Maschinenstürmer

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Die Maschinenstürmer waren eine Protestbewegung gegen die sozialen Folgeerscheinungen der Mechanisierung in der Industriellen Revolution. Häufig war die Zerstörung von Maschinen oder neu errichteten Fabriken ein Mittel, um die von Fabrikanten beabsichtigte Ersetzung von qualifizierten Arbeitern durch Ungelernte zu verhindern oder um gegen Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu protestieren. Schwerpunkt des so genannten Maschinensturms war England, aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz kam es zu ähnlichen Protesten.

Beteiligte Berufsgruppen[Bearbeiten]

Die Aktionen der Maschinenstürmer fanden vorwiegend im Textilsektor statt und richteten sich dort gegen neue Maschinen der Textilherstellung und -bearbeitung. Der Maschinensturm in England, nach seinem legendären Anführer Ned Ludd auch als Luddismus benannt, war nach E. P. Thompson auf den Zeitraum 1811 bis 1817 und auf drei Regionen und Berufsgruppen begrenzt: Tuchscherer (West Riding of Yorkshire), Baumwollweber (Süd-Lancashire) und Strumpfwirker (Nottingham). Tuchscherer waren gelernte und privilegierte Arbeiter, während die Weber und Strumpfwirker Heimarbeiter mit einer langen Handwerkertradition waren.[1] Alle drei Berufsgruppen erlitten eine Verschlechterung ihres Status' durch den Wegfall von Schutzgesetzgebung (Rauhmaschinenverbot und Webstuhlbegrenzung) und durch die Konzentration von Webstühlen in den neu gegründeten Fabriken mit ungelernten und jugendlichen Arbeitern. Auch in Deutschland konzentrierten sich die Aktionen auf den Textilsektor mit den Trägergruppen von Tuchscherern, Handwebern und Kattundruckern.[2] An den sogenannten Weberaufständen waren Kleinunternehmer und Handwerker beteiligt, die die entstehende Konkurrenz bekämpften. Neben den Textilarbeitern kämpften am häufigsten Metallhandwerker (Schleifer, Schmiede) gegen Maschinen und neue Produktionsverfahren.[3]

Ziele und Motive[Bearbeiten]

Sagten Karl Marx und Friedrich Engels den Maschinenstürmern noch bornierte Technikfeindlichkeit nach,[4] so zeigte die historische Forschung, dass die Zerstörung von Maschinen keiner irrationalen Technikfeindlichkeit entsprang.[5][6][7] Das eigentliche Motiv war vielmehr die Abwehr vormals relativ gesicherter Berufsgruppen gegen eine Verschlechterung ihres sozialen Status und den Verlust traditioneller Privilegien, die sie teilweise auch mit Petitionen an die herrschenden Gewalten zu sichern suchten. Obwohl durch die Einführung von Maschinen nur punktuell Arbeiter entlassen wurden, verminderte die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen die Akzeptanz des technischen Fortschritts, verzögerte die Industrialisierung und war letztlich mit verantwortlich für das herrschende Elend.[8][9] Nach E. P. Thompson kämpften sie gegen „die 'Freiheit' des Kapitalisten, die Gebräuche des Gewerbes zu zerstören, durch neue Maschinen, durch das Fabriksystem oder durch uneingeschränkte Konkurrenz (...) und Aushöhlung der handwerklichen Normen“.[10] Eric Hobsbawm hat in seinem Aufsatz „The Machine Breakers“[11] argumentiert, dass die Zerstörung der Maschinen den Ludditen auch als Druckmittel diente. Die Zerstörung und die Androhung der Zerstörung von Produkten oder Produktivkapital war für Hobsbawm schon im 18. Jahrhundert ein Mittel der Lohnverhandlung.[12] Da den Arbeitern in der damaligen Zeit, so seine Schlussfolgerung, zur Durchsetzung ihrer kollektiven Interessen keine legalen Mittel, wie gewerkschaftliche Organisierung, Arbeitskampf und Tarifverhandlungen, zur Verfügung standen, hätten sie zu diesem Mittel gegriffen. Die Zerstörung von Produktionsmitteln hätte auch das virulente Solidarisierungsproblem in Arbeitskämpfen gelöst, da eventuelle Streikbrecher nicht weiterarbeiten konnten. Der Widerstand gegen die Maschinen war nach Hobsbawm, „quite consciously resistance to the machine in the hands of the capitalist“ (war ganz bewusst Widerstand gegen die Maschine in den Händen des Kapitalisten).[13] Er sieht im Maschinensturm eine Form der „Kollektivverhandlung durch Aufruhr“ („collective bargaining by riot“). Dass es zumeist nicht zu weiteren gewalttätigen Aktionsformen kam, erklärt Hobsbawm damit, dass Maschinen häufig in Wachstumsphasen gekauft wurden, in denen es genügend Arbeit für die Arbeiter gab, so dass ihnen die Lohnentwicklung keine Sorgen bereitete.[14] Auch der deutsche Sozialhistoriker Rolf Peter Sieferle dokumentiert zahlreiche Fälle des Maschinensturms bereits im 18. Jahrhundert, denen gemeinsam war, „dass sie im Zusammenhang mit Arbeitskämpfen stattfanden“ und - bei Abwesenheit von Gewerkschaften - als „wichtiges Druckmittel zur Durchsetzung von (Lohn-)Forderungen“[15] diente.

England[Bearbeiten]

Unter den technikbezogenen Aufständen in England gehören die Aufstände der Ludditen zwischen 1811 und 1816 und die sogenannten Swing Riots zwischen 1830 und 1833 zu den bekanntesten.

Der Aufstand der englischen Ludditen ist benannt nach dem legendären Ned Ludd (Ludlam), der sich seinem Vater (oder Meister) widersetzte und aus Protest die Nadeln in dessen Strumpffabrik zerbrach. Andere Quellen betiteln „Captain“ oder „General Ludd“ - mehr folkloristisch denn als realen - Anführer der ersten Proteste.

1811/1812 kam es zu einem regelrechten Aufruhr in Nottingham, den der englische Staat durch 12.000 Soldaten niederschlagen ließ. Erst ein Gesetz (Frame-breaking Act) von 1812, das die Zerstörung von Webstühlen unter Todesstrafe stellte und die Forderungen der Ludditen erfüllte, brachte ein Ende in Nottingham. Die Ludditen setzten Gewalt organisiert und diszipliniert ein. In der Mittel- und Unterschicht erfuhren die Ludditen viel Sympathie für ihren Protest. Hauptsächlich Weber und Spinner taten sich zusammen, zerstörten mechanische Webstühle und Fabriken. Sie ermordeten sogar Erfinder, von denen sie sich um Lohn und Brot gebracht glaubten. Später wurden die Erleichterungen allerdings wieder zurückgenommen. Ludd und die anderen Anführer wurden zum Tode verurteilt. Die anderen Aufständischen wurden in die Sträflingskolonie Australien deportiert.

1816 folgten weitere „Ludditen-Unruhen“ aufgrund einer erneuten Verschlechterung der Arbeitersituation.

Die Swing Aufstände (Swing riots) waren zwischen 1830 und 1833 eine Bewegung englischer Landarbeiter gegen den Einsatz von Landmaschinen, insbesondere der Dreschmaschine und für die Zahlung höherer Löhne. Ihren Namen erhielten die Aufstände durch den fingierten Namen Captain Swing, in dessen Namen Drohbriefe gegen Farmer und Grundbesitzer verschickt wurden. Neben diesen Drohbriefen versuchten die Landarbeiter ihre Ziele durch das Niederbrennen von Getreideschobern und Dreschmaschinen zu erreichen. Zum Teil richteten sich die Aufstände auch gegen irische Arbeitsimmigranten. [16]

Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland kam es zwischen 1815 und 1849 ebenfalls zu Maschinenstürmen. Michael Spehr hat in seiner historischen Dissertation 186 Fälle von Maschinenprotest im Zeitraum von 1815 bis 1849 zusammengetragen.[17] Protest, Gewalt und Aufruhr ging im Wesentlichen von hochqualifizierten und gut verdienenden Handwerker-Arbeitern aus, deren Aktionen „dem Bild einer blindwütigen Menge, die instinktiv zuschlug“ widersprach.[18]

Es kam vielerorts zu den sogenannten Weberaufständen, die auf verschiedenste Ursachen zurückzuführen waren. Kleinunternehmer und Handwerker, die angesichts der beginnenden Industrialisierung im freien Wettbewerb nicht mehr bestehen konnten, versuchten, die neue Konkurrenz gewaltsam zu unterdrücken. Dabei kam es sowohl zu direkten Angriffen auf Produktivkapital und Arbeiter, als auch zu Lobbying und Revolten, um mittels der Staatsgewalt ausländische Anbieter zu diskriminieren. Teilweise waren die Aufständischen so verarmt, dass es sich um Hungerrevolten handelte. Der Verlust ausländischer Absatzmärkte im Zusammenhang mit der Kontinentalsperre und der englischen Seeblockade, der Einbruch englischer Fabrikware nach dem Ende der Kontinentalsperre, der Ausfall binnenländischer Nachfrage im Gefolge von Agrarkrisen, die fortschreitende Industrialisierung mit ihren Billigprodukten verschärfen die Situation.

In Deutschland fielen die juristischen Konsequenzen, die sich meist nur gegen die Rädelsführer richteten, im Vergleich zu England insgesamt milde aus.[19] Man analysierte die Unruhen und stellte Missstände in den Arbeitsbedingungen fest. Teilweise bemühte man sich um die Aufstellung einer Fabrikenordnung, um die Missstände zu beseitigen, doch diese „Aachener Fabrikenordnung“ scheiterte am preußischen Staatsministerium.

Schweiz[Bearbeiten]

Der bekannteste Fall eines Maschinensturms fand 1832 in Oberuster, der sogenannte Usterbrand, statt.

Rezeption in der Nationalökonomie[Bearbeiten]

Die Aktionen der Ludditen fanden auch ihren Niederschlag in der zeitgenössischen Nationalökonomie. David Ricardo hielt am 16. Dezember 1819 eine Rede zum Antrag von William De Crespigny auf Einsetzung einer Kommission, um Robert Owens Plan zur Liquidierung der Arbeitslosigkeit und zur Verbesserung der Lage der unteren Klassen einzusetzen. Dabei sagte Ricardo, man dürfe nicht leugnen, dass die Einführung von Maschinen in die Produktion die Nachfrage nach Arbeit nicht mindere.[20] Die Kontroverse zwischen Ricardo und Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi endete indes damit, dass Ricardo noch kurz vor seinem Tode seine bis dahin positive Einschätzung der Folgen der Maschineneinführung auf die Lage der Arbeiter revidiert hat.[21] Er sah nun in der Ersetzung von Arbeit durch Maschinen eine mögliche Ursache technologisch bedingter Arbeitslosigkeit und wertete sie damit als „sehr schädlich für die Interessen der arbeitenden Klasse“.[22]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Henkel, Rolf Taubert: Maschinenstürmer. Ein Kapitel aus der Sozialgeschichte des technischen Fortschritts. Syndikat, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-8108-0119-4.
  • Eric J. Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Past and Present. Vol. 1, No. 1, Feb. 1952, ISSN 0031-2746, S. 57–70.
  • David F. Noble: Maschinenstürmer oder die komplizierten Beziehungen der Menschen zu ihren Maschinen. Wechselwirkung-Verlag, Berlin 1986, ISBN 3-924709-00-9.
  • Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1984, ISBN 3-406-30331-5 (Die Sozialverträglichkeit von Energiesystemen 5).
  • Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, ISBN 3-89691-118-X (Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft 18), (Zugleich: Bielefeld, Univ., Diss., 1998).
  • Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11170-1, S. 606–694 (Zweiter Band, Teil III, Kapitel 14. IV–VI.).

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, Zweiter Band, S. 607.
  2. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 42 ff.
  3. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 124.
  4. Walther Müller-Jentsch: Technik als Bedrohung? Fotosatz und Computertechnologie in der Druckindustrie. In: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Hauptsache Arbeit: Wandel der Arbeitswelt nach 1945. Kerber Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 3866783310, S. 95.
  5. Milos Vec: Recht und Normierung in der industriellen Revolution. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-465-03490-2, S. 237.
  6. Hubertus Bardt: "Arbeit" versus "Kapital" - zum Wandel eines klassischen Konflikts. Eine ordnungsökonomische Studie. Lucius & Lucius, Stuttgart, 2003, ISBN 3-8282-0277-2, S. 105.
  7. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Band 18 von Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, ISBN 9783896911186, S. 4.
  8. Hubertus Bardt: "Arbeit" versus "Kapital" - zum Wandel eines klassischen Konflikts. Eine ordnungsökonomische Studie. Lucius & Lucius, Stuttgart 2003, ISBN 3-8282-0277-2, S. 105-107.
  9. Michael Spehr: Maschinensturm: Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Band 18 von Theorie und Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, ISBN 9783896911186, S. 25, 41.
  10. Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, Zweiter Band, S. 637.
  11. Eric Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Ders.: Labouring Men. Weidenfeld & Nicolson, London 1964, S. 5-25.
  12. Jürgen Mittag/Benjamin Legrand: Eric Hobsbawm und der Bochumer Historikerpreis 2008 oder: Deutungskraft und Impulse – Perspektiven einer engagierten Geschichtswissenschaft. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum, Nr. 40/2008, S.158.
  13. Eric Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Labouring Men. Weidenfeld & Nicolson, London 1964, S. 11.
  14. Jürgen Mittag/Benjamin Legrand: Eric Hobsbawm und der Bochumer Historikerpreis 2008 oder: Deutungskraft und Impulse – Perspektiven einer engagierten Geschichtswissenschaft. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum, Nr. 40/2008, S. 159.
  15. Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1984, S. 69f.
  16. John A. James. Capitalism in Context, ed., University of Chicago Press, 1994, S. 244 (online)
  17. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 33.
  18. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 166f.
  19. Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000
  20. Piero Sraffa, (Hg.): The Works and Correspondence of David Ricardo. Bd. V, Cambridge 1952, S. 30.
  21. Haim Barkai: Ricardo's Volte-Face on Machinery. In: The Journal of Political Economy, Vol. 94, No. 3, Part 1 (Jun., 1986), S. 595-613. / Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, MEW, Bd. 26.2., S. 557f.
  22. Michio Morishima: Ricardo's Economics. A general equilibrium theory of distribution and growth. Cambridge University Press 1989. ISBN 0-521-36630-5. S. 169.