Alain Finkielkraut

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Alain Finkielkraut (2014)

Alain Finkielkraut (* 30. Juni 1949 in Paris) ist ein französischer Philosoph und Autor. Er ist Mitglied der Académie française.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finkielkraut ist der Sohn eines polnisch-jüdischen Lederwarenhändlers, der das KZ Auschwitz überlebte. Alain Finkielkraut besuchte das Pariser Lycée Henri IV und studierte an der École normale supérieure (ENS). Er lehrt Philosophie an der École polytechnique und moderiert eine Sendung des französischen Radiosenders France Culture.

In Deutschland wurde Finkielkraut durch Le nouveau désordre amoureux (1977; deutsch 1979 u.d.T. Die neue Liebesunordnung) bekannt, verfasst zusammen mit Pascal Bruckner. Mit der Niederlage des Denkens (1987) beginnt seine Kritik „der Barbarei der modernen Welt“, eine Kritik, die sich im Umkreis des Denkens Hannah Arendts entfaltet. Vehement wendet er sich gegen jeden Kulturrelativismus: So zerstöre etwa die Kritik an der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in islamischen Ländern nicht deren Gemeinschaft. Wer sich gegen eine solche Kritik mit dem Anspruch der Toleranz gegenüber fremden Kulturen ausspreche, setze ein überkommenes Denken in Begriffen der kulturellen Identität voraus. Auch kulturelle bzw. religiöse Minderheiten seien ohne eine kulturrelativistische Haltung durchaus geschützt, unter der Bedingung nämlich, dass sie Bräuche, die die Grundrechte der Person verhöhnen, als ungesetzlich erachteten.

Im Jahr 2000 gründete Finkielkraut zusammen mit Benny Lévy und Bernard-Henri Lévy in Jerusalem das Institut d’études lévinassiennes, benannt nach Emmanuel Levinas. Der heutige Sitz ist Paris.

2007 verlieh ihm die Universität Tel Aviv die Ehrendoktorwürde.[1] 2010 wurde Un cœur intelligent, ein Sammelband seiner Lektüren, mit dem Prix de l’Essai ausgezeichnet.

Am 10. April 2014 wurde Finkielkraut in die Académie française gewählt,[2] wo er den Platz von Félicien Marceau übernahm. Finkielkrauts Wahl war eine Debatte vorangegangen, die sich an seinen konservativen, von manchen als reaktionär empfundenen Positionen entzündet hatte[3][4], besonders an jenen, die in seinem wenige Monate zuvor erschienenen Buch L’identité malheureuse vertreten werden. Finkielkraut verband darin die Themen Einwanderung und nationale Identität und beklagte den angeblichen Niedergang Frankreichs, seiner Bildungsinstitutionen und seiner Kultur. Die Identität sei insbesondere durch die Einwanderung gefährdet. Frankreich habe seine Homogenität verloren. Die einheimische Bevölkerung bestimme nicht mehr die kulturelle Linie.[5]

Der Journalist Jean Birnbaum urteilte anlässlich der Veröffentlichung dieses Buches über Finkielkraut: „Ob er sich selbst dessen bewusst ist oder nicht – sein Buch ist Ausdruck eines politischen Umbruchs. So wie Antonio Gramsci früher als Symbol einer scheinbar undogmatischen KP in Italien herhalten musste, so ist Alain Finkielkraut heute der Vorzeige-Intellektuelle eines scheinbar akzeptabel gewordenen Front National in Frankreich.“ Finkielkraut bezeichnete 2013 den Front National als „die einzige Partei, die die Franzosen mit ihrer verunsicherten Identität ernst“ nehme. Er beklagte, dass Kritiker des Front National durch bestimmte Positionen es diesem und seiner Anführerin Marine Le Pen gestatteten, sich als Verteidigerin republikanischer Werte darzustellen.[6]

Im Vorwahlkampf der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2017 unterstützte Finkielkraut bei den Vorwahlen der Linken den ehemaligen Premierminister Manuel Valls; unter den möglichen Präsidentschaftskandidaten sprach er sich insbesondere gegen Emmanuel Macron und Marine Le Pen aus.[7][8]

Am 16. Februar 2019 wurde Finkielkraut während einer Demonstration der Gelbwestenbewegung in Paris Opfer antisemitischer Pöbeleien, der Haupttäter wurde als ein geheimdienstlich bekannter radikaler Islamist identifiziert.[9] Finkielkraut selber sagte, dass er nicht als Jude, sondern als Unterstützer des Staates Israel attackiert worden sei und dass der dabei geäußerte Ruf „Gott wird dich bestrafen“ klar auf einen islamistischen Hintergrund hindeute.[10] Der Vorfall wurde in Frankreich bis zu Präsident Macron kritisch kommentiert.[11]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (mit Pascal Bruckner) Le nouveau désordre amoureux. Éditions du Seuil, Paris 1977
  • (mit Pascal Bruckner) Au coin de la rue, l’aventure.
    • Das Abenteuer gleich um die Ecke. Kleines Handbuch der Alltagsüberlebenskunst. Übersetzung Hainer Kober. Hanser, 1981
  • Le juif imaginaire.
  • La défaite de la pensée. Gallimard, Paris 1987
    • Die Niederlage des Denkens. Übersetzung Nicola Volland. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-12413-0
  • La mémoire vaine.
    • Die vergebliche Erinnerung. Vom Verbrechen gegen die Menschheit. Übersetzung Frank Miething. Tiamat, Berlin 1989, ISBN 3-923118-02-3
  • L’humanité perdue.
    • Verlust der Menschlichkeit. Versuch über das 20. Jahrhundert. Übersetzung Susanne Schaper. Klett-Cotta, Stuttgart 1998, ISBN 3-608-91903-1
  • L’ingratitude. Conversation sur notre temps.
    • Die Undankbarkeit. Gedanken über unsere Zeit. Übersetzung Susanne Schaper. Ullstein, Berlin 2001, ISBN 3-89834-043-0
  • L’Explication.
  • L’identité malheureuse. Stock, Paris 2013, ISBN 978-2-234-07336-4
  • La Seule Exactitude. Stock, Paris 2015, ISBN 978-2-234-07897-0

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Alain Finkielkraut – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Honorary Degrees – Honorary Doctor of Philosophy. Universität Tel Aviv, abgerufen am 24. Februar 2019 (englisch, Liste der Ehrendoktoren).
  2. Élection de M. Alain Finkielkraut (F21). Académie française, 10. April 2014, abgerufen am 10. April 2014 (französisch).
  3. David Caviglioli: Alain Finkielkraut, un guerrier à l'Académie française. In: nouvelobs.com. 10. April 2014, abgerufen am 10. April 2014 (französisch).
  4. Jürg Altwegg: Kein Grund zur Empörung! Alain Finkielkraut in die Académie française gewählt. In: FAZ.net. 11. April 2014, abgerufen am 12. April 2014.
  5. Joseph Jurt: Sprache, Literatur und nationale Identität – Die Debatten über das Universelle und das Partikuläre in Frankreich und Deutschland. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-034036-5.
  6. Georg Blume: Politisches Buch: „Nationaler Zerfall“. In: zeit.de. 12. Dezember 2013, abgerufen am 13. Dezember 2017.
  7. Florent Barraco: Primaire de la gauche : Finkielkraut en pince pour Valls. In: lepoint.fr. 18. Januar 2017, abgerufen am 13. Dezember 2017 (französisch).
  8. Jürg Altwegg: Französischer Wahlkampf: Linke ohne Leitkultur. In: FAZ.net. 22. April 2017, abgerufen am 17. Februar 2019.
  9. Martina Meister: Alain Finkielkraut zu Antisemitismus: „Das ist die Rhetorik der Islamisten“. In: welt.de. 18. Februar 2019, abgerufen am 22. Februar 2019.
  10. Alain Finkielkraut injurié: une enquête ouverte, un suspect identifié. In: lefigaro.fr. 17. Februar 2019, abgerufen am 8. März 2019 (französisch).
  11. Georg Blume: Die Gelben pesten. In: Spiegel Online. 18. Februar 2019, abgerufen am 18. Februar 2019.
  12. Eike Geisel: Eike Geisel über Alain Finkielkraut: Der eingebildete Jude. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1982, S. 228 (online).