Schatzkammer-Evangeliar

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Schatzkammer-Evangeliar, fol. 14v: Die vier Evangelisten

Das Schatzkammer-Evangeliar, auch Karolingisches Evangeliar genannt, ist eine karolingische Bilderhandschrift, die Anfang des 9. Jahrhunderts an der Hofschule Karls des Großen entstand. Das Evangeliar gehört einer Handschriftengruppe an, die als Gruppe des Wiener Krönungsevangeliars bezeichnet wird. Es gehörte zum Kirchenschatz der Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen und ist heute in der Aachener Domschatzkammer (Inv.-Nr. 4) ausgestellt. Das Schatzkammer-Evangeliar ist neben dem ottonischen Liuthar-Evangeliar somit die ältere der zwei bedeutenden hier zur Schau gestellten mittelalterlichen Handschriften.

Beschreibung und Einordnung[Bearbeiten]

Handschrift[Bearbeiten]

Inhalt und Gestaltung[Bearbeiten]

Der Kodex umfasst mit einem Format von 30,1 × 23,3 cm auf 280 Pergamentblättern die Texte der vier Evangelien – jeweils mit den Vorreden –, den Hieronymusprolog (fol. 2r - fol. 5r) und den sog. Damasusbrief.[1] Sie alle sind einspaltig in der karolingischen Minuskel geschrieben, wogegen Titel und Überschriften in Capitalis rustica hervorgehoben sind.[1] Dem Evangelienteil sind eine ganzseitige Miniatur (fol. 14v) und auf zwölf Seiten (fol. 8v - fol. 14r) Kanontafeln als Konkordanztabellen zu den Evangelien vorangestellt.[2] Diese sind von Architekturrahmen umgeben, die eine spätantike Vorlage um 400 n. Chr. widerspiegeln und – einmalig in der gesamten karolingischen Buchmalerei – den Gebälktypus aufweisen.[2] Bis auf die Darstellung der vier Evangelisten und eine Zierseite mit dem in goldener und silberner Capitalis rustica gefassten Titel des Matthäus-Evangeliums auf purpurnem Grund in einem Ornamentrahmen findet sich in der unvollendeten Handschrift keine weitere Miniatur. Die letzten Seiten des Evangliars enthalten das Capitulare Evangeliorum, ein Verzeichnis der an Sonn- und Feiertagen im Gottesdienst zu lesenden Evangelienperikopen (fol. 258r).[2]

Evangelistenbild[Bearbeiten]

Die einzige Miniatur der Handschrift zeigt ungewöhnlicherweise die vier Evangelisten auf einer Seite in einer Hügellandschaft mit hochgezogenem Horizont, welche um jeden der vier einen illusionären Raum bildet. Die Landschaft säumen als Grenze zum Horizont beinahe silhouettiert erscheinende Bäume vor einem rosafarbenen Abendhimmel. Durch die Alterstransparenz der Farben sind Vorzeichnungen sichtbar geworden, die erkennen lassen, dass zunächst ein architektonischer Hintergrund in Form von zinnenbekrönten Mauern angedacht gewesen ist. Die Evangelisten sind mit weißen Nimben in verschiedenen Lebensaltern vom Jüngling bis zum Greis und wohl auch als Personifikationen der vier Temperamente in der Manier antiker Philosophen mit weiten weißen Togen gekleidet dargestellt. Vor ihren Schreibpulten sitzend sind Matthäus beim Schreiben, Markus, wie er die Feder ins Tintenfass eintaucht, Lukas lesend sowie Johannes bei der Meditation des Geschriebenen zu sehen. Die Evangelisten sind voneinander abgewandt und scheinen ihr Werk in Isolation zu vollbringen, was jedoch durch den kunstvoll mit angedeutetem Filigran- und Edelsteinschmuck verzierten Rahmen und die einheitliche Landschaft wiederum relativiert wird: Die vier Verfasser dienen jeder auf seine Weise einem gemeinsamen Ziel, nämlich der Verkündigung von Wort und Reich Gottes. Damit wird zugleich Bezug genommen auf die Zusammengehörigkeit und Übereinstimmung der vier Evangelien als geschriebene Zeugnisse und Manifestationen der einen zusammengefassten Glaubenswahrheit, der christlichen Frohbotschaft. So ist die Aussage der Darstellung eine hoch theologische, wie bei den meisten mittelalterlichen Kunstwerken der Fall. Die Anordnung der Evangelisten in den vier Ecken der Landschaft verweist zudem auf die vier Weltgegenden. Wie diese vier Teile der Erde in der augustinischen Philosophie mithin nur gemeinsam die eine Welt bilden können, so vermögen auch die vier Schriften nur zusammen das eine Evangelium zu verkünden. Die einzigartige Gestaltung stammt von einem graeco-italischen mit der Malerei der Spätantike vertrauten Meister.[2]

Goldener Buchdeckel[Bearbeiten]

Der Handschrift des Karolingischen Evangeliars diente bis 1972 als Einband ein Buchdeckel aus ottonischer Zeit mit einem Goldschmiederahmen, in dessen Mitte sich ein byzantinisches Elfenbeinrelief des späten 10. Jahrhunderts mit einer Darstellung Marias mit dem Jesuskind befindet. Eine vorangehende Nutzung als Einband des von Otto III. für die Krönungskirche des Aachener Marienstifts, den heutigen Aachener Dom, gestifteten Liuthar-Evangeliares ist mehr als naheliegend, zumal neben der gleichfalls äußerst exklusiven Ausgestaltung Entstehungszeit und Provenienz identisch sind; zudem sind die Maße von Deckel und Buch (Höhe 30,4 cm; Breite 23,6 cm) sind kongruent.[3] Daneben wird jedoch auch die Ansicht vertreten, der Buchdeckel, dessen Entstehung im Kloster Reichenau anzunehmen ist,[4] könne möglicherweise Teil einer von Kaiser Heinrich II. gestifteten Altarausstattung gewesen sein, der auch die Pala d'Oro im Aachener Dom zugerechnet wird.[5]

Das Zentrum bildet die Elfenbeintafel, welche die Gottesmutter als Hodegetria (Wegweiserin), einen der fünf ikonographischen Typen von Mariendarstellungen in der Ostkirche, zeigt. Sie weist auf Christus als den Erlöser. Das Relief, welches sicherlich einmal das Zentrum eines Triptychon aus dem zehnten Jahrhundert gebildet haben wird,[4] ist zugleich auch Mittelpunkt der in der Längs- und Querachse verlaufenden mit Edelstein- und Zellenschmelzschmuck verzierten Stege, die gemeinsam ein Gemmenkreuz bilden,[4] wie man es typischerweise bei karolingischen Vorgängern, so bspw. dem Prachteinband des Codex aureus von St. Emmeram, findet. Umrahmt wird die Hodegetria oben und unten von vier aus getriebenem Goldblech gefertigten Relieftafeln mit Szenen aus dem Leben Christi: Geburt, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt. In der Größe etwa eines Drittels dieser szenischen Darstellungen finden sich rechts und links der elfenbeinernen Tafel die vier Evangelistensymbole ebenfalls in goldener Treibarbeit. Diese insgesamt acht Goldreliefs sind stilistisch äußerst eng mit denen der goldenen Altartafel des Aachener Doms verwandt, weshalb die Entstehung in ein und derselben Goldschmiedewerkstatt naheliegt, die vermutlich in Fulda zu lokalisieren ist.[6] Die äußere Rahmung bildet eine breite Borte mit reicher Ornamentik aus Edelsteinen und Filigranen.

In seiner Aufteilung steht der Buchdeckel in der Tradition karolingischer Bucheinbände.[7] Zeitlich und stilistisch steht ihm wohl der des Codex aureus Epternacensis am nächsten.[8]

Im 19. Jahrhundert wurde der Buchdeckel einer Überarbeitung unterzogen. Dabei wurden die Goldreliefs nachgetrieben sowie die Symbole von Matthäus und Markus vertauscht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Frauke Steenbock: Der kirchliche Prachteinband im frühen Mittelalter. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1965, S. 133–135.
  • Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. Brimberg, Aachen 1995, ISBN 3-923773-16-1, S. 19–20.
  • Katharina Bierbrauer: Schatzkammer-Evangeliar. In: 799. Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Katalog der Ausstellung Paderborn 1999. Zabern, Mainz 1999, ISBN 3-8053-2456-1, Bd. 2, S. 706–710.
  • Ernst Günther Grimme: Der Goldene Buchdeckel. In: ders.: Der goldene Dom der Ottonen. Einhard-Verlag, Aachen 2001, ISBN 3-930701-90-1, S. 50–53.
  • Kunibert Bering: Kunst des frühen Mittelalters. (= Kunst-Epochen 2). Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-018169-0, S. 251–254.
  • Herta Lepie, Ann Münchow: Elfenbeinkunst aus dem Aachener Domschatz. Imhof, Petersberg 2006, ISBN 3-86568-000-3, S. 18–21.
  • Fabrizio Crivello: Schatzkammer-Evangeliar. In: Peter van den Brink, Sarvenaz Ayooghi (Hrsg.): Karl der Große – Charlemagne. Karls Kunst. Katalog der Sonderausstellung Karls Kunst vom 20. Juni bis 21. September 2014 im Centre Charlemagne, Aachen. Sandstein, Dresden 2014, ISBN 978-3-95498-093-2, S. 241–243 (m. Lit.).

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. S. 19.
  2. a b c d Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. S. 20.
  3. Vgl. Ernst Günther Grimme: Der goldene Dom der Ottonen. S. 50, 52.
  4. a b c Ernst Günther Grimme: Der goldene Dom der Ottonen. S. 50.
  5. Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. S. 62.
  6. Ernst Günther Grimme: Der Aachener Domschatz. Schwann, Düsseldorf 1973, S. 10.
  7. Ernst Günther Grimme: Der goldene Dom der Ottonen. S. 52.
  8. Herta Lepie, Georg Minkenberg: Die Schatzkammer des Aachener Domes. S. 63.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schatzkammer-Evangeliar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien