Wilfried Böse

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Ernst Wilfried „Bonni“ Böse (* 1949; † 4. Juli 1976 in Entebbe, Uganda) war ein deutscher Terrorist.[1][2] Er war Mitgründer der Revolutionären Zellen. Bei der Befreiung eines zusammen mit palästinensischen Terroristen entführten Flugzeugs wurde Böse 1976 erschossen.

Leben[Bearbeiten]

Böse wuchs in Bamberg auf. Dort ging er in die Kunigundenschule, die Oberrealschule (heute Clavius-Gymnasium) und ab 1965 auf das Dientzenhofer-Gymnasium. Die letzten anderthalb Jahre bis zum Abitur 1969 besuchte er das Ansbacher Platen-Gymnasium. Er studierte zunächst in Freiburg, dann in Frankfurt[3] Soziologie, brach das Studium aber ab, um den Vertrieb des Verlags Roter Stern zu übernehmen.

Im Sommer 1972 gründete Böse gemeinsam mit weiteren Personen (Johannes Weinrich) aus der gewaltbereiten linksextremen Szene in Frankfurt die terroristische Gruppe „Revolutionäre Zellen“ (RZ). Er stand in Verbindung mit den bereits bestehenden Gruppen Rote Armee Fraktion (RAF) und Bewegung 2. Juni, entwickelte die neue Gruppe aber mit dem Ziel, durch dezentrale Organisation kaum miteinander verbundener Kleingruppen die Entdeckung durch die Strafverfolgungsbehörden maximal zu erschweren. Als sich die RZ später in einen nationalen und einen internationalen Flügel aufspaltete, gehörte Böse gemeinsam mit Johannes Weinrich, Hans-Joachim Klein, Magdalena Kopp, Brigitte Kuhlmann und anderen zu den maßgeblichen international aktiven Terroristen.[4] Böse besuchte mit seinen RZ-Mitkämpfern zur Guerillaausbildung ein geheimes Trainingslager im Südjemen und nutzte den Decknamen „Mahmud“.[5] Im September 1975 tauchte er gemeinsam mit Kuhlmann unter, nachdem er zuletzt in Frankfurt gemeldet war.[6]

Flugzeugentführung nach Entebbe[Bearbeiten]

Böse war am 4. Juli 1976, zusammen mit Angehörigen der palästinensischen Terrorgruppe PFLP von Wadi Haddad, maßgeblich an der Entführung eines Airbus der Air France mit etwa 250, überwiegend jüdischen[7] Passagieren nach Entebbe beteiligt. Ihre Forderung war die Freilassung deutscher und palästinensischer Terroristen. Böse und Kuhlmann organisierten im alten Terminalgebäude von Entebbe, in dem die Passagiere nach ihrer Ankunft festgehalten wurden, anhand der bereits im Flugzeug eingesammelten Reisepässe und Personaldokumente die Aufteilung der Geiseln in eine israelische und eine nicht-israelische Gruppe.[8] Bei den Betroffenen löste diese Aktion starke Assoziationen an die von Deutschen organisierten „Selektionen“ in den Vernichtungslagern der NS-Herrschaft aus.[8] Als ein Holocaustüberlebender Böse seine eintätowierte Häftlingsnummer zeigte und ihm auf Deutsch vorwarf, die neue Generation der Deutschen sei offenbar nicht anders als die, die er im Holocaust erlebt hatte, erwiderte Böse ihm, er sei in Westdeutschland zum Guerillakämpfer geworden, weil das herrschende System Nazis in seinen Dienst aufgenommen habe, und nun sei sein Ziel, den unterdrückten Palästinensern zu helfen.[9][8][10] Die meisten Nicht-Israelis, darunter zahlreiche Juden, wurden freigelassen,[11][7] – mit Ausnahme von rund zwanzig Franzosen sowie der zwölfköpfigen Crew, die unter Hinweis auf ihre Verantwortung für alle Passagiere ein Zurücklassen der israelischen Geiselgruppe ablehnte.

Bei der Erstürmung des Flughafengebäudes durch eine israelische Sondereinheit während der Operation Entebbe am 4. Juli 1976 wurden Wilfried Böse, Brigitte Kuhlmann und die anderen Entführer erschossen.

Der Israeli Ilan Hartuv und der Franzose Sylver Ayache, die beide in Entebbe als Geiseln festgehalten worden waren, berichteten 2010 und 2011 jeweils in Interviews übereinstimmend, dass ihnen als bemerkenswert aufgefallen sei, dass Böse im Moment des Angriffs der israelischen Truppen bewusst auf die einfache Möglichkeit verzichtet habe, Geiseln zu ermorden.[10] Er habe laut Hartuv einigen Geiseln gesagt, sie sollten in den Waschräumen Schutz suchen, und danach auf die israelischen Soldaten geschossen.[8]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Die Entführung wurde mehrfach verfilmt, unter anderem mit Helmut Berger, Horst Buchholz und Klaus Kinski in der Rolle des Wilfried Böse. In Olivier Assayas' Biopic Carlos – Der Schakal übernahm Aljoscha Stadelmann die Rolle des Wilfried Böse.

Schülerprojekt und Ausstellung[Bearbeiten]

Ab 2012 erarbeiteten Schüler des von Böse besuchten Bamberger Gymnasiums im Rahmen eines zeitgeschichtlichen Projekts eine Dokumentation seines Werdegangs vom Schüler zum Terroristen.[12] Die als Ergebnis entstandene Ausstellung wurde 2013 außer im Stadtarchiv Bamberg auch in der Staatlichen Bibliothek Ansbach gezeigt.[13][3][14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Oliver Schröm: Im Schatten des Schakals. Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus. Aufbau Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-7466-8119-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Paul Berman: Power and the Idealists, Or, The Passion of Joschka Fischer and Its Aftermath, S. 58
  2. Colin Smith: Carlos: Portrait of a Terrorist: In Pursuit of the Jackal, 1975-2011, S. 78
  3. a b Ausstellung in Ansbach, auf der Webseite des Dientzenhofer-Gymnasiums Bamberg, abgerufen am 21. Juli 2014
  4. Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig und die Anfänge des westdeutschen Terrorismus, in: Einsichten und Perspektiven 01/2008, abgerufen am 21. Juli 2014
  5. Oliver Schröm: Im Schatten des Schakals, S. 96
  6. TERRORISTEN Kontakt mit Kadern, Der Spiegel, 1/1976, 5. Januar 1976
  7. a b Aviv Lavie: Surviving the myth, in: Haaretz vom 31. Juli 2003, abgerufen am 3. August 2014 (englisch)
  8. a b c d Yossi Melman: Setting the record straight: Entebbe was not Auschwitz, in: Haaretz vom 8. Juli 2011, abgerufen am 3. August 2014 (englisch)
  9. Gerhard Hanloser: Die Linke und der Antisemitismus: Ganz so einfach ist es nicht, in: Wochenzeitung vom 14. März 2013, abgerufen am 3. August 2014
  10. a b Claudine Barouhiel: Opération Entebbe: Un otage témoigne (PDF, S. 16), in: Tribu 12 Nr. 23, Sommer 2010, abgerufen am 4. August 2014 (französisch)
  11. Freia Anders und Alexander Sedlmaier: "Unternehmen Entebbe" 1976: quellenkritische Perspektiven auf eine Flugzeugentführung. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22(2013), S.267-289, hier S. 289
  12. Hartmut Voigt: Wie der junge Wilfried Böse zum Terroristen wurde, in: Nürnberger Nachrichten vom 7. Juli 2012, abgerufen am 21. Juli 2014
  13. »Kain denk mal Böse«, Schulprojekt des Dientzenhofer-Gymnasiums im Stadtarchiv vom 27. Juni 2013
  14. Ute Kissling: Wilfried Böse – der Begründer der terroristischen Revolutionären Zellen (PDF), in: Bibliotheksforum Bayern Heft 08 (2014), abgerufen am 3. August 2014