Sturmflut

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Sturmflut (Begriffsklärung) aufgeführt.
Historische Darstellung einer Sturmflut mit Deichbruch 1661

Eine Sturmflut ist ein durch Sturm mit auflandigen Winden erhöhter Tidenstrom.

Beschreibung

Elbterrassen in Otterndorf bei Sturmflut

Von einer Sturmflut wird gesprochen, wenn der Tidenhöchststand das mittlere Tidenhochwasser um 1,5 Meter oder mehr übersteigt. Ab 2,5 Meter wird von einer schweren Sturmflut und ab 3,5 Meter wird von einer sehr schweren Sturmflut gesprochen. Sturmfluten treten verstärkt im Frühjahr und im Herbst auf. Die Deutsche Bucht ist nach Ansicht des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) eines der am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete weltweit. Bedingt durch die Geographie der Nordseeküste und den Trichtereffekt der Elbmündung tritt dieses Phänomen dort häufiger auf als anderswo.

Sturmfluten bedeuten eine Gefahr für die betroffenen Küstenregionen durch Überschwemmungen, soweit sie die von Menschen geschaffenen Deiche durchbrechen. Sturmfluten verleihen Wellen eine erhebliche Energie. Im Mittelalter veränderten im Nordseebereich Sturmfluten den Küstenverlauf und schufen großräumige Meeresbuchten wie den Jadebusen und den Dollart.

Geschichte der Sturmfluten der Nordseeküste

Darstellung eines Deichbruchs von 1718. Wahrscheinlich bezogen auf die Weihnachtsflut von 1717
Betroffenes Gebiet bei einer sehr schweren Sturmflut von 4,5 m bei einem Deichbruch am Glameyer Stack, Otterndorf

Sturmfluten und ihre Wirkungen sind seit der Römerzeit bekannt. Zuverlässige Angaben gibt es dabei – bis in die neuere Zeit hinein – allenfalls für das Ausmaß der jeweiligen Landverluste. Welche Sturmflut im Hinblick auf die Zahl der Toten die verheerendste war, ist nicht bekannt. Die früheren Angaben zur Zahl der Toten sind sehr widersprüchlich; es ist zu vermuten, dass einige Zahlen im Hinblick auf die mittelalterliche Siedlungsdichte an der Nordsee deutlich zu hoch angesetzt wurden.

Auf um 340 v. Chr. wird die große Cimbrische Flut datiert. Um 120 bis 115 v. Chr. scheinen in Jütland durch eine Sturmflut viele Menschen umgekommen zu sein. Dies kann einer der Faktoren für die Völkerwanderung der Kimbern und Teutonen gewesen sein. Um 1134 ereignete sich eine Sturmflut in Flandern. Als Folge davon entstand ein Seearm (Zwin), der sich bis nach Brügge erstreckte und der Stadt später über das kanalisierte Flüsschen Reie den Zugang zum Meer bot. Bei der Julianenflut im Gebiet der Weser und Elbe und in Ostfriesland starben um die 20.000 Menschen.[1][2] Die bedeutendsten Sturmfluten des Mittelalters sind die Erste Marcellusflut des Jahres 1219 und die Zweite Marcellusflut oder Grote Mandränke von 1362. In beiden Fluten veränderte sich der Küstenverlauf drastisch: Inseln wurden zerstört, geteilt oder geschaffen und große Landstriche des Festlands gingen über Nacht verloren. Es gab Zehntausende von Toten und Dutzende verlorene Dörfer. In der Ersten Marcellusflut wurde die Zuidersee, das heutige IJsselmeer geschaffen, wobei etwa 36.000 Menschen starben. Bei der Groten Mandränke gehen die – vielleicht etwas hoch gegriffenen – Schätzungen bis 100.000 Todesopfern. Sicher ist, dass 30 Dörfer in einer Nacht vernichtet wurden, infolge der Sturmflut durch die zerstörten Deiche insgesamt 44 Dörfer. Viele andere Dörfer wurden für viele Jahre von der Umgebung abgeschnitten und wurden zu Inseln, so auch Asel bei Wittmund.

Seit dem Mittelalter hat sich auf niederländischem Gebiet in jedem Jahrhundert eine Flutkatastrophe ereignet, bei der hoher Schaden entstand und viele Opfer zu beklagen waren. 1347 und 1376 rissen die Sturmfluten weite Landesteile weg und vernichteten hunderte Dörfer mit ihren Bewohnern, der Dollart entstand und der Jadebusen wurde um ein Vielfaches vergrößert. Im 15. Jahrhundert war es die Elisabethenflut 1421, im 16. Jahrhundert die Allerheiligenflut des Jahres 1570, im 17. Jahrhundert die Burchardiflut vom 11. Oktober 1634. Durch das nahende Ende der Kleinen Eiszeit wurden die wirtschaftlichen Verhältnisse stabiler; nach der Burchardiflut fand eine wichtige Wende im Deichbau statt, siehe Geschichte des Deichbaus. Im 18. Jahrhundert folgte die Weihnachtsflut von 1717, im 19. Jahrhundert die Februarflut von 1825.

Die Flutkatastrophe von 1953 gilt als die schwerste Sturmflut des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden und England. Vom niederländischen Wetteramt wird nur diese zur Kategorie der schweren Sturmfluten im 20. Jahrhundert gezählt, während sich die in Deutschland besonders verheerende Flut vom 17. Februar 1962 in den Niederlanden lediglich als mittlere Sturmflut äußerte.

Die Opfer der Sturmfluten von 1953 (vor allem in den Niederlanden) und der Sturmflut 1962 (vor allem in Deutschland und Dänemark) waren Anlass für umfangreiche Küstenschutzmaßnahmen, wie die Deltawerke. Diese enormen Investitionen in den Küstenschutz, insbesondere durch Deichbau und Sperrwerke, haben dafür gesorgt, dass die jüngsten Sturmfluten weitaus weniger Schäden verursachten als frühere, niedrigere Sturmfluten.

Andere große Sturmfluten/-hochwasser

Aufzeichnungen der Wasserstände bei Sturmfluten

Gedenkstein mit der Höhenangabe verschiedener Überflutungen in der St. Margarets-Kirche in King's Lynn

Für die Nordsee gibt es erst seit 1840 regelmäßige Aufzeichnungen über Wasserstände; nach Einführung automatischer Pegelschreiber entstanden ab 1880 kontinuierliche Aufzeichnungen. Aus solchen hinreichend langen Beobachtungsreihen werden durchschnittliche Wasserstände berechnet und Eckdaten abgeleitet, die für die Wasserstandsvorhersage verwendet werden, wobei meteorologische Daten die Vorhersagen erleichtern.

Als Wasserstand (WS) wird die aktuelle Höhe eines natürlichen oder künstlichen Wasserspiegels in Bezug auf einen Referenzpunkt oder einen Pegel (Wasserstandsmessung) bezeichnet, wobei länderabhängig unterschiedliche Höhensysteme und Referenzpunkte benutzt werden. Für die Nordsee ist dabei der Amsterdamer Pegel (NAP; Normaal Amsterdams Peil) der wichtigste Bezugspunkt.

Mittelwasser (MW) stellt bei der Wasserstandsmessung den mittleren Stand des Wassers während eines längeren Zeitraums dar, der als arithmetisches Mittel gleichabständiger, meist stündlicher Wasserstände über diesen Zeitraum berechnet wird. Dieser Begriff wird grundsätzlich nur im Binnenland verwendet, wo kein oder nur ein geringer Einfluss durch den Tidenstrom besteht. Mittleres Hochwasser (MHW) ist der abgeleitete mittlere Hochwasserstand beziehungsweise die mittlere Hochwasserhöhe (MHWH). Tidenhub (TH) ist dabei der Höhenunterschied des Wasserstandes im Wechsel der Gezeiten. Besonders hohe Tiden bei Voll- und Neumond werden Springhochwasser (SpHW) beziehungsweise umgangssprachlich Springflut genannt;[3] sie können sich durch Gezeitenwellen und Wind (Driftstrom) zu einer Sturmflut entwickeln.

Steigt das Wasser an der Nordseeküste um mehr als 1,5 Meter über den Mittleren Hochwasserstand (MHW), spricht man von einer Sturmflut, ab 2,5 Meter von einer schweren und ab 3,5  Meter von einer sehr schweren Sturmflut.[4] Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Wind und Gezeiten, wobei sowohl die Windstärke als auch ihre Dauer eine Rolle spielen. Stehen Mond und Sonne in einer Achse zur Erde, addieren sich bei Neumond die Gezeitenkräfte zu einer Springtide, bei der es zu besonders hohen Wasserständen kommt.[5] Sturmfluten sind an der Nordseeküste keine seltene Erscheinung. Sie sind ab 1000 n. Chr. überliefert, sie veränderten den Küstenverlauf und schufen großräumige Meeresbuchten. Sie bedeuten eine Gefahr für die relativ flachen Küstenregionen durch Überschwemmungen, soweit sie über die Deichkronen schwappen oder die Deiche sogar brechen. Die Bewohner der Küstengebiete haben aber gelernt, sich mit der Anlage von Warften, Deichen, Schleusen, Sturmflutwehren und Windmühlen (als Schöpfmühlen zur Entwässerung) zu schützen.

Heutzutage werden Sturmfluten nach der Höhe ihres Wasserstandes in leichte, mittlere und schwere Fluten eingeteilt. So lange es noch keine exakte Statistik der Wasserstände gab, wurden sie nach den durch sie verursachten Schäden bewertet.[6] Durchschnittlich alle zwei Jahre tritt an der niederländischen Nordseeküste eine Sturmflut auf, die als leicht kategorisiert wird und in der Regel ohne größere Schäden verläuft. Gefährlicher, aber auch seltener sind mittlere Sturmfluten, die statistisch nur alle zehn bis 100 Jahre beziehungsweise schwere Sturmfluten, die alle 100 bis 1000 Jahre auftreten.[7]

Sturmfluten und Pegelstände

HöhenSturmflutangaben.svg

Die folgende Tabelle enthält die bei Sturmfluten gemessenen Pegelstände ab 5,00 Meter über NN am Beispiel des Pegels von Hamburg–St. Pauli und im Vergleich dazu die Pegelstände in Cuxhaven (N = Neumond; V = Vollmond):

Datum St. Pauli Cuxhaven Differenz Bemerkungen
03. Jan. 1976 N 6,45 5,10 1,35 Höchster bisher gemessener Pegelstand
06. Dez. 2013 N 6,09 4,64 1,45 zweite von drei Sturmfluten durch Orkan Xaver[8]
28. Jan. 1994 V 6,02 4,50 1,52
10. Jan. 1995 V 6,02 4,48 1,54
03. Dez. 1999 V 5,95 4,50 1,45
24. Nov. 1981 V 5,81 4,75 1,06
23. Jan. 1993 N 5,76 4,34 1,42
28. Feb. 1990 N 5,75 4,44 1,31
05. Feb. 1999 V 5,74 4,50 1,45
17. Feb. 1962 V 5,70 4,95 0,76 siehe Sturmflut 1962
09. Nov. 2007 5,40 4,41 0,99
28. Jan. 2002 V 5,26 3,84 1,42
04. Feb. 1825 V 5,24 4.66 0,58
30. Jan. 2000 N 5,16 3,94 1,22

Erderwärmung

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Im Zuge der globalen Erwärmung durch einen verstärkten Treibhauseffekt wird von Wissenschaftlern mit einer Erhöhung der Sturmflutgefahren durch drei Effekte gerechnet: Erhöhte Sturmwahrscheinlichkeit, Erhöhung der Sturmintensitäten und genereller Anstieg des Meeresspiegels.

Siehe auch

Literatur

Sturmfluten wurden auch Gegenstand literarischer Werke wie beispielsweise in der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm, der darin außerdem recht interessant die Entwicklung im Deichbau an der Nordsee im 19. Jahrhundert beschreibt. Die Sturmflut wird dabei in der deutschen Literatur sowie in Liedertexten oft auch als Blanker Hans bezeichnet.

  • Georg Eilker: Die Sturmfluten in der Nordsee. Verlag W. Haynel, 1877.
  • Norbert Fischer: Wassersnot und Marschengesellschaft. Stade 2003, ISBN 3-931879-12-7
  •  Marcus Petersen, Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an den Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1977, ISBN 3-529-06163-8.
  • Heie Focken Erchinger, Martin Stromann: Sturmfluten - Küsten- und Inselschutz zwischen Ems und Jade, Norden, 2004, ISBN 3-928327-82-8

Weblinks

 Wiktionary: Sturmflut – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Meerstürme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Hans Georg Wunderlich: Einführung in die Geologie, Band I, Exogene Dynamik, Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich, B.I.-Wissenschaftsverlag, Mannheim, 1968, S. 118
  2. Chronik der Sturmfluten auf www.die-ganze-nordsee.de
  3. Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie: Begriffe aus der Gezeitenkunde
  4. Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie: Wie werden Sturmfluten definiert?
  5. Beukema: De orkaan van 1953. S. 14
  6. Marcus Petersen, Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an den Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe. 3. Aufl. Neumünster 1991, S. 9ff. ISBN 978-3-529-06163-9
  7. KNMI: Dossier stormvloed
  8. K. Stockmann: Die Nordseesturmfluten vom 5. und 6.12.2013. Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, abgerufen am 11. Dezember 2013.