Matronen

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Altar der Aufanischen Matronen, gefunden unter dem Bonner Münster
Weihestein des Lucius Caldinius Firminius an die Vaccalineischen Matronen aus Mechernich-Weyer
Büste einer Matrone aus Marnheim (3. Jahrhundert)

Matronen, Matronae (von lateinisch matrona „Familienmutter, vornehme Dame“), Matres (auch Deae Matres) oder Matrae (von lateinisch mater „Mutter“) sind nur in der Mehrzahl, überwiegend in Dreizahl auftretende Muttergottheiten der römischen, germanischen und keltischen Religion. Sie sind einzig durch Inschriften und bildliche Darstellungen bekannt, antike Schriftquellen zu ihnen fehlen.[1]

Dargestellt werden sie in Form einer sitzenden Dreiergruppe auf Votivsteinen und Altären vor allem in den Nordwest- und Nordost-Provinzen des Römischen Reiches sowie in Gallien, Nordspanien und Norditalien.

Bildliche Darstellungen und Inschriften[Bearbeiten]

Über 800 Matronensteine sind bisher alleine auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Niedergermanien gefunden worden,[2] gehäuft im südlichen Rheinland, weitere Weihesteine wurden in Südfrankreich und Süditalien gefunden. Alle tragen lateinische Inschriften, bei denen die Namen einheimischer Stifter in die lateinische Schrift übertragen wurden (Latinisierung), zahlreich sind aber auch die Stifter mit rein römischen Namen. Die älteste gefundene Inschrift datiert zwischen 70 und 89 n. Chr., die späteste in das Jahr 240. Es sind etwa 70 Beinamen der Göttinnen bekannt, die stiftenden Personen tragen römische, keltische und germanische Namen, sodass von einem gallo-römisch-germanischen Kult gesprochen wird. Die Göttinnensteine wurden gestiftet, um Schutz für die Familie, Fruchtbarkeit oder beruflichen Erfolg zu erbitten, oder als Dank für die Errettung von einer Gefahr oder Krankheit. Es ist nicht belegt, wie und ob sie angebetet wurden, aber auf zahlreichen Matronensteinen findet sich die Abkürzung „V S L M“ (Votum Solvit Libens Merito: „Das Gelübde gern und verdienstvoll eingelöst“, kurz L M, siehe die Gripswalder Matronensteine). Solche Gelübde lassen erkennen, dass die Matronen um Schutz, Beistand und Segen im weitestens Sinne angerufen wurden.

Weihesteine mit figürlichen Reliefs präsentieren die Matronen fast ausschließlich als Dreiheit (Trinität): in der Mitte eine jüngere Frau mit offenen schulterlangen Haaren, links und rechts neben ihr zwei ältere Frauen mit auffallenden Hauben als Kopfbedeckung (wie sie verheiratete und verwitwete Ubierinnen in und um Köln trugen). Die Darstellungen sind mit kleinen Obstkörben, Blumen, Ähren oder einem Kästchen mit Weihrauch versehen. Diese weibliche Trinität wird mit den weiblichen Altersstufen Junge Frau, Mutter und Alte Frau in Verbindung gebracht. Matronenheiligtümer wurden beispielsweise in der Eifel ausgegraben, so der Tempelbezirk von Pesch und in der Tempelanlage Görresburg. Die Matronen sind vermutlich die Grundlage der Juffernsagen im westlichen Rheinland.

Matronenkult[Bearbeiten]

In der römischen Religion existiert keine direkt entsprechende Definition für Matronae. Die Bezeichnungen unterscheiden sich, vermutlich geographisch bedingt: in Oberitalien Matronae, in Britannien Matres, in Gallien meist Matrae (Dativableitung) und Matres. Im Inschriftencorpus treten zum herkömmlich geläufigen Matronis gelegentlich Titel wie „Dea“ und „Deae“ und „Sanctus“ hinzu.

Votivsteine und Altäre waren in vielen Fällen keine alleinstehenden Denkmäler, sondern wurden häufig in Verbindung mit Kultzentren oder Tempelanlagen gebaut. Beispiele dafür wurden in Bonn, Eschweiler, Geuenich (bei Inden), Pesch und Görresburg bei Nettersheim gefunden.

Über die konkrete Form des Matronenkults ist wenig bekannt, er wurde verbreitet durch römische Legionäre, insbesondere germanische Militärangehörige und (Um-)Siedler, beispielsweise im provinzialrömischen Niederrheingebiet. Neben sogenannten Fruchtkörben (Apfel, Granatapfel, Birne, Pinienzapfen), die die Matronen auf ihrem Schoß tragen, hin und wieder auch ein Schatzkästchen, finden sich auch Darstellungen von Opferszenen, Weihrauch und Tieropfern wie Eber und Fisch. Die sonstigen Beigaben sind Pflanzen, Bäume, das Füllhorn (wiederum mit Granatapfel, Birne und Pinienzapfen) sowie (Wickel-)Kinder. Die Darstellung der Matronen deutet auf das zyklische Geschehen in der Natur, den Jahreszeiten, der allgemeinen Fruchtbarkeit (Fertilität) hin.[3]

Die Verehrung der Matronen als Muttergöttinnen oder religiös verehrte Frauen klingt auch an in späteren Kulten für die nordischen Dise, der angelsächsischen Mōdraniht („Nacht der Mütter“) sowie vermutlich in den literarischen Idisi des Ersten Merseburger Zauberspruchs.

Matronennamen[Bearbeiten]

Bei allen auf Matronensteinen gefundenen Inschriften kommt zum Namensteil „Matronae“, „Matres“ oder „Deae“ meist ein Beiname als Zusatz, beispielsweise Matronae Vacallinehae (Gewässer- und Ortsname), dabei ist die Häufigkeit der auftretenden Namen sehr unterschiedlich (siehe Liste von Matronennamen). Während die meisten nur einmal auftreten, lassen sich bei anderen gebietsweise Verdichtungen feststellen, die möglicherweise auf Kultzentren hinweisen. In vielen Fällen können die Namen nicht mehr gedeutet werden. Bei manchen lassen sich Schlüsse auf die Art und Funktion der Göttinnen ziehen, so finden sich verschiedene Schutz-, Quell- und Wassergöttinnen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Lexika:

Weitere Fachliteratur:

  •  Max Ihm: Der Mütter- oder Matronenkultus und seine Denkmäler. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Heft 83, 1887, S. 1–200 (online und Download bei archive.org).
  •  Max Siebourg: Matronen-Terrakotta aus Bonn. Nebst Bemerkungen zum Matronen-Kultus. In: Bonner Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande. Heft 105, 1900, S. 78–102.
  •  Wolfgang Heiligendorff: Der keltische Matronenkultus und seine „Fortentwicklung“ im deutschen Mythos (= Form und Geist. Arbeiten zur germanischen Philologie. Band 33). Eichblatt, Leipzig 1934.
  •  Siegfried Gutenbrunner: Germanische Götternamen der antiken Inschriften. Max Niemeyer Verlag, Halle/Saale 1936.
  •  Ernst Alfred Philippson: Der germanische Mütter- und Matronenkult am Niederrhein. In: Germanic Review. Band 19, 1944, S. 81–142.
  • Gerhard Bauchhenß, Günter Neumann (Hrsg.): Matronen und verwandte Gottheiten. In: Beihefte der Bonner Jahrbücher. Band 44, Rheinland/Habelt, Bonn 1987 (Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums 1984 in Heidemünde).
    Teilweise Neuauflage: Günter Neumann: Die germanischen Matronenbeinamen. In: Heinrich Hettrich, Astrid van Nahl (Hrsg.): Namenstudien zum Altgermanischen. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020100-0, S. 253–289 (Leseprobe in der Google-Buchsuche).
  •  Sophie Lange: Wo Göttinnen das Land beschützten. Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein. 2. Auflage. Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda 1995, ISBN 3-9802165-4-3 (populärwissenschaftliche Publikation einer Heimatforscherin; umfassender Überblick, online auf sophie-lange.de).
  • Ton Derks: Gods, Temples and Ritual Practices. The Transformation of Religious Ideas and Values in Roman Gaul (= Amsterdam Archaeological Studies. Teil 2). Amsterdam University Press, Amsterdam 1998, ISBN 90-5356-254-0, S. 119–130: Ancestral mothers, matres and matronae (englisch; eine Karte von Fundstellen auf S. 122; Seitenansichten in der Google-Buchsuche).
  •  Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. 3. Auflage. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2609-3, S. 513–525.
  •  Greg D. Woolf: Local cult in imperial context: the Matronae revisited. In: Peter Noelke, Friederike Naumann-Steckner, Beate Schneider (Hrsg.): Romanisation und Resistenz in Plastik, Architektur und Inschriften der Provinzen des Imperium Romanum. Neue Funde und Forschungen. Zabern, Mainz 2003, S. 131–138 (englisch).
  • Miranda Aldhouse-Green: Women and Goddesses in the Celtic World. In: Steven J. Sutcliffe (Hrsg.): Religion: Empirical Studies. A Collection to Mark the 50th Anniversary of the British Association for the Study of Religions. Ashgate Publishing, Burlington 2004, ISBN 0-7546-4158-9, S. 149–164 (englisch; Seitenansichten in der Google-Buchsuche).
  •  Werner Eck: Votivaltäre in den Matronenheiligtümern in Niedergermanien: Ihre Aussagefähigkeit für die Formen der „Kommunikation zwischen Menschen und Göttern“. In: Christian Frevel, Henner von Hesberg (Hrsg.): Kult und Kommunikation. Medien in Heiligtümern der Antike (= Schriften des Lehr- und Forschungszentrums für die Antiken Kulturen des Mittelmeerraumes. Band 4). Reichert, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-89500-574-9, S. 415–433.
  •  Alex Gustav Garman: The cult of the Matronae in the Roman Rhineland. An historical evaluation of the archaeological evidence. Edwin Mellen Press, Lewiston NY 2008, ISBN 978-0-7734-5224-4 (englisch, Buchbesprechung).
  • Wolfgang Spickermann: Religionsgeschichte des römischen Germanien. II: Germania Inferior. Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149381-2.
  • Noemie Beck: Goddesses in Celtic Religion. Université Lumière Lyon 2, Lyon 2009, ohne Seitenangaben: Chapter 1 – The Matres and Matronae (englisch; Doktorarbeit; online auf theses.univ-lyon2.fr).
  •  Werner Eck, Dirk Koßmann: Votivaltäre in den Matronenheiligtümern in Niedergermanien. Ein Reflex der städtischen und ländlichen Gesellschaften einer römischen Provinzstadt. In: Christoph Auffarth (Hrsg.): Religion auf dem Lande. Entstehung und Veränderung von Sakrallandschaften unter römischer Herrschaft (= Potsdamer altertumswissenschaftliche Beiträge. Band 28). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-515-09347-7, S. 73–102.
  •  Frank Biller: Kultische Zentren und Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption. Band 13). VML Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2010, ISBN 978-3-89646-734-8 (Doktorarbeit Universität Osnabrück 2005, Buchbesprechung, ausführliche Zusammenfassung).
  • Rudolf Simek: The late Roman iron age cult of the Matronae and related germanic deities. In: Dieter Quast (Hrsg.): Weibliche Eliten in der Frühgeschichte. Internationale Tagung vom 13. bis zum 14. Juni 2008 im RGZM im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Eliten“. Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2011, ISBN 978-3-88467-164-1, S. 219–227 (englisch).
  • Peter Honnen: Kelten und Konsorten. Ein Streifzug durch die rheinische Ortsnamenkunde. In: Alltag im Rheinland. Mitteilungen der Abteilungen Sprache und Volkskunde des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR). Bonn 2012, S. 40–61, hier S. 48–54: Matronennamen (PDF-Datei; 8,24 MB; 128 Seiten; siehe zu Fundorten von Matronendarstellungen die Karte S. 52: Götterverehrung in den Rheinlanden, Stand 1950).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Matronae – Sammlung von Bildern
 Wiktionary: Matrone – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Matronenstein – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter NeumannMatronen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 19, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017163-5, S. 438 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche).
  2. Wolfgang Spickermann: Romanisierung und Romanisation am Beispiel der germanischen Provinzen Roms. In: Ralph Häussler (Hrsg.): Romanisation et épigraphie. Études interdisciplinaires sur l'acculturation et l'identité dans l'Empire romain (= Archéologie et histoire romaine. Band 17). Editions Monique Mergoil, Montagnac 2008, ISBN 978-2-35518-007-1, S. 307–320, hier S. 314.
    Zitiert in: Frank Biller: Die Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior. In: Portal rheinische Geschichte. Hrsg.: Landschaftsverband Rheinland (LVR), 1. Oktober 2012, abgerufen am 10. April 2014 (Biller schrieb 2005 seine Doktorarbeit zum Thema): „Neueren Zählungen zufolge stammen bislang ungefähr 1.600 Dedikationen aus dem Gebiet der ehemaligen niedergermanischen Provinz. Etwas mehr als die Hälfte davon wandten sich an die Matronen[2].“
  3. Dauerausstellung: Matronenkult im römischen Germanien. Hrsg.: Universität Marburg, Religionskundliche Sammlung, 8. Dezember 2010, abgerufen am 10. April 2014.