Bartter-Syndrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
E26.8 Sonstiger Hyperaldosteronismus
- Bartter-Syndrom
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Das Bartter-Syndrom ist eine äußerst seltene vererbte Krankheit des aufsteigenden Astes der Henle-Schleife in der Niere mit Salzverlust-Syndrom, hypokaliämischer metabolischer Alkalose und sekundärem Hyperaldosteronismus bei normalem oder niedrigem Blutdruck. Neben der klassischen Form gibt es eine antenatale Form des ungeborenen Fötus mit Polyhydramnion.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es besteht ein Defekt des Furosemid-sensitiven Na+/K+/2Cl-Kotransporters (NKCC2, Typ I; auch BSC1 genannt) [oder des apikalen K+-Kanals (ROMK; Typ II) oder des basolateralen Cl-Kanals (CLCKB, Typ III), die mit dem Na+/K+/2Cl-Kotransport bei der Resorption von NaCl im Verdünnungssegment kooperieren] im aufsteigenden Ast der Henle-Schleife der Niere. Dadurch können Natrium-Ionen nicht genügend rückresorbiert werden, wodurch der Blutdruck abfällt. Dies führt einerseits via Pressorezeptoren der Aorta zu Katecholaminausschüttung und andererseits wegen geringerer Durchblutung der Vasa afferentia zu einer Ausschüttung von Renin und es entsteht ein hyperreninämischer Hyperaldosteronismus.

Typ IV ist durch einen Defekt in Barttin, der essentiellen β-Untereinheit des ClC-K-Kanals gekennzeichnet, der neben der basolateralen Membran der Henle-Schleife, auch in der basolateralen Membran der Stria vascularis im Innenohr exprimiert wird. Dieser Phänotyp zeigt eine zusätzliche Taubheit, da die Produktion der K+-reichen Endolyphe gehemmt ist.

Bei Typ V liegt eine Mutation im CaSR (extrazellulärer Calcium-Ion-Sensing-Rezeptor) vor, der die NKCC2 und den ROMK inhibiert.

Das Hyperprostaglandin-E-Syndrom ist eine Kombination aus Typ I, II und III.

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Krankheit ist mit einer Auftrittswahrscheinlichkeit (Prävalenz) von 1 bis 9 : 1.000.000 sehr selten.[1]

Genetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erbgang von Typ I bis IV ist autosomal-rezessiv. Typ V wird dagegen autosomal-dominant vererbt.[2]

Bisher wurden fünf verschiedene Gene gefunden, die bei der Entstehung des Bartter-Syndrom involviert sind:[2]

Bartter-Syndrom Chromosom Genlocus Gen kodiertes Protein
Typ I Chromosom 15q15-q21.1 SLC12A1[3] NKCC2
Typ II Chromosom 11q21-25 KCNJ1 ROMK
Typ III Chromosom 1p36 ClCNKb ClCN-Kb
Typ IV Chromosom 1p31 BSND Barttin
Typ V Chromosom 3q13.3-q21 CASR CaR

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Blutdruck ist typischerweise trotz erhöhtem Renin und Aldosteron erniedrigt. Bei erniedrigten Kaliumwerten kommt es zur metabolischen Alkalose und Salzverlust. Dehydratation, Erbrechen und Polyurie sind möglich. Als Folge des Hyperaldosteronismus entsteht eine Hypokaliämie sowie eine metabolische Alkalose.

Weitere Symptome sind:

Differentialdiagnose der Harnkonzentrierungsstörungen[4][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bartter-Syndrom Schwartz-Bartter-Syndrom Diabetes insipidus centralis Diabetes insipidus renalis
Pathophysiologie Kanaldefekt in der Niere
(Na+/K+/2Cl-Symporter, ROMK oder CLCKB)
unangemessen hohe ADH-Sekretion
Aquaporineinbau
unzureichende ADH-Sekretion
Aquaporineinbau
ADH-Typ 2-Rezeptordefekt
Aquaporineinbau ↓ oder Aquaporindefekt
Ätiologie erblich (autosomal-rezessiv)
  1. paraneoplastisch (kleinzelliges Bronchialkarzinom)
  2. sekundär bei Infektionen oder ZNS-Störungen
  1. idiopathisch (ca. 1/3 der Fälle)
  2. sekundär bei Tumoren, nach Trauma, bei Infektionen
  1. erblich (X-chromosomal- oder autosomal-rezessiv)
  2. erworben bei Nierenerkrankung
Klinik Salzappetit, Muskelschwäche und -schmerzen, Krämpfe ZNS-Symptomatik, Muskelschwäche und -schmerzen, Krämpfe erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge
Labor Serum: Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert Serum: ADH ↑, Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert Serum: ADH ↓, Na+ ↑, Osmolalität Serum: ADH ↔, Na+ ↑, Osmolalität
Urin: Na+ ↑, K+ ↑, Osmolalität Urin: Na+ ↑, Osmolalität Urin: Na+ ↓, Osmolalität Urin: Na+ ↓, Osmolalität
Weitere Diagnostik Nachweis eines sekundären Hyperaldosteronismus
  1. Durstversuch: ADH
  2. Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität
  1. Durstversuch: ADH
  2. Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird versucht, durch Infusionen den Kaliumspiegel und den Natriumspiegel zu heben. Außerdem können Aldosteronantagonisten sowie Prostaglandinsynthesehemmer (z. B. Indometacin) eingesetzt werden.

Antenatales Bartter-Syndrom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch das antenatales Bartter-Syndrom wird meist autosomal-rezessiv vererbt und es wurden dieselben Loss-of-Function-Mutationen wie bei der klassischen Form beschrieben. Durch den Salzverlust im dicken aufsteigenden Ast der Henle-Schleife kommt es in utero zu einer massiven Polyurie und einem schweren Polyhydramnion, der in der Regel zu einer Frühgeburt führt. Die Behandlung umfasst vor allem einen Flüssigkeits-Ausgleich und eine Salzsupplementierung. Nichtsteroidale Entzündungshemmer werden aufgrund der möglichen schweren unerwünschten Wirkungen in der Nachgeburtsphase nur vorsichtig eingesetzt.

Daneben beschrieb eine Marburger Arbeitsgruppe 2016 eine transiente Form des antenatalen Bartter-Syndroms mit einem X-chromosomalen Erbgang, ausgelöst durch eine Mutation des Gens für das "Melanoma-assozierte Antigen D2" (MAGE-D2) im Bereich Xp11.2.[5] Die genaue molekulare Funktion dieses Proteins ist nicht bekannt, das Protein bindet an Chaperon Hsp-40 und zytoplasmisches Gs-alpha-Protein und ist an der Zellzyklus-Regulation, Apoptose und Neurogenese beteiligt, außerdem mit einigen Karzinomen assoziiert. Die klinische Implikation ist vor allem, dass die risikoreiche postnatale Therapie des Bartter-Syndroms nicht notwendig ist.[6]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bartter-Syndrom wurde erstmals 1962 von dem US-amerikanischen Endokrinologen Frederic Bartter (1914–1983) beschrieben.[7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. orpha.net: Bartter-Syndrom
  2. a b G. Colussi: Bartter syndrome. In: Orphanet encyclopedia. März 2005.
  3. SLC12A1= Solute carrier family 12 sodium/potassium/chloride transporters, member 1
  4. Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2007, S. 564–565, 712–713.
  5. Kamel Laghmani, Bodo B. Beck, Sung-Sen Yang, Elie Seaayfan, Andrea Wenzel, Björn Reusch, Helga Vitzthum, Dario Priem, Sylvie Demaretz, Klasien Bergmann, Leonie K. Duin, Heike Göbel, Christoph Mache, Holger Thiele, Malte P. Bartram, Carlos Dombret, Janine Altmüller, Peter Nürnberg, Thomas Benzing, Elena Levtchenko, Hannsjörg W. Seyberth, Günter Klaus, Gökhan Yigit, Shih-Hua Lin, Albert Timmer, Tom J. de Koning, Sicco A. Scherjon, Karl P. Schlingmann, Mathieu J.M. Bertrand, Markus M. Rinschen, Olivier de Backer, Martin Konrad, Martin Kömhoff: Polyhydramnios, Transient Antenatal Bartter’s Syndrome, and MAGED2 Mutations. New England Journal of Medicine 2016, Band 374, Ausgabe 19 vom 12. Mai 2016, Seiten 1853-1863, DOI: 10.1056/NEJMoa1507629
  6. Nine V.A.M. Knoers, René J. Bindels: MAGE-D2 and the Regulation of Renal Salt Transporters. New England Journal of Medicine 2016, Band 374, Ausgabe 19 vom 12. Mai 2016, Seiten 1888-1890, DOI: 10.1056/NEJMe1603856
  7. F. C. Bartter u. a.: Hyperplasia of the juxtaglomerular complex with hyperaldosteronism and hypokalemic alkalosis: a new syndrome. In: Am. J. Med. 33/1962, S. 811–828. PMID 13969763

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!