Schloss Linderhof

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Schloss Linderhof, die Südfassade
Fassade des Schlosses
Schloss Linderhof, Blick vom Venustempel auf das Gartenparterre und die Südfassade

Die „Königliche Villa“ Schloss Linderhof in der oberbayerischen Gemeinde Ettal im südlichen Bayern ist ein Schloss des bayerischen Königs Ludwig II. Es wurde in mehreren Bauabschnitten von 1870 bis 1886 errichtet. Das kleine Schloss entstand anstelle des sogenannten „Königshäuschens“ seines Vaters Max II., das 1874 auf einen Platz ca. 200 m westlich des heutigen Schlosses übertragen wurde.

Schloss Linderhof ist das kleinste der drei Schlösser Ludwigs II. und das einzige, das noch zu seinen Lebzeiten vollendet wurde. Linderhof gilt als das Lieblingsschloss des „Märchenkönigs“, in dem er sich mit großem Abstand am häufigsten aufhielt. Das Schloss und die Gartenanlagen sind für Besucher zugänglich. 2009 kamen 451.000 Besucher.

Das Schlossgebäude[Bearbeiten]

Baugeschichte[Bearbeiten]

Kapelle im Linderhof-Garten

An der Stelle des späteren Schlosses Linderhof befand sich ursprünglich ein einfaches Bauernhaus von 1790, das unter Max II. in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Jagdsitz umgebaut wurde. Dieses Königshäuschen war noch als regionales Holzhaus auf einem Steinsockel errichtet, der eigentliche Linderhof war ein benachbarter Bauernhof, auf dessen Grundstück sich das Jagdhaus befand.

Ab 1868 - Ludwig II. war vier Jahre zuvor im Alter von 18 Jahren gekrönt worden - begann der junge König mit den ersten Plänen für mehrere Schlösser außerhalb der ihm verleideten Hauptstadt München. Aus seinem Interesse an der mittelalterlichen Ritterkultur und der musikalischen Sagenwelt Richard Wagners gingen als erstes Entwürfe für das Schloss Neuschwanstein hervor, mit dessen Bau ab 1869 begonnen wurde. 1867 hatte der König begonnen, sich mit der materiellen Kultur an den Höfen der absolutistischen Könige von Frankreich Ludwig XIV., XV. und XVI. zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang reiften bei Ludwig. II. Ideen, im Graswangtal in der Nähe des Jagdhauses ein Schloss nach dem Vorbild des Schlosses von Versailles zu errichten, das ganz im Zeichen der französischen Bourbonen-Könige stehen sollte. Dieses Projekt wurde zunächst als Meicost-Ettal bezeichnet, wobei es sich um ein Anagramm des Ludwig XIV. zugeschriebenen Zitats L’État, c’est moi („Der Staat bin ich“) handelte. Das Gelände des engen Tals erwies sich für den geplanten Schlossbau als zu klein, und so wurde der Palast schließlich ab 1878 auf der Herreninsel im Chiemsee erbaut, das Neue Schloss Herrenchiemsee.

I. Als Alternative trat für Linderhof der Gedanke eines kleineren Refugiums (Rückzugsortes) analog zu der durch Ludwig XIV. ab 1678 in der Nähe von Versailles errichteten Pavillonanlage von Marly auf.[1] Nachdem 1869 das Königshäuschen im Graswangtal im Inneren umgestaltet worden war, ließ Ludwig II. nach seinen Vorstellungen 1870 durch den Architekten Georg von Dollmann das Gebäude zunächst um einen Ostflügel in nördlicher Richtung erweitern. Der neue Trakt war bis dahin als Einzelstück gedacht. Er enthielt im Obergeschoss einen Hauptraum auf ovalem Grundriss mit zwei Annexen auf hufeneisenförmigem Grundriss und zitierte damit typische Grundrissformen der barocken Architektur. Eine repräsentative Fassade in Anlehnung an diese Epoche besaß er jedoch nicht.

II. Ab Frühjahr 1871 wurde ein gleichstrukturierter Westflügel hinzugefügt und beide Bauten durch einen Verbindungsflügel auf der Nordseite (Bergseite) ergänzt, der eine erste (nicht erhaltene) Version des königlichen Schlafzimmer enthielt. Darin stand ein prunkvolles Bett an der Südwand, sodass wie heute der Blick durch die Fenster nach Norden auf den Berghang ging. Das Köngigshäuschen befand sich weiterhin im Süden, allerdings nun außerhalb der neuen nördsüdlichen Mittelachse. Ludwig ließ das Jagdhaus noch nicht abreißen, da er einen hohen emotionalen Bezug zu dem Gebäude hatte.

III. Ab Februar 1873 wurde dann das Schloss mit Steinfassaden in Anlehnung an den Rokokostil umschlossen und das Dach ergänzt. Im Folgejahr wurde das Königshäuschen an seinen heutigen Standort versetzt, etwa zweihundert Meter westlich des Schlosses, wo es sich noch heute befindet. Die damit offene Südflanke wurde durch den Südtrakt geschlossen, so dass Linderhof seitdem eine kompakte Schlossanlage bildet. Im Südtrakt richtete Ludwig auf Höhe der älteren Räume eine kleine Raumfolge ein, die sich symmetrisch um den nach Süden ausgerichteten Spiegelsalon in der Mittelachse gruppierte und als Enfilade (in einer Achse sich öffnende Türen) darbot. 1876 war dieser Bereich im Inneren vollendet. Der Zugang zum Hauptgeschoss erfolge nun über ein Vestibül im Erdgeschoss des Südtraktes und eine zweiarmige Treppe im ehemaligen Innenhof des Gebäudes. 1874 lag auch die Planung der Parkanlage durch Hofgartendirektor Carl Joseph von Effner vor, die sich vor allem vor der neuen südlichen Haupt- und Eingangsfassade ausdehnte.

IV. 1885/1886 wurde als letzte Baumaßnahme das Schlafzimmer zu seiner heutigen Größe durch Julius Hofmann erweitert und die Arbeiten nach dem Tode Ludwigs in vereinfachter Form zu Ende geführt.

Schloss Linderhof zitiert in seiner Gestalt französische Lustschlösser (Maisons de Plaisance) des 18. Jahrhunderts, die Ludwig aus zeitgenössischen Kunsttraktaten und späteren Beschreibungen kannte. Ebenso werden Motive des bayerischen Rokokos in der Münchner Residenz und Schloss Nymphenburg (Amalienburg) aufgegriffen. In der Gesamtstruktur ist es jedoch ein eigenes Bauwerk ohne direkte Vorbilder. Von nicht unerheblicher Bedeutung ist die Tatsache, dass S. M. Ludwig II., König von Bayern, bei den Bauarbeiten für Schloss Linderhof zu einem erheblichen Teil Holz aus der Umgebung verwenden und die Arbeiten von ansässigen Holzarbeitern ausführen ließ. Es ist dem Schloss nicht anzusehen, dass es eigentlich voll aus Holz gebaut und nur mit Putz verkleidet ist. Etwa zu diesem Zeitpunkt führte der König auch die "Lohnfortzahlung im Krankheitsfall" ein.

Das östliche Gobelinzimmer, Fotografie um 1900

Die Innenräume[Bearbeiten]

Schloss Linderhof hat durch seine wechselvolle Baugeschichte einen komplexen, aber doch symmetrischen Grundriss. Das Obergeschoss mit den Wohnräumen des Königs beherbergt insgesamt zwei große Säle, den Treppenaufgang, vier annähernd hufeisenförmige Kabinette, je ein ovales Ess- und Arbeitszimmer, sowie die den Spiegelsaal flankierenden Gobelinzimmer. In der nördsüdlich verlaufenden mittleren Achse befinden sich die größten Räume des Schlosses – das Schlafzimmer im Norden und der Spiegelsaal im Süden – die seitlichen Trakte beherbergen die kleineren Salons und die Kabinette. Alle Räume sind überreich im Stile des Neorokoko ausgestattet, kaum eine Wand- oder Deckenfläche ist ohne Dekoration. Die Entwürfe für die Innenausstattung stammen unter anderem von Christian Jank. Das Speisezimmer des Schlosses ist, ähnlich dem Speisesaal auf Herrenchiemsee, mit einem Tischleindeckdich ausgestattet, das heißt, dass der Tisch des Esszimmers durch eine Mechanik nach unten in die Küche gelassen werden konnte. Dort wurde er gedeckt und in Handarbeit wieder nach oben gefahren, so dass der König ohne die Anwesenheit seiner Bediensteten speisen konnte.

Der größte Raum auf Linderhof ist das nach Norden gerichtete königliche Schlafzimmer, heute in einer zweiten Version erlebbar. Es ist in seiner Erscheinung an das Schlafzimmer des französischen Sonnenkönigs angelehnt, jedoch in anderen Formen und Farben gestaltet. Wie in Versailles (oder der Münchner Residenz) findet man eine Abtrennung des Bettteils vom Rest vom Raum, was erlauben würde, die erste und letzte Audienz eines Tages am Bett zu halten, wie es der Sonnenkönig tat. Zu Ludwigs – des Bayern – Zeiten war diese Vision jedoch passé: Der König der Konstitutionellen Monarchie Bayern hatte eine völlig andere politische Bedeutung als der absolutistische Herrscher Frankreichs. Die Verehrung des französischen Königshauses durch Ludwig II. findet sich in zahlreichen weiteren Details. So sind im Plafond des Speisesaals Szenen aus dem Leben am Hofe von Versailles dargestellt, die hufeisenförmigen Kabinette mit Porträts französischer Höflinge und Adliger - unter anderem Madame Pompadour und Madame Dubarry - geschmückt und im Treppenhaus ist eine Prunkvase aus der Manufaktur von Sèvres ausgestellt.

Der Schlossgarten[Bearbeiten]

Blick vom Schloss auf das Gartenparterre und die Anhöhe mit dem Venustempel

Mit dem Bau des Schlosses wurde zwischen 1874 und 1880 auch der Schlossgarten angelegt, mit dessen Planung Ludwig II. Carl von Effner beauftragte. Die Parkanlage vermischt in sich verschiedene Gartenformen: Um das Schloss ist ein formaler Garten angelegt, der Anleihen aus Barock- und Rokokogärten in sich vereint. Der den Ziergarten umschließende, großflächige Park innerhalb des Graswangtals folgt den Vorbildern englischer Landschaftsgärten mit Baumgruppen und verschlungenen Wegen.

Der formale Garten ist annähernd kreuzförmig angelegt, den Mittelpunkt dieses Kreuzes bildet das Schloss mit dem großen Bassin davor, aus dem eine bis zu zweiundzwanzig Meter hohe Fontäne schießt. Entlang der in nordsüdlicher Richtung ausgerichteten Hauptachse steigt der Garten, dem Verlauf des Geländes folgend, vor und hinter dem Schloss den Hang hinauf und ist durch Terrassen und Treppen gegliedert. Die seitlichen Bereiche sind Bosketten ähnlich gestaltet. Der gesamte Schlosspark Linderhofs ist mit zahlreichen Zierbauten und Follies versehen. Auf der Anhöhe der Terrassenanlage befindet sich ein kleiner Venustempel, die Anhöhe hinter dem Schlafzimmertrakt ist mit einer Kaskade geschmückt und endet im sogenannten Neptun-Brunnen. Als exotische Parkbauten finden sich neben dem Königshäuschen unter anderem der Maurische Kiosk, das Marokkanische Haus, die sogenannte Hundinghütte und die Einsiedelei des Gurnemanz. Ein besonderes Bauwerk ist die künstliche Venusgrotte, die Bezug auf Richard Wagners Tannhäuser nimmt und als Interpretation der Grotte im Venusberg gestaltet wurde.

Linderhof, Maurischer Kiosk

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Tobias Hoffmann: Schloß Linderhof. Eine Maison de Plaisance? Eine bautypologische Untersuchung. 1999, S. 6–8.

Literatur[Bearbeiten]

  • Monika Bachmayer: Schloss Linderhof. Architektur, Interieur und Ambiente einer „Königlichen Villa“. München 1977 (München, Universität, Dissertation, 1977).
  • Beate Goertz: Schloß Linderhof. Die Innenraumgestaltung der beiden Schlafzimmer. Wien 1996 (Wien, Universität, Diplom-Arbeit, 1996).
  • Tobias Hoffmann: Schloß Linderhof. Eine Maison de Plaisance? Eine bautypologische Untersuchung (= Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München. Bd. 72). tuduv-Verlags-Gesellschaft, München 1999, ISBN 3-88073-571-9 (Zugleich: München, Universität, Magisterarbeit).
  • Peter O. Krückmann: Linderhof (= Prestel-Führer compact). Prestel, München u. a. 2000, ISBN 3-7913-2371-7.
  • Rolf Linnenkamp: Die Schlösser und Projekte Ludwigs II. (= Heyne 7215 Heyne-Sachbuch). 2., verbesserte Auflage. Wilhelm Heyne, München 1986, ISBN 3-453-02269-6, S. 88–126.
  • Christian Misniks, Jörg Plesse: Linderhof. Schloß und Park. Linderbichl, Oberammergau 2000, ISBN 3-934883-00-1.
  • Jean Louis Schlim: Ludwig II. Traum und Technik. 2., veränderte und ergänzte Auflage. München-Verlag, München 2010, ISBN 978-3-937090-43-6.
  • Elmar D. Schmid, Gerhard Hojer: Schloss Linderhof. Amtlicher Führer. 1. Auflage der Neufassung. Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, München 2006, ISBN 3-932982-67-3.
  • Marcus Spangenberg, Sacha Wiedenmann (Hrsg.): 1886. Bayern und die Schlösser König Ludwigs II. aus der Sicht von Hugues Krafft. = 1886. Louis II, ses Chateaux et la Bavière selon Hugues Krafft. Schnell & Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2470-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schloss Linderhof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Schloss Linderhof – Reiseführer

47.5703310.958176111111Koordinaten: 47° 34′ 13″ N, 10° 57′ 29″ O