Scharia-Konflikt in Nigeria

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Status der Scharia in Nigeria (2008):[1]
  • Scharia völlig angewendet, einschließlich Strafrecht
  • Scharia nur angewendet bei persönlichen Angelegenheiten
  • Keine Scharia

Mit dem Scharia-Konflikt in Nigeria wird ein bewaffneter Konflikt um die Islamisierung des Landes zwischen militanten Gruppen, verschiedenen Vertretern religiöser Gruppierungen und der Regierung Nigerias bezeichnet. Erhard Kamphausen von der Missionsakademie der Universität Hamburg sprach von einer „geistlichen Kriegführung“ in muslimischen Kerngebieten.[2]

Der Konflikt entzündet sich an der Forderung von muslimischer Seite, die Scharia – das islamische Recht – als Hauptquelle der Gesetzgebung im gesamten Land einzuführen. Zwölf nördliche Bundesstaaten führten bereits in den Jahren 1999/2000 die Scharia unter Berufung auf die in der nigerianischen Verfassung verankerten Religionsfreiheit als Grundlage der Legislative, der Exekutive und der Judikative ein.

Hintergrund[Bearbeiten]

Nach einer demografischen Schätzung Nigerias machen Muslime über 50 % der Bevölkerung aus. Sie leben überwiegend im nördlichen Teil des Landes. Die Mehrheit der nigerianischen Muslime sind Sunniten. Christen sind die zweitgrößte religiöse Gruppe und machen nach danach etwa 40 % der Bevölkerung aus. Sie herrschen in der Mitte und dem Süden des Landes vor, während Anhänger anderer Religionen ca. 10 % der Bevölkerung ausmachen.[3] Laut dem Pew Forum stellen jedoch die Christen mit 50,8 % die hauchdünne absolute Mehrheit.[4]

Auch der Nachrichtendienst State Security Service spielt eine Rolle in dem Konflikt. Bartholomäus Grill wies dagegen auf die zunehmende Missionstätigkeit fundamentalistischer Christen insbesondere im Norden des Landes hin, die die Spannungen ebenso erhöhten.[2] Bislang sind 10.000 Opfer zu verzeichnen.[5]

In folgenden 9 Bundesstaaten hat die Scharia volle Gültigkeit:

In folgenden Bundesstaaten gilt die Scharia für Gebiete mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung:

Geschichte[Bearbeiten]

Historischer Ausgangspunkt für den Scharia-Konflikt war die Außerkraftsetzung des Islamischen Rechts in Nordnigeria durch die Native Justice Ordinance von 1933 und den Penal Code von 1959, der bei der Entlassung Nigerias in die Unabhängigkeit 1960 in den nördlichen Landesteilen eingeführt wurde. Allein im personenstandsrechtlichen Bereich wurde das islamische Recht beibehalten. Die Einführung des Penal Codes, der auf säkularem Recht basierte, erfolgte in Reaktion auf die Sorgen der nicht-muslimischen Bevölkerung von Nordnigeria, die durch den Minorities Commission Report von 1956 größere Aufmerksamkeit erhalten hatten.[6]

Schon seit den 1970er Jahren erhoben Islamisten Forderungen nach Wiedereinführung der Scharia.[7] Als eine Reaktion darauf führten ab 1999 neun Bundesstaaten mit muslimischer Mehrheit und sowie Provinzen von drei Muslim-Staaten die Scharia als ein Hauptteil des Zivil- und Strafrechts ein.

Einführung der Scharia[Bearbeiten]

Den Unruhen von 1999, 2000 und 2001 waren Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen in Jos über die Ernennung des muslimischen Politikers Alhaji Muktar Mohammed zum örtlichen Koordinator eines Bundesarmutsbekämpfungsprogramms vorausgegangen. Die Zusammenstöße begannen am 7. September und dauerten fast zwei Wochen. Sie endeten am 17. September. Über 1000 Menschen wurden im Rahmen der Konflikte getötet.

Scharia-Praxis[Bearbeiten]

Es gab zahlreiche Unruhen über die Umsetzung der Scharia, die in erster Linie gegen nicht-muslimischen Minderheiten implementiert wurde. Bei einem weiteren Aufruhr wurden im Oktober 2001 über 100 Personen in Kano State getötet.

Im Jahr 2002 fand die erste Hinrichtung eines Menschen unter der Scharia in Katsina statt; Human Rights Watch und Amnesty International verurteilten die Hinrichtung.[8]

Im Jahr 2002 wurde Amina Lawal, eine alleinerziehende Mutter in Katsina, des Ehebruchs angeklagt und von einem bundesstaatlichen Scharia-Gericht wegen der „Empfängnis eines Kindes außerhalb der Ehe“ zum Tode durch Steinigung verurteilt. Der Vater wurde aus Mangel an Beweisen freigelassen. Das Urteil sorgte sowohl in Nigeria als auch im Westen für Empörung. Vielen nationalen und internationalen NGOs und die nigerianische Bundesregierung wollten das Urteil annullieren. Im Jahr 2004 wurde das Urteil von einem Scharia-Berufungsgericht aufgehoben.

Gewalttätige Konflikte[Bearbeiten]

Einen Brennpunkt der Konflikte bildet die zentralnigerianische Provinz Plateau. 2001 kam es immer wieder zu Zusammenstößen, die mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet haben.[9] Im Januar 2010 kamen bei Unruhen in der Provinzhauptstadt Jos, die sich am Bau einer Moschee entluden, mehrere hundert Menschen ums Leben.[10] Im März 2010 kam es erneut zu Ausschreitungen zwischen Angehörigen des Hirtenvolkes der Fulani (Muslime) gegen die Dorfbewohner der Berom (Christen) im Dorf Dogo Nahawa, bei denen über 500 Menschen starben.[11] Bei einer Serie von Anschlägen auf christliche Kirchen wurden am ersten Weihnachtstag im Jahr 2011 mindestens 40 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Die islamistische Gruppe Boko Haram, die sich selbst als „nigerianische Taliban“ bezeichnet, bekannte sich zu den Anschlägen, die weltweit verurteilt wurden. Im Jahr 2011 wird die Gruppe für mindestens 510 Morde verantwortlich gemacht.[12] Die nigerianische Regierung bekräftigte ihre Entschlossenheit im Kampf gegen den Islamismus.

Bei mehreren Terroranschlägen der islamistischen Gruppe Boko Haram in Kano im Nordosten Nigerias auf mehrere Polizeistationen am 20. Januar 2012 kommen über 120 Menschen um. [13]

Am 6. Januar 2014 griffen Bewaffnete, bei denen es sich mutmaßlich um Fulani handelte, das Dorf Shonong im Gebiet von Riyoma im Bundesstaat Plateau, etwa 50km südwestlich von Jos, an. Dutzende Häuser wurden angezündet, Vieh wurde getötet oder geraubt und je nach Quelle wurden 16 bis etwa 30 Menschen getötet, auch Frauen und Kinder. Viele Verwundete mussten im Krankenhaus behandelt werden. [14]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikinews: Riots in Nigeria kill nearly 400 – Nachricht (englisch)

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ostien & Dekker, 575 (25)
  2. a b Die Mähdrescher Gottes, Zeit Online vom 27. Mai 2004
  3. Länderinformation des Eidgenössischen Departments für Auswärtige Angelegenheiten, World Factbook Nigeria, International Religious Freedom Report, Fischer Weltalmanach 2009, Seite 353, SPIEGEL Lexikon (Version vom 19. September 2011 im Internet Archive), Radio Vatikan über Nigeria, Encyclopaedia of Islam (Artikel über Nigeria, VIII:19b, 50 % Muslime und 34 % Christen)
  4. Pew Forum: Global Christianity. A Report on the Size and Distribution of the World's Christian Population
  5. news.bbc.co.uk
  6. Vgl. Jonathan T. Reynolds: The Time of Politics (Zamanin Siyasa). Islam and the Politics of Legitimacy in Northern Nigeria 1950-1966. San Francisco u.a. 1999. S. 95f.
  7. Vgl. Ousmane Kane: Muslim modernity in postcolonial Nigeria: a Study of the Society of Removal of Innovation and Reinstatement of Tradition. Leiden 2003. S. 93.
  8. Nigeria: First Execution under Sharia Condemned, Human Rights Watch, 8. Januar 2002
  9. BBC News: Analysis: Behind Nigeria's violence, 31. Oktober 2001.
  10. Focus: Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen, 20. Januar 2010.
  11. TagesschauUnruhen in Nigeria – Mehr als 500 Tote nach Massaker in Christen-Dörfern (Version vom 5. Februar 2012 im Internet Archive) (Zugriff am 8. März 2010)
  12. Terrorsekte Boko Haram: Christenjäger stürzen Nigeria ins Chaos - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik. Website spiegel.de. Abgerufen am 21. Januar 2012.
  13. Konflikt der Religionen - Terroristen töten mehr als 120 Menschen in Nigeria. In: Der Spiegel. 21. Januar 2012, abgerufen am 21. Januar 2012 (deutsch).
  14. Nigeria gunmen 'kill 30' in Plateau state raid. In: BBC News. 7. Januar 2014, abgerufen am 8. Januar 2014 (englisch).