Tektonische Decke

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Strukturen eines Deckensystems

Tektonische Decken, Überschiebungs- oder Schubdecken sind flache oder gewellte Gesteinskörper in Faltengebirgen, die oft mehrere Kilometer mächtig sind und eine Ausdehnung von bis zu mehreren tausend Quadratkilometern besitzen können. Wenn sich ein Gebirge großteils aus solchen Decken aufbaut oder über weite Flächen von einer Decke überschoben wurde, spricht der Geologe vom Deckengebirge.

Aufbau[Bearbeiten]

Die verschobenen Gesteinskörper können von ihrem Ursprungsgebiet, der Deckenwurzel, bis zu ihrem vorderen Rand, der Deckenstirn, viele Kilometer und sogar über 100 km bewegt worden sein. Decken, die unter Mitwirkung der Schwerkraft an gering geneigten Flächen abgeglitten sind, werden als Gleitdecke bezeichnet.

In Faltengebirgen sind oft mehrere jeweils durch Verwerfungen voneinander getrennte Decken übereinander geschoben und bilden ein Deckensystem. Die Decken im jeweiligen Überschiebungsgebiet bezeichnet man auch als allochthon („vom Bildungsort entfernte“), darunter liegende nicht verschobene Krustenbereiche hingegen als autochthon („vor Ort liegend“). Parautochthone Decken sind im Vergleich zu ihrem Ursprungsort nur leicht verschoben.

Ursachen der Deckenbildung[Bearbeiten]

Ursache einer Deckenbildung ist starker seitlicher Druck auf schon vorhandene Wölbungen der Erdkruste, der meist auf großräumige Plattentektonik zurückgeht. Diese Vorgänge bei der Kollision von Meeres- oder Kontinentalplatten wurden am 29. August 1912, an der Zusammenkunft der Geologischen Vereinigung in Innsbruck, erkannt und gehen vermutlich auf Bewegungsvorgänge im oberen Erdmantel zurück.[1] Wenn nun ein Stück der Erdkruste (siehe Lithosphäre) von sehr starker tektonischer Einengung betroffen ist, kann es auf einer flach ansteigenden, festeren Unterlage zu einer horizontalen Überschiebung über andere, benachbarte Gesteins- oder Gebirgskörper kommen.

Im Detail ist der Mechanismus der Deckenbildung nicht völlig geklärt. Bei der Überschiebung der im Vergleich zu ihrer Ausdehnung sehr dünnen Gesteinspakete spielt ein erhöhter Porenwasserdruck eine Rolle, durch den die Decke gleichsam nach oben gedrückt und ihr Widerstand auf der Gleitfläche stark verringert wird. Auch das Vorhandensein von nachgiebigen Schichten wie Salzlagern, Mergeln oder Tonsteinen unterstützt die Bildung von Deckenbahnen.[2]

Beispiele[Bearbeiten]

In den Alpen bestehen große Teile des Gebirges aus weit überschobenen Deckensystemen. So sind die Decken der Nördlichen Kalkalpen, der Grauwackenzone und begleitende Gesteine mindestens 150 km über ihr Unterlager überschoben worden, wahrscheinlich betrug die Transportweite jedoch mehr als 1000 km.[3] Auch die Gesteine des Penninikums und des Helvetikums in der Schweiz, in Frankreich und in Österreich sind als Decken über ähnliche Entfernungen transportiert worden.[4] Dies gilt ebenfalls für große Gebiete im Apennin, in den Karpaten und den anderen Gebirgen der alpidischen Orogenese wie dem Himalaya.

Auch aus älteren Gebirgen sind Decken bekannt, so aus dem kaledonischen Gebirge in Schottland und Norwegen, oder dem variskischen Gebirge (Beispiel: das Moldanubikum des Böhmischen Massivs oder die Gießener Decke im Rheinischen Schiefergebirge).

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helmut W. Flügel: Wegener-Ampferer-Schwinner: Ein Beitrag zur Geschichte der Geologie in Österreich. In: Mitt. österr. geol. Ges.. 73, Dezember 1980.
  2. Osmotic equilibrium and overthrust faulting, Geological Society of America Bulletin, Volume 76, 12 (1965). Abstract
  3.  Reinhard Schönenberg, Joachim Neugebauer: Einführung in die Geologie Europas. 4. Auflage. Verlag Rombach, Freiburg 1981, ISBN 3-7930-0914-9, S. 194.
  4.  S.M. Schmid, B. Fügenschuh, E. Kissling und R. Schuster: Tectonic map and overtall architecture of the Alpine orogen. In: Eclogae geologicae Helvetiae. 97, Birkhäuser Verlag, Basel 2004, ISSN 0012-9402, S. 93–117 (http://pages.unibas.ch/earth/tecto/research/Schmid_et_al_2004_Ecl.pdf).

Literatur[Bearbeiten]

  •  Gerhard H. Eisbacher: Einführung in die Tektonik. 1. Auflage. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1991, ISBN 3-432-99251-3, S. 57ff.
  •  Dieter Richter: Allgemeine Geologie. 3. Auflage. de Gruyter Verlag, Berlin – New York 1985, ISBN 3-11-010416-4, S. 233ff.