Transit (Anna Seghers)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Transit ist ein Roman von Anna Seghers, der autobiographische Elemente enthält. Er wurde zwischen 1941 und 1942 im Exil geschrieben und erschien 1944 in englischer und spanischer Sprache. Die deutsche Originalfassung erschien erstmals 1947 in der Berliner Zeitung; die erste deutsche Buchausgabe wurde 1948 veröffentlicht.

Handlung[Bearbeiten]

Der Roman „Transit” spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der Ich–Erzähler, dessen Namen man nicht erfährt, berichtet einem (stummen) Zuhörer, den er in seine Lieblingspizzeria einlädt, von seinen Erlebnissen. Er hat genug von den Aufregungen des Krieges und möchte nur noch seine Geschichte erzählen. Der Erzähler selbst ist Deutscher und 27 Jahre alt. Nach einem Angriff der Deutschen flüchtet er aus dem Arbeitslager in Rouen (Frankreich), in dem er zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde, seitdem er aus Deutschland geflohen war. Nach seinem Ausbruch schließt er sich den anderen Flüchtlingen an. Der Erzähler beschließt daraufhin, zu Freunden nach Paris zu gehen, um so den Deutschen zu entkommen, die bereits in Frankreich einmarschieren. Doch auch Paris ist schon besetzt und er schämt sich für seine Landsleute. Trotzdem wird er von seinen Freunden, der Familie Binnet herzlich aufgenommen und er quartiert sich bei ihnen ein.

Eines Tages trifft er Paul, einen ehemaligen Mithäftling aus dem Arbeitslager wieder. Dieser erzählt, dass er nach Amerika auswandern muss, weil er ein Buch gegen Hitler geschrieben hat. Er bittet den Erzähler, einen Brief zu einem Dichter namens Weidel zu bringen, da er selbst fürchtet, entdeckt zu werden. Der Erzähler willigt ein ohne nach den Hintergründen seines Auftrags zu fragen. Er geht daraufhin zu dem Hotel, das Paul ihm genannt hat. Doch die Hotelbesitzerin behauptet, Weidel sei bereits ausgezogen. Der Erzähler merkt jedoch, dass sie ihm aus Angst etwas verheimlicht und schließlich bringt er sie dazu, ihm die Wahrheit zu sagen: Am Morgen nach seinem Einzug sei Weidel tot in seinem Zimmer aufgefunden worden. Er habe sich durch Vergiften das Leben genommen. Der Erzähler verspricht daraufhin, Weidels Koffer zu dessen Verwandten, die ebenfalls Bekannte von Paul sind, zu bringen. Am nächsten Tag erscheint Paul aber nicht am vereinbarten Treffpunkt und der Erzähler öffnet den Koffer und beginnt aus Langeweile die Manuskripte, die er darin findet, zu lesen. Es handelt sich dabei um eine noch nicht vollendete Geschichte Weidels und sie zieht den Erzähler sofort in seinen Bann. Außerdem findet er auch noch Briefe von Weidels Frau in dessen Koffer, die sich zuerst von ihm trennen und dann doch mit ihm nach Mexiko auswandern will. Der Erzähler beschließt deshalb, den Koffer beim mexikanischen Konsulat abzugeben, damit Weidels Frau ihn dort abholen kann. Der Konsul weigert sich aber, ihr den Koffer zu übergeben, und so beschließt der Erzähler, ihn zu behalten.

Gemeinsam mit Binnets Söhnen verlässt er Paris, um den Nationalsozialisten zu entkommen, die Paris nun vollständig besetzt haben. Sie schlagen sich bis zu Binnets Tochter Yvonne durch, deren Ehemann einen Pass und Geld für den Erzähler besorgt. Yvonne empfiehlt ihm, zu ihrem Cousin Georg nach Marseille weiter zu ziehen, und der Erzähler nimmt ihren Vorschlag dankbar an. Dort lernt er einige andere Emigranten kennen und jeder rät ihm, so schnell wie möglich auszuwandern. Der Erzähler sieht jedoch keinen Grund, aus Marseille abzureisen, da ihm die Stadt gefällt. Er versucht noch einmal, Weidels Koffer am mexikanischen Konsulat abzugeben, doch durch ein Missverständnis hält man ihn selbst für Weidel, der nun um eine Ausreisegenehmigung ersucht. Der Erzähler klärt den Irrtum nicht auf und der Konsul verspricht, den Namen „Weidel“ auf „Seidler“, den Namen im gefälschten Pass des Erzählers, umschreiben zu lassen. Bis dahin hatte dieser eine Aufenthaltsgenehmigung für Marseille. Der Erzähler zieht deshalb in das Hotel „Rue de la Providence“, verkehrt aber oft bei Georg Binnet und dessen Familie, mit denen er sich bald anfreundet. Kurz darauf lernt er auch ein Mädchen namens Nadine kennen und sie werden ein Paar.

Nach einem Monat läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab. Er schafft es jedoch, eine Verlängerung durchzusetzen. Inzwischen ist ihm das Geld aber knapp geworden, und auch von Nadine trennt er sich. Er trifft wieder auf Paul, der sich beklagt, dass ihm kein Visum bewilligt wird und er zu einem Zwangsaufenthalt in Marseille verpflichtet worden ist. Sie unterhalten sich über Weidel. Der Erzähler verheimlicht jedoch dessen Tod und bittet Paul, sich um Weidels Ausreise zu kümmern. Kurz darauf begegnet der Erzähler Heinz — ebenfalls ein Freund aus der Zeit des Arbeitslagers. Auch dieser will nach Mexiko auswandern. Er schenkt dem Erzähler einen gefälschten Entlassungsschein des Lagers, um gegenüber den französischen Behörden nachweisen zu können, dass er nicht aus der Internierung geflohen ist, sondern „ordnungsgemäß“ entlassen wurde. Als Binnets Sohn krank wird, findet er einen deutschen Arzt für ihn, welcher ebenfalls nach Mexiko auswandern möchte. Sie unterhalten sich über Visa und Transitgenehmigungen und der Erzähler sehnt sich danach, wieder in seine Heimat zurückzugehen. In einem Café am Hafen sieht er zum ersten Mal Weidels Frau Marie ohne jedoch zu wissen, wer sie ist. Sie macht dennoch sofort einen starken Eindruck auf ihn.[1] Er wartet am nächsten Abend wieder im selben Café, um sie nochmal zu sehen. Mit Erfolg. Er trifft sie nun fast jeden Abend, traut sich aber nicht sie anzusprechen. Wie es scheint, ist sie ständig auf der Suche nach jemandem.

An einem dieser Abende erfährt er zufällig von einem Schiff nach Lissabon. Er erzählt dem deutschen Arzt, mit dem er sich inzwischen angefreundet hat, davon und dieser will sofort mehr darüber erfahren. Er lädt den Erzähler zum Essen ein, und wieder betritt die für ihn noch geheimnisvolle suchende Frau das Lokal. Zum Erstaunen des Erzählers kennt der Arzt sie und offensichtlich sind die beiden sogar ein Paar. Jetzt erfährt er ihren Namen, Marie, und dass auch sie die Stadt verlassen will. Da sie jedoch noch keine Papiere hat und sehr zögerlich ist, will der Arzt, wie er dem Erzähler anvertraut, ohne sie abreisen, da er die Warterei leid ist. Der Erzähler ist froh darüber, da er sich sehr zu Marie hingezogen fühlt und mit ihr in Marseille bleiben möchte. Er fragt, nach wem sie suche, und Marie erzählt, dass sie auf der Suche nach ihrem Mann sei, da dieser ihr Visum bestätigen müsse. Hier wird dem Erzähler klar, dass der Schriftsteller Weidel, mit dessen Identität er gerade selbst dabei ist ein Visum für Mexiko zu erhalten, Maries Mann ist. Der Erzähler beschließt jedoch, ihr noch nichts von dessen Tod zu sagen und sich selbst um sie zu kümmern, nachdem er den Arzt weggeschickt hat.

Der Protagonist ersucht deshalb am Konsulat um Reiseerlaubnis für Marie, die ja nun „seine“ Frau ist, und gibt vor gemeinsam mit ihr das Land verlassen zu wollen.[2] Ironischerweise hat er ihr aber immer noch nicht eröffnet, dass ihr Mann tot ist und er sich für sein Visum als dieser ausgibt. Am Konsulat trifft er Heinz wieder und verspricht, auch ihm einen Schiffsplatz zu besorgen. Das Gefühl ihn ansonsten im Stich zu lassen, bereitet dem Erzähler ein schlechtes Gewissen. Der Erzähler und Marie sehen sich nun jeden Tag, aber er weiß nicht, ob sie seinetwegen kommt oder des Visums wegen, das er ihr versprochen hat. Bei ihren Treffen erzählt Marie, wie sie Weidel kennengelernt und wie sie ihn dann in Deutschland mit dem Arzt verlassen hat, da Weidel selbst keine Zeit für sie gehabt hätte. Währenddessen hilft der Erzähler dem Arzt, alles für die Abreise vorzubereiten, um ihn möglichst schnell loszuwerden. Er stellt sich bereits eine gemeinsame Zukunft mit Marie vor, als der Arzt wieder zurückkehrt, da die Kabinenplätze in „seinem“ Schiff für evakuierte Offiziere beschlagnahmt worden sind. Der Erzähler ist sehr verärgert darüber, dass sein Rivale doch noch nicht abgereist ist und geht auch Marie deshalb aus dem Weg. Schließlich bekommt er ein Transit für Amerika. Das Transit für Spanien wird ihm jedoch verweigert, weil Weidel einst einen Artikel über Massenerschießungen während des spanischen Bürgerkrieges geschrieben hat. Der Erzähler ist jedoch nicht allzu enttäuscht wegen des verweigerten Transits, da er sowieso nicht mehr abreisen will.

Obwohl er Marie weiterhin meidet, trifft er eines Tages zufällig auf sie. Marie bittet ihn ihr zu helfen. Sie will weiter nach Weidel suchen, weil ihr die Beamten des mexikanischen Konsulats, die den Erzähler unter Weidels Namen kennen, mitgeteilt haben, dass ihr Mann doch noch in der Stadt sei. Der Erzähler versucht umsonst, ihr die ewige Suche auszureden, behält jedoch den Tod Weidels und die Aneignung von dessen Identität weiterhin für sich. Dennoch verspricht er ihr, ein Transit zu beschaffen und bittet einen Bekannten, der mit dem Konsul befreundet ist, das für ihn zu erledigen. Der Erzähler beschließt nun doch gemeinsam mit Marie abzureisen. Er hält diesen Plan aber noch vor ihr geheim, denn noch fehlt ihm das Geld für die Abfahrt.

Da erfährt er, dass nun doch der Arzt selbst mit Marie reisen will und der Erzähler ärgert sich, dass er noch keine Schiffskarte bekommen hat und deshalb nicht mit ihr fahren kann.[3] Kurz darauf trifft er zufällig auf einen alten Bekannten, der bereit ist, ihm sein Ticket zu überlassen, wenn der Erzähler ihm Geld von Weidels Konto überweist. Der Erzähler willigt ein, auch wenn er noch nicht sicher ist, ob er wirklich abfahren will. Als er alles für seine Abreise vorbereitet hat, beschließt er doch seine Chance zu nutzen und zu versuchen, Marie endgültig für sich zu gewinnen. Er will ihr nun endlich die Wahrheit über Weidel erzählen und berichtet ihr von Weidels Tod. Marie glaubt ihm immer noch nicht, weil sie am Konsulat nachgefragt und dort erneut erfahren habe, dass ihr Mann erst kürzlich dort gewesen sei. Nun hofft sie, dass er auch auf ihrem Schiff sein werde. Der Erzähler versucht nicht zu erklären, dass er sich als Weidel ausgegeben hat, sondern fühlt, dass er letzten Endes gegen den Toten verloren hat. Die Tatsache, dass sich Marie derart zwanghaft einredet, Weidel würde noch leben, zeigt dem Erzähler, dass er Marie nie so viel bedeuten würde wie Weidel. („Der Tote war uneinholbar. Er hielt in der Ewigkeit fest, was ihm zustand. Er war stärker als ich.“)[4] Er gibt daraufhin seine schwerverdiente Schiffsfahrkarte zurück. Der Erzähler beschließt nach Maries Abfahrt endgültig in Frankreich zu bleiben und nimmt eine Arbeit auf dem Land an. Er ist dazu entschlossen, bei den Binnets zu bleiben und ihr Schicksal zu teilen, egal, was auch passieren würde. Er deutet sogar an, sich im Notfall dem bewaffneten Widerstand (Résistance) anzuschließen.

Später erfährt er von einem Gerücht, demzufolge die „Montreal“, das Schiff, mit dem Marie und der Arzt abgefahren sind, gesunken sei.

Hintergrund[Bearbeiten]

Hauptpersonen[Bearbeiten]

Ich-Erzähler
Der Protagonist ist namenlos, nimmt jedoch zuerst, nachdem er einen herrenlosen Flüchtlingsschein erhalten hat den Namen Seidler an, später dann den des Schriftstellers Weidel. Nach seiner Flucht aus einem deutschen Lager lebt er kurzzeitig in Paris, kann dort aber nicht bleiben und geht nach Marseille, wo er letztendlich auch bleibt.
Marie
Die Frau des toten Schriftstellers Weidel glaubt felsenfest daran, dass ihr Mann lebt, da sie gehört hat, dass ein Mann namens Weidel in Marseille aufgetaucht sei (für den sich der Ich-Erzähler ausgibt). Sie zögert deshalb eine Abfahrt mit einem deutschen Arzt, ihrem Lebensgefährten, nach Mexiko hinaus. Bis sie sich doch entschließt, dem Arzt zu folgen. Ob Ihr Schiff tatsächlich untergegangen ist oder ob sie wohlbehalten in Mexiko ankommt, bleibt offen.
Arzt
Maries Lebensgefährte möchte mit ihr über den Ozean Marseille verlassen, weil er eine Arbeitsstelle in Mexiko annehmen möchte. Auch sein Schicksal ist ungeklärt.

Erzählperspektive[Bearbeiten]

Der Leser wird als Gegenüber behandelt, dem die Ereignisse als Dialog in einer Pizzeria erzählt werden. Rückgreifend beschreibt der Ich-Erzähler seine Erlebnisse in Marseille. Sein Ausgangspunkt ist ein Gerücht, dass ein Schiff untergegangen sei. Die Chronologie der Ereignisse tritt in den Hintergrund.

Literarische Bedeutung[Bearbeiten]

Transit ist ein Entwicklungsroman. Das Leitmotiv der Handlung ist die Entwicklung des Ich-Erzählers von einem heimat- und ziellosen, herumirrenden Flüchtling zu einem sich zu Frankreich und besonders zu Marseille verbunden fühlenden Antifaschisten. Eine wichtige Rolle bei dieser Bindung spielt die Familie Binnet.[5] Transit wurde in den siebziger und achtziger Jahren hoch geschätzt und als Meisterwerk der deutschen (Exil)literatur betrachtet, von heute aus gesehen ein überhöhtes Urteil.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Die Handlung spielt zu Beginn der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts in Frankreich. Am 3. September 1939 hatte Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Damit wurden alle Deutschen, die sich in Frankreich aufhielten, zu „feindlichen Ausländern“, von denen die meisten aus genau diesem Grund in Lagern interniert wurden, so auch der Ich-Erzähler in Transit.

Für die Oppositionellen unter ihnen wurde mit dem Heranrücken der deutschen Truppen im Jahr 1940 die Lage insofern schwierig, als sie nach wie vor von den Franzosen als „Deutsche“ eingestuft wurden, andererseits aber damit rechnen mussten von den deutschen Besatzern als Gegner des Nationalsozialismus behandelt zu werden. Die Juden unter den Flüchtlingen mussten darüber hinaus mit ethnischer Verfolgung rechnen (d.h. mit ihrer Deportation, letztlich mit ihrer Ermordung).

Die Flucht in den unbesetzten Süden Frankreichs erwies sich für viele als Falle: Einerseits herrschte auch im Vichy-Frankreich eine antideutsche Stimmung, die Denunziationen Deutscher begünstigte, andererseits gab es unter den Franzosen im „freien“ Teil Frankreichs durchaus auch die Bereitschaft zur Kollaboration mit den deutschen Besatzungsmächten. So erwies sich der Glaube, in Marseille angelangt zu sein, bedeute, den letzten „freien“ Überseehafen erreicht zu haben, für viele als Irrglaube: Durch Verrat und Polizeirazzien wurde Marseille schnell zu jener Mausefalle, die Anna Seghers in ihrem Roman beschreibt.

Mit Transit hat Anna Seghers aber auch dem mexikanischen Konsulat in Marseille ein literarisches Denkmal gesetzt.[6] Generalkonsul Gilberto Bosques stellte insgesamt 40.000 Flüchtlingen Visa für Mexiko aus und ermöglichte auf diese Weise einem Teil von ihnen - darunter Anna Seghers - die Flucht nach Mexiko.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. S.90
  2. S.132: Der Erzähler beantragt ein US-amerikanisches Transit
  3. S.260: Beschreibung der Abfahrtswilligen
  4. S.269
  5. (s. Handlung)
  6. Christian Kloyber: Österreichische Autoren im mexikanischen Exil 1938 bis 1945. In: Österreichische Literatur im Exil. Universität Salzburg, 2002, abgerufen am 24. Dezember 2013 (PDF; 28,54 KB).