grund für seine Höllenfahrt.[12] In den zeitgenössischen Texten der lateinamerikanischen Literatur spielt dieser Aspekt der Revolte nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht eindeutig die gestörte Identifikation mit der Vaterfigur oder gar deren Fehlen und die daraus resultierende Fixierung an die Mutter.
4. Solcherart geprägte Individuen verharren in einem Wirklichkeitsverständnis, das noch nicht durch Aufklärung, Positivismus und aktuelle Naturwissenschaften geprägt ist, sondern magisch bleibt. Die Aufdeckung dieser verborgenen Seite des Machismo vollzieht die Literatur Lateinamerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Vorgehen ist dabei nicht logisch-diskursiv, sondern bedient sich der Evokation einer mythischen Bilderwelt als ästhetisches Erkennen. Literaten und Literaturwissenschaft haben dafür Begriffe wie Magischer Realismus oder Lo real maravilloso geprägt. Die Autoren postulieren die Synthese von indianischen, afrikanischen, antiken sowie christlich-katholischen Denkformen, die alle keinem rationalen, monokausalen oder im abendländischen Sinne „logischen“ Denken entspringen. Sie sind magisch, animistisch; der Mensch ist noch mit allen Elementen verwandt; die Grenzen zwischen Belebtem und Unbelebtem, Subjektivität und Objektivität sowie Wirklichkeit, Traum und Tod sind verwischt. Ein derartiger kultureller Synkretismus bestimmt in der Tat die Weltsicht weitester Bevölkerungskreise. Die Autoren geben nicht nur vor, eine bestehende Realität abzubilden, sondern postulieren damit auch eine politische Zielsetzung: die „Mestizaje“ als Selbstbegründung Lateinamerikas gegenüber dem kulturellen Führungsanspruch Europas und Nordamerikas sowie nicht zuletzt gegenüber den jeweiligen Oligarchien in den lateinamerikanischen Ländern selbst, die zwar physisch in Lateinamerika, geistig und kulturell jedoch in Paris, London oder New York leben und den einheimischen Volkskulturen eher distanziert gegenüber stehen. Verblüffend ist jedoch, dass genau in jenen Werken, wo diese Synthese erreicht scheint, die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas negativ bewertet und als unmenschlich denunziert wird. Mustergültig illustrieren dies die bekanntesten Romane:
- 1955 Pedro Páramo von Juan Rulfo, dessen Protagonist bei seiner - von der Mutter befohlenen - Vatersuche jegliches Realitätsbewusstsein verliert, dem beim Kontakt mit Frauen die Luft zum Atmen ausgeht, während sein Vater als Opfer seines gespaltenen Frauenbildes dem Wahnsinn verfällt und den ökonomischen Ruin der von ihm abhängigen Bevölkerung herbeiführt. Während in Pedro Páramo die politische Wirklichkeit (die mexikanische Revolution) noch weitgehend ausgeschlossen und das soziale Milieu auf den ländlichen Raum beschränkt bleiben, verstehen sich die nachfolgenden Romane als kritische Analyse von Geschichte und Gegenwart ihrer Länder.
- 1960 Hijo de hombre von Augusto Roa Bastos mit einer starken Regression in den mütterlichen Aspekt der Frau, die gleichzeitig aber im Bild der Frau, die Vögel isst, auch Angst und Gefahr verkörpert, für Paraguay.
- 1961 Sobre héroes y tumbas von Ernesto Sábato, wo aus der Sicht der städtischen Mittelschicht Argentiniens vor dem realen Hintergrund einer Mutter, die ihr Kind abzutreiben versucht, die inzestuöse Bindung an eine alles verschlingende Muttergottheit in den Kloaken von Buenos Aires nur durch den Ausweg der rein ernährenden Mütterlichkeit der Frau aus dem einfachen Volk gefunden werden kann.
- 1967 Cien años de soledad von Gabriel García Márquez: die zyklische Zeitauffassung, die inzestuöse Fixierung der Protagonisten, ihre Vereinsamung, ihre Handlungsunfähigkeit, die omnipräsente Gewalt als Inbegriff der Geschichte Kolumbiens sowie die Auswanderung der Jugend am Ende des Romans sind Absagen an die wunderbare Wirklichkeit des gesamten Kontinents.
- 1976 El beso de la mujer araña von Manuel Puig, wo erstmals das Thema der weiblichen Rolle in einer homosexuellen Beziehung als das Produkt einer Identifikation des Jungen mit der Mutter wegen des Fehlens der Vaterfigur in der Triade gesehen wird. Gleichzeitig werden Theorien der Psychoanalyse in den Roman mit eingebaut.
- 1982 La casa de los espíritus von Isabel Allende, wo sich erstmals eine Frau mit dem Machismo auseinandersetzt. Verblüffend ist dabei die Faszination des Machismo auf die Autorin, der als Geschlechterspannung latent bleibt und den Hintergrund für die Möglichkeit seiner Überwindung abgibt. Das für Lateinamerika sicherlich revolutionäre Gegenmodell orientiert sich an bürgerlichen Vorstellungen wie gegenseitige Achtung, Zärtlichkeit und Seelenverwandtschaft vor allem in De amor y de sombra (1984).
Unter dem Aspekt der literarischen Entwicklung und Modernität betrachtet sind sowohl die Texte von Puig und Allende bereits überholt, da sie noch in der erzählerischen Tradition jenes Magischen Realismus stehen, der alle Straten der lateinamerikanischen Wirklichkeit abzubilden versuchte. Aber nur derartig strukturierte Texte waren in der Lage, das Material für obige Analysen des Machismo zu liefern. Die literarische Moderne in der Tradition eines James Joyce sowie des französischen Surrealismus und des Nouveau Roman beginnt in der Romanproduktion ab 1963 (etwa Rayuela von Julio Cortázar, arg.) und führt zu einer „Dekonstruktion“ der Wirklichkeit, die wie in einem Kaleidoskop durcheinandergewirbelt eine Kritik der lateinamerikanischen Verhältnisse bewirken will. Diese Texte sind nicht mehr linear lesbar, liefern keine Beschreibungen, und Themen wie Familiienstruktur oder Machismo scheinen uninteressant. Höchstens provozierend dahingeworfene Schlagworte zur Violencia als dem grundlegenden Lebensgefühl, das die „Brutalität der Zeugung widerspiegelt“, oder zum Machismus als „verkappter Homosexualität und Onanie“ [13] lassen aufhorchen und sind vor dem Hintergrund der Triade deutbar. Den tiefsten Einblick liefert der extrem hermetische Roman Farabeuf o la crónica de un instante (1965) des Mexikaners Salvador Elizondo, der die Liebesvorstellungen der französischen Surrealisten um André Breton und Georges Bataille mit machistischen Phantasien verbindet und so den wohl beeindruckendsten Text zu diesem Themenkreis schafft: obwohl nicht direkt in Mexiko angesiedelt, kann ein derartiger Roman nur von einem Mexikaner geschrieben werden. Gleichzeitig verweist er den europäischen Leser auf die ihm eigenen Wurzeln der Verherrlichung von Violenz.
Das bisher in der Machismus-Forschung zur Anwendung gelangte psychodynamische Modell erlaubt nicht nur ein generelles Verstehen des Phänomens, sondern auch eine Differenzierung der Einzelfälle: je nach dem Typus der Mutter (positiv ernährend; liebevoll erstickend; bei allem Elend heiter und tatkräftig; verhärmt, traurig und beim Sohn mitleiderregend; kalt und abweisend bis hasserfüllt, weil das Kind als Last empfunden wird) sowie des Vaters je ob real anwesend (Intensität des Umgangs mit dem Sohn und der Mutter; Grad der Identifikation des Jungen mit dem Vater) oder ob abwesend (Möglichkeiten zum Vaterersatz; durch die Mutter vermitteltes chimärisches Bild eines glorifizierten oder in den Schmutz gezogenen Vaters bis hin zur Aufforderung an den Sohn, den Vater zu suchen und zur Rede zu stellen) etc. Auf dieser Grundlage kann dann eine Fallstudie versucht werden.
Mammismo und Mammoni, Hembra und Phallische Frau, Femme fatale und Heilige[Bearbeiten]
1. Die Beziehungstriade gilt natürlich auch für die Entwicklung des Mädchens und wird zur Grundlegung der feministischen Gender Studies im Rahmen der Feministischen Wissenschaftstheorie, die eine Fülle von hervorragenden Textanalysen hervorgebracht haben.[14] Die Rolle der Vaterfigur bleibt für beide Geschlechter erst einmal die gleiche: sie ermöglicht die Trennung von der ernährenden und für die Bedürfnisse des Kindes allmächtigen Mutter. Laut den in mythologischen Vergleichen gehaltenen psychoanalytischen Erklärungsmodellen muss der Knabe in dieser ödipalen Phase Abstand vom Wunsch nach einem weiteren Besitz der Mutter nehmen, sich daher mit den Normen des Vaters identifizieren und ein anderes Liebesobjekt suchen. Das Mädchen bleibt hingegen stark an den Vater fixiert, muss aber zur Frau-werdung diese unterschwellig libidinöse Bindung aufgeben und sich mit der Mutter rück-identifizieren - allerdings nicht mehr mit der prä-ödipalen ernährenden Mamma, sondern mit der Mutter als Frau und sexuelles Wesen, das dem Vater gehört. Der Vater bleibt ab jetzt verboten, und das Mädchen muss sich als erwachsene Frau einen anderen Mann suchen.
2. Ein Fehlen der Vaterfigur lässt das Mädchen in seiner Bindung an die prä-ödipale rein ernährende und beschützende Mutter verharren, und es wird als Erwachsene zwar biologisch zur Frau, deren sehnlichster Wunsch aber nicht die sexuelle Erfüllung, sondern das Gebären eines (am besten männlichen) Kindes ist, um dann ihrerseits in die omnipotente Rolle der alles umsorgenden Mamma zu schlüpfen. Je nach Präsenz von väterlichen Figuren lebt es sich für die männlichen Kinder wie eine Made im Speck, wobei diese Geborgenheit mehr ist als nur ein schnödes Hotel Mama mit einem „m“. Der Mammoni fühlt sich rundherum wohl, vor allem wenn er eine ähnliche Ehefrau findet, die ihrerseits die Dominanz der Mamma akzeptiert, und ihre eigene Rolle auf die nächste Generation lenkt.[15] Die einseitige Fixierung der Mütter auf die ernährende Funktion und ihre Dominanz in der Familie aktiviert wiederum die machistischen Ängste der Ehemänner und vermittelt den Eindruck, dass diese nach der Geburt der Kinder eigentlich überflüssig sind, weil das Ziel der Sexualität ihrer Ehefrauen nicht irgendwelche partnerschaftliche Lust, sondern biologische Fortpflanzung ist. Hier sind Rollenmuster fixiert, die im ideologischen Überbau sowohl religiös als auch staatlich festgeschrieben sind (waren?).[16]
3. Verharrt das Mädchen hingegen in seiner ödipalen Fixierung an den Vater, bzw. hilft ihm der Vater nicht bei der Auflösung dieser Bindung, dann kann sich das Mädchen mit männlichen Verhaltensmustern identifizieren und wird zum Wildfang, als erwachsene Frau zum asexuellen Mannsweib oder zur dominanten Hembra, wie etwa in der Choreographie des spanischen Flamenco oder der karibischen Rumba, wo die zentrale Gestalt die Frau ist. In einer phallozentristischen Kultur spricht man auch umgangssprachlich von der phallischen Frau, als zwar einer starken Frau, aber mit vermännlichten Zügen (wobei hier „vermännlicht“ eine negative Konnotation erhält!). Ebenso möglich ist die Fixierung an ein idealisiertes Vater(Männer)bild, das dann die Faszination des Machismo auf Frauen erklären hilft.
4. Die Femme fatale ist nicht nur eine männliche Projektion, sondern das Produkt weiblicher Selbstfindung, die ihren Ausgang im primären Narzissmus als Spiegelstadium hätte.[17] In einem vorsprachlichen Stadium der Entwicklung würde das Mädchen sich im Spiegel der Mutter zu einem Ideal-Selbst überhöhen und erst in einem zweiten Spiegelstadium, das mit dem Übergang in die symbolische Ordnung der Sprache einherginge, würde das narzisstische Selbstbildnis zur Liebe, die man für eine andere Person zu empfinden glaubt. (In Wirklichkeit ist es aber nur die Selbstliebe zu seinem eigenen überhöhten Ich-Ideal, das man in die andere Person hineinprojeziert, die so zum „Spieglein an der Wand“ wird, das man unbarmherzig zerschlägt, wenn es nicht mehr die gewünschte Projektion spiegelt.) Die „Femme fatale“ ist teilweise in diesem primären Narzissmus verfangen, ist wie ein Zwitterwesen, das noch keine sexuelle Position bezogen hat, Jungfräulichkeit mit unersättlicher Sexualität paart, ist daher Kindfrau (Tomboy im Englischen) und sich spielerisch suchende Domina, ein Wesen, das sich an kein tradiertes soziokulurelles Muster hält, und für den Mann lebensbedrohlich, aber absolut faszinierend ist, das er irrigerweise glaubt strukturieren und dann steuern zu können, das ihn aber eben mit dieser Falle lockt, sexuell an sich bindet, aber nur, um ihm immer wieder seine sexuelle Unzulänglichkeit vor Augen zu führen. Als einzige Rettung bleibt die Vernichtung der „Femme fatale“ oder aber die Flucht in die Arme der Mamma oder einer Heiligen.[18]
Machistische Attitüde als Auflehnung gegen die bürgerliche Moral[Bearbeiten]
1. So wie der barocke spanische Don Juan – letztlich abhängig von den psychologischen Mechanismen seines Handelns – bewusst gegen die Normen seiner Zeit als das Gesetz des Vaters verstößt, sind auch das berühmte Manifest des Futurismus von 1909 mit dem Schlagwort des „disprezzo della donna“, der im selben Jahr erschienene Roman Mafarka le futuriste von F.T. Marinetti sowie das Manifesto futurista della donna (1912) von Valentine de Saint Point.[19] bewusste Attacken gegen die bürgerliche Ordnung sowie deren Dekadenz. Die „Verachtung des Weibes“ bezieht sich auf Marienkult, Mammismo und die „Femme fatale“ des Fin de siècle bzw. dessen Literatur. Das angebotene neue Frauenbild betont hingegen die Glorie einer Frau, die zukünftige Kämpfer und Helden in unbändiger Lust empfängt und gebiert, womit eine zwar neue, aber nicht weniger problematische Zuweisung hin zum Faschismus erfolgt. Zweifelsfrei wird hier erstmals das Recht der Frau auf Sexualität und Lust betont. Der Schritt hin zur Forderung nach dem Recht und der Verfügung über ihren eigenen Körper ist allerdings selbst 100 Jahre danach immer noch nicht vollständig erfolgt.
2. Bedeutend radikaler gibt sich die machistische Attitüde der Lederszene sowie der spiegelbildlich dazugehörenden Tunten, oder in der Bondageszene, wo bürgerliche Moralvorstellungen ostentativ abgelehnt, aber nicht deren Abschaffung gefordert werden. Dies erklärt auch die je nach Land gefächerte Duldung, wobei so etwas wie eine Norm (das Adjektiv von „Norm“ ist nicht zufälligerweise „normal“) zunehmend weniger durch die tradierte Moral als durch die internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD 10 oder DSM IV festgelegt ist.
3. Die „Schmerzgrenze“ – im wahrsten Sinne des Wortes – wird dann erreicht, wenn durch die machistischen Attitüde die Grundfesten der menschlichen Gemeinschaft durch einen zelebrierten Amoralismus und Machismus zerstört werden sollen. Der für alle stellvertretende Name ist Marquis de Sade (1740–1814). So wie später Marinetti ist auch Sade zuerst einmal als Intertextualität, als Persiflage der Texte von Jean Jacques Rousseau und des Gedankengutes des frühen Bürgertums lesbar.[20] Seine Ablehnung von menschlicher Solidarität, Gleichstellung und Freiheit aller Personen („Liberté“, „Egalité“ und „Fraternité“) geschieht auf der Grundlage der aristokratischen Vorstellungen des „Ancien régime“, die er mit einem Sozialdarwinismus lange vor Darwin theoretisch untermauert. Das Gros der Menschheit besteht demnach aus Schafen, deren einziger Daseinszweck es ist, von den Wölfen gefressen zu werden. Eine moralische oder gar politische Organisation der Schafe wird als ein Zusammenrotten der Schwachen gegen die Starken verteufelt. Geltung hat laut Sade nur das Gesetz der Stärkeren, die zum Überleben von Natur aus Böse sein müssen. Mustergültig illustriert nun Sade dieses Gedankengut in La philosophie dans le boudoir (1795), wo die Akteure in den Ruhepausen zwischen ihren brutalen Aktionen darüber philosophieren. Es spielt nur eine untergeordnete Rolle, ob die Handlungen echt oder ausgedacht sind oder ob Sade wirklich so ein ungeheuerlicher Sadist war: entscheidend ist die Attitüde mit ihrer Vielzahl machistischer Facetten. Handeln und Denken propagieren die Zerstörung einer jeglichen menschlichen Gemeinschaft. Noch beängstigender wirkt auf die Leser, dass es keinen Verhaltensunterschied zwischen Mann und Frau gibt: Ausschlaggebend ist die Zugehörigkeit zu den Starken. Die Aggressionen in den Texten des Marquis spiegeln viele der bisher genannten psychologischern Facetten, allen voran die problematische Beziehung zur Mutter: Der Siebte und Letzte Dialog von La philosophie dans le boudoir enthält nicht nur machistische Zerstückelungsphantasien aller Art, sondern weist mit der von der Tochter angeordneten Vergewaltigung der Mutter durch einen Syphiliskranken und der anschließenden vaginalen und analen Infibulation der Mutter durch die Tochter auf Probleme der aktuellen Fauenliteratur (vgl. nächstes Kapitel).
Ein weiterer, aber sicherlich nicht so bösartiger Beleg für diese menschenverachtende Haltung als Merkmal der weiblichen wie der männlichen Angehörigen der französischen Aristokratie des Ancien Régime sind Les liaisons dangereuses (1782) von Choderlos de Laclos. Auch hier zeigt eine Frau (La Marquise de Merteuil) die besser entwickelte machistische Attitüde und ist eine wahrhaft „phallische Frau“: Im Gegensatz zu Sade wird diese jedoch nur zur Wahrung des eigenen Vorteils und Genusses – möglichst im Verborgenen hinter der Maske der Scheinheiligkeit – ausgelebt und dient noch nicht der Zerstörung der bestehenden Ordnung. Bei ihrem Gegenspieler, dem Vicomte de Valmont, überschreitet die machistische Attitüde des Libertindie zulässige Grenze: Die in seinen Briefen angeführten Verführungstechniken bilden ein umfassendes Handbuch der psychologischen „Kriegsführung“ und begründen – anders als beim weiblichen Geschlecht – seinen Ruhm in der adeligen Gesellschaft; bei der Verführung der tiefreligiösen und daher sittenstrengen Présidente Mme de Tourvel sieht er seinen Sieg nicht als den über einen lächerlichen Ehemann, sondern als einen über Gott und erhebt sich gottgleich als Herr über die hilflos gemachte Frau. Gleichzeitig weiß er im Vorhinein, dass er die Frau nach der Eroberung als moralisch verwerflich fallen lassen wird, denn die eigentliche Lust resultiert aus der langsamen Eroberung und einem nur kurzen Moment des körperlichen Besitzens, dem sofort die Ablehnung einer möglichen Liebe, die zur Abhängigkeit führen würde, folgt (Lettres 96 und 125). Nur das „Scheitern“ Valmonts, weil er doch der sich anbahnenden bürgerlichen Liebesauffassung verfällt, sowie die moralische Verurteilung der Marquise am Ende des Romans machen ihn für die bürgerliche Moral erträglich und filmtauglich.[21] Sade hingegen fällt der Verdammnis anheim, obwohl viele seiner Szenen das Abendprogramm der Krimiserien bevölkern: Es geht bei Sade vielmehr um das Zerstörungspotential seines Denkens, weshalb auch Verfilmungen tabuisiert werden.[22]
Phallogozentrismus versus Ecriture féminine[Bearbeiten]
In der „Gender Theorie“ wird die Verbindung zwischen geschlechtlichem Körper und Psyche aufgehoben. Sex und Gender bedingen sich nicht unbedingt, und die Definition von Geschlecht und Geschlechterspannung wird zu einem sprachlichen Diskurs, genauer gesagt zu einem Problem der Schrift, durch welche die Vorherrschaft des Logos (Phallus als Symbol) und gesprochenem Wort überwunden werden soll. Sinn entsteht aus dem Dialog mit anderen Texten, bzw. deren „déconstruction“ im Sinne von Jacques Derrida. Den wichtigsten Bezugspunkt bilden Texte der Psychoanalyse und hier allen voran die von Jacques Lacan, der sich selbst als „Góngora der Psychoanalyse“ bezeichnet hat: So wie Luís de Góngora mit seiner manieristisch-barocken Metaphern- und Concettokunst bewusst dem Leser ein eindeutiges Verständnis erschweren oder gar unmöglich machen will, schafft Lacan mit seiner eigenwilligen Syntax und seinen etymologischen Wortspielen ein Französisch jenseits der akademischen Norm - eine Sprache, die nicht zurück-übersetzt, geschweige in eine andere Sprache übersetzt werden kann.[23]
In extremer Vereinfachung könnte die Problematik folgendermaßen umrissen werden: Referenzpunkt der Gender Theorien ist ein in einer Neudeutung Freuds von Lacan beschriebener Phallus-Begriff, der diesen als das Bedeutung-schaffende Element überhaupt außerhalb der symbolischen Ordnung stellt, wodurch das Weibliche immer nur im Nachhinein und als ein „Mangel“ gedacht werden kann. Eben diesen Phallus würde nun das Mädchen in einem frühen narzisstischen Stadium seiner Entwicklung in der Vagina der phallischen Mutter orten. Dieser als omnipotent gesehenen Mutter entreißt das Mädchen in einem Akt der Zerstückelung den Phallus und bereitet damit seine Frau-werdung und den Eintritt in die symbolische Ordnung der Sprache vor. Die wahrhaft mythologische und epische Dimension eines solchen Vorgangs ist literarisch nur in einigen wenigen Texten belegt: In der Romania kennen hermetische Autorinnen wie Dacia Maraini (it), Hélène Cixous (fr) oder Clarice Lispector (bras) allerdings die Theorien der Psychoanalyse und arbeiten sie in ihre Texte ein, die somit keine ursprünglichen Visionen sind. Die dabei versuchte Aufbrechung des Phallogozentrismus durch ein „Schreiben des weiblichen Körpers“ scheitert an einer endlosen Regression hin zur sprachlichen Unfassbarkeiit des begehrten Objektes, das ja außerhalb der sprachlichen Ordnung steht. Die Unmöglichkeit des Unterfangens ist bei Lacan selbst festgelegt: „L’amour ne cesse pas, de ne pas s’écrire“ - „Die Liebe (i.e. die Suche nach dem begehrten Objekt) hört nicht auf, sich nicht zu schreiben“.[24]
Die Diskussion über Machismus hat hier ein akademisches Niveau erreicht, das weit jenseits der realen Bedürfnisse und Ängste eines ursprünglichen Feminismus angesiedelt ist. Gleichzeitig ist die Gefahr einer „theoretischen Zementierung“ des Machismo gegeben.
Machismus und Evolutionsbiologie[Bearbeiten]
Angesichts bunter Paradiesvögel, springender Böcke, tanzender Fische und anderem geilen Getier ist die Suche nach einer Verbindungslinie zum menschlichen Balzverhalten nicht nur reizvoll, sondern im konsequenten Weiterdenken der Evolutionstheorie zwingend. Allerdings versprechen die wohlgeformten Körper und ausdrucksvollen Gesichter der Latin lover, Papagalli und Playboys nicht nur körperliche Leistung und Entschlossenheit, sondern obendrein auch noch das seit den galanten Libertins um die Romantik erweiterte Arsenal des psychologischen Einfügungsvermögens eines Frauenverstehers und verweisen den anfangs beschriebenen mexikanischen Machismo in die „Steinzeit“ - evolutionsgeschichtlich sind die psychologischen Strukturen aber die gleichen geblieben. Die Schlußfolgerungen daraus sind dementsprechend bitter: die Geschlechterspannung bleibt ein Feld für Machtkämpfe, und die Kontrolle der Sexualität eine fundamentale Form von Herrschaft. Ebenso müssen nicht der Machismo selbst, sondern auch die angeführten Modelle für seine Erklärung und Überwindung in ihrer ideologischen Funktion als Rechtfertigung für die Interessen gewisser gesellschaftlicher Gruppen gesehen werden.[25]
Begriffsinhalt im Deutschen[Bearbeiten]
Machos werden meist folgende Charakter-Eigenschaften zugeschrieben:
- Konservative Ansichten (z. B. „Frauen gehören an den Herd!“)
- Offensives, aggressives und draufgängerisches Verhalten
- Imponiergehabe und Narzissmus
- Unhöfliches, überhebliches und herablassendes Verhalten
- Pflege von Ritualen des Kräftemessens bzw. Wettkämpfen (z. B. Armdrücken, Beindrücken, Fingerhakeln, illegale Autorennen)
- Die Neigung zu prestigeträchtigen Statussymbolen (z. B. ein imposantes Auto, Motorrad)
- Frauenverachtende Sprüche (z. B. „Es ist nicht nötig, den Frauen zu widersprechen. Das erledigen sie selbst.“ oder „Im Leben wählt ein Mann zwischen zwei Übeln meist das hübschere und das jüngere.“)
- Schwulenfeindliche Sprüche (z.B. im Fußballstadion: „Steh auf du schwule Sau!“)[26][27][28]
- Übertriebene sexuelle Aktivität, wobei von der Frau Unterwerfung erwartet wird (siehe auch „Chauvi“).
Der entsprechende Charakterzug heißt „Machismus“. Machistisches Verhalten kann mit einer Aufwertung des Männlichen und einer Abwertung des Weiblichen einhergehen.
Besonders starkes machistisches Verhalten wird als auffälliges Muster oft einzelnen Subkulturen zugeschrieben, wie der Bodybuilding-Szene, Hooligan-Szene, Hip-Hop-Szene, Autotuning-Szene, Skinhead-Szene usw.
Die weibliche bzw. komplementäre Entsprechung zum „Macho“ ist Tussi.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Franziska Becher: Macho, Softie, Metro – das Männerbild in Publikumszeitschriften. Eine vergleichende Inhaltsanalyse. Vdm, 2006, ISBN 3-86550-888-X.
- Peter Collett: Book of Tells. Bantam Paperbacks, ISBN 0-553-81459-1. (Abschnitt über Macho-Gesten)
Weblinks[Bearbeiten]
Quellen[Bearbeiten]
- ↑ Der Begriff taucht erstmals ab etwa 1940 in México auf. Vgl. A. Paredes The United States,, Mexico and machismo. In: Journal of the folklore institute 8 (1971, S.17-37
- ↑ Rilo Chmielorz: macho ibérico – Galan und Gewalttäter. Neue Erkundungen zu einer alten Spezies. Auf: dradio.de
- ↑ Als Westeuropäer erlebt man auf wissenschaftlichen Tagungen mit kritsch-analytischen Vorträgen beim spanischsprachigen Publikum immer wieder offene Ablehnung und Feindseligkeit, interessanterweise auch von Frauen mit dem Hinweis, als „Fremder“ könne man vom Machismo nichts verstehen. Der Verfasser bezieht sich hier auf Erfahrungen von Vorträgen und seiner Mitarbeit bei Organisationen wie CEISAL und LAI bis 2003. Dabei ist methodisch gesehen vor allem der Blick von Außen wesentlich für das Aufbrechen im Verständnis in sich geschlossener kultureller Phänomene. Gleichzeitig verlangt der Blick auf das Fremde eine Bewusstwerdung der Koordinaten der eigenen Kultur - und dann wird man schnell feststellen, dass der Machismo beileibe nicht nur eine Konstante der spanischsprachigen Welt oder irgendwelcher „Entwicklungsländer“ ist, sondern auch zutiefst in der sogenannten westlichen, sich zivilisiert glaubenden Welt verankert ist.
- ↑ Grundlegend waren S. Ramirez: Psicología de sus motivaciones. México 1961. F.G. Pineda: El mexicano. Psicología de su destructividad. México 1965. A. Aramoni: Psicoanálisis de la dinámica de un pueblo. México, tierra de hombres. México 1965. Hervorzuheben sind hier die Analysen und Textbeispiele S. 181-221. Ein typisch statistischer Fragebogen ist der von N. Cortado de Kohan: Un estudio elemental sobre el machismo. In: Revista latinoamericana de psicología. I (1970), vol. 2, S. 33-54. Die Betrachtung des Machismus auf der Grundlage der Literatur beginnt erst in den 70-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts: W. Luchting: Machismo moribundus. In: Mundo nuevo 23 und 24(1968), S. 61-67, S. 175-185. H.J. Müller: Die lateinamerikanische Literatur. In: Jost Hermand (Hrsg): Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Literatur nach 1945 I. Wiesbaden 1979, S. 443-486. E.M. Santamaria: El machismo en México y tres novelas de Mariano Azuela. Michigan 1981.
- ↑ Zur Spaltung des Frauenbildes vl. Marianismo. Zum Präkolumbianischen Frauenbild: S. Gruzinski, La mère dévorante: alcoolisme, sexualité et déculturation chez les Mexicas. Zum negativen Frauenbild der Azteken E. Neumann: Die große Mutter. Zürich 1956, S. 174-200.
- ↑ O. Paz: El laberinto de la soledad. México 1950.
- ↑ H.J. Neuschäfer: El triste drama de honor: Formas de crítica ideológica en el teatro de honor de Calderón. In: Hacía Calderón. Berlin l973, S. 89-108. H.J. Müller: Das spanische Theater im 17. Jahrhundert. Berlin 1977, S.33-66.
- ↑ Dies ist die ursprüngliche Bedeutung des Marianismo als einer männlichen Projektion.
- ↑ Dieser Ausdruck ist nicht einfach mit „fuck your mother“ übersetzbar: „chingar“ impliziert physische Zerstörung, Schinden. Vgl. La Chingada als Bezeichnung für La Malinche
- ↑ Vgl. M. und D. Gilmore: Machismo: A psychodinamical approach (Spain). In: Journal of psychological anthropology. 2(1979), S.281-299. Zur allgemeinen Grundlegung vgl. J. Stork: Die seelische Entwicklung des Kleinkindes aus psychoanalytischer Sicht. In: D. Eicke (Hrsg.): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zürich 1976, S. 868 - S. 932. H. Stolze: Ödipale Situation, Ödipaler Konflikt, Ödipuskomkplex. ibid., S. 616-622. E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Stuttgart 1974, S. 328-331. G. Ammon: Gruppendynamik der Aggression. Berlin 1974, S. 82-85. Weitere Bibliographie im Artikel Triangulierung.
- ↑ Dieser Aspekt ist viel zentraler in der psychologisch orientierten feministischen Literatur vom Typ einer H. Cixous, Clarice Lispector oder Dacia Maraini.
- ↑ „y el mayor/ gusto que en mí puede haber/ es burlar una mujer/ y dejarla sin honor“ In: Obras dramáticas completas. Bd. II. Madrid 1958, S. 656 (übers.: „und die größte Freude, die ich haben kann, ist, eine Frau hinters Licht zu führen und sie ohne Ehre zu lassen.“ Hinzu kommt noch ein theologischer Aspekt, der mit der Diskussion über die Willensfreiheit zusammenhängt: im Vertrauen auf die göttliche Gnade, die laut katholischer Theologie der Gegenreformation im damaligen Spanien von Gott dem Sündern gewährt werden muss (!), glaubt Don Juan selbst Gott bezwingen zu können, wiederholt also auch hier seine Opposition gegen die Welt der Väter. (Völlig unhaltbar ist die Besprechung des Stücks in der englischsprachigen Wikipedia, die aus einer puritanischen Sicht erfolgt, die Welt in den manichäistischen Gegensatz von Gut und Böse aufteilt und in Don Juan den Teufel sieht. Gerade dagegen wenden sich die katholische Gegenreformation und in ihrem Gefolge das spanische Theater).
- ↑ Carlos Fuentes, Cambio de piel. Mèxico 1966, S. 128, 179, 183.
- ↑ Hier nur einige Beispiele von Arbeiten, die z.T. auch direkt im Internet gelesen werden können:
- F. Schößler: Einführung in die Gender Studies. Berlin 2008.
- S. Buchacher: Die Kindfrau in der Werbung - zu einer Phänomenologie und Psychologie. München 2007.
- I. Gradinari: Genre, Gender und Lustmord: mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa. Bielefeld 2011.
- N. Masanek: Männliches und weibliches Schreiben: Zur Konstruktion und Subversion in der Literatur. Würzburg 2005.
- Der Internetbeitrag von E. Pfeiffer: Feministische Literaturtheorie, der auch lateinamerikanische Autorinnen berücksichtigt, sowie ihr Buch Aus der Rolle geFallen! Neuere lateinamerikanische Literatur zwischen Machismo und Feminismo. Hamburg 2008.
- ↑ Eine grundlegende Untersuchung der historischen Filiation und sozio-ökonomischen Hintergründe bei M.d'Amelia: La Mamma. Bologna 2005.
- ↑ Mustergültig das Verhalten sowie die Überlegungen des Protagonisten in Il Gattopardo (1958) von G.T. di Lampedusa.
- ↑ Grundlegend hierfür sind die Theorien von J. Lacan und in der Folge von Luce Irigaray, H. Cixous, J. Chasseguet-Smirgel, G. Deleuze und F. Guattari.
- ↑ Gabriele d'Annunzio, Il Piacere (1889). Bezeichnenderweise überwindet D'Annunzio das Fin de siècle durch eine Hinwendung zu Heldentum und Nationalismus.
- ↑ Futurismo: I manifesti (5) – Le donne.
- ↑ Vgl. den Titel von Sade La nouvelle Justine ou les malheurs de la vertu und von Jean Jacques Rousseau Julie ou la Nouvelle Héloise (1761).
- ↑ ''Gefährliche Liebschaften'', 1988. ''Valmont'', 1989.
- ↑ P.P. Pasolini: Salò o le 120 giornate di Sodoma. (Die 120 Tage von Sodom), 1975.
- ↑ Die ganze Diskussion muss vor dem Hintergrund der genormten Sprachauffassung in Frankreich gesehen werden, wo in einem cartesianischen Sinn das „mot juste“ in einer genau beschriebenen Syntax präzise und prägnant eine Sache bezeichnet. In einer derartigen Sprache kann etwa die Simultaneität psychologischer Vorgänge nicht wiedergegeben werden. Die Problematik beginnt in der Mitte des 19. Jh.s etwa bei Stendhal mit der sog. „évocation vague“ (vgl. U. Mathis: Wirklichkeitssicht und Stil in Le Rouge et le Noir. Zur Stendhalschen Technik des „analyser“ und „estomper“. Genf 1978) und erreicht nach Impressionismus und Surrealismus ihren vorläufigen Endpunkt in Philosophie, Psychoanalyse und Literatur der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts (vgl. H.J. Müller: Der französische Roman von 1960 bis 1973. Tel Quel und Maurice Roche. Wiesbaden 1975).
- ↑ Vgl. die Versuche einer diesbezüglichen Lektüre von Clarice Lispector, Helene Cixous und Dacia Maraini bei H.J. Müller: - A paixao segundo G.H. von Clarice Lispector oder Spinoza im zerbrochenen Spiegel des Narziß. In: Erna Pfeiffer (Hrsg): Canticum Ibericum. Georg Rudolf Lind zum Gedenken. Frankfurt am Main 1991, S. 264-282. - Zur Umdeutung biblischer und religionsphilosophischer Texte in der jüngeren Frauenliteratur der Romania. In: Peter Tschuggnall (Hrsg): Religion, Literatur, Künste. Aspekte eines Vergleichs. Salzburg 1998, S. 48-59. - Ossessioni, oscenità e creatività in Lettere a Marina e Dialogo di una prostituta con un suo cliente de Dacia Maraini. In: Rosella Tommasoni (cura): La psicologia delle arti oggi. Milano 2002, S. 159-166.
- ↑ Vgl. die endlosen Beiträge im Internet zu Stichworten wie „Gender studies kritik“ oder „Men's studies“. Die polemische Aufsatzsammlung von Günter Buchholz: Qualifikation statt Quote. Beiträge zur Gleichstellungspolitik. 2012, erscheint geradezu eine Vorwegnahme der Diskussion vom April 2013 im deutschen Bundestag.
- ↑ Schwuler Fußball: Im Stadion ist keiner schwul. In: netzeitung.de, 16. November 2006 (abgerufen am 20. Mai 2013).
- ↑ Adrian Lobe: Die archaische Welt des Fußballs: „Bist du schwul, bist du pfui!“. In: Zeit online. 17. März 2010 (abgerufen am 20. Mai 2013).
- ↑ Boris Milicevic: Serbischer Fußball: So homophob, so schwul. In: TAZ, 18. Juni 2010 (abgerufen am 20. Mai 2013).