Hundert Jahre Einsamkeit

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Hundert Jahre Einsamkeit (spanischer Originaltitel: Cien años de soledad) ist ein Roman des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez, der 1982 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Bedeutung[Bearbeiten]

Seit der Erstveröffentlichung 1967 in Buenos Aires wurden weltweit über 30 Millionen Exemplare verkauft. Der Roman wurde in 35 Sprachen übersetzt und gilt als eines der wichtigsten Werke des Magischen Realismus sowie der lateinamerikanischen Literatur überhaupt. Der Autor selbst behauptete, es keineswegs für sein bestes Werk zu halten, doch die lange Entstehungsgeschichte, wie sie u. a. in der García-Márquez-Biographie von Juri Paporow (siehe unter Quellen) beschrieben wird, deutet darauf hin, dass der Autor es als sein Magnum Opus ansah.

Handlung[Bearbeiten]

Der Roman Hundert Jahre Einsamkeit begleitet sechs Generationen der Familie Buendía und hundert Jahre wirklichen Lebens in der fiktiven Welt von Macondo. Dabei ist der chronologische Ablauf zunächst nur wenig erkennbar. Das umfassend angewendete Stilmittel der Vor- und Rückgriffe (Pro- und Analepse) lässt bei einer ersten Lektüre den Eindruck entstehen, dass es sich hier um ein Durcheinander von Episoden aus dem Leben der Protagonisten handelt. Ergänzt wird dieser Eindruck durch zahlreiche Homonymien der Charaktere. Tatsächlich befolgt die Reihenfolge der einzelnen Kapitel die Chronologie der erzählten Ereignisse – mit Ausnahme des Auftaktkapitels, bei dem es sich um einen einzigen großen Vorgriff handelt.[1] Eine Reihe von Literaturwissenschaftlern, darunter Mechthild Strausfeld, kommen zum Schluss, dass sich die Geschichte Macondos, und somit die Handlung des Romans, grob in vier Perioden aufteilen lässt:

1. Auszug der Buendías und Gründung Macondos[Bearbeiten]

Der Stammvater der Buendías zieht, da er einen Mord begangen hat und vor dem Geist des von ihm Ermordeten flüchtet, mit seiner Frau sowie einigen anderen Familien durch den Dschungel, auf der Suche nach einem geeigneten Ort zur Gründung eines Dorfes. Sie gründen schließlich Macondo. Bald darauf taucht eine Gruppe von Zigeunern auf, zu denen u.a. Melchíades gehört, eine weitere Hauptperson des Romans.

2. Auftauchen des Landrichters und Verlauf der Bürgerkriege[Bearbeiten]

Das Auftauchen eines Landrichters besiegelt die Eingliederung Macondos ins System staatlicher Verwaltung und Gewalt, vor dem seine abgelegene Topographie die Bewohner ja gerade bewahren sollte. Da dieses Dorf nun ebenfalls Teil der Republik ist, spielt auch der Bürgerkrieg zwischen Konservativen und Liberalen für die Bewohner von Macondo eine Rolle. Der Oberst Aureliano Buendía, die wichtigste Figur des Romans, tut sich hier besonders hervor.

3. Die Bananenfirma[Bearbeiten]

Nach dem Bürgerkrieg wird eine nordamerikanische Bananenfirma zum wichtigsten Arbeitgeber des Dorfes. Deren Umgang mit den Arbeitern ist von Härte und Brutalität gekennzeichnet. So kommt es u. a. zu einem Massaker auf dem Bahnhof, bei dem zahlreiche Arbeiter getötet werden.

4. Der langsame Verfall und die vollkommene Zerstörung des Dorfes[Bearbeiten]

In den letzten Kapiteln liegt Macondo in einer tiefen Agonie, in der alles verfällt bzw. der Urwald sich das ihm einst von dem Menschen abgetrotzte Territorium langsam zurückholt, ohne dass es die Bewohner besonders stört oder auch nur verwundert. Die Geschichte kulminiert in einem mystischen und unerwarteten Schluss: Aureliano Babilonia, der letzte noch lebende Nachfahr José Arcadio Buendías, entziffert die verschlüsselten Schriften des Melchíades, die sich als eine Chronik und Prophezeiung der Geschichte Macondos herausstellen; sie endet mit der Zerstörung des Dorfes, bei der auch Aureliano Babilonia zu Tode kommt – just in dem Moment, als er davon in Melchíades' Prophezeiung liest.

Stammbaum

Interpretationsansatz[Bearbeiten]

Der Roman enthält viele Bezüge zum katholischen Glauben und der Bibel, nicht zuletzt in dem Bogen, den er von der Gründung des Ortes (Genesis) bis zu seiner Zerstörung (Apokalypse) spannt. Außerdem gilt die Handlung des Buches unter vielen Literaturwissenschaftlern als eine Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Diese Geschichte wird von Strausfeld in vier Epochen eingeteilt, die sie den oben aufgeführten vier Abschnitten des Romans zuweist:

  1. Entdeckung, Eroberung, Kolonialzeit (1492 – 1830)
  2. Republik: Beginn der Bürgerkriege (1830 – 1902)
  3. Beginn des Imperialismus: Bananen etc. (1899 – 1930)
  4. Aktualität – Neoimperialismus (1930 – Gegenwart)

Fehlende Verfilmung[Bearbeiten]

Trotz des weltweiten Erfolges gibt es bis heute keine Verfilmung von Hundert Jahre Einsamkeit. Der Grund hierfür liegt in García Márquez' ablehnender Haltung gegenüber einer möglichen Verfilmung. Zwar gibt es eine mexikanische Verfilmung seiner Erzählung El coronel no tiene quien le escriba („Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“, 1999, Regie: Arturo Ripstein), deren Handlung von vielen Philologen als zumindest verwoben mit der von Hundert Jahre Einsamkeit angesehen wird, doch García Márquez' Weigerung, den Roman verfilmen zu lassen, bleibt bestehen.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Francisco Rada, dessen Person Gabriel García Márquez zu der Figur des Troubadours "Francisco El Hombre" inspiriert hat.

Quellen[Bearbeiten]

  • Gabriel García Márquez: Cien años de soledad. Buenos Aires: Sudamericana, 1970
  • Lutosch, Heide: Ende der Familie - Ende der Geschichte. Zum Familienroman bei Thomas Mann, Gabriel Garcia Márquez und Michel Houellebecq. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007. ISBN 978-3-89528-624-7
  • Juri Paporow (Юрий Папоров): Габриель Гарсиа Маркес. Путь к славе (Gabriel García Márquez. Put' k slave). Sankt Petersburg: Azbuka-klassika, 2003, ISBN 5-352-00279-9
  • Mechthild Strausfeld: Aspekte des lateinamerikanischen Romans und ein Modell: „Hundert Jahre Einsamkeit“ (Gabriel García Márquez). Frankfurt am Main/Bern: Lang, 1976
  • Alfonso de Toro: Los laberintos del tiempo. Temporalidad y narración como estrategia textual y lectoral en la novela contemporánea (G.García Márquez, M.Vargas Llosa, J.Rulfo, A.Robbe-Grillet). Frankfurt am Main: Vervuert, 1992

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eine ausführliche Aufzählung der Ana- und Prolepsen listet Alfonso de Toro in Los laberintos del tiempo auf.