Martin Wagenschein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Martin Wagenschein (* 3. Dezember 1896 in Gießen; † 3. April 1988 in Trautheim zu Mühltal) war ein deutscher Physiker und Pädagoge. Er engagierte sich besonders im Feld der Fachdidaktiken von Mathematik und Naturwissenschaften.

Leben[Bearbeiten]

Von 1914 bis 1920 studierte Martin Wagenschein Mathematik, Physik und Geographie in seiner Heimatstadt Gießen und in Freiburg im Breisgau und schloss mit dem 1. Staatsexamen ab. Er promovierte 1921 bei Walter König in Experimentalphysik ab. Die Dissertation an der Universität Gießen hatte den Titel Experimentelle Untersuchung über das Mitschwingen einer Kugel in einer schwingenden Flüssigkeits- oder Gasmasse. Von 1920 bis 1921 war Martin Wagenschein Hochschulassistent bei seinem Doktorvater und half diesem seine Experimentalphysikvorlesung aufzubauen.[1] In den zwei folgenden Jahren schlossen sich sein Lehramtsreferendariat und Probejahr an, das er 1923 mit dem 2. Staatsexamen beendete.

Von 1923 bis 1957 war Martin Wagenschein im staatlichen Schuldienst tätig. Von 1924 bis 1930 sowie 1930 bis 1933 war er allerdings mit einer nur halbjährigen Unterbrechung vom Staatsdienst beurlaubt, um an der Odenwaldschule von Paul Geheeb in Ober-Hambach (heute Stadtteil von Heppenheim) zu unterrichten. 1933 trat Wagenschein der NS-Volkswohlfahrt (der er auch als Kassierer diente) und dem NS-Lehrerbund bei. 1938 wurde er Mitglied der NSDAP. Beim Entnazifizierungsverfahren 1947 wurde er entlastet, er habe bei den Schülern „selbständiges Denken in jeder Hinsicht begünstigt“ und „damit einen starken aktiven Widerstand“ geleistet.

Im Jahr 1949 erhielt Martin Wagenschein einen Lehrauftrag für „Naturwissenschaftliche Erkenntnispsychologie“ am Pädagogischen Institut in Jugenheim/Bergstraße. Nachdem das Institut 1963 nach Frankfurt an die Hochschule für Erziehungswissenschaft verlegt wurde, war er dort bis 1972 Lehrbeauftragter für „Didaktik der exakten Naturwissenschaften“. Zugleich hatte er von 1952 bis 1987 (sic) einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Darmstadt für „Praktische Pädagogik“ und war von 1956 bis 1978 als Honorarprofessor in Tübingen tätig.

Wagenschein entwickelte das Prinzip des exemplarischen Lernens, das er später im genetischen Prinzip subsumierte, und prägte in diesem Zusammenhang die Redewendung „Mut zur Lücke“. Er charakterisierte seinen Ansatz als sokratisch, genetisch und exemplarisch.

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1955: Goethe-Plakette des Landes Hessen
  • 1969: Pfaff-Preis für Initiativen im Bildungswesen
  • 1985: Deutscher Sprachpreis

Schriften[Bearbeiten]

  • Experimentelle Untersuchung über das Mitschwingen einer Kugel in einer schwingenden Flüssigkeits- oder Gasmasse. In: Annalen der Physik. Bd. 370, H. 13, 1921, S. 461–480, doi:10.1002/andp.19213701305 (Dissertation).
  • Bildung durch Naturwissenschaft (1930)
  • Naturwissenschaft und Bildung (1932/33)
  • Zur erzieherischen Aufgabe des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts (1933/34)
  • Physikalischer Unterricht und Intellektualismus (1935)
  • Zusammenhänge der Naturkräfte (1937)
  • Natur physikalisch gesehen (1953)
  • Die Erde unter den Sternen (1955)
  • Zum Begriff des Exemplarischen Lehrens (1956)
  • Die Pädagogische Dimension der Physik (1962)
  • Ursprüngliches Verstehen und exaktes Denken (2 Bände, 1965/67)
  • Verstehen lehren. Genetisch – Sokratisch – Exemplarisch (1968)
  • mit Hugo Kükelhaus: Rettet die Phänomene (1975)
  • Erinnerungen für morgen (1983)
  • Kinder auf dem Wege zur Physik (1990)
  • Naturphänomene sehen und verstehen (1995)

Literatur[Bearbeiten]

  • Susanne Brülls: Unterrichtsvorbereitung nach Wagenschein. In: Astrid Kaiser, Detlef Pech (Hrsg.): Unterrichtsplanung und Methoden. Schneider, Baltmannsweiler 2004, S. 62–69.
  • Ilse Bürmann: Überwindung von Person und Sache: Annäherungen an bildendes Lehren und Lernen. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1997.
  • Hartmut von Hentig: Laudatio auf den Empfänger des Preises der Henning-Kaufmann-Stiftung 1985 – Martin Wagenschein. In: Neue Sammlung. Bd. 26 (1986), H. 4, S. 447–464.
  • Michael Soostmeyer: Exemplarisch, sokratisch und genetisch lehren! Zum Tode Wagenscheins. In: Pädagogische Rundschau. Bd. 42 (1988), H. 6, S. 723–730.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Wagenschein: Erinnerungen für morgen. Eine pädagogische Autobiographie. Beltz Taschenbuch, Weinheim und Basel 2002, ISBN 3-407-22752-3, S. 22.

Weblinks[Bearbeiten]