Notarzt

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Notarzteinsatz per Notarzteinsatzfahrzeug
Notarzteinsatz per Hubschrauber
Notarzteinsatzfahrzeug auf VW-T5-Basis

Ein Notarzt ist ein Arzt mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation, der bei akuten, lebensgefährdenden Erkrankungen oder Verletzungen eines Patienten mit Transportmitteln des Rettungsdienstes (Notarzteinsatzfahrzeug, Notarztwagen, Rettungshubschrauber) in kürzestmöglicher Zeit zu diesem gelangt und ihn präklinisch (vor einem Krankenhausaufenthalt) behandelt. Ihm stehen eine Reihe von Medikamenten und Gerätschaften zur Verfügung, um vor Ort tätig werden zu können.

In Österreich (besonders in Tirol und Kärnten) gibt es im niedergelassenen Bereich die Organisationsform der Notarzteinsatzgruppe, in der mehrere niedergelassene Ärzte die notärztliche Versorgung in einem Gebiet gemeinsam sicherstellen. Diese Ärzte sind selbständig tätige Fachärzte oder Allgemeinmediziner mit Notarztqualifikation und entsprechender Ausrüstung. Sie sind nicht Teil des Rettungsdienstes und können im Anlassfall sowohl direkt als auch über die Leitstellen angefordert werden.

Davon abzugrenzen ist der (kassen)ärztliche Notdienst (allgemeinmedizinischer Bereitschaftsdienst in Tirol, Ärztefunkdienst im übrigen Österreich), der nicht Teil des Rettungsdienstes ist, sondern die allgemeinmedizinische Versorgung außerhalb üblicher Ordinationszeiten sicherstellt. Ärzte des Notdienstes müssen weder eine Notarztausbildung noch eine entsprechende Ausrüstung aufweisen und haben möglicherweise nur geringe oder keine notfallmedizinische Erfahrung.

Aufgaben[Bearbeiten]

Aufgaben des Notarztes – in Zusammenarbeit mit weiterem Rettungsfachpersonal – sind:

  • die Durchführung akut lebensrettender medizinischer Maßnahmen
  • die Herstellung der Transportfähigkeit des Patienten
  • die Linderung von Schmerzen
  • die Begleitung und Überwachung des schwerverletzten oder schwerkranken Patienten beim Transport in ein geeignetes Krankenhaus
  • gegebenenfalls der Abbruch der Hilfsmaßnahmen und/oder die Feststellung des Todes
  • Ausstellen einer Todesbescheinigung (vorläufige oder gegebenenfalls auch endgültige, je nach landesgesetzlicher Regelung)

Der Notarzt wird von speziell ausgebildetem Rettungsdienstpersonal (Notfallsanitäter/Rettungsassistenten in Deutschland, Notfallsanitäter in Österreich) begleitet und ist diesem Personal gegenüber in medizinischer Hinsicht weisungsbefugt.

Einsatzindikationen[Bearbeiten]

Versorgung eines Notfallpatienten (gestellte Übungsszene)

Bei Vorliegen bestimmter Meldebilder entsendet die Rettungsleitstelle zusätzlich zum Rettungswagen einen Notarzt. Diese so genannten Indikationskataloge unterscheiden sich örtlich im Detail, umfassen aber in der Regel (Beispiel: Notarzt-Indikationskatalog Bayern – Stand März 2002):

  • Störungen des Bewusstseins
  • Störungen der Atmung
  • Störungen des Kreislaufs
  • Starke Schmerzen
  • Akute Lähmung (nicht in allen Bundesländern)
  • Vermutlich Schwerverletzte oder mehrere Verletzte (anhand des Unfallmechanismus)
  • Sturz aus großer Höhe (mehr als 3 Meter)
  • Wasser-, Ertrinkungs-, Tauch- und Eisunfälle
  • eingeklemmte oder verschüttete Personen
  • Verbrennungen, Verbrühungen, Verätzungen größeren Ausmaßes
  • Suizid, suizidale Handlung
  • Schuss-, Stich-, Hiebverletzungen im Kopf-, Hals- oder Rumpfbereich
  • unmittelbar bevorstehende oder erfolgte Geburt

Grundsätzlich kann jederzeit ein Notarzt nachgefordert werden, wenn die anwesende Rettungsmannschaft dies für gerechtfertigt ansieht. Dies kann beispielsweise bei einer Zustandsverschlechterung des Patienten oder einer kritischeren Sachlage als zunächst angenommen der Fall sein.

Entwicklung[Bearbeiten]

Notarztwagen (Bj. 2003) der Berliner Feuerwehr
Notarzteinsatzfahrzeug in Graz (Steiermark), Österreich

In der Notfallmedizin wuchs die Erkenntnis, dass bereits vor Ort wichtige medizinische Maßnahmen geleistet werden müssen, um den Patienten für den Transport ins Krankenhaus zu stabilisieren und eine optimale nachfolgende Behandlung zu ermöglichen. Im Juni 1957 wurde in Köln erstmals ein Notarztwagen in Dienst gestellt.[1] Zuvor war im gleichen Jahr durch die Universität Heidelberg erstmals ein fahrbarer Operationssaal mit ärztlichem Personal in Dienst gestellt worden. Das erste Notarzteinsatzfahrzeug in Deutschland war seit 7. April 1964 in Heidelberg im Einsatz. Es diente als Vorbild für die bundesweite Erstversorgung.[2][3] Bis dahin war es üblich, den Patienten einfach aufzunehmen und so schnell wie möglich, aber weitgehend unversorgt, in ein Krankenhaus zu transportieren.

In vielen Ländern wurden dafür nicht-ärztliche Helfer mit einer erweiterten Ausbildung qualifiziert, zum Beispiel im Paramedic-System der USA oder Großbritanniens. In Deutschland, Österreich und einigen anderen europäischen Staaten (u. a. Frankreich) wurde dagegen der Ansatz gewählt, Ärzte direkt vor Ort einzusetzen. Diese Entwicklung war zum Teil von heute abenteuerlich anmutenden Experimenten begleitet, beispielsweise der Einsatz eines kompletten Operations-Teams (mit Bus und Anhänger für Notstromaggregat) in Heidelberg.

Heute hat man in Deutschland ein abgestuftes Rettungsdienst-Konzept, das mit qualifizierten nicht-ärztlichen Einsatzkräften (Notfallsanitäter, Rettungsassistenten, Rettungssanitäter) und Notärzten je nach Art des Notfalls auf die Erfordernisse reagieren kann. In der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands e.V. (BAND) sind mittlerweile ca. 8.000 Notärzte organisiert.[4] Der Rettungsdienst in Österreich funktioniert ähnlich dem deutschen System.

In der DDR wurde der Notarztdienst auch als Schnelle Medizinische Hilfe (SMH), abgeleitet vom russischen skoraja medizinskaja pomoschtsch, bezeichnet.

Ausbildung[Bearbeiten]

Wer als Notarzt tätig ist, muss zusätzlich zu seiner ärztlichen Ausbildung über eine besondere Qualifikation verfügen. In Deutschland handelt es sich dabei je nach Bundesland um den Fachkundenachweis Rettungsdienst oder die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Die Zusatzweiterbildung Notfallmedizin setzt in Deutschland nach der zuletzt im Januar 2006 aktualisierten Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer eine 2-jährige Weiterbildung in einem Gebiet der stationären Patientenversorgung bei einem Weiterbildungsbefugten voraus, davon sechs Monate Weiterbildung in Intensivmedizin, Anästhesiologie oder in der Notfallaufnahme, zusätzlich die Teilnahme an 80 Stunden Kurs in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung sowie unter Anleitung eines verantwortlichen Notarztes 50 Einsätze im Notarztwagen oder Rettungshubschrauber. Die Inhalte dieser Musterweiterbildungsordnung sind allerdings in den ausschlaggebenden Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern unterschiedlich umgesetzt.

In Österreich muss der Turnus bzw. die Facharztweiterbildung beendet sein (also das jus practicandi und damit die Erlaubnis zur selbstständigen Berufsausübung erreicht sein) und eine spezielle Notarztausbildung absolviert werden.

Nicht verwechselt werden darf die Weiterbildung zum Notarzt mit dem unter anderem von der DGINA geforderten Facharzt für Notfallmedizin. Diese Facharztweiterbildung, für die es inzwischen auch ein europäisches Curriculum gibt, soll zur Arbeit in einer interdisziplinären Notaufnahme befähigen. Ob – und wenn ja, wann – ein solcher Facharzt in Deutschland eingeführt wird, ist derzeit noch nicht absehbar.

In der Schweiz ist die Tätigkeit als bodengebundener Notarzt immer mit der Tätigkeit in einer Klinik verbunden; vollberufliche Notärzte sind nur bei der REGA (Luftrettung) anzutreffen. Dabei handelt es sich jedoch meist um Ärzte, die für 1-2 Jahre aus der Klinik aussteigen und während dieser Zeit ausschließlich für die Luftrettung arbeiten, bevor sie wieder in einem Spital weiterarbeiten. Üblicherweise sind bodengebundene Notärzte also in einer Klinik tätig, meist als Assistenzärzte der Anästhesiologie oder (seltener) Inneren Medizin, Chirurgie oder Pädiatrie. Assistenzärzte der Anästhesiologie werden meist ab ihrem dritten Assistenzjahr als Notarzt aktiv (selten, in ländlichen Gegenden, aber auch bereits nach wenigen Assistenzmonaten). An großen Spitälern gibt es für erfahrene Assistenz-/Notärzte eine REGA-Rotationsstelle von ca. 6 Monaten, in denen sie vollzeitig für die Luftrettung tätig sind. Sobald der Assistenzarzt seine Weiterbildungszeit von zumeist fünf bis sieben Jahren mit der Facharztprüfung abschließt, wird er meist zum Oberarzt befördert und absolviert von da an nur in Ausnahmefällen noch Notarztdienste (so z.B. als leitender Notarzt eines Rettungsdienstes).

Zur Anerkennung der notärztlichen Fähigkeiten existiert in der Schweiz der "Fähigkeitsausweis Notarzt SGNOR", welcher von der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin vergeben wird. Zur Erlangung dieser (für die Tätigkeit als Notarzt nicht zwingenden) Zusatzanerkennung ist die Tätigkeit auf der Inneren Medizin (oder Pädiatrie oder Chirurgie), der Anästhesiologie und der Intensivpflegestation, 50 NACA >=4 Einsätze (n.b. ohne Begleitung durch einen anderen Arzt), sowie das Bestehen des Notarztkurses (durch die SGNOR durchgeführt), des ACLS- und PALS-Kurses Bedingung.

Sonderformen[Bearbeiten]

Ärztlicher Leiter Rettungsdienst[Bearbeiten]

Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) ist medizinisch-organisatorisch für die Belange des Rettungsdienstes in seinem Bereich zuständig, z. B. für die Festlegung der medizinischen Ausrüstung (Medikamente usw.), für die Aus-/Weiter-/Fortbildung des Personals und für die Überwachung der einzuhaltenden Standards. Der ÄLRD ist meist selbst aktiv als Notarzt tätig.

Leitender Notarzt[Bearbeiten]

Der Leitende Notarzt (LNA) wird als medizinischer Einsatzleiter/Fachberater nach Gesetzeslage (je nach Bundesland) bei Großeinsätzen und Katastrophen eingesetzt. Er ist dann den medizinisch tätigen Kräften und anderen Ärzten weisungsbefugt und muss den Einsatz vor Ort aus medizinischer Sicht organisieren. In Ausnahmefällen kann der Leitende Notarzt auch in prekären medizinischen Situationen alarmiert werden, ohne dass eine Großschadenslage vorliegt. In der Regel beteiligt sich der Leitende Notarzt jedoch nicht an der unmittelbaren Patientenversorgung. In vielen Bundesländern wird er gemeinsam mit dem organisatorischen Leiter Rettungsdienst (OrgL) eingesetzt, der den Einsatz aus taktischer Sicht organisiert.

Verlegungsarzt[Bearbeiten]

Der Verlegungsarzt ist in Bayern ein auf einem Verlegungsarzteinsatzfahrzeug nach Art. 43 Abs. 5 BayRDG eingesetzter Arzt bei arztbegleiteten Patiententransporten mit Rettungswagen. Voraussetzung ist der Fachkundenachweis Rettungsdienst, bzw. die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Durch die Bayerische Landesärztekammer können zusätzliche Qualifikationen gefordert werden. Von diesem Recht hat sie aber keinen Gebrauch gemacht.

Kindernotarzt[Bearbeiten]

Kindernotarztwagen in München, FL NEF KND

In einigen Großstädten gibt es speziell qualifizierte Notfallteams für Kinderrettungseinsätze. In München halten die vier auf Kinderheilkunde spezialisierten Kliniken reihum einen Kinderarzt mit Zusatzqualifikation Notarzt in Bereitschaft. Der Kindernotarztwagen steht jeweils vor der diensthabenden Klinik.

Daneben gibt es noch Neugeborenen-Notärzte, die beim Transport von Neugeborenen eingesetzt werden. Die Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin bietet dazu eine Weiterbildung für Ärzte an.[5]

Die Entscheidung über den Einsatz des passenden Rettungsmittels liegt - wie in allen anderen Fällen auch - bei der Rettungsleitstelle und nicht etwa beim Anrufer.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. spiegel.de: 50 Jahre Notarztwagen
  2. spiegel.de: Notarztwagen feiert 50-jähriges Jubiläum
  3. Uni-Klinik Heidelberg: Notärztliche Tätigkeit
  4. Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands BAND e.V.
  5. Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (PDF-Datei; 743 kB)

Weblinks[Bearbeiten]