Sonntagsfrage

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Als Sonntagsfrage (auch Wahlabsichtsfrage) wird in der deutschen und österreichischen Meinungs- und Wahlforschung die Frage nach der aktuellen Wahlabsicht bezeichnet. Die Frage hat sich als Standardinstrument der empirischen Forschung durchgesetzt und wird von akademischen sowie kommerziellen Umfrageinstituten eingesetzt. Sie wird als Grundlage zur Berechnung der aktuellen Wahlmeinung und für Projektionen verwendet.[1]

Bei der Bundestagswahl 2005 lagen die Vorhersagen aller Meinungsforschungsinstitute weit vom tatsächlichen Wahlergebnis entfernt. So wurde der Union bis zu acht Prozentpunkte zu viel vorausgesagt.[2]

Periodik[Bearbeiten]

Die Sonntagsfrage wird in Deutschland seit 1949 regelmäßig erhoben, so dass sich mit ihr Trends feststellen und zeitliche Beziehungen darstellen lassen.

Vor Wahlen häufen sich Veröffentlichungen von Sonntagsfragen, die in der Wahlkampffreien Zeit regelmäßig, oft im Monatsrhythmus, erhoben wird. Dabei stellt die Sonntagsfrage nur ein aktuelles Meinungsbild (Projektion) in der Bevölkerung dar und ist nur bedingt zur Prognose des tatsächlichen Wahlergebnisses geeignet, auch wenn sie von Medien und Parteien häufig als Prognose bezeichnet wird.[3] Von den Forschungsinstituten werden überwiegend nur Projektionen veröffentlicht, die unter Berücksichtigung weiterer Faktoren, wie der langfristigen Parteiidentifikation, die erhobenen Daten der Sonntagsfrage modifizieren. Welche Faktoren die Institute dabei verwenden, gehört zu deren Betriebsgeheimnis.[4]

Methodik[Bearbeiten]

In Deutschland hat sich der Wortlaut „Wenn am nächsten Sonntag (tatsächlich/wirklich) Bundestagswahl wäre, welche der folgenden Parteien würden Sie dann wählen?“ durchgesetzt, der an die jeweilige politische Ebene (Landes-, Bundes-, Europaebene) angepasst wird. Abhängig vom Studiendesign oder der Tradition des erhebenden Instituts wird die Frage sowohl mit vorgegebenen Parteinamen als auch offen gestellt.[1]

Der Deutsche Presserat empfiehlt den Print-Medien in seinem Pressekodex, Umfragen immer verbunden mit der Zahl der Befragten, dem Zeitpunkt der Befragung, dem Auftraggeber sowie der exakten Fragestellung zu veröffentlichen und anzugeben, ob die Umfrage methodisch als repräsentativ gelten kann.

Datenerhebung[Bearbeiten]

Die Meinungsforschungsinstitute wenden unterschiedliche Interview-Methoden an, um die Primärdaten zur Sonntagsfrage zu erheben.[5]

Persönliche (face-to-face) Interviews[Bearbeiten]

Bei dieser Interview-Methode wird eine zufällig ausgesuchte Zielperson zu Hause aufgesucht und gebeten, eine vorgegebene Liste von Fragen zu beantworten. Diese Methode ist so alt wie Meinungsforschung selbst und war über viele Jahre die einzige fachlich anerkannte Methode zur Datenerhebung. In vielen Meinungsforschungsinstituten wurde sie in den 1980er bis 1990er Jahren aus Kostengründen allmählich durch Telefoninterviews ersetzt.[6]

Telefoninterviews[Bearbeiten]

In Telefoninterviews wird eine Liste von zufällig ausgewählten Telefonnummern durchgearbeitet. Dabei kann die Befragung am Telefon durch eine Person erfolgen, oder die Daten werden durch eine automatische Mitteilung und Wahlmöglichkeit seitens des Angerufenen erhoben. Telefoninterviews als Methode zur Datenerhebung sind wissenschaftlich umstritten.[7]

  • Emnid: Fragt telefonisch nach der Parteienpräferenz. Dabei liest der Anrufer eine Liste von Parteien vor. Die Liste besteht derzeit (Stand: Anfang September 2013) aus folgenden Parteien: CDU, CSU, FDP, SPD, GRÜNE, LINKE, AfD und PIRATEN. Ist die Präferenz des Angerufenen nicht vorhanden (z. B. NPD oder Freie Wähler), wird er aufgefordert, die Partei seiner Präferenz zu nennen.
  • Infratest Dimap: Fragt telefonisch nach der Parteienpräferenz, ohne eine Liste vorzulesen. Der Angerufene wird aufgefordert, die Partei seiner Präferenz zu nennen.
  • Forsa: Fragt telefonisch nach Parteienpräferenz, ohne eine Liste vorzulesen. Der Angerufene wird aufgefordert, die Partei seiner Präferenz zu nennen.

Politische Stimmung und Projektion[Bearbeiten]

Die Rohdaten aus der Befragung geben die Politische Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage wider.[8] Zur besseren Einschätzung des Ergebnisses werden zusammen mit der Sonntagsfrage Bewertungen zu aktuellen Themen (z.B. Reformprogramme, Steuerpolitik, Kriegsgefahr und Sonstiges) abgefragt und in Beziehung zum ermittelten Wahlergebnis gesetzt. Es ist auch üblich und aufschlussreich, zu bestimmten Themenkomplexen (wirtschaftliche Kompetenz, Sozialpolitik, Ausstrahlung des Spitzenkandidaten …) unterschiedliche Entscheidungen zuzulassen und so die Stärken und Schwächen einer Partei differenzierter darzustellen, als es bei einer tatsächlichen Wahl möglich wäre. Die Ergebnisse der Sonntagsfrage unterliegen einem Wahlzyklus. Diese Daten fließen in die Projektion ein, die die politische Stimmungslage zu einer Aussage über das tatsächlich zu erwartende Wahlverhalten korrigieren soll. Neben der politischen Stimmung fließen hier auch Erfahrungen über mittel- und längerfristige Bindungen der Wähler, taktisches Wahlverhalten (z.B. unterschiedliche Erst- und Zweitstimme) und ein „Time-lag“ ein.[8]

Kritik[Bearbeiten]

Für öffentliche Kritik sorgten Umfragen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 1992 und Landtagswahl in Baden-Württemberg 1996, bei denen das Allensbach Institut die Umfragewerte der Partei Die Republikaner viel zu niedrig ansetzte. Allensbach prognostizierte 4,5 bzw. 4 Prozent Stimmenanteil. Die tatsächlichen Wahlergebnis der Republikaner lagen jedoch bei 10,9 und 9,1 Prozent. In einem Interview zu den Vorfällen räumte die Geschäftsführerin Renate Köcher ein, dass sie der Partei keine Plattform bieten wolle und daher die im Vorfeld der Wahl ihr bekannten höheren Umfragewerte nicht veröffentlicht hatte. Dieses Vorgehen stieß in der Publizistik und Wissenschaft auf Kritik.[9][10][11]

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 warf der Vorsitzende der neu gegründeten AfD, Bernd Lucke, mehreren Instituten öffentlich vor, die Umfragewerte zu Ungunsten der AfD zu manipulieren, obwohl sie nach seinen Informationen in den Rohdaten deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde liege.[12] Das Forsa-Istitut erwirkte daraufhin beim Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung mit strafbewährter Unterlassungserklärung gegen den AfD-Vorsitzenden.[13]

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Gibowski, einst für das ZDF-Politbarometer aktiv, äußerte sich folgendermaßen zur Zuverlässigkeit von Wahlumfragen: „Es ist unstrittig, dass Ergebnisse der Sonntagsfrage (…) oft sehr unrealistisch waren.“ Die tatsächliche Wählerschaft entspricht nicht den Teilnehmern der Wahlumfrage, da ein Teil der ausgelosten nicht telefonisch befragt werden können, da sie nicht erreichbar sind oder eine Teilnahme ablehnen. Der Chef des Forsa-Meinungsforschungsinstitutes Manfred Güllner folgert: „Kein Institut kann bei einer Sonntagsfrage ein hundertprozentig repräsentatives Publikum der tatsächlichen Wählerschaft befragen. Es bleiben unterm Strich immer Unsicherheiten und Unschärfen.“

Außerdem lassen sich Leihstimmen (taktische Wahlentscheidung), die beispielsweise von der CDU auf die FDP übertragen werden, nur unzureichend erfassen. Zu diesem Aspekt gehört auch, dass die meisten Institute gar nicht getrennt nach Erst- bzw. Zweitstimmen fragen, sondern nur nach einer Parteien-Präferenz.

Eine weitere Ungenauigkeit der Wahlumfragen ergibt sich daraus, dass Wahlentscheidungen zunehmend erst unmittelbar vor dem Urnengang getroffen werden, teilweise erst spontan in der Wahlkabine.

Des Weiteren besteht keine Möglichkeit, zuverlässig zu erfahren, wer auch tatsächlich an der Wahl teilnehmen wird. So können von den Befragten die Wahlabsicht lediglich behauptet werden, da eine Angabe der Wahlenthaltung als politisches Desinteresse aufgefasst und eine Stigmatisierung befürchtet werde.[14]

Bei zu geringen Fallzahlen für eine Partei ist keine Auswertung möglich.[15]

Ein weiterer Kritikpunkt ist die intransparente Erhebungsmethodik, da die Rohdaten jeweils noch mit einem institutsinternen, geheimen Faktor gewichtet werden.

Die Prognose muss sich nicht dem Vergleich mit dem tatsächlichen Wahlergebnis stellen. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte einmal dazu: „Die Sonntagsfrage sagt nicht viel aus, weil alle Befragten ganz genau wissen: Sonntag ist gar keine Wahl.“[16]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Jochen Groß: Die Prognose von Wahlergebnissen. Ansätze und empirische Leistungsfähigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN 978-3-531-17273-6, S. 48ff.
  2. Miriam Hollstein, Manuel Bewarder: Die Orakel der Nation. Welt am Sonntag, 27. März 2011
  3. Lena-Maria Schaffer, Gerald Schneider 2005: Die Prognosegüte von Wahlbörsen und Meinungsumfragen zur Bundestagswahl 2005. In Politische Vierteljahresschrift, 46-4, S. 674–681
  4.  Jochen Groß: Die Prognose von Wahlergebnissen. Ansätze und empirische Leistungsfähigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN 978-3-531-17273-6, S. 54f.
  5. Günther Lachmann: Warum die AfD so schlechte Umfragewerte hat. Die Welt, 5. Juni 2013
  6. Don A. Dillman: “Navigating the Rapids of Change: Some Observations on Survey Methodology in the Early 21st Century.” Public Opinion Quarterly (2002) 66(3):4
  7. Edith De Leeuw, Mario Callegaro, Joop Hox, Elly Korendijk und Gerty Lensvelt-Mulders: "The Influence of Advance Letters on Response in Telephone Surveys" Public Opinion Quarterly (2007) 71 (3):413
  8. a b Glossar zur Umfrageforschung. Begriffe bei der Forschungsgruppe Wahlen
  9. Dieter Roth 2009: Demoskopie und Politik - Zum Verhältnis und den Missverständnissen zwischen zwei stark kritisierten Professionen. In: Jürgen Winkler (Hrsg.) Politik-Wissenschaft-Medien, ISBN 3531166212, S. 250f.
  10.  „Solide ermittelt“. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1996, S. 27 (1. April 1996, Interview, online).
  11.  „Meinungsforschung – Unheil aus der Urne“. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1996, S. 26f (1. April 1996, Interview, online).
  12. AfD-Chef Bernd Lucke„Es gibt ein Problem mit den Meinungsumfragen“, Handelsblatt, 30. August 2013
  13. Zoff um Umfragedaten: AfD kassiert Schlappe im Rechtsstreit mit Forsa, Spiegel Online, 17. September 2013
  14. Hans Peter Schütz: Demoskopie: Die Tücken der Wahlumfragen. Stern, 20. August 2013
  15. Martin Lindner bei Stuckrad-Barre: Das raucht die FDP! Stern, 25. Oktober 2012
  16. Konrad Fischer: Wahlforscher in der Krise. Wirtschaftswoche, 23. Mai 2013 (online S. 3 von 4)