Pinkel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt die norddeutsche Spezialität. Zu dem gleichnamigen US-amerikanischen Krebsarzt siehe Donald Pinkel.
Aufgeschnittene Pinkel (auf zubereitetem Grünkohl)

Pinkel (auch Pinkelwurst) ist eine geräucherte, grobkörnige Grützwurst, die in Nordwestdeutschland, besonders in der Gegend um Oldenburg und Bremen sowie in Friesland hauptsächlich zu Grünkohl gegessen wird, während in östlicheren Gebieten Norddeutschlands eher Bregenwürste zu dem traditionellen landestypischen Grünkohlgericht gehören. Bei dem vor allen in Nordwestdeutschland verbreiteten Gericht Grünkohl und Pinkel, teils als Kohl und Pinkel und in Bremen auch als Braunkohl und Pinkel bezeichnet, hat die Pinkelwurst, obwohl in der Regel nicht die einzige Zutat aus Fleisch, Eingang in den Namen dieser Traditionsgerichte gefunden.

Außerdem wird Pinkel in Norddeutschland teils in Eintopfgerichten verwendet, vor allem bei deftigen „Wintergerichten“ und meist zusammen mit weiteren Fleischeinlagen.

Namensdeutung[Bearbeiten]

Es gibt verschiedene Namensdeutungen, die die Bezeichnung allerdings weder mit „pinkeln“ (für urinieren) noch mit dem „feinen Pinkel“ (für einen eitlen Menschen) in Verbindung bringen. Der Ausdruck Pinkel (auch Püngel oder Pünkel) bedeutete vielmehr zusammengedrängte Masse oder kurzer, dicker Gegenstand[1] und hat möglicherweise seine Weiterentwicklung zu Bündel[2] gefunden. Ähnlich ist die Deutung, die sich von Pinker für den Mastdarm (hier: Rindermastdarm) ableitet, der traditionell bis heute als Wursthülle verwendet wird.[3]

Nach dem Wörterbuch von 1768 kommt Pinkel von Mastdarm und damit auch der Name der Wurst.[4]

Andere Deutungen leiten den Begriff vom ostfriesischen pink für Penis[5] beziehungsweise vom englischen pinkie (oder niederländischen pink) für den kleinen Finger ab.

Herstellung[Bearbeiten]

Frisch hergestellte Pinkel als Saisonangebot am Fleischtresen

Pinkel besteht im Wesentlichen aus Speck, Grütze von Hafer oder Gerste, Rindertalg, Schweineschmalz, Zwiebeln, Salz, Pfeffer und anderen Gewürzen. Im Unterschied zu Pinkel mit allgemein üblichem Fleischanteil, regional auch Bremer Pinkel genannt, werden Pinkel mit höherem Fleischanteil (und anderen Würzungen) meist als Fleisch-Pinkel, Oldenburger Pinkel oder Ammerländer Pinkel bezeichnet. Traditionell wird Pinkel in verzehrbare Schweine-Dünndärme (enger Schweinedarm, Schweinesaitling) oder auch Rindermastdärme gefüllt, während heute auch essbare Kunstdärme (Kollagendärme) als Wurstpelle verwendet werden.

Die portionsweise abgedrehten und etwa im Dutzend oder mehr miteinander verbundenen Pinkelwürste werden geräuchert und getrocknet. Zum Räuchern werden meist Buchenholzspäne verwendet, damit die Pinkel ein mildes Raucharoma erhalten. Während der „Grünkohlsaison“ im Winterhalbjahr gehören Pinkelwürste in den norddeutschen „Grünkohlregionen“ zum traditionellen Angebot von lokalen Fleischereien sowie am Fleischtresen von Supermärkten, oder sie werden von regionalen Fleischfabriken als Saisonware hergestellt und gelangen, heute meist vakuumverpackt, in den Handel.

Regionale Verwendung und Verbreitung[Bearbeiten]

Pinkel gehört traditionell zu Grünkohlgerichten und ist hauptsächlich in Nordwestdeutschland verbreitet, aber auch im übrigen Norddeutschland sowie in Westfalen bekannt. Inzwischen ist Pinkel als Bestandteil von Grünkohlgerichten gelegentlich auch in anderen Regionen Deutschlands anzutreffen, insbesondere im Zuge der zunehmenden Erlebnisgastronomie bei Aktions- und Spezialitätenangeboten wie z. B. „Grünkohl satt – auf norddeutsche Art“ etc.

Grünkohl und Pinkel, Brauchtum[Bearbeiten]

Grünkohl und Pinkel[Bearbeiten]

Bei Grünkohl und Pinkel bzw. Kohl und Pinkel, in Bremen Braunkohl und Pinkel, handelt es sich um ein besonders nahrhaftes und fettes Gericht, zu dem in der Regel noch weitere geräucherte Fleisch-Zutaten wie Kochwürste, fetter gestreifter Speck, Kassler oder (seltener) Rippchen gereicht werden. Als Beilage sind Salzkartoffeln oder Bratkartoffeln verbreitet. Traditionell wird dazu ein Schüsselchen mit Senf serviert. Als Getränk werden dazu meist ein einheimisches bzw. norddeutsches Bier und gerne auch ein „Schnaps“ wie Weizenkorn oder Aquavit getrunken. Als Nachtisch kommt oft Rote Grütze oder Bremer Rote Grütze auf den Tisch.

Pinkelwürste lässt man eine Weile zusammen mit dem Kohl garen. „Kenner“ geben zusätzlich etwa zur Hälfte der Garzeit des Grünkohls eine oder je nach Kohlmenge auch mehrere, aufgeschnittene und von der Pelle befreite Pinkelwürste unter die Kohlmasse, um diese damit zu würzen sowie mit geschmacksverstärkendem Schweineschmalz anzureichern.

Gelegentlich sind auch einfachere Grünkohlgerichte, bei denen Pinkel als alleinige Fleisch-Zutat zu Grünkohl gereicht wird, anzutreffen.

Kohlfahrten[Bearbeiten]

„Kohlfahrt“-Gruppe am Bremer Marktplatz, die von dort aus zu ihrer „Kohl-und-Pinkel-Tour“ startet

Die sogenannten „Kohl-und-Pinkel-Touren“ (auch „Kohlfahrten“) von Familien, Freunden und Bekannten sowie von Belegschaften und Vereinen etc. haben vor allem in Nordwestdeutschland als winterliche Ausflüge zu Landgasthöfen Tradition. Besonders in und um Bremen sowie im Oldenburger Land sind sie sehr beliebt. Nach der Tour kommt traditionell Grünkohl mit Pinkel (und weiteren Fleisch-Zutaten) auf den Tisch.

Ebenso ist es insbesondere im Bremer Umland üblich, dass ganze Gruppen bei der Hinfahrt zu den dörflichen Gaststätten noch die letzte Etappe zu Fuß bewältigen und dabei auf den Wegen über Land abwechselnd mit einem großen Spielwürfel (meist aus Schaumstoff) den Weg entlang würfeln und bei jeder geworfenen „1“ einen Schluck von den mitgebrachten Alkoholika zu sich nehmen, so dass die Stimmung bereits vor dem Erreichen der Lokalitäten kräftig „angeheizt“ wird. In einigen Gegenden wie im Oldenburger Land und in Ostfriesland wird vorm Grünkohlessen oft auch ein Boßeln-Wettstreit ausgetragen.

Beim nachfolgenden Kohl- und Pinkelessen bekommt dann derjenige, der am längsten speiste, einen sogenannten „Fressorden“ (meist ein „Orden“ aus einem ausgekochten Unterkiefer eines Schweines, der an einer um den Hals getragenen Kette befestigt ist). Es gilt als eine Ehre, diesen Orden zu erlangen, ähnlich dem eines Schützenkönigs; teils werden auf diese Weise auch ein „Kohlkönig“ oder ein „Kohlkönigspaar“ gekürt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Volkskundliche Kommission für Niedersachsen (Hrsg.): Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen (= Schriftenreihe der Volkskundlichen Kommission für Niedersachsen). Volkskundliche Kommission für Niedersachsen, Göttingen 1988, ISSN 0933-5404, S. 92 ff.
  • Karl-Heinz Bonk: Grünkohl-Zeit. Vom grünen/braunen Kohl, der Kohlfahrt und einem himmlischen Essen. Der kleine Wegweiser durch eine große Tradition. Isensee Verlag, Oldenburg 2003, ISBN 3-89598-972-X .
  • Hermann Gutmann: Kohl- und Pinkelgeschichten … und warum Männer so gern ohne ihre Frauen auf eine Kohlfahrt gehen. Edition Temmen, Bremen 2004, ISBN 3-86108-175-X.
  • Helmut Weiss (Red.): Das Kohl- und Pinkel-Buch. 3., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Edition Temmen, Bremen 2005, ISBN 3-86108-299-3.
  • Michael P. Hopp: Pinkel hin, Pinkel her. In: Ders.: Oldenburger Grünkohl-Brevier. Neues & Aufgewärmtes. Ein Führer zu bewähren Wahrheiten und frappierenden Fakten. Isensee Verlag, Oldenburg 2010, ISBN 978-3-89995-692-4 , S. 49–50.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pinkel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Pinkel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Matthias Hoefer: Etymologisches Wörterbuch der in Oberdeutschland vorzüglich aber in Oesterreich üblichen Mundart. 1815, S. 335. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. Karl Faulmann: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Ehrhardt Karras Verlag, 1893
  3. Daniel Sanders: Wörterbuch der deutschen Sprache: mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart, Band 2. O. Wigand 1863.
  4. Bremische deutsche Gesellschaft: Versuch eines bremisch-niedersächsisches Wörterbuchs, G.L. Förster, 1768, Band 3, S. 318
  5. Eduard Mueller: Etymologisches Woerterbuch der englischen Sprache, Band 2. P. Schettler, 1879