Gezeiten

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Hoch- und Niedrigwasser an einer Schiffsanlegestelle in der Bay of Fundy
Schematische Darstellung des Auftretens von Spring- und Nipp-Tiden

Die Gezeiten oder Tiden (niederdeutsch Tid, Tied [tiːt] „Zeit“; Pl. Tiden, Tieden [tiːdən] „Zeiten“) sind periodische Wasserbewegungen des Ozeans, die sich vorwiegend an dessen Küsten auswirken. Dort führen sie zu Tidehochwasser und -niedrigwasser. Sie sind eine Folge der Gezeitenkräfte von Mond und Sonne in Verbindung mit der Erdrotation.

Auf den Mond bezogen dauert eine Erdumdrehung knapp 25 Stunden. In dieser Zeit gibt es an den meisten Küsten je zwei Tidehochwasser und -niedrigwasser. Wegen der Neigung der Erdachse fallen beide unterschiedlich aus. – Die Gezeitenkräfte der Sonne betragen etwa 46% derjenigen des Mondes.[1] Bei Voll- und Neumond bewirken Sonne und Mond gemeinsam Springtiden, bei Halbmond schwächere Nipptiden. Springtiden fallen stärker aus, wenn der Mond zu dieser Zeit erdnah ist. Durch die Neigung der Mondbahn gibt es auch eine etwa jährliche Variation des Meeresspiegels.

Die Lehre von den maritimen Gezeiten der Erde heißt Gezeitenkunde. Sie ist Bestandteil der nautischen Ausbildung.

Begriffe und Bezeichnungen[Bearbeiten]

Flut ist der Zeitraum und der Vorgang ansteigenden, „auflaufenden“ Wassers. Ebbe ist der Zeitraum und der Vorgang sinkenden, „ablaufenden“ Wassers. Der Zeitpunkt des höchsten Wasserstandes heißt Hochwasser (HW), der des tiefsten Wasserstandes Niedrigwasser (NW). Der Wasserstand zu diesen Zeiten heißt Hochwasserhöhe (HWH) bzw. Niedrigwasserhöhe (NWH). Aufeinander folgende Hochwasser- und Niedrigwasserhöhen sind unterschiedlich, da sich die Stellungen von Mond und Sonne relativ zur Erde ändern. Der Zeitpunkt des Wechsels von auflaufendem zu ablaufendem Wasser oder umgekehrt heißt Kentern. Beim Kentern der Tide kommt es für kurze Zeit zu einem Stillstand der Gezeitenströmung, dem Stauwasser.

Der Höhenunterschied zwischen Niedrigwasserhöhe und der folgenden Hochwasserhöhe (während der Flut) heißt Tidenstieg. Der Höhenunterschied zwischen Hochwasserhöhe und der folgenden Niedrigwasserhöhe heißt Tidenfall. Der Mittelwert aus Tidenstieg und Tidenfall heißt Tidenhub. Der zeitliche Verlauf des Wasserstandes zwischen Niedrigwasser, Hochwasser und darauf folgendem Niedrigwasser ergibt die Tidenkurve. Die gezeitenbedingte Höhe des Wasserstandes bezogen auf das örtliche Seekartennull (meistens LAT) heißt Höhe der Gezeit.

Gezeitenbegriffe

Gezeitenwasserstände:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
Höchstmöglicher Gezeitenwasserstand Highest Astronomical Tide HAT Bezug für Durchfahrtshöhe unter Brücken
Mittleres Springhochwasser MSpHW Mean High Water Spring MHWS
Mittleres Hochwasser MHW Mean High Water MHW Definition der Küstenlinie
Mittlerer Wasserstand MW Mean Sea Level MSL Seekartennull in gezeitenfreien Gewässern, dort Übereinstimmung der Wassertiefen in See- und Landkarten
Mittleres Niedrigwasser MNW Mean Low Water MLW
Mittleres Springniedrigwasser MSpNW Mean Low Water Spring MLWS früher Nullebene für Wassertiefen (lt. IHO veraltet)
niedrigst möglicher Gezeitenwasserstand NGzW Lowest Astronomical Tide LAT Seekartennull in Gezeitengewässern, Nullebene für Wassertiefen in Seekarten

Die deutschen Abkürzungen werden in offiziellen Werken der IHO nicht mehr verwendet.

Gezeitenunterschiede:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
Höhe der Gezeit Height of Tide Unterschied zwischen aktuellem Wasserstand und Seekartennull
Mittlerer Springtidenhub Spring Range of Tide Unterschied von Ebbe und Flut bei Springzeit (Hub groß)
Mittlerer Nipptidenhub Neap Range of Tide Unterschied von Ebbe und Flut bei Nippzeit (Hub klein)

Seekartennull:

Deutsch Abk. Englisch Abbr. Bedeutung
Seekartennull SKN Chart Datum CD Grundlage für:
• amtliche Definition der Basislinie
• Nullebene für die Messung von Wassertiefen

ist bezogen auf:
• LAT Lowest Astronomical Tide (oder MLLW)
• oder auf MSL in tidenfreien Gewässern

Erklärungs-Geschichte der Gezeiten[Bearbeiten]

Dass Ebbe und Flut nicht mit der Sonne sondern mit dem Mond korreliert sind,[2] dürfte zu den ersten astrophysikalischen Erkenntnissen des Menschen gehören, denn es ist unmittelbar beobachtbar. Z. B. gilt an manchen Orten: Steht der Mond hoch am Himmel, ist Flut, steht er am Horizont, ist Ebbe. Nirgendwo ist der Einfluss des Mondes so direkt spürbar wie an Küsten. Auch die genauere Kenntnis des Zusammenhangs zwischen Mond und Gezeiten, bis zur längerfristigen Periodizität abhängig von Mondphasen und Jahreszeiten, ist schon im alten Indien und bei den Phöniziern und Karern nachgewiesen,[3] sie wird aber wohl allen Küstenbewohnern und frühen Seefahrervölkern bekannt gewesen sein.

Bereits bei den griechischen Naturphilosophen (u. a. Aristoteles[4] und Seleukos von Seleukia[5]) findet man erste konkrete Vorstellungen über die Entstehung der Gezeiten. Deren genauere Ausarbeitung dürfte aber dadurch gehemmt worden sein, dass das Mittelmeer keinen ausgepägten Tidenhub zeigt, und die Korrelationen von Mondbahn und Gezeiten schwach und lokal oft irregulär sind.

Im 14. Jahrhundert veröffentlicht Jacopo de Dondi (dall’Orologio), Vater des Giovanni de Dondi (dall’Orologio), De fluxu et refluxu maris, wohl angeregt durch griechisch-byzantinische Quellen.[6]

Im 16. Jahrhundert gab Andrea Cesalpino in seinem Werk Quaestiones Peripatetica (1571) eine Erklärung der Gezeiten durch die Erdbewegung – ähnlich dem Hin- und Herschwappen von Wasser in einem bewegten Eimer. 1590 erklärte Simon Stevin die Anziehung des Mondes zur Ursache der Gezeiten.

Galileo Galilei sah in seinem Dialogo (herausgegeben 1632) in den Gezeiten einen Beweis für die Erdrotation. Seiner Vorstellung zufolge bewegt sich die von der Sonne angestrahlte Seite der Erde langsamer als die Nachtseite, wodurch sich die Gezeiten aufgrund der unterschiedlichen Beschleunigungen ergeben sollen. Johannes Kepler erklärte 1609 die Gezeiten durch Gravitation des Mondes. René Descartes gab im 17. Jahrhundert eine Erklärung auf Basis einer Reibung des „Äthers“ zwischen Erde und Mond, die allerdings schnell widerlegt wurde.[7]

Isaac Newton konnte als erster die Anziehungskräfte von Mond und Sonne auf verschiedene Teile der Erde berechnen und zeigen, dass sie die Gezeiten verursachen. In seinem im Jahre 1687 erschienenen Werk Mathematische Prinzipien der Naturlehre ging er von dem Modell eines Zweikörpersystems von Erde und Mond aus, das um den gemeinsamen Schwerpunkt, das Baryzentrum, rotiert.

Daniel Bernoulli und Pierre-Simon Laplace erweiterten Newtons Betrachtung um die Schwingungslehre, womit sie den Ansatz Cesalpinos („Schwappen in einem Gewässerbett“) wieder aufgriffen. Seitdem ist der dynamische Charakter der Gezeiten berechenbar geworden. Die im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend genauere Kenntnis der Massen der Himmelskörper trug zur Genauigkeit der durch Rechnung gewonnenen Voraussagen bei.

Historische Übersicht
14. Jahrhundert Jacopo de Dondi Der Mond hat auf die Gezeiten mehr Einfluss als die Sonne
1590 Simon Stevin Anziehung des Mondes
1609 Johannes Kepler Anziehung durch Gravitation des Mondes
1632 Galileo Galilei kinematische Gezeitentheorie
17. Jahrhundert René Descartes Reibung des „Äthers“ zwischen Erde und Mond
1687 Isaac Newton Berechnung der Anziehungskräfte von Mond und Sonne
18. Jahrhundert Daniel Bernoulli Gleichgewichtstheorie
18. Jahrhundert Pierre-Simon Laplace dynamische Gezeitentheorie
18. Jahrhundert William Whewell Gezeitenwellen
1842 George Biddell Airy Theorie auf Basis einfach geformter Becken mit gleichförmiger Tiefe
1867 William Thomson harmonische Analyse
20. Jahrhundert Sydney Hough dynamische Theorie unter Einbeziehung der Corioliskraft

Erklärung der Gezeiten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Gezeitenkraft

Im Artikel Gezeitenkraft wird die Entstehung der Gezeitenkraft grundsätzlich erklärt. Beispielsweise werden dort auch die vom Mond und der Sonne verursachten Gezeitenbeschleunigung in Größe und Richtung in den entsprechenden zwei gegenüberliegenden Oberflächenpunkten der Erde ermittelt. Im Folgenden wird auf diese Kräfte bzw. Beschleunigungen näher eingegangen. Sie sind von der Eigendrehung der Erde unabhängig.

Vom Mond verursachte Gezeitenkräfte/-beschleunigungen[Bearbeiten]

Erdoberfläche: Feld der vom Mond verursachten Gezeitenkräfte

In einem allgemeinen Punkt sind die Gezeitenkräfte nicht parallel zur Verbindungslinie zwischen den Schwerpunkten von Erde und Mond. In der oberen Abbildung ist die Entstehung des Feldes der vom Mond verursachten Gezeitenkräfte auf der Erdoberfläche dargestellt.

Die Werte der Gezeitenbeschleunigung sind
am Punkt L1: 11,30 10-710 m/s²,
am Punkt L2: 10,75 10-710 m/s²,
an den Punkten Q1 und Q2:[8] 5,50 10-710 m/s² und
deren horizontale Komponenten in den 45°-Zwischenpunkten:[8] 8,25 10-710 m/s².

Von der Sonne verursachte Gezeitenbeschleunigungen[Bearbeiten]

Die Werte der Gezeitenbeschleunigung sind
am Punkt L1: 5,05 10-710 m/s²,
am Punkt L2: 5,05 10-710 m/s².

Überlagerung der vom Mond und von der Sonne verursachten Gezeitenkräfte[Bearbeiten]

In der oben genannten Periode von etwa 29½ Tagen liegen Sonne, Erde und Mond zweimal auf einer Linie (Voll- und Neumond, siehe auch schematische Darstellung in der Einleitung) und die von ihnen verursachten Gezeitenkräfte addieren sich, wobei sie den Wasserspiegel des Ozeans etwa ¾ Meter (etwa ½ Meter durch den Mond und etwa ¼ Meter durch die Sonne) anheben.[8]

In den beiden Momenten des Halbmondes liegt zwischen den beiden Gezeitenkräften ein rechter Winkel. Ihre Überlagerung führt zu Kräften, die den Wasserspiegel des Ozeans weniger stark anheben.

Die Periode für die Höhenveränderung durch Überlagerung ist mit etwa 14¾ Tagen die Hälfte der Periode der Mondphasen.[9]

Moderne Gezeitentheorie[Bearbeiten]

Gezeiten als in den Weltmeeren umlaufende Wellen. Die Amplitude der Pegelschwankungen ist farbkodiert. Es gibt mehrere Knotenpunkte verschwindender Amplitude, um die die Wellen herumlaufen. Linien gleicher Phase (weiß) umgeben die Knotenpunkte büschelförmig. Die Wellenausbreitung erfolgt senkrecht zu diesen Linien. Die Richtung ist durch Pfeile angedeutet.

Nach dem Ansatz von George Biddell Airy, der von Henri Poincaré, Joseph Proudman und Arthur Doodson weiterentwickelt wurde, entstehen die Gezeiten durch die horizontale Komponente der Gezeitenbeschleunigung vor allem im tiefen Ozean. Auch dort handelt es sich um bis zum Meeresboden reichende Flachwasserwellen, deren Ausbreitungsgeschwindigkeit von der Wassertiefe bestimmt ist. Anders als bei den stoßangeregten Tsunamis ist auch die Periodendauer der Tidenwellen festgelegt, durch die Gezeitenkräfte. Ausbreitungsgeschwindigkeit und Periodendauer ergeben zusammen einen typischen Knotenabstand von etwa 5000 Kilometern in den Ozeanen, siehe Bild. Die Knoten ähneln denen einer stehenden Welle. Dort ist die Schwankungsamplitude des Pegels gering, die Strömungsgeschwindigkeit groß. Allerdings dominieren aufgrund der Corioliskraft kreisende bis elliptische Bewegungen um die Knotenpunkte (Amphidromie). In den flachen Schelfmeeren ist die Wellenlänge kürzer. So gibt es in der Nordsee drei Amphidromie-Punkte.

Zeitabhängigkeiten[Bearbeiten]

Die Ursache der Gezeiten ist eine astronomische, die Reaktion der Meere darauf hingegen ist eine geographische.[10]

Die Gezeiten sind einer größeren Zahl individualer Zeitabhängigkeiten unterworfen, die im Wesentlichen zeitliche Variationen der astronomischen Ursachen sind. Die Ortsabhängigkeit ist leicht zu verstehen. Wegen der unbegrenzt vielfältigen Form der Küste und des Meeresbodens wird aber davon abgesehen, Tiden-Voraussagen aufgrund einer allgemein formulierten Ortsabhängigkeit für größere Küstenabschnitte erstellen zu wollen. In der Regel werden sie auf einen Hafen begrenzt angefertigt.

Die scheinbare Umlaufzeit des Mondes und die Periode der Mondphasen sind mit etwa 24 Stunden und 53 Minuten bzw. mit etwa 29½ Tagen Mittelwerte aus sowohl kurzfristig als auch aus längerfristig deutlich veränderlichen Werten. Durch harmonische Analyse der tatsächlichen Tiden-Verläufe wurden zusätzliche periodische Anteile mit kleinerer Amplitude und meistens anderer Periodendauer und Phasenlage getrennt sichtbar gemacht. Der spätere Lord Kelvin baute bereits 1872/76 eine erste Gezeitenrechenmaschine, mit deren Hilfe schon 10 unterschiedliche Schwingungsvorgänge zum längerfristigen künftigen Verlauf der Tiden in der Themse zusammengesetzt wurden (harmonische Synthese). Heutige elektronische Gezeitenrechner setzen etwa 100 Teilschwingungen mit meistens bekanntem astronomischen Hintergrund zusammen.

Gezeitenrechnungen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Gezeitenvorausberechnung
Hauptartikel: Gezeitenrechnung

Mit Gezeitenrechnungen werden Vorhersagen über den zeitlichen Verlauf der Tiden und die Höhen von Flut und Ebbe gemacht. Sie sind vorwiegend für die küstennahe Schifffahrt, die bei zu geringer Wassertiefe eingestellt werden muss, von Bedeutung. Die Gezeitenströmung kann die Schifffahrt beschleunigen oder verlangsamen. Eine Vorhersage ist der Zeitpunkt, an dem sie ihre wenn sie ihre Richtung ändert (Kenterpunkt). Für die Schifffahrt in Flussmündungen sind Vorausagen über die Gezeitenwelle, die bei Flut stromaufwärts läuft, von besonderer Bedeutung .

Küstenphänomene[Bearbeiten]

Durch Gezeitenbewegungen typisches östliches Inselende am Beispiel von Norderney

In Küstennähe sind die Gezeiten erheblich durch die geometrische Form der Küsten beeinflusst. Das betrifft sowohl den Tidenhub als auch den Zeitpunkt des Eintretens von Ebbe und Flut. So ist der Tidenhub an den Küsten der Weltmeere oft größer als auf offener See. Das gilt insbesondere für trichterförmige Küstenverläufe. Das Meer schwappt bei Flut gewissermaßen an die Küste. So beträgt der Tidenhub in der westlichen Ostsee nur etwa 30 Zentimeter, an der deutschen Nordseeküste etwa ein bis zwei Meter. In der Nordsee laufen Ebbe und Flut in einer Kreiswelle durch ihr komplettes Becken. In Ästuaren (Mündungen) der tidebeeinflussten Flüsse, zum Beispiel Elbe und Weser, beträgt der Tidenhub aufgrund der Trichterwirkung in diesen auch Tidefluss genannten Abschnitten bis über vier Meter. Noch höher ist der Tidenhub beispielsweise bei St. Malo in Frankreich oder in der Severn-Mündung zwischen Wales und England. Er kann dort über acht Meter erreichen. In der Bay of Fundy treten die weltweit höchsten Gezeiten mit 14 bis 21 Metern auf.

Die Zunahme der Höhe der Flutwelle an den Küsten erfolgt in etwa nach dem gleichen Prinzip wie bei einem Tsunami. Die Geschwindigkeit der Flutwelle verringert sich in flachem Wasser, wobei sich die Höhe der Welle vergrößert. Im Gegensatz zum Tsunami ist die Gezeitenwelle aber nicht Resultat eines einzelnen Impulses, sondern enthält einen Anteil, der durch die Gezeitenkraft stets neu angeregt wird.

Die durch die Tide auf hoher See an den Küsten angeregten Meeresschwingungen können auch zu Schwingungsknoten führen, an denen gar kein Tidenhub auftritt (Amphidromie). Ebbe und Flut rotieren gewissermaßen um solche Knoten herum. Herrscht auf der einen Seite Ebbe, so herrscht auf der gegenüberliegenden Seite Flut. Dieses Phänomen findet man vor allem in Nebenmeeren, wie der Nordsee, die zwei solcher Knoten aufweist (siehe diesbezügliche Abbildung im Artikel Amphidromie). Herausragend ist hierbei vor allem die Tideresonanz der Bay of Fundy.

Durch die Gezeiten werden insbesondere in Küstennähe erhebliche Energiemengen umgesetzt. Dabei kann die kinetische Energie der Strömungen oder auch die potentielle Energie mittels eines Gezeitenkraftwerks genutzt werden.

Ausgewählte Tidenhübe rund um die Nordsee[Bearbeiten]

Wattflächen im Wash
Lokalisation der Gezeitenbeispiele
Tidenzeiten nach Bergen (minus = vor Bergen)
• Amphidromiezentren
• Küsten:
  Küstenmarschen grün
  Watt blaugrün
  Lagunen leuchtend blau
  Dünen gelb
  Seedeiche purpur
  küstennahe Geest hellbraun
  Küsten mit felsigem Untergrund graubraun
Tidenhub [m]
(laufende Tabellen)
max. Tidenhub [m] Ort Lage
0,79 – 1,82 2,39  Lerwick[11]  Shetland-Inseln
2,01 – 3,76 4,69  Aberdeen[12]  Mündung des Dee-River in Schottland
2,38 – 4,61 5,65  North Shields[13]  Mündung des Tyne-Ästuars
2,31 – 6,04 8,20  Kingston upon Hull[14]  Nordseite des Humber-Ästuars
1,75 – 4,33 7,14  Grimsby[15]  Südseite des Humber-Ästuars weiter seewärts
1,98 – 6,84 6,90  Skegness[16]  Küste von Lincolnshire nördlich des Ästuars The Wash
1,92 – 6,47 7,26  King's Lynn[17]  Mündung der Great Ouse in das Ästuar The Wash
2,54 – 7,23  Hunstanton[18]  Ostecke des Ästuars The Wash
2,34 – 3,70 4,47  Harwich[19]  Küste East Anglias nördlich der Themsemündung
4,05 – 6,62 7,99  London Bridge[20]  oben am Themse-Ästuar
2,38 – 6,85 6,92  Dunkerque (Dünkirchen)[21]  Dünenküste östlich der Straße von Dover
2,02 – 5,53 5,59  Zeebrugge[22]  Dünenküste westlich des Rhein-Maas-Schelde Deltas
3,24 – 4,96 6,09  Antwerpen[23]  oben im südlichsten Ästuar des Rhein-Maas-Schelde Deltas
1,48 – 1,90 2,35  Rotterdam[24]  Grenzbereich von Ästuardelta[25] und klassischem Delta
1,10 – 2,03 2,52  Katwijk[26]  Mündung des Uitwateringskanaals des Oude Rijn ins Meer
1,15 – 1,72 2,15  Den Helder.[27]  Nordende der holländischen Dünenküste westlich des Ijsselmeers
1,67 – 2,20 2,65  Harlingen[28]  östlich des IJsselmeers, in das der Rheinarm IJssel mündet
1,80 – 2,69 3,54  Borkum[29]  Insel vor der Emsmündung
2,96 – 3,71  Emden[30]  an der Emsmündung
2,60 – 3,76 4,90  Wilhelmshaven[31]  Jadebusen
2,66 – 4,01 4,74  Bremerhaven[32]  an der Wesermündung
3,59 – 4,62  Bremen-Oslebshausen[33]  Bremer Industrie-Seehäfen oben im Weserästuar
3,3 – 4,0  Bremen Weserwehr[34]  künstliche Tidengrenze der Weser
2,6 – 4,0  Bremerhaven 1879[35]  vor Beginn der Weserkorrektion
  0 – 0,3  Bremen 1879[35]  Große Weserbrücke, vor Beginn der Weserkorrektion
1,45  Bremen 1890[36]  Große Weserbrücke, 5 Jahre nach der Weserkorrektion
2,54 – 3,48 4,63  Cuxhaven[37]  an der Elbmündung
3,4 – 3,9 4,63  Hamburg St. Pauli[38][39]  Hamburg Landungsbrücken, oben am Elbästuar
1,39 – 2,03 2,74  Westerland[40]  Insel Sylt vor der nordfriesischen Küste
2,8 – 3,4  Dagebüll[41]  Küste des Wattenmeers in Nordfriesland
1,1 – 2,1 2,17  Esbjerg[42][43]  Nordende der Wattenküste in Dänemark
0,5 – 1,1  Hvide Sande[42]  dänische Dünenküste, Einfahrt zur Lagune Ringkøbingfjord
0,3 – 0,5  Thyborøn[42]  dänische Dünenküste, Einfahrt zur Lagune Nissum Bredning
0,2 – 0,4  Hirtshals[42]  Skagerrak, gleiche Hübe wie Hanstholm und Skagen
0,14 – 0,30 0,26  Tregde[44]  Skagerrak, SüdNorwegen, östlich eines Amphidromiezentrums
0,25 – 0,60 0,65  Stavanger[44]  nördlich des Amphidromiezentrums, Tiden sehr unregelmäßig
0,64 – 1,20 1,61  Bergen[44]  Tiden besonders regelmäßig
Zeeland 1580

Die Themsemündung mit ihrem sehr hohen Tidenhub ist ein klassisches Beispiel, dass bei sehr starken Tidenströmen die Erosion so stark und die Sedimentation so gering ist, dass sich ein Ästuar ausbildet. Im Rhein-Maas-Schelde-Delta haben Sedimentation und Erosion jahrtausendelang zusammengewirkt. Die Sedmentation hat bewirkt, dass die einmündenden Flüsse versandeten und in neue Betten ausbrachen, wodurch eine Vielzahl von Flussmündungen entstand. Zwischen Antwerpen und Rotterdam, wo der Tidenhub groß ist, haben die gezeitenbedingten Pendelströme diese Flussmündungen zu Ästuaren aufgeweitet. An der flachen Küste östlich des holländischen Dünengürtels sind vom frühen 12. bis ins frühe 16. Jahrhundert Sturmfluten weit ins Land gedrungen und haben von der Mündung des östlichsten Rheinarms IJssel aus die Zuiderzee ausgewaschen, an der Mündung der Ems den Dollart und noch weiter östlich den Jadebusen. Zwischen diesem und dem Ästuar der Weser bestand von Anfang des 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts ein Weserdelta aus Ästuaren und Hochwasserrinnen, das dem Delta in Zeeland ähnelte.

Der Tidenhub unterscheidet sich nicht nur zwischen verschiedenen Regionen; an vorgelagerten Inseln und Kapps ist er geringer als an der Festlandsküste, in Buchten und Flussmündungen manchmal höher als an der vorderen Küste. Mit der Ausbaggerung von Fahrrinnen für den Schiffsverkehr reicht der hohe Tidenhub der Mündung heute in den Ästuaren weit flussaufwärts, wo er früher schon deutlich nachließ (Vgl. Elbvertiefung und Weserkorrektion). Flussaufwärts wird der Tidenbereich heutzutage vielerorts durch Wehre begrenzt, die gleichzeitig als Staustufen in den zuführenden Flüssen einen Mindestwasserstand garantieren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Glebe: Ebbe und Flut : das Naturphänomen der Gezeiten einfach erklärt. Delius Klasing, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-7688-3193-2.
  • Werner Kumm: Gezeitenkunde. 2. Auflage. Delius Klasing, Bielefeld 1996, ISBN 3-87412-141-0.
  • Andreas Malcherek: Gezeiten und Wellen - Die Hydromechanik der Küstengewässer. Vieweg + Teubner, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-8348-0787-8.
  • Günther Sager: Mensch und Gezeiten: Wechselwirkungen in zwei Jahrtausenden. Deubner, Köln 1988, ISBN 3-7614-1071-9.
  • Jean-Claude Stotzer: Die Darstellung der Gezeiten auf alten Karten. In: Cartographica Helvetica. Heft 24, 2001, S. 29–35, (Volltext)
  • John M. Dow: Ocean tides and tectonic plate motions from Lageos Beck, München 1988, ISBN 3-7696-9392-2 (englisch).
  • Bruce B. Parker: Tidal hydrodynamics. Wiley, New York, NY 1991, ISBN 0-471-51498-5 [Englisch]
  • Paul Melchior: The tides of the planet earth. Pergamon Press, Oxford 1978, ISBN 0-08-022047-9 [Englisch]
  • David E. Cartwright: Tides – a scientific history. Cambridge Univ. Press, Cambridge 1999, ISBN 0-521-62145-3 [Englisch]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Gezeiten – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Gezeiten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Günther Sager: Gezeiten und Schiffahrt. Leipzig 1958, S. 59.
  2. Martin Ekman: A concise history of the theories of tides, precession-nutation and polar motion (from antiquity to 1950). In: Surveys in Geophysics. 6/1993, Band 14, S. 585–617.
  3. Gudrun Wolfschmidt (Hrsg.): Navigare necesse est - Geschichte der Navigation: Begleitbuch zur Ausstellung 2008/09 in Hamburg und Nürnberg. norderstedt 2008, S. 25.
    Jack Hardisty: The Analysis of Tidal Stream Power. 2009 S. 5. (engl.)
  4. David Edgar Cartwright: Tides: A Scientific History. Cambridge 1999, S. 7.
  5. Georgia L. Irby-Massie, Paul T. Keyser: Greek Science of the Hellenistic Era: A Sourcebook. Seleukos of Seleukia. Engl., abgerufen 25. März 2014.
  6. Jacopo Dondi (dall’Orologio): De fluxu et refluxu maris. editiert 1912 von P. Revelli.
  7. Zu verschiedenen Theorien vor Newton siehe auch Carla Rita Palmerino, J.M.M.H. Thijssen (Hrsg.): The Reception of the Galilean Science of Motion in Seventeenth-Century Europe. Dordrecht (NL) 2004, S. 200 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. a b c Günther Sager: Gezeiten und Schiffahrt. Leipzig 1958, S. 61.
  9. Es handelt sich deshalb um ein ganzzahliges Verhältnis, weil der scheinbare Umlauf der Sonne bei der Umlaufzeit der Mondphasen bereits enthalten ist.
  10. Zitat aus: Wolfgang Glebe: Ebbe und Flut - Das Naturphänomen der Gezeiten einfach erklärt. Delius Klasing Verlag, 2010, ISBN 978-3-7688-3193-2, S. 81.
  11. Gezeitentabelle für Lerwick: tide-forecast
  12. Gezeitentabelle für Aberdeen: tide-forecast
  13. Gezeitentabelle für North Shields: tide-forecast
  14. Gezeitentabellen für Kingston upon Hull: Mobile Geographics and Tide-Forecast
  15. Gezeitentabelle für Grimsby: Tide-Forecast
  16. Gezeitentabellen für Skegness: Visit My Harbour und Tide-Forecast
  17. Gezeitentabellen für King's Lynn: Visit My Harbour und Tide-Forecast
  18. Gezeitentabellen für Hunstanton: Visit My Harbour
  19. Gezeitentabelle für Harwich
  20. Gezeitentabelle für London
  21. Gezeitentabellen für Dunkerque: Mobile Gegraphics und tide forecast
  22. Gezeitentabellen für Zeebrugge: Mobile Gegraphics und tide forecast
  23. Gezeitentabelle für Antwerpen
  24. Gezeitentabelle für Rotterdam
  25. F. Ahnert: Einführung in die Geomorphologie. 4. Auflage. 2009.
  26. Gezeitentabelle für Katwijk
  27. Gezeitentabelle für Den Helder
  28. Gezeitentabelle für Harlingen
  29. Gezeitentabelle für Borkum
  30. Gezeitentabelle für Emden
  31. Gezeitentabelle für Wilhelmshaven
  32. Gezeitentabelle für Bremerhaven
  33. Gezeitentabelle für Bremen Oslebshausen
  34. BSH-Gezeitentabelle für Bremen Weserwehr
  35. a b geschätzt anhand von Ludwig Franzius: Die Korrektion der Unterweser. Anhang B IV.: Wochendurchschnitte der Tidenhübe 1879. 1898.
  36. telefonische Auskunft des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bremen, Sachbereich Gewässerkunde, vom 26. März 2014.
  37. Gezeitentabelle für Cuxhaven
  38. Gezeitentabelle für Hamburg
  39. BSH-Gezeitentabelle für Hamburg St. Pauli
  40. Gezeitentabelle für Westerland (Sylt)
  41. BSH Gezeitentabelle für Dagebüll
  42. a b c d Danmarks Meteorologiske Institut: Tidal Tables
  43. Tide Forecast: Esbjerg
  44. a b c Vannstand – amtliche norwegische Wasserstandsinformation → englischsprachige Ausgabe