Armen Avanessian

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Armen Avanessian

Armen Avanessian (* 1973 in Wien) ist ein österreichischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und politischer Theoretiker. Er arbeitete unter anderem an der Freien Universität Berlin und war Gastprofessor am German Department der Columbia University sowie im German Department der Yale University. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch die Arbeit rund um Spekulativen Realismus und Akzelerationismus in Kunst und Philosophie bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Armen Avanessian studierte Philosophie und Politikwissenschaft bei Jacques Rancière in Paris. Er wurde in Bielefeld bei Karl Heinz Bohrer mit der Dissertation Phänomenologie ironischen Geistes. Ethik, Poetik und Politik der Moderne promoviert. Avanessian arbeitete mehrere Jahre als freier Journalist, Redakteur (Le Philosophoire, Paris) und im Verlagswesen in London.

Von 2007 bis 2014 lehrte Avanessian am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität in Berlin. Er war 2011 als Visiting Fellow am German Department der Columbia University und 2012 am German Department der Yale University. Seit 2013 ist er Gastdozent an verschiedenen Kunstakademien (Nürnberg, Wien, Basel, Kopenhagen, Kalifornien), und seit 2014 ambulanter Redakteur bei dem auf Philosophie und politische Theorie spezialisierten Merve Verlag Berlin. 2011 gründete Armen Avanessian die bilinguale Recherche- und Publikationsplattform Spekulative Poetik[1], welche Philosophen, Literaten und Künstler aus aller Welt im Dienste einer erst herzustellenden neuen wissenschaftlichen Disziplin vereint.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Dissertation, die sich bereits mit Phänomenen an der Schnittstelle von Kunst, Politik und Philosophie beschäftigte, konzentrierte sich Avanessian auf die Ausarbeitung eines neuen literaturtheoretischen und sprachphilosophischen Forschungsansatzes. Gemeinsam mit fachlichen Kollegen wie Anke Hennig arbeitete er ab 2011 verstärkt an einer Verbindung neuer spekulativ-ontologischer Ansätze mit den sprachphilosophischen Theorien des 20. Jahrhunderts, vornehmlich in den gemeinsam geschriebenen Monografien Präsens. Poetik eines Tempus (Diaphanes, Berlin 2012) und Metanoia. Spekulative Ontologie der Sprache (Merve, Berlin 2014). Er transportierte außerdem den Akzelerationismus maßgeblich als Richtung der politischen Philosophie in den deutschsprachigen Raum. Für die Bemühungen um seine post-kapitalistischen Ideen und Publikationen wurde Avanessian 2015 vom Wired-Magazin als einer der wichtigsten Vordenker des Jahres benannt.[2]

Mit dem Berliner Regisseur Christopher Roth produzierte er den 2016 erschienenen Film Hyperstition, der unter Zuhilfenahme von Ontologie, Science Fiction und soziologischen Themen das Konzept Zeit hinterfragt. Der Film ist aus Gesprächen mit namhaften Philosophen und solchen einer jüngeren Generation zusammengesetzt und wurde auf verschiedenen Kunstfestivals in Europa und den USA gezeigt.

Als zentraler Teil von Avanessians Arbeit muss mittlerweile seine außerakademische Tätigkeit betrachtet werden. Das betrifft sowohl viel diskutierte publizistische Bezugnahmen zu aktuellen politischen Themen wie der Flüchtlingsfrage[3], eine Vielzahl an Vorträgen im deutschsprachigen, aber auch internationalen Kunst- und Kulturbereich, sowie eine Vielzahl an Interviews und intellektuellen Porträts[4]. Jenseits des klassischen akademischen Mainstreams gelingt es Avanessian auch immer wieder, neue Begriffe und theoretische Konstellationen in den öffentlichen Diskurs zu schmuggeln, wobei es sich dabei teilweise um Neologismen, teilweise um bereits zuvor in kleineren Zirkeln geläufige Begriffe handelt, die Avanessian als Herausgeber gewissermaßen auf neue Weise produziert und für den deutschen Kontext präpariert. Beispiele hierfür sind „Spekulativer Realismus“, „Akzeleration“, „Xenofeminismus“, „Hyperstition“ oder zuletzt das Konzept des „Zeitkomplex: Postcontemporary“. Hyperstition ist hierbei nicht nur ein weiterer Begriff, sondern beschreibt zugleich eine Methode: die aus der Zukunft in die Gegenwart gerichtete Verwirklichung von Ideen oder Fiktionen.

Viele von Avanessians Büchern wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Russische, Niederländische, Spanische und Französische.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Armen Avanessian veröffentlichte zunächst hauptsächlich akademische Monografien und Aufsätze zu Linguistik, Semantik und Literaturwissenschaften. Der philosophische Durchbruch gelang ihm mit den Sammelbänden zu Spekulativem Realismus (Realismus Jetzt) und mit dem Akzelerationismus-Reader #Akzeleration. Mit dem Wechsel zum Merve Verlag konzentriert sich Avanessian auf die Herausgabe aktueller und noch nicht etablierter Philosophie, mit zunehmendem Fokus auf feministische, finanztheoretische und technologische Fragestellungen. Er veröffentlicht außerdem eigene Bücher die um die Möglichkeit einer Poetisierung der Philosophie kreisen.

Mit seiner Monographie Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz setzt er sich dann auf eine explizit akzelerationistische Weise mit dem Missständen der real existierenden Universität auseinander. Anstelle einer bloß kritischen Auseinandersetzung baut Avanessian aber auch ständig an alternativen Plattformen, etwa der von ihm, Reza Negarestani und Pete Wolfendale organisierten Summer School am Berliner Haus der Kulturen der Welt zum Thema „Emancipation as Navigation: From the space of reasons to the space of freedoms“[5].

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Avanessians zuletzt verstärkte Tätigkeit im Kunstfeld kann auch als diejenige eines postcontemporary Künstlers verstanden werden, welcher versucht, spekulative Fragestellung in Philosophie und bildender Kunst zu verbinden und allgemein verständlich aufzubereiten. Neben klassischen Veröffentlichungen in Print, Filmprojekten und seiner Arbeit als Gastdozent, nutzt er dazu auch immer wieder Kunstfestivals und Ausstellungsmöglichkeiten. So basierte das „Tomorrow Today / curated by_vienna“-Galerienfestival 2015[6] auf Avanessians gleichnamigem Essay und verband die Kunst von 20 renommierten Kuratoren mit dem Gedanken eines realen Post-Kapitalismus. Im Rahmen der neunten Berlin Biennale leitet Avanessian den zehntägigen Young Curators Workshop, der sich mit Alternativen zu den ökonomischen und politischen Modellen der zeitgenössischen Kunst beschäftigt. Ein analoges Ungenügen an dem Status quo politischer Theorie oder Praxis, sowie der meist nur postulierten Effekte politischer Kunst, führte zur Idee eines demokratisch-transparenten Geheimdienstes DISCREET[7], den Avanessian als Künstler auf der Berlin Biennale im Sommer 2016 im Rahmen des mehrwöchigen Projektes gemeinsam mit Alexander Martos gründen wird.

Armen Avanessian schreibt regelmäßig für Kunstmagazine wie Spike,[8] Texte zur Kunst und DIS Magazine und thematisiert Kunst immer wieder auch im philosophischen Kontext. Für verschiedene Veröffentlichungen im Merve Verlag, bei Sternberg Press und in filmischer Form arbeitet er seit mehreren Jahren auch projektübergreifend mit dem Zeichner Andreas Töpfer zusammen.[9]

Rundfunk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem Journalisten und Kolumnisten Georg Diez, Medientheoretiker Paul Feigelfeld und Schriftstellerin Julia Zange ist Armen Avanessian immer montags auf Berlin Community Radio mit der Radio-Talksendung „60 Hertz“[10] zu hören. Die Sendung versteht sich als künstlerisches Konzept, in Interviews und Gesprächen den Alltag der 2010er-Jahre abzubilden.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Artikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Accelerating Academia: On Hyperstition in Theory. In: Václav Janošcík, Vít Bohal, Dustin Breitling (Hrsg.): Reinventing Horizons. display, Prague, S. 77–97.
  • Reading Political Theories (not) Reading. Towards a Contemporary Realism of Reference. In: Anneka Esch-van Kan, Stephan Packard, Philipp Schulte (Hrsg.): Thinking – Resisting – Reading the Political. Current Perspectives on Politics and Communities in the Arts. Vol. 2, Diaphanes, Zürich, Berlin 2013, S. 221–230.
  • Aesthetics of Form Revisited. In: Armen Avanessian, Luke Skrebowski (Hrsg.): Aesthetics and Contemporary Art. Sternberg Press, Berlin 2011, S. 31–50.
  • Das spekulative Ende des ästhetischen Regimes. In: Texte zur Kunst #93: 'Spekulation'. März 2014, S. 52–65.
  • Old (art) wine in a new (theory) bottle? On materialistic art and materialism. In: OCTOBER Magazine. S. 8–10.

Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Luke Skrebowski: Aesthetics and Contemporary Art. Sternberg Press, 2011, ISBN 978-1-934105-52-8.
  • mit anderen Autoren: Form – Zwischen Ästhetik und künstlerischer Praxis. diaphanes, ISBN 978-3-03734-294-7.
  • mit Gabriele Brandstetter und Franck Hofmann (Hrsg.): Die Erfahrung des Orpheus. Wilhelm Fink Verlag, 2010, ISBN 978-3-7705-4927-6.
  • mit Franck Hofmann (Hrsg.): Raum in den Künsten: Konstruktion – Bewegung – Politik. Wilhelm Fink Verlag, 2010, ISBN 978-3-7705-4658-9.
  • mit Winfried Menninghaus und Jan Völker (Hrsg.): Vita aesthetica – Szenarien ästhetischer Lebendigkeit. diaphanes, ISBN 978-3-03734-075-2.
  • Realismus Jetzt. Spekulative Philosophie und Metaphysik für das 21. Jahrhundert. Merve Verlag, 2013, ISBN 978-3-88396-285-6.
  • mit Björn Quiring: Abyssus Intellectualis. Spekulativer Horror. Mit Abb. von Andreas Töpfer. Merve Verlag, 2013, ISBN 978-3-88396-342-6.
  • #Akzeleration. Merve Verlag, 2013, ISBN 978-3-88396-350-1.
  • mit Robin Mackay (Hrsg.): #Akzeleration#2. Merve Verlag / Urbanomic, 2014, ISBN 978-3-88396-359-4.
  • mit Robin Mackay (Hrsg.): #Accelerate – The Accelerationist Reader. Urbanomic / Merve Verlag, 2014, ISBN 978-0-9575295-5-7.
  • mit Jan Niklas Howe (Hrsg.): Poetik – Historische Narrative, aktuelle Positionen. Kulturverlag Kadmos, 2014, ISBN 978-3-86599-226-0.
  • mit Anke Hennig und Steffen Popp (Hrsg.): Poesie und Begriff. diaphanes, ISBN 978-3-03734-709-6.
  • mit Sophie Wennerscheid (Hrsg.): Kierkegaard and Political Theory – Religion, Aesthetics, Politics and the Intervention of the Single Individual. Museum Tusculanum Press, 2015, ISBN 978-87-635-4154-1.
  • mit Helen Hester (Hrsg.): dea ex machina. Merve Verlag, 2015, ISBN 978-3-88396-369-3.
  • mit Gerald Nestler (Hrsg.): Making of Finance. 2015, ISBN 978-3-88396-374-7.
  • mit Christoph Cox, Jenny Jaskey und Suhail Malik (Hrsg.): Realismus | Materialismus | Kunst. Merve Verlag, 2016, ISBN 978-3-88396-364-8.
  • mit Suhail Malik (Hrsg.): Der Zeitkomplex. Postcontemporary. Mit Abb. von Andreas Töpfer. Merve Verlag, 2016, ISBN 978-3-88396-380-8.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hyperstition[11], 2016, Christopher Roth, Armen Avanessian, 100 Minuten, Dokumentarfilm über Zeit und Narrativ, Gedanken und Bilder, Denken und Philosophie in Anthropologie, Design, Ökonomie, Linguistik, Mathematik und Politik.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Programmatik des Projekts – Spekulative Poetik – Spekulative Poetik. In: www.spekulative-poetik.de. Abgerufen am 1. Mai 2016.
  2. WIRED Germany: Armen Avanessian // Die Innovatoren und Vordenker 2015. 19. Januar 2015; abgerufen am 2. Mai 2016.
  3. Armen Avanessian: Flüchtlinge: Diese Menschenschwärme. In: Die Zeit. 19. September 2015, ISSN 0044-2070.
  4. Literaturliste Avanessian – Spekulative Poetik. In: www.spekulative-poetik.de. Abgerufen am 2. Mai 2016.
  5. Summer School. Abgerufen am 5. Februar 2016 (PDF).
  6. Concept. In: Vienna Business Agency. Abgerufen am 2. Mai 2016.
  7. discreet. In: Vimeo. Abgerufen am 13. Mai 2016.
  8. Armen Avanessian. In: Spike Art Daily. Abgerufen am 2. Mai 2016.
  9. spcltv. In: salon.io. Abgerufen am 2. Mai 2016.
  10. 60HZ. In: Berlin Community Radio. 23. März 2016; abgerufen am 2. Mai 2016.
  11. HYPERSTITION. In: www.hyperstition.org. Abgerufen am 1. Mai 2016.