1,5-Grad-Ziel

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Unter dem 1,5-Grad-Ziel versteht man das Ziel, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Nach einem Sonderbericht des Weltklimarats hat das 1,5-Grad-Ziel gegenüber dem 2-Grad-Ziel deutliche Vorteile. Fast alle Staaten der Erde[1] haben mit dem Übereinkommen von Paris einen Vertrag unterzeichnet, laut dem sie Anstrengungen zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels unternehmen wollen.[2][3]

Erreichbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Studie von 2017 wurden die Chancen für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels als niedrig eingestuft. Damals ging man davon aus, dass selbst ohne weitere Treibhausgasemissionen die globale Durchschnittstemperatur noch auf mindestens 1,1 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit steigen wird, und mit einer Wahrscheinlichkeit von 13 % sogar auf 1,5 °C oder darüber hinaus. Eine zweite Studie aus dem gleichen Jahr hält selbst eine Begrenzung der Erderhitzung auf 2 Grad bis 2100 für unwahrscheinlich, geschweige denn auf 1,5 Grad. Nach damaligen Modellen, die sich unter anderem auf Voraussagen über das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner und die Bevölkerungsentwicklung verließen, wurde die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen dieses Ziels auf gerade einmal ein Prozent geschätzt.[4][5]

Der im Oktober 2018 veröffentlichte Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung des Weltklimarats kommt allerdings zu dem Schluss, dass das 1,5-Grad-Ziel noch erreichbar ist. Dazu müsste der CO2-Ausstoß der Menschheit noch lange vor 2030 deutlich zu sinken beginnen und ab etwa dem Jahr 2050 netto null Emissionen erreichen.[6] Um den Treibhausgasausstoß in dieser relativ kurzen Zeit zu senken, braucht es einen Wandel weg von fossiler Energie hin zu erneuerbaren Energiequellen und von einer fleischlastigen zu einer überwiegend pflanzenbasierten Ernährungsweise.[7][8] Gleichzeitig sind anhaltende negative Emissionen im Ausmaß von 100 bis 1000 Milliarden Tonnen CO2 bis Ende des Jahrhunderts erforderlich, was dem 2,5- bis 25-fachen der jährlichen CO2-Emissionen von etwa 40 Gigatonnen entspricht.[9] Eine Möglichkeit, dies auf natürliche Weise zu tun, sind Kohlendioxid-Entnahmemaßnahmen(CDR) in Zusammenhang mit Landwirtschaft, Forstwirtschaft und anderer Landnutzung(AFOLU) wie beispielsweise Aufforstungen oder Moorwiedervernässungen,[10] in den meisten modellierten Emissionpfaden des IPCC reicht das jedoch nicht. Auch das Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid müsste genutzt werden, um die Erde nach einem Überschießen der 1,5-Grad-Marke wieder herunter zu kühlen.[6] Dabei schreibt der Weltklimarat selbst, dass "bisher noch nicht bestätigt ist, dass solche Technologien im großen Maßstab funktionieren".[11]

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sonderbericht des IPCC zu 1,5 °C globaler Erwärmung trifft u. a. folgende Kernaussagen zu den Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C im Vergleich zu denen einer Erderhitzung um 2 °C:

  1. Eine weniger starke Zunahme von Durchschnittstemperaturen, Hitzeextremen, Dürren, Starkniederschlägen und Niederschlagsdefiziten.
  2. Der Meeresspiegel würde bei Erreichen des 1,5-Grad-Ziels um 0,1 Meter weniger ansteigen als beim Erreichen des 2-Grad-Ziels. Ausgehend von den Bevölkerungszahlen von 2010 und ohne Anpassungsmaßnahmen würden bei 2° Erwärmung bis zu 10 Millionen Menschen mehr vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein. Er wird auch nach diesem Jahrhundert selbst bei einer Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels weiter steigen, allerdings mit geringerer Geschwindigkeit als bei 2 °C globaler Erwärmung.
  3. Es würden weniger Arten aussterben, die Schäden an Ökosystemen an Land, im Süßwasser und an Küsten wären geringer, so dass mehr von ihren Ökosystemdienstleistungen erhalten blieben.
  4. Eine geringere Erwärmung und Versauerung der Ozeane mit einem geringeren Rückgang des Sauerstoffgehalts im Meer und damit verbunden ein geringerer Rückgang der Artenvielfalt und der Fischereierträge. Ein Sommer ohne Meereis in der Arktis würde statistisch betrachtet nur einmal im Jahrhundert anstatt einmal im Jahrzehnt auftreten.
  5. Geringere Risiken für die menschliche Gesundheit und Sicherheit, die Lebensgrundlagen, Nahrungsmittel- und Wasserversorgung und für das Wirtschaftswachstum.
  6. Es wären weniger Anpassungen an das neue Klima nötig. Die Grenzen der Anpassungskapazität mancher menschlicher und natürlicher Systeme sind bei 1,5 Grad globaler Erwärmung erreicht, jedoch fallen die Verluste durch das Überschreiten der Grenzen der Anpassung an den Klimawandel geringer aus als bei 2 Grad globaler Erwärmung.[6]

Das Risiko, Kippelemente und unkontrollierbare Kettenreaktionen auszulösen, ist bei einer Erwärmung um 1,5 °C deutlich geringer. Kippelemente der Kryosphäre könnten, so eine Reihe von Forschern in einem 2019 veröffentlichten Kommentar, schon gefährlich nahe sein. Bei einer Erwärmung von 1,5 °C bis 2 °C könnten der Grönländische Eisschild oder das arktische Meereis abschmelzen. Für den Westantarktischen Eisschild könnte der Kipppunkt bereits heute überschritten sein, eine Erwärmung um 1,5 °C würde den Schmelzprozess aber im Vergleich zu 2 °C globaler Erwärmung um den Faktor Zehn verlangsamen und eine Anpassung an einen stark steigenden Meeresspiegel erleichtern. Möglicherweise ist das CO2-Budget von 500 Milliarden Tonnen für eine 50-prozentige Chance, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, aber inzwischen schon aufgebraucht.[12]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der internationale Klimavertrag - ohne die USA. In: br.de. 5. November 2019, abgerufen am 27. Januar 2020.
  2. Klimaübereinkommen von Paris. Schweizerischer Bundesrat, 30. Juli 2019, abgerufen am 27. Januar 2020 (Schweizer Hochdeutsch).
  3. Übereinkommen von Paris. (PDF) Deutsches Umweltbundesamt, 14. Juni 2016, abgerufen am 27. Januar 2020.
  4. Marlene Weiß: Das 1,5-Grad-Ziel kann man vergessen. In: sueddeutsche.de. 1. August 2017, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  5. Less than 2 °C warming by 2100 unlikely. In: nature.com. 31. Juli 2017, abgerufen am 30. Dezember 2019 (englisch).
  6. a b c 1,5 °C globale Erwärmung - Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. In: de-ipcc.de. Deutsche IPCC-Koordinierungssstelle, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  7. Joachim Müller-Jung: Bericht des Weltklimarats: Der Klimastachel im Fleisch. In: faz.net. 8. August 2019, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  8. Annika Flatley: Studie: Vegane Ernährung könnte Klima und Menschenleben retten. In: utopia.de. 1. April 2016, abgerufen am 9. Januar 2020.
  9. Kati Mattern, Eric Fee, Thomas Voigt, Juliane Berger, Guido Knoche, Achim Daschkeit, Claudia Kabel, Mathias Bornschein: Kernbotschaften des IPCC-Sonderberichts über 1,5 °C globale Erwärmung zur Verbreitung in der Öffentlichkeit. (PDF) Deutsches Umweltbundesamt, 2. Oktober 2019, abgerufen am 9. Januar 2020.
  10. Wie sich das 1,5-Grad-Ziel erreichen lässt. In: orf.at. 5. März 2018, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  11. 1,5 °C globale Erwärmung - Häufig gestellte Fragen und Antworten. In: de-ipcc.de. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, abgerufen am 31. Dezember 2019.
  12. Timothy M. Lenton, Johan Rockström, Owen Gaffney, Stefan Rahmstorf, Katherine Richardson, Will Steffen, Hans Joachim Schellnhuber: Climate tipping points – too risky to bet against. In: Nature. 27. November 2019, doi:10.1038/d41586-019-03595-0 (Open Access).