Kleine Eiszeit

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Das Gemälde IJsvermaak („Eisvergnügen“) von Hendrick Avercamp zeigt Menschen auf einem zugefrorenen Kanal in den Niederlanden im kalten Winter 1608. Heute dagegen sind die Kanäle im Winter meist eisfrei. Künstlerische Darstellungen solcher Szenen sind nur aus der Zeit zwischen 1565 und 1640 bekannt.

Die Kleine Eiszeit war eine Periode relativ kühlen Klimas von Anfang des 15. bis in das 19. Jahrhundert hinein. Sie gilt in der heutigen Klimadiskussion als das klassische Beispiel einer durch kurzfristige Schwankungen geprägten natürlichen Klimavariation.

Sie ist Forschungsgegenstand der Historischen Klimatologie (siehe auch Klimageschichte).

Auch während der Kleinen Eiszeit gab es erhebliche Klimaschwankungen; zum Beispiel waren die Zeiträume von 1570 bis 1630 und von 1675 bis 1715 besonders kalte Zeitabschnitte (siehe auch Liste von Wetterereignissen in Europa (sortierbar, z.B. für Kälteanomalien)).

Beobachtungen[Bearbeiten]

Der Kleinen Eiszeit ging eine Periode voraus, die als Mittelalterliche Warmzeit bezeichnet wird; sie ist inzwischen weltweit nachgewiesen. Regional und zeitlich unterschiedlich gewichtet lagen die Temperaturen während der Kleinen Eiszeit global um bis zu 0,8 Grad niedriger als während der vorangegangenen Jahrhunderte, in einigen europäischen Regionen auch 1 bis 2 Grad.[1][2] Während der Mittelalterlichen Warmzeit zog sich zum Beispiel im nördlichen Atlantik das Packeis nach Norden zurück, und die Landgletscher verschwanden teilweise. Diese Erwärmung erlaubte es den Wikingern, Island (seit etwa 870) und Grönland (seit 986) zu besiedeln. Das Polarmeer war in beiden Richtungen schiffbar.

Die Kleine Eiszeit war eine Erdabkühlung, die mit regionalen und zeitlichen Schwerpunkten weltweit auftrat und für Europa, später auch für Nordamerika, Russland und China und inzwischen sogar in den polaren Eisbohrkernen nachgewiesen ist. Während dieser Zeit traten häufig sehr kalte, lang andauernde Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer auf. Im 15. Jahrhundert fror mindestens zweimal die Ostsee komplett zu. Mitte des 17. Jahrhunderts und auch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts drangen in den Alpen zweimal die Gletscher vor und zerstörten Gehöfte und Dörfer. Das Gletscherwachstum während der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ war das stärkste seit der letzten langandauernden Vereisung der derzeitigen Eiszeit. Seitdem findet ein deutlicher Gletscherschwund statt.

Die Kanäle und Grachten in den Niederlanden, in Belgien und in Nordfrankreich waren häufig lange zugefroren. So froren Kanäle der Stadt Haarlem laut 1633 beginnenden Aufzeichnungen im Mittel an 28 Tagen zu.[3][4] Bis zur flächendeckenden Verbreitung von Eisenbahn und später LKW waren Kanäle und Fließgewässer die wichtigsten Verkehrswege (siehe auch Liste von Kanälen).

In London fand auf der zugefrorenen Themse mehrmals ein „Frostjahrmarkt“ statt. Im Winter 1780 konnte man den Hafen von New York auf dem Eis sicher überqueren. Auf den Großen Seen in Nordamerika blieb das Eis manchmal bis zum Juni.

Als letzte Markierung der kleinen Eiszeit wird etwa die Große Hungersnot in Irland 1845–1852 gesehen, wobei der Anstieg der Mitteltemperaturen durch den Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 mit dem folgenden Jahr ohne Sommer und dem abnorm kühlen Jahrzehnt verzerrt ist.

Ab etwa 1850 wurde es weltweit wärmer, damit kann das endgültige Ende der Kleinen Eiszeit markiert werden. Seitdem sind die globalen bodennahen Durchschnittstemperaturen um etwa 0,8 °C gestiegen und damit (bezogen auf einen Zeitraum von 50 Jahren) wahrscheinlich wärmer als mindestens seit 1300 Jahren.[5]

Klimazeugen[Bearbeiten]

Temperaturverlauf der letzten 1000 Jahre, rekonstruiert aus verschiedenen Quellen. Die rote Linie markiert den rekonstruierten Verlauf in der nördlichen Hemisphäre. Der schwarze Anstieg rechts ist instrumentell gemessen.

Die Kleine Eiszeit ist durch eine Reihe von Proxydaten (indirekte Klimadaten) nachgewiesen, z.B. durch:

Auch einige Gemälde von damals können als Klimazeugen herangezogen werden: Bekannt sind dafür beispielsweise die Darstellungen von Winterlandschaften Pieter Brueghels, Hendrick Avercamps und anderer niederländischer Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Viele von ihnen zeigen Szenen, in denen zugefrorene Kanäle in den Niederlanden zu sehen sind.[6] Vivaldis Winter-Konzert mit dem dazugehörigen Sonett thematisiert z. B. das Schlittschuhlaufen auf der Lagune von Venedig. Ab dem 19. Jahrhundert war diese Zeit beendet, die (durchschnittlichen) Temperaturen liegen seitdem höher und es gibt keine Beobachtung mehr, dass etwa die genannten Kanäle bzw. Venedigs Lagune zugefroren wären.

Auch Gemälde der frühen mandschurischen Qing-Dynastie (ab 1644) zeigen Schneelandschaften. Der Zusammenbruch der vorausgehenden Ming-Dynastie wurde durch Missernten infolge einer Kälteperiode ausgelöst, die in Chroniken dokumentiert ist.

Räumliches und Zeitliches Auftreten[Bearbeiten]

Temperaturanomalien der letzten zweitausend Jahre, nach Kontinent[7]

Als erste Hinweise auf die Kleine Eiszeit offensichtlich wurden, ging man von einem weltweiten Klimaphänomen aus. Heute wird dies teilweise anders gesehen. Um weltweit gesicherte Daten zu gewinnen, haben seit den 1990er Jahren in mehreren nationalen und internationalen Verbundprojekten hunderte Wissenschaftler alle Kontinente bereist und dort tausende von Beobachtungen und Proxydaten zusammengestellt.

Aus verschiedenen Klimaarchiven konnten kühlere Perioden auf der Nord- und Südhalbkugel, also auf allen Kontinenten und den beiden Polkappen, belegt werden. Perioden deutlich kühleren Klimas waren regional und zeitlich aber uneinheitlich verteilt. Zumindest für die Hauptphase der Kleinen Eiszeit, vom Ende des 16. bis in das 19. Jh. hinein, kann man von einem Phänomen der Nordhemisphäre mit einer durchschnittlichen Abweichung der Sommertemperaturen von -0,5 Grad gegenüber dem Referenzzeitraum 1960 bis 1991 sprechen.[8] Besonders kühle Temperaturen traten jedoch nicht über einen Zeitraum von mehr als ca. zwei Jahrzehnte global gleichzeitig auf.[1][9] Deutlich kühlere Phasen mit Temperaturabweichungen von mehr als 0,8 Grad im Sommer gab es im 17. Jh. in Nordwestasien und zu Beginn des 19. Jh. in Nordasien.[8][10] Für die Zeit um 1650 ist ein Kälteeinbruch in China dokumentiert (Übergang Ming- zu Qing-Dynastie). In Grönland gab es besonders kühle Phasen im 14., 15., 17. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertst.[1][11] In Europa war es zur Zeit des späten Maunder Minimums, Ende des 17. Jh. deutlich kühler, in Osteuropa um bis zu 1,2 Grad. Aber auch in Europa waren zu dieser Zeit kühlere Durchschnittstemperaturen sehr uneinheitlich verteilt, in Nordskandinavien wurde auch eine leichte Erwärmung rekonstruiert.[12]

Ursachen[Bearbeiten]

Als Ursachen für die Kleine Eiszeit gelten hauptsächlich eine geringere Aktivität der Sonne sowie ein verstärkter Vulkanismus. Für Wiederbewaldung, die durch Bevölkerungsrückgang oder durch regionale Klimaänderungen hervorgerufen worden sein könnte, sowie veränderte Meeresströmungen wird eine verstärkende Rolle vermutet. Zusätzlich zu diesen über Zeiträume von Jahrzehnten wirkenden Einflüssen gab es einen geringen, über Jahrtausende reichenden Abkühlungstrend, der durch Änderungen der Erdumlaufbahn bewirkt wurde.[13]

Die mit dem Ende der kleinen Eiszeit einsetzende Wiedererwärmung ist für die ersten Jahrzehnte wahrscheinlich teilweise auf die Änderung von Faktoren zurückzuführen, die die Kleine Eiszeit verursachten. So nahm bis Mitte des 20. Jh. die Intensität der Sonnenstrahlung wieder zu. Die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte dagegen ist höchstwahrscheinlich durch menschliche Treibhausgasemissionen verursacht und nicht durch weggefallene Ursachen der Kleinen Eiszeit erklärbar.[14]

Verringerte Sonneneinstrahlung[Bearbeiten]

Schwankungen der Strahlungsintensität der Sonne bilden sich in Variationen des 14C-Anteils ab, die mit einem zeitlichen Versatz von 20 bis 60 Jahren nachweisbar sind.

Die Jahresleistung der Sonnenstrahlung, Energiequelle des Erdklimas, schwankt mit der Sonnenaktivität in der Größenordnung von 0,1 %. Phasen geringerer Sonnenaktivität gehen mit geringerer Strahlungsleistung einher und haben einen kühlenden Einfluss auf das Erdklima. Anhand der Beobachtung von Sonnenflecken lässt sich die Sonnenaktivität bis in das Jahr 1610 zurück rekonstruieren, für den Zeitraum davor kann man anhand der Messung von Radioisotopen, die durch bei schwächerer Sonnenaktivität vermehrt in die Erdatmosphäre eindringende kosmische Strahlung erzeugt werden, näherungsweise auf die Sonnenaktivität schließen (kosmogene Radioisotope 14C und 10Be als Proxy).

In den Zeitraum der Kleinen Eiszeit fallen Phasen besonders geringer Sonnenaktivität. Der Zeitraum von 1645 bis 1715 markiert einen der Höhepunkte der Abkühlung innerhalb der Kleinen Eiszeit. Parallel dazu zeigte die Sonne ein Minimum an Sonnenflecken, das Maunderminimum, mit dem eine verringerte Strahlungsintensität einherging. Schon eine geringfügige Abschwächung kann auf der Erde zu signifikanten Abkühlungserscheinungen führen.[15] Auch das Spörerminimum, ca. 1420 bis 1550, und das deutlich kürzere und weniger ausgeprägt Daltonminimum, um 1800, fallen in die Kleine Eiszeit.

Ob die geringere solare Einstrahlung die Hauptursache der Kleinen Eiszeit war, ist allerdings nicht endgültig geklärt. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) kam zu dem Ergebnis, dass die Änderungen der Sonnenaktivität nur mit vergleichsweise kleinen Änderungen der Strahlungsleistung einher gegangen sein können. Damit sei schwächere Aktivität der Sonne wahrscheinlich nicht Haupttreiber der Kleinen Eiszeit im 16. und 17. Jahrhundert gewesen.[16] Die Sonnenaktivität gehe zwar mit veränderter Strahlungsleistung einher und habe damit einen Einfluss auf die globale Mitteltemperatur, doch die Auswirkungen seien eher klein. Resultierende Temperaturänderungen werden global auf weniger als 0,3 °C geschätzt. Ein deutlich stärkerer regionaler Einfluss besonders in mittleren Breitengraden der Nordhemisphäre, zum Beispiel indirekt über einen Einfluss auf die winterliche Nordatlantische Oszillation und damit auf das Klima in Europa, ist aber möglich.[17]

Gesteigerte vulkanische Aktivität[Bearbeiten]

Der Kleinen Eiszeit gingen eine Reihe starker Vulkanausbrüche, Plinianische Eruptionen voraus, die Staub und Asche sowie Gase, unter anderem Schwefeldioxid (SO2), hoch in die Erdatmosphäre schleuderten.

Durch Untersuchungen heutiger Vulkaneruptionen sind die in der höheren Atmosphäre, der Stratosphäre, ablaufenden Prozesse bekannt. Dort können vulkanische Feststoffe und Gase für einige Jahre bleiben und sich auf das Klima auswirken. Das Schwefeldioxid wird in einer photochemischen Reaktion zu Schwefelsäure (H2SO4) umgewandelt. Die Säure wird in der Stratosphäre zu einer Wolke aus Aerosol, in der Luft schwebenden Tröpfchen, die die Sonnenstrahlung absorbiert und die Insolation verringert. Im Schatten der Aerosolwolke kühlt sich die untere Atmosphäre, die Troposphäre, ab.

In einer im Jahr 2011 erschienenen Studie wurde mit Hilfe von Klimamodellen die Reaktion des Weltklimas auf eine durch Eisbohrungskerne belegte Serie von Vulkanausbrüchen ab dem Ende des 13. Jahrhunderts nachgestellt. Es zeigte sich, dass eine dadurch ausgelöste schnelle und starke Abkühlung durch Rückkopplungsprozesse wie z.B. die Eis-Albedo-Rückkopplung über viele Jahre fortbesteht, lange nachdem die ursächlichen Aerosole aus der Atmosphäre verschwunden sind. Große Veränderungen der Sonnenaktivität sind für eine derartige Reaktion des Klimas nicht nötig. Durch Untersuchung des Absterbedatums fossiler Pflanzen auf Baffin Island in der kanadischen Arktis stellten sich die Jahre von 1275 bis 1300 und 1430 bis 1455 als Perioden mit relativ plötzlich absterbender Vegetation und eines dadurch belegten vermehrten Gletscherwachstums heraus.[18]

Auch während der Kleinen Eiszeit gab es noch bedeutende Vulkanausbrüche, so die Eruption der Laki-Krater auf Island im Jahre 1783 und die des Tambora auf der Insel Sumbawa (Indonesien) im Jahre 1815. Im darauffolgenden Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“, wurden in Nordeuropa und im Osten Nordamerikas Schnee und Frost im Juni und Juli beobachtet.

Wiederbewaldung infolge von Bevölkerungsrückgang[Bearbeiten]

Ruddiman (2003) schlug die Hypothese vor, dass massiver Bevölkerungsrückgang zu einer Wiederbewaldung geführt haben könnte. Diese hätten genug Kohlenstoff aus der Luft gebunden, um durch die daraus resultierende Verringerung der CO2-Konzentrationen die kleine Eiszeit auszulösen. Ruddiman vermutet speziell die Pestepidemien des späten Mittelalters als Auslöser.[19] Es wurde auch vermutet, dass durch den massiven Bevölkerungsschwund auf den amerikanischen Kontinenten, ausgelöst durch von Europäern eingeschleppte Krankheiten, die zuvor genannten Ursachen noch verstärkt wurden. Nach der Dezimierung der Bevölkerung in Amerika um ca. 95% wurden große Teile von zuvor mit Feuer gerodeten Ackerflächen wiederbewaldet, wodurch Schätzungen zufolge 2 bis 5 Gigatonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre gebunden worden sein könnten. Das entspricht ca. 4 bis 14 % eines Rückgangs der CO2-Konzentrationen um 7 ppm, der in den Zeitraum 1550–1750 fällt. Der daraus resultierende verringerte Treibhauseffekt hätte zu der 0,1 Grad kühleren Periode in dem Zeitraum geführt.[20]

Der Rückgang an Bränden in Amerika begann jedoch bereits ab 1350, der stärkste Rückgang an verbrannter Biomasse wurde gerade in Regionen Amerikas mit geringer Bevölkerungsdichte und spätem Kontakt zu den Europäern lokalisiert. Gefundene Kohlereste korrelieren dagegen gut mit den zeitlich und räumlich uneinheitlichen Klimaschwankungen der Kleinen Eiszeit. Daraus schließen andere Autoren, dass nicht der Bevölkerungsschwund sondern lokale Klimaschwankungen Hauptursache für die Wiederbewaldung waren.[21] Insgesamt gibt es im Holozän global keine hohe Korrelation zwischen Bränden und CO2-Konzentrationen. Der Rückgang der CO2-Konzentrationen werde anderen Forschern zufolge eher durch die CO2-Aufnahme in Mooren und Ablagerung von Calciumcarbonat in flachen Gewässern erklärt.[22]

Schwächerer Golfstrom[Bearbeiten]

Nach Untersuchungen von Jean Lynch-Stiglitz und ihren Kollegen war der Golfstrom zur Zeit der Kleinen Eiszeit etwa 10 % schwächer als gewöhnlich. Grundlage für die Berechnung waren die 18O/16O-Verhältnisse in Muschelschalen, die aus der Floridastraße stammen.[23] Untersuchungen von Muschelschalen aus dem Schelf nördlich von Island zeigten ebenfalls eine schwächere Strömung in den oberen Wasserschichten. Der schwächere Golfstrom hat wahrscheinlich andere kühlende Faktoren, wie etwa eine schwächere Sonneneinstrahlung, im Nordatlanktikraum verstärkt.[24]

Änderungen im Umlauf der Erde um die Sonne[Bearbeiten]

Hauptartikel: Milankowitsch-Zyklus

Beginnend vor etwa 5.000 Jahren gab es bis in das 19. Jh. hinein - vor allem in den mittleren und hohen Breiten der nördlichen Hemisphäre - einen langfristigen Abkühlungstrend von etwas mehr als 0,1°C pro Millenium. Dieser Abkühlungstrend ist Klimasimulationen zufolge auf Änderungen der Erdbewegung relativ zur Sonne zurückzuführen, vor allem auf eine Änderung der Neigung der Erdachse. Dadurch ändert sich die saisonale und regionale Verteilung der auf der Erde eintreffenden Sonnenstrahlung.[25] Solche Änderungen der Sonnenstrahlung können die Schnee- und Eisbedeckung sowie Vegetation in mittleren und hohen nördlichen Breiten ändern und dadurch klimatische Rückkopplungen, wie etwa eine Eis-Albedo-Rückkopplung auslösen, die besonders im Norden zu einer langfristigen Abkühlung führen.[26]

Folgen für die Menschen[Bearbeiten]

Not, soziale Spannungen, Verfolgung von Minderheiten[Bearbeiten]

Die kleine Eiszeit war einer der Auslöser für die spätmittelalterliche Agrarkrise: Durch tiefe und langen Winter waren die Vegetationsperioden reduziert. Die Sommer waren nasskalt, so dass etwa der Weizen auf den Halmen verfaulte. Die Nahrungsmittel-Produktion ging zurück, und es kam zu Hungersnöten. Wolfgang Behringer wies auf die in dieser Zeit gehäuft auftretenden Agrarkrisen hin, die zu Teuerungen, Mangelernährung und Seuchen führten, was letztlich soziale Spannungen in der Bevölkerung verschärfte.

Für die Missernten wurden immer wieder gesellschaftliche Minderheiten und Randgruppen verantwortlich gemacht. In den sinkenden Erträgen sah man oft eine Folge von schwarzer Magie. In die Zeit der Kleinen Eiszeit fallen sowohl die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen in Mitteleuropa [27] als auch die gehäufte Verfolgung von sozialen Minderheiten (insbesondere der Juden und kleinerer christlicher Glaubensgemeinschaften wie der Täufer). In vielen Hexenprozessen wurden den Angeklagten u.a. Schadenzauber am Wetter vorgeworfen (z.B. Frost in Weinbaugebieten, Hagel usw.).

Machtpolitische Ereignisse[Bearbeiten]

Die Kleine Eiszeit prägte eine Epoche bedeutender historischer Ereignisse in Europa und darüber hinaus. Das Wissen um die klimatisch bedingten Probleme würde, so verschiedentlich Forschungsergebnisse, insgesamt zu einem klareren Bild über jene Zeit führen können. Inwieweit diese Probleme nicht nur erschwerend zu den damaligen Lebensbedingungen hinzu kamen, sondern auch ursächlich zu den Großkonflikten beigetragen haben, wird die historische Forschung ebenfalls noch zu klären haben.[28] Anlass für Überlegungen hinsichtlich exogener Ursachen bieten zum Beispiel der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und – weit entfernt – auch die Französische Revolution.

Dreißigjähriger Krieg[Bearbeiten]

Zehn Jahre nach Kriegsende führten Schweden und Dänen wieder Krieg: 1658 stieß das Heer des schwedischen Königs Karl X. über den zugefrorenen Belt auf die dänischen Inseln vor

Nachdem sich von 1500 bis 1618 in den deutschen Ländern – auch durch Einwanderung bedingt – die Bevölkerung fast verdoppelt hatte und als seit etwa 1570 die Temperaturen stetig zurückgingen, entstand eine katastrophale Situation für die Menschen im Lande, die sich in Verzweiflung, Misstrauen und Weltuntergangsstimmung äußerte. Aus dem Zeitraum von 1560 bis 1610 sind mehrere Missernten, Orkane und harte Winter bekannt.[29] Hungersnöte prägten diese Zeit.[30] Diese Missstände bereiteten einen Umbruch in der Gesellschaft vor und werden – neben anderen Gegebenheiten – als ein Nährboden für Kriege in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wie den Dreißigjährigen Krieg angesehen.[31]

Hungerwinter in Frankreich[Bearbeiten]

Der Temperaturrückgang führte in Frankreich zu fünf Hungerwintern – langanhaltenden Tieftemperaturen, die die Aussaat fast unmöglich machten und die Ernten weitgehend ruinierten: 1630/31, 1640/41, 1661/62, 1693/94 und 1709/10. Höhepunkt war die Kälteperiode von 1692–1694, die oftmals an sich selbst als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wurde.

Französische Revolution[Bearbeiten]

Im vorrevolutionären Frankreich kam es ab etwa 1770 zu einem Bevölkerungsanstieg, dem keine ausreichende Steigerung der Nahrungsmittelproduktion gegenüberstand. Zu den nachfolgend steigenden Lebensmittelpreisen trat eine ökonomische Krise hinzu, die durch eine falsche Politik verschärft wurde: Die Jahre 1787 und 1788 waren daher geprägt von der Gleichzeitigkeit einer Agrar-, Industrie- und Sozialkrise.

In dieser Situation kam 1788 und 1789 eine der für die Kleine Eiszeit charakteristische Häufung klimatischer Extreme hinzu. 1788 gingen in Frankreich als Folge einer extremen Dürre und eines schweren Hagelsturms die Getreideerträge um über 20 Prozent gegenüber dem Mittel der vorangegangenen 10 Jahre zurück. Diese führten mehr als ein Jahr vor der Französischen Revolution zu einem Anstieg der Preise. Auf den extrem kalten Winter 1788/1789 folgten mit dem Tauwetter im Frühjahr Überschwemmungen mit nachfolgenden Viehseuchen. In manchen Gebieten kam es zu Hungerrevolten und Überfällen auf Getreidetransporte. Als Reaktion auf Gerüchte über Briganten wurden im Sommer die Bauern bewaffnet (Grande Peur). Die Dürre von 1789 ließ Wassermühlen stillstehen, und die verminderte Mehlproduktion führte zu einem weiteren Anstieg der Brotpreise. Die einfache Land- und Stadtbevölkerung litt unter der Nahrungsmittelknappheit als Folge der Klimaverschlechterung am deutlichsten, und die hungernden Massen waren es, die der Französischen Revolution zu ihrem Durchbruch verhalfen. Somit war die Kleine Eiszeit, wenn auch indirekt, eine von vielen Ursachen für den Ausbruch der Revolution.[32]

Folgen vorrückenden Packeises[Bearbeiten]

Infolge der Abkühlung rückte im 15. Jahrhundert und ab ca. 1700 bis in das 19. Jahrhundert die Packeisgrenze wieder nach Süden vor, unterbrochen von einer Phase besonders geringer Eisausdehnung.[33] Das vorrückende Packeis isolierte Island zeitweise von der Außenwelt, wodurch die Einwohnerzahl stark zurückging. Die Klimaverschlechterung gilt als ein möglicher Grund, warum im 16. Jahrhundert die skandinavische Kolonie auf Grönland erlosch, der um 1300 etwa 3000 Personen angehört hatten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Behringer u.a.: Kulturelle Konsequenzen der „Kleinen Eiszeit“ (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 212), Göttingen 2005, ISBN 3-525-35864-4.
  • Raymond S. Bradley und Philip D. Jones (Hrsg.): Climate since A.D. 1500. Routledge, London 1995, ISBN 0-415-12030-6.
  • Brian Fagan: The Little Ice Age. How climate made history; 1300–1850. Basic Books, New York 2000, ISBN 0-465-02271-5.
  • Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Primus-Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-405-6.
  • Jean M. Grove: Little ice ages. Ancient and modern (Routledge studies in physical geography and environment; Bd. 5). Routledge, London 2004, ISBN 0-415-09948-X.
  • Hubert Lamb: Klima und Kulturgeschichte. Der Einfluß des Wetters auf den Gang der Geschichte (Rowohlts Enzyklopädie; Bd. 478). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994, ISBN 3-499-55478-X.
  • Christian Pfister: Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen 1496–1995. Haupt, Bern 1999, ISBN 3-258-05696-X.
  • Stefan Winkler: Von der „Kleinen Eiszeit“ zum „globalen Gletscherrückzug“. Eignen sich Gletscher als Klimazeugen? Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08287-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kleine Eiszeit – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c  Ahmed et al.: Continental-scale temperature variability during the past two millennia. In: Nature Geoscience. 6, 2013, S. 341, doi:10.1038/ngeo1797.
  2.  Intergovernmental Panel on Climate Change (Hrsg.): In: Vierter Sachstandsbericht (IPCC AR 4). 2007, 6.6.1.1 (HTML).
  3.  De Vries, J.: Histoire du climat et économie : des faits nouveaux, une interprétation différente. In: Annales. Économies, Sociétés, Civilisations. 1977, S. 198-227 (HTML, fr.).
  4.  H. M. van den Dool, H. J. Krijnen, C. J. E. Schuurmans: Average Winter Temperatures at De Bilt (The Netherlands): 1634 - 1977. In: Climatic Change. 1, 1978, S. 320, doi:10.1007/BF00135153.
  5.  Intergovernmental Panel on Climate Change (Hrsg.): Executive Summary. In: Vierter Sachstandsbericht (IPCC AR 4). 2007, 6 (HTML).
  6. Michael Budde et al. (Hrsg.): Die „Kleine Eiszeit“. Holländische Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2001, 92 S., ISBN 3-88609-195-3 (Katalog zur Ausstellung, 19. September 2001 bis 6. Januar 2002 (PDF; 18,48 MB))
  7. Pages 2k Consortium: Continental-scale temperature variability during the past two millennia. In: Nature Geoscience. 2013. doi:10.1038/ngeo1797. Abgerufen am 17. Januar 2014.
  8. a b  John A. Matthews, Keith R. Briffa: The 'Little Ice Age': Re-evaluation of an Evolving Concept. In: Geografiska Annaler: Series A, Physical Geography. 2005, doi:10.1111/j.0435-3676.2005.00242.x.
  9.  Klaus Dethloff et al.: Nonlinear Dynamics of the Climate System. In: Hubertus Fischer et al. (Hrsg.): The Climate in Historical Times. Springer, 2004, ISBN 3540206019, 2, S. 33.
  10.  Gerhard Helle, Gerhard H. Schleser: Interpreting Climate Proxies from Tree Rings. In: Hubertus Fischer et al. (Hrsg.): The Climate in Historical Times. Springer, 2004, ISBN 3540206019, 8, S. 137.
  11.  Hubertus Fischer: The Environmental and Climate Record in Polar Ice Cores. In: Hubertus Fischer et al. (Hrsg.): The Climate in Historical Times. Springer, 2004, ISBN 3540206019, 9, S. 160.
  12.  Hubertus Fischer: A Discourse About Quasi-realistic Climate Models and Their Applications in Paleoclimatic Studies. In: Hubertus Fischer et al. (Hrsg.): The Climate in Historical Times. Springer, 2004, ISBN 3540206019, 9, S. 160.
  13.  Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (Hrsg.): Causes of Change in Large-Scale Temperature over the Past Millennium. In: Fünfter Sachstandsbericht (AR5). 2013, 10.7.1.
  14.  Intergovernmental Panel on Climate Change (Hrsg.): Executive Summary. In: Vierter Sachstandsbericht (IPCC AR 4). 2007, 6 (HTML).
  15.  Gerard Bond et al.: Persistent Solar Influence on North Atlantic Climate During the Holocene. In: Science. 294, Dezember 2001, S. 2133, doi:10.1126/science.1065680., Meldung dazu unter Axel Tillemans: Kleine Eiszeit wurde durch Schwankungen in der Stärke der Sonnenstrahlung verursacht. In: Bild der Wissenschaft. 16. November 2001, abgerufen am 13. September 2013 (html).
  16.  Georg Feulner: Are the most recent estimates for Maunder Minimum solar irradiance in agreement with temperature reconstructions?. In: Geophysical Research Letters. August 2011, doi:10.1029/2011GL048529 (PDF)., Pressemitteilung dazu: Studie zur kleinen Eiszeit: Geringe Sonnenaktivität kühlt das Klima nur unwesentlich ab. Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, 1. September 2011, abgerufen am 13. September 2013.
  17.  Mike Lockwood: Solar Influence on Global and Regional Climates. In: Surveys in Geophysics. 2012, 6, doi:10.1007/s10712-012-9181-3 (HTML, en).
  18. Gifford H. Miller et al.: Abrupt onset of the Little Ice Age triggered by volcanism and sustained by sea-ice/ocean-feedbacks. In: Geophysical Research Letters, Bd. 39 (2012), doi:10.1029/2011GL050168
  19.  William F. Ruddiman: The Anthropogenic Greenhouse Era Began Thousands of Years Ago. In: Climatic Change. 61, Nr. 3, Dezember 2003, doi:10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa (PDF).
  20.  Dull et al.: The Columbian Encounter and the Little Ice Age: Abrupt Land Use Change, Fire, and Greenhouse Forcing. In: Annals of the Association of American Geographers. 100, September 2010, doi:10.1080/00045608.2010.502432.
  21.  Mitchell J. Power: Climatic control of the biomass-burning decline in the Americas after ad 1500. In: The Holocene. 2013, doi:10.1177/0959683612450196.
  22.  Jennifer R. Marlon et al.: Global biomass burning: a synthesis and review of Holocene paleofire records and their controls. In: Quartenary Science Reviews. 65, 2013, 2.5, Global Summary, doi:10.1016/j.quascirev.2012.11.029.
  23. David C. Lund et al.: Gulf Stream density structure and transport during the past millennium. In: Nature. 444, 2006, S. 601–604. doi:10.1038/nature05277
  24.  Alan D. Wanamaker Jr et al.: Surface changes in the North Atlantic meridional overturning circulation during the last millennium. In: Nature Communications. Juni 2012, doi:10.1038/ncomms1901 (HTML).
  25.  Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (Hrsg.): Information from Paleoclimate Archives: Observed Recent Climate Change in the Context of Interglacial Climate Variability und Regional Changes During the Holocene - Temperature - Northern Hemisphere Mid-to-High Latitudes. In: Fünfter Sachstandsbericht (AR5). 2013, 5, Executive Summary, und 5.5.1.1.
  26.  Shaun A. Marcott: A Reconstruction of Regional and Global Temperature for the Past 11,300 Years. In: Science. 339, 8. März 2013, doi:10.1126/science.1228026.
  27. Johannes Dillinger: Hexen und Magie. Eine historische Einführung, Frankfurt/New York 2007, Seite 78f.
  28. Vergleiche z. B. Georg Böhnisch mit Verweis auf den Geschichtsprofessor Johannes Burkhardt
  29. Siehe Zeittafel - Geschichte und Notizen zu Klima, Kulturgeschichte und Völkerwanderungen
  30. mehr darüber unter „Hungersnot“ in Meyers Konversations-Lexikon, 1888.
  31. Vergleiche Georg Bönisch
  32. Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. C.H.Beck, 2007. S. 215/216. (Google Books, eingeschränkte Vorschau)
  33.  Christopher Kinnard et al.: Reconstructed changes in Arctic sea ice over the past 1,450 years. In: Nature. 479, November 2011, S. 511, doi:10.1038/nature10581.