Tugendethik

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Tugendethik (engl. virtue ethics) bezeichnet eine Klasse ethischer Theorien, deren Zentralbegriff die menschliche Tugend ist.

Viele antike Philosophen, darunter Sokrates, haben auf die Frage, wie man leben soll bzw. was ein gutes oder letztlich glückliches Leben ausmacht, geantwortet: tugendhaft. Diese Antwort erfordert eine Theorie über die Natur von Tugenden – sie werden z. B. als durch Gewöhnung erwerbbare charakterliche Dispositionen erklärt. Sie erfordert auch eine Auskunft darüber, welches die relevanten Tugenden sind. Angeführt wurden z. B. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Man hat derartige Ansätze mit sonstigen ethischen Theorien verglichen, etwa einem Ansatz, der das gute Handeln danach beurteilt, welchen Nutzen es zur Folge hat (Utilitarismus, Konsequentialismus) oder ob es grundlegenden Beurteilungsprinzipien entspricht, etwa unbedingten Pflichten (deontologische Ethiken). Einige kontrastieren diese drei Theorien, andere wenden ein, dass auch z. B. deontologische Ansätze diejenigen Aspekte mitbehandeln bzw. mitbehandeln können, von welchen Tugendethiker sprechen.[1]

Als klassische Ausarbeitung der Tugendethik werden üblicherweise die ethischen Schriften des Aristoteles angeführt. Auch viele moderne Vertreter einer Tugendethik wie G. E. M. Anscombe, Alasdair MacIntyre oder Philippa Foot beziehen sich auf dessen Konzepte und Argumente.[2] Die Ideengeschichte kennt diverse Kataloge von Tugenden. Beispielsweise stellt die christliche Tradition die sogenannten „Theologischen TugendenGlaube, Hoffnung und Liebe, neben die vier eingangs genannten „Kardinaltugenden“, so dass sich insgesamt sieben Tugenden ergeben.

Aristoteles’ Tugendethik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Nikomachische Ethik

Die aristotelische Tugendethik orientiert sich an der Natur des Menschen und an den für die Qualität der Handlungen relevanten Umständen. Ziel ist die Glückseligkeit des Menschen, weshalb die aristotelische Ethik von Immanuel Kant als Paradebeispiel einer eudämonistischen Ethik angeführt wurde. Die Tugendethik trägt der Tatsache Rechnung, dass das, was gut ist, von den Umständen abhängt und es deshalb keine einheitliche Regel gibt, die a priori jeden Einzelfall bestimmen kann. Prinzipiell ist Ethik für Aristoteles eine praktische Wissenschaft, die ohne Beispiele und konkrete Untersuchungen nicht auskommt. Denn es hängt von vielen konkreten Umständen ab, ob eine Handlung gut ist und die Steigerung des Glücks zur Folge hat.

Tugend ist nach Aristoteles eine vorzügliche und nachhaltige Haltung (hexis), die durch die Vernunft bestimmt wird und die man durch Einübung bzw. Erziehung erwerben muss. Zur Bestimmung der Tugenden sucht man nach Aristoteles das Mittlere zwischen zwei Extremen (Mesotes-Lehre), z. B. die Selbstbeherrschung (Mäßigung), die zwischen Wollust und Stumpfheit liegt, oder die Großzügigkeit als Mittleres zwischen Verschwendung und Geiz, oder die Tapferkeit, die zwischen Tollkühnheit und Feigheit liegt. Das Mittlere ist hierbei nicht als ein mathematischer Wert zu verstehen, sondern als das Beste, was man im Bereich einer Charaktereigenschaft jeweils erreichen kann. Es ist individuell bestimmt.

„Die Tugend ist also ein Verhalten (eine Haltung) der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“

Aristoteles: Nikomachische Ethik 1106b36–1107a2, Übers. Gigon[3]

Da Aristoteles Realist war, wusste er um die Schwierigkeit und Vielfalt der konkreten Umstände. Deshalb ergänzte er auch seine Definition der Tugend als rechter Mitte um den Zusatz, dass ein verständiger bzw. tugendhafter Mensch als Orientierung dienen kann. Diese Ergänzung folgt auch aus anderen Überlegungen der Tugendethik, die die Überzeugung vertritt, dass man richtiges und ethisch gutes Handeln erlernen kann und muss, um fortschreitend richtig und gut zu handeln und um sein Urteilsvermögen in Bezug darauf zu entfalten.

Neben den vielen Fällen, in denen die Umstände über eine gute Handlung entscheiden, gibt es jedoch für Aristoteles auch Handlungen, die an sich schlecht sind. Bei diesen gibt es keine Mitte, weil es kein anderes Extrem gibt. Solches sind Mord, Ehebruch und andere Handlungen, die der Natur des Menschen grundsätzlich entgegengesetzt sind.

Aristoteles unterscheidet im Weiteren zum einen die Verstandestugenden (dianoetische Tugenden – Klugheit, Kunstfertigkeit, Vernunft, Weisheit, Wissenschaftlichkeit) und zum anderen die Charaktertugenden (ethischen Tugenden). Mit den übergeordneten Verstandestugenden orientiert der Mensch sich an der praktischen Vernunft, um die richtigen Mittel und Wege für sein Handeln zu finden und um in den konkreten Situationen, in denen sein Handeln gefordert ist, das Richtige zu wählen. Die Einübung der ethischen Tugenden verhilft dabei zur Beherrschung der Triebe und Affekte und macht den so Handelnden unabhängiger von einer nur auf Befriedigung der Lust und Vermeidung von Schmerz ausgerichteten Verhaltensweise. Um ethisches Verhalten auf das Gute auszurichten, bedarf es der Erziehung, die unsere moralische Sensibilität erhöht und damit Einfluss auf die Qualität unserer Handlungen nimmt. Wenn Tugenden verinnerlicht sind, handelt der Mensch um der Tugend willen und tut dies gern, also mit Lust. Lust ist dabei jedoch für Aristoteles nicht das Ziel der Handlung, sondern eine Begleiterscheinung, die sich mitfolgend einstellt. Was eine Tugend ist, hängt von den Umständen, auch den historischen und gesellschaftlichen, ab. Einen universellen, d. h. allgemeingültigen Kern besitzen sie aber dennoch: Vervollkommnung der menschlichen Natur gemäß ihren Anlagen und zum Zweck der Harmonie des Menschen mit sich selbst.

Wichtige Tugenden nach Aristoteles sind Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Freigebigkeit, Hilfsbereitschaft, Seelengröße, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit und Einfühlsamkeit. Die höchste Glückseligkeit erreicht man nach Aristoteles durch die Tugend der Weisheit (Sophia). Denn die Weisheit, im Sinne der Kontemplation oder Meditation über die ersten Dinge und den Sinn des Lebens, ist die höchste Tätigkeit des höchsten Vermögens des Geistes. Es ist außerdem die Tätigkeit, die dem Menschen am reinsten, dauerhaftesten und ununterbrochensten möglich ist, wenn er darin geübt ist. Sie gewährt das größte Glück und mitfolgend auch die größte Lust.

Siehe auch: Eudemische Ethik, Aristoteles’ Ethik.

Kants Tugendlehre[Bearbeiten]

Im Gegensatz dazu steht die Tugendlehre Immanuel Kants.[4] Unter Tugendhaftigkeit versteht er die Pflicht, seine Fähigkeit zu vernunftbestimmtem Handeln zu gebrauchen, ungeachtet sonstiger Beweggründe und Antriebe. Mut als Tugend kann sowohl das Handeln des Verbrechers als auch das des Polizisten bestimmen. Tugenden sind daher zwar nützlich, aber nur relativ. Sie bedürfen der Begleitung durch das sittlich Gute mit dem Kategorischen Imperativ als Maßstab, da die Befolgung des Kategorischen Imperativs ein Gebot der Pflicht ist.

Diese Pflichtbindung macht Kant zum Vertreter einer deontologischen Ethik, nicht einer Tugendethik.[5] Glückseligkeit als höchstes Gut erkennt Kant dann an, wenn wir sie für die anderen anstreben. Für uns selbst ist allein die Sittlichkeit der Maßstab.

Moderne Tugendethik[Bearbeiten]

Standpunkte[Bearbeiten]

Sowohl im Utilitarismus (einer Form des Konsequentialismus) als auch in deontologischen Ethiken, etwa der Pflichtethik Kants, steht die Handlung im Vordergrund, und damit die Frage: „Was soll ich tun?“ An dieser Fokussierung kritisieren moderne Tugendethiker, dass sie keine Antworten auf die Frage gebe, wie der Mensch sein muss, um glücklich zu leben. Auch auf die Motivation von Handlungen – wie Liebe und Neigungen – werde keine Rücksicht genommen. Die Tugendethik setzt dagegen, dass ein richtiges Handeln in richtigen Einstellungen und Charaktereigenschaften gründe. Wenn der Mensch diese eingeübt habe, sei er auch in Entscheidungssituationen in der Lage, angemessen zu reagieren.

In einer tugendethischen Sichtweise ist damit der Maßstab für richtiges Handeln das Ideal eines tugendhaften Menschen, bzw. die Handlungen eines tugendhaften Menschen. Was nun konkret tugendhaft ist, ergibt sich insbesondere aus den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine absolute Begründung des Sollens gibt es hingegen nicht. Diese Einschätzung ist jedoch umstritten. Es gibt auch Auffassungen, dass es Tugenden gibt, die über die verschiedenen Kulturkreise hinweg einen allgemein gültigen Kern haben, der höchstens im jeweiligen sozialen Umfeld eine Adaption erfährt. Zunehmende Bedeutung und Rezeption erfährt die Tugendethik im Bereich der Unternehmensethik. Jüngere führungsethische Publikationen beziehen sich dabei explizit auf Aristoteles.

Kritik[Bearbeiten]

Kritiker der Tugendethik bemängeln insbesondere, dass diese keine Lösungen zu aktuellen praktischen Fragen wie Abtreibung, Todesstrafe etc. bietet, dass Handlungsfolgen nicht bewertet werden, wie auch, dass im konkreten Einzelfall kein Lösungskonzept gefunden werden kann. Des Weiteren lassen sich gesellschaftliche Grundregeln (die üblicherweise in Gesetzen formuliert sind) wie das Verbot von Mord, Raub, Vergewaltigung, Betrug etc. nicht unmittelbar aus einer Tugendethik begründen. Ähnliches gilt für die Menschenrechte.

Als Lösung für die durch solche Kritik angeregte Fragen gibt es Ansätze, die eine Verbindung der handlungsorientierten Ethikprinzipien mit der Tugendethik zu einem Gesamtkonzept fordern. Ausarbeitungen beziehen sich dabei teilweise auf die in der Kritik ausgelassenen Argumente bei Aristoteles selbst und entwickeln sie weiter. Andere Ethiker ergänzen das tugendethische Grundmodell durch alternative Ansätze und Modelle.

Literatur[Bearbeiten]

  • Crisp, Roger/Michael Slote (Hrsg.): Virtue Ethics. Oxford University Press, Oxford 1997.
  • Darwall, Stephen (Hrsg.): Virtue Ethics. Blackwell, Oxford 2003.
  • Foot, Philippa: Virtues and Vices. Blackwell, Oxford 1978.
  • Foot, Philippa: Die Wirklichkeit des Guten. Frankfurt 1997.
  • Geach, Peter: The Virtues. Cambridge University Press, Cambridge 1977.
  • Hursthouse, Rosalind: "On Virtue Ethics". Oxford University Press, Oxford 1999.
  • MacIntyre, Alasdair: After Virtue. Duckworth, London 1985; deutsch: Der Verlust der Tugend. Frankfurt 1995.
  • McInerny Ralph: "Aquinas on Human Action: A Theory of Practice". The Catholic University of America Press, Washington D.C. 1992.
  • Rippe, Klaus Peter/Schabe, Peter (Hrsg.): Tugendethik. Stuttgart 1998.
  • Tugendhat, Ernst: Vorlesungen zur Ethik. Frankfurt 1993.
  • Halbig, Christoph: Der Begriff der Tugend und die Grenzen der Tugendethik. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. z. B. Roger Crisp: Art. Virtue ethics. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy.
  2. Vgl. Friedo Ricken: Aristoteles und die moderne Tugendethik. In: Theologie und Philosophie 74, Nr. 3, 1999, S. 391–404.
  3. Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Olof Gigon. 5. Auflage. dtv, München 2002, S. 141.
  4. Vgl. Andrea Marlen Esser: Eine Ethik für Endliche. Kants Tugendlehre in der Gegenwart. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2004, ISBN 3-7728-2237-1.
  5. Larry Alexander/Michael Moore: Deontological Ethics. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy