Stromausfall in Nordamerika im November 1965

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Betroffene Gebiete, in denen jedoch nicht sämtliche Städte betroffen waren

Der Stromausfall in Nordamerika im November 1965 begann am frühen Abend des 9. November 1965 und war eine großflächige Unterbrechung in der elektrischen Energieversorgung im Nordosten der USA und Teilen von Kanada. Betroffen waren die Bundesstaaten Connecticut, Massachusetts, New Hampshire, Rhode Island, Vermont, New York, New Jersey sowie Teile von Ontario. Etwa 30 Millionen Menschen in einem Gebiet von ca. 207.000 km² waren bis zu zwölf Stunden ohne Versorgung.

Ursache[Bearbeiten]

Unmittelbare Ursache war menschliches Versagen. Hinzu kam eine mangelhafte Überwachung der Stromnetze, die in diesem Gebiet damals häufig bis an ihre Belastungsgrenze stießen. Einige Tage zuvor hatte Wartungspersonal das Distanzschutzrelais einer Hochspannungsleitung an einem Kraftwerk in der Nähe der Niagara-Fälle auf einen zu niedrigen Auslösewert eingestellt. Einige Tage später – es war ein kalter Novembernachmittag – wurde das Stromnetz im Süden Ontarios an die Grenze seiner Belastbarkeit gebracht.

Um 17:16 Uhr Eastern Time löste der falsch eingestellte Distanzschutzrelais unterhalb der Belastungsgrenze der Leitung aus, wodurch eine Hauptversorgungsleitung in Ontario ausfiel. Benachbarte Leitungen wurden entsprechend stärker belastet, wodurch die dort korrekt eingestellten Netzschutzelemente ebenfalls auslösten. Die sogenannte N-1-Regel war damals im Stromnetz nicht erfüllt, daher breitete sich der Fehler nach Art eines Dominoeffektes im Netz aus.

Die Generatoren der nicht mehr am Netz befindlichen Kraftwerke wurden mittels kraftwerkseitigen Lastabwurf unmittelbar in der Leistung reduziert, um keinen Schaden zu nehmen. Ein zuverlässiges Lastmanagement hätte mittels Lastabwurf im Stromnetz einzelne, fehlerhaften Netzregionen vom übrigen nordöstlichen Netz trennen müssen, um den Fehler in der räumlichen Ausdehnung zu begrenzen. Dies geschah nicht.

In Buffalo und Niagara Falls blieb die Versorgung durch regionale Kraftwerke erhalten, die nun aber vom Rest des nordöstlichen Versorgungsnetzes getrennt waren. Innerhalb von nur fünf Minuten war das gesamte nordöstliche Versorgungsnetz in ein Chaos gestürzt. Die Südstaaten, die damals nur über wenige Leitungen mit dem Norden verbunden waren, wurden nicht betroffen. Ebenfalls nicht betroffen war die Region um Fort Erie, da dort noch ältere 25-Hertz-Generatoren liefen, die ohnehin nicht direkt mit den 60-Hertz-Netzen verbunden werden konnten.

Betroffene Radio- und Fernsehstationen[Bearbeiten]

In Fort Erie war man in der Lage, eine Fernsehstation aus New York zu empfangen, die über Notstrom verfügte.

Die meisten Fernsehstationen und etwa die Hälfte aller Radiostationen verfügten nicht über eine Notstromversorgung und fielen aus. In der New Yorker Radiostation WABC bemerkte der Moderator Dan Ingram, dass die Plattenspieler zu langsam liefen. Die Geräte benutzten normalerweise die Netzfrequenz von 60 Hz, um den Gleichlauf zu gewährleisten. Obwohl die Spannung zunächst noch normal war, verursachte die Überlastung im Versorgungsnetz ein Absinken der Frequenz zunächst auf 56 Hz und dann auf 51 Hz. Dadurch liefen die Plattenspieler langsamer als sonst, was man deutlich hörte. Kurz danach wurden die Lichter im Studio schwächer. Die Nachrichten begannen um 17:25 Uhr Eastern Time mit der Meldung über die Selbstverbrennung von Roger Allen LaPorte vor dem UN-Hauptquartier aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Als die nächste Meldung verlesen werden sollte, wurde die Stromversorgung langsam immer schwächer und schwächer bis zum völligen Erliegen.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Einige Städte, die über regionale Gaskraftwerke verfügten, blieben weiter versorgt. In New York City wurde es gegen 17:27 Uhr dunkel, jedoch waren nicht alle Stadtteile betroffen. Glücklicherweise war das Wetter klar und der Vollmond schien, so dass auf diese Weise etwas Beleuchtung vorhanden war. Die Nacht blieb erstaunlich ruhig und friedlich. Es wurde nur über fünf Fälle von Plünderungen berichtet, ganz im Gegensatz zum Stromausfall in New York von 1977, wo es massive Plünderungen und Brandstiftungen gab. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1965 gehörte zu denjenigen mit den wenigsten Verbrechen in der Geschichte von New York City seit Beginn der Kriminalitätsstatistik.[1]

Die New York Times brachte eine zehnseitige Notausgabe heraus und nutzte dafür die Druckmaschinen der Newark Evening News, die noch Strom hatten.

Wiederherstellung der Versorgung[Bearbeiten]

Viele Kraftwerke hatten keine Hilfsenergie oder Dieselgeneratoren, mit denen sie ihre Maschinen neu hätten starten können, man spricht in diesem Fall von nicht schwarzstartfähigen Kraftwerken. Brooklyn war bis Mitternacht wieder versorgt, der Rest von New York bis etwa 7 Uhr am nächsten Morgen. Als günstig erwies sich die Tatsache, dass die Eastman Kodak Company in Rochester ein eigenes, unabhängiges Kraftwerk hatte, welches weiterlief und Strom zum Starten der Generatoren in der Umgebung liefern konnte. So konnten nach und nach die Systeme wieder hochgefahren werden.

Nach dem Stromausfall wurden Maßnahmen getroffen, um eine Wiederholung möglichst zu vermeiden. Beispielsweise wurde der Northeast Power Coordinating Council gegründet, um Informationen zwischen den Versorgern auszutauschen und Maßnahmen zu koordinieren. Es wurde festgestellt, dass die Spannungen und Ströme im Verteilungsnetz nicht ausreichend überwacht wurden, was maßgeblich zu diesem Stromausfall beitrug. Ein rechtzeitiges Erkennen von Überlastungen hätte Schlimmeres verhindern können und ein großräumiges Zusammenbrechen des Systems verhindert.

Mythen und Legenden[Bearbeiten]

Eine Großstadtlegende besagt, dass neun Monate nach dem Stromausfall die Geburtenrate in den betroffenen Gebieten kurzfristig stark angestiegen sei.[2] In die Welt gesetzt wurde diese Legende durch drei Artikel in der New York Times vom August 1966, in denen ortsansässige Ärzte behaupteten, die Geburtenrate sei angestiegen. Diese Legende wurde jedoch 1970 widerlegt, nachdem eine umfangreiche Studie der University of North Carolina ergab, dass keine signifikante Erhöhung der Geburtenrate eingetreten war.

Noch während des Stromausfalls glaubten viele, dies seien bereits Auswirkungen eines beginnenden Atomkrieges oder zumindest auf Sabotage durch fremde Mächte zurückzuführen. Diese Einstellung entsprach dem Zeitgeist der 1960er Jahre in den USA.

Da auch am nächsten Tag noch kein Grund für den Stromausfall erkennbar war, wurden von mehreren Autoren und Kommentatoren UFOs dafür verantwortlich gemacht. Auch diese Ansicht lässt sich am ehesten mit dem Zeitgeist erklären. Sogar mehrere Sichtungen von UFOs wurden gemeldet. Ein zunächst unerklärlicher Blitz in der Nähe von Syracuse in der wolkenlosen Nacht war wahrscheinlich ein Lichtbogen zwischen einer Hochspannungsleitung und einem Baum.

Der Stromausfall von 1965 bildete die Rahmenhandlung für den Film Wo warst Du als das Licht ausging? mit Doris Day aus dem Jahre 1968.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David Frum: How We Got Here: The ’70s, Basic Books, 2000, ISBN 0-465-04195-7
  2. From Here to Maternity

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]