Bekkay Harrach

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Bekkay Harrach (* 4. September 1977 in Berkane, Marokko; † 2010 in Afghanistan) war ein deutsch-marokkanischer Islamist und ein mutmaßliches Mitglied von al-Qaida.[1] Er wurde durch Videobotschaften bekannt, in denen er 2009 unter dem PseudonymAbu Talha, der Deutsche“ Terrordrohungen gegen Deutschland aussprach. Laut zwei unterschiedlichen Meldungen soll er im Jahr 2010 bei Gefechten in Afghanistan ums Leben gekommen sein.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harrach kam 1981 im Zuge einer Familienzusammenführung nach Deutschland und wuchs in Bonn-Tannenbusch auf; seit 1997 war er im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft.[2] Als Jugendlicher verkehrte er im Umfeld der Bonner König-Fahd-Akademie, verließ nach der 10. Klasse das Gymnasium und absolvierte das Fachabitur nach zwei Jahren Fachoberschule.[3] 2002 schrieb er sich an der Fachhochschule Koblenz für Lasertechnologie und Wirtschaftsmathematik ein, wurde 2004 jedoch exmatrikuliert.[4] Harrach arbeitete danach in dem Call Shop „Casablanca“ in Tannenbusch.[5] Er soll in einer Moschee und in Islam-Seminaren von salafistischen Predigern radikalisiert worden sein.[6] Schon 2003 begab er sich in das Westjordanland, wo er in Hebron bei einem Gefecht durch israelische Soldaten verwundet wurde.[7] Im Jahr 2004 soll er sich erst in den Irak und dann nach Syrien abgesetzt haben und vorübergehend in Haft gewesen sein. Harrach soll in verschiedenen Bonner Moscheen verkehrt haben, in der Al-Muhajirin-Moschee,[8] der Bonn-Beueler Al-Muhssin-Moschee[9] und in der Ar-Rahma-Moschee in Pennenfeld war Harrach sogar stellvertretender Vorsitzender des Moscheevereins von März 2006 bis März 2007.[10] Auch rief er 2006 namentlich zu einer Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen in Bonn auf.[8] Laut Bundesanwaltschaft wurde Harrach in Deutschland von dem später zu acht Jahren Haft verurteilten hochrangigen Al-Qaida-Mitglied Aleem Nasir aus Germersheim für das Terrornetzwerk angeworben.[11] Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes reiste Harrach 2007 von Deutschland aus in ein Ausbildungslager im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet („Terrorcamp“), wo er Kontakt zu den höchsten al-Qaida-Führungskreisen aufgenommen habe.[12]

Harrach war mit einer zum Islam konvertierten Deutsch-Polin verheiratet, mit der er seit Juni 2007 einen Sohn hatte und die ihm im Mai 2008 nachreiste. Zuvor hatte seine Ehefrau eine Fehlgeburt erlitten. Dieses Kind sollte Talha heißen. Nach ihm nannte sich Harrach „Abu Talha“, Vater von Talha.[7][5][13]

Ab Januar 2009 ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen Harrach wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.[12] Im Mai 2009 wurde er auf die UN-Terrorliste gesetzt,[1] im Oktober 2009 auf die Sanktionsliste des amerikanischen Finanzministeriums.[14]

Laut ungesicherten Geheimdienst-Informationen gegenüber den Medien soll Harrach im August 2010 bei einem Luftschlag durch eine US-Drohne im Grenzgebiet zu Pakistan getötet worden sein.[15] Im Januar 2011 wurde sein Tod in einem Kommunique der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) bestätigt, demzufolge Harrach in einem selbstmörderischen Angriff auf die Festung von Bagram in Afghanistan ums Leben gekommen sei.[16][17]

Drohvideos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde Harrach durch fünf Drohvideos gegen die Bundesrepublik, die er unter seinem Pseudonym „Abu Talha, der Deutsche“ aus Wasiristan sendete. Das erste Video („Das Rettungspaket für Deutschland“) wurde im Januar 2009 veröffentlicht und wie zwei weitere Harrach-Videos von der Medienproduktionsfirma „As-Sahab“ autorisiert, die Botschaften von al-Qaida verbreitet. In der halbstündigen Aufnahme drohte Harrach Deutschland wegen seiner Beteiligung am Nato-Einsatz in Afghanistan mit Anschlägen.[18] Die Überlegenheit von al-Qaida versuchte Harrach anhand einer Kurvendiskussion zu beweisen und durch Gleichnisse mit Glasperlenketten und Primzahlen („Taliban und Al-Qaida sind wie eine Primzahl, die nur durch sich selbst oder durch eins teilbar ist“). Harrachs Auftritt in Kampfmontur mit RPG, Maschinengewehr und verhülltem Gesicht sowie einem merkwürdig betulichen Sprachduktus und eindrücklicher Gestik wurde als eine Einladung für Spötter verstanden[19] und in Satirevideos persifliert.[20]

Das zweite Video, eine etwa 45 Minuten lange Ansprache mit Standbild unter dem Titel „Der Islam und die Finanzkrise“, tauchte im Februar 2009 auf. Darin kritisierte er den Kapitalismus und deutete die Finanzkrise ab 2007 als Strafe Gottes für die Nichtbeachtung des Korans. Deutschland werde, so Harrach, von „Allahs Strafe“ getroffen, wenn sich das Land nicht „vom Übel und den Verbrechern“ fernhalte.[21]

Im September 2009 wurden drei weitere Videos ins Internet gestellt und durch IntelCenter an die Presse weitergegeben. In dem dritten Video („Sicherheit - ein geteiltes Schicksal“ mit dem Logo von Al Fajr Media) kündigte Harrach Attacken nach der Bundestagswahl 2009 an, falls diese kein Signal für einen Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan bringen würde. „Entscheidet das deutsche Volk sich für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt.“ Dann, so Harrach, werde der Dschihad nach Deutschland getragen. Er empfahl Muslimen im Namen von Al-Qaida, in den zwei Wochen nach den Wahlen in Deutschland von allem, was nicht lebensnotwendig ist, fernzubleiben und ihre Kinder in der Nähe zu behalten.[22] Harrach zeigte in diesem Video sein unverdecktes Gesicht und eine „für den Anlass denkbar untypische Kleidung“[23] mit schwarzem Anzug und blauer Krawatte vor einem roten Vorhang, welche die taz an einen „braven Gymnasiast bei der Zeugnisvergabe“[24], andere an einen „Mafioso mit Anzug und Krawatte“[25] erinnerte. Mit Unverständnis reagierte die deutsche Öffentlichkeit auf Harrachs Ankündigung, ausgerechnet die Stadt Kiel verschonen zu wollen, eine Ausnahme, welche er mit dem Babynahrungsschwur „Dafür stehe ich mit meinem Namen“ bekräftigte.[22][26] Harrach bedankte sich außerdem bei der Bundesregierung für die „schnelle Hilfe aus meiner Haft in Syrien“, sowie für Hilfe „nach meiner Schussverletzung in Hebron/Palästina“.[11]

Im vierten Video unter dem Titel „Oh Allah, ich liebe dich, Teil 1“ propagierte er den Märtyrertod und pries die Vorteile des Heiligen Krieges.[27] Im zweiten Teil der Ansprache empfahl er jungen Muslimen in Deutschland, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen.[28]

Die Sicherheitsbehörden nahmen Harrachs Drohungen ernst,[29] auf Flughäfen und Bahnhöfen wurden nach der Veröffentlichung der letzten Videos die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.[30] Im November 2009 wurde ein 25-jähriger Stuttgarter, der die Videos im Internet verbreitet hatte, wegen Beihilfe zur Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu sechs Monaten Haft verurteilt.[31]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Security Council Al-Qaida and Taliban Sanctions Committee (UN 1267) adds name of one individual to Consolidated List of individuals and entities 28 May 2009
  2. Bekkay Harrach - der Mann, der Deutschland droht, Berliner Morgenpost, 19. September 2009
  3. Bekkay Harrach: Der Terrorist aus Tannenbusch Stern 7. Oktober 2009
  4. Terror-Prediger mit Anzug und Krawatte süddeutsche.de, 21. September 2009
  5. a b So starb der Bonner Bekkay Harrach den "Märtyrertod" Florian Flade, Die Welt 18. Januar 2011
  6. Bonn und sein islamistisches Milieu Von Christian Denso, DIE ZEIT, 30. April 2009 Nr. 19
  7. a b Terrorermittlungen: Deutsch-Marokkaner plant Anschläge für al-Qaida Der Spiegel 24. Januar 2009
  8. a b Das Netzwerk der Terrorschüler Von Jens Meifert, Kölnische Rundschau 20. Oktober 2009, aktualisiert 24. April 2017
  9. Rolf Clement/Paul Elmar Jöris: Die Terroristen von nebenan. Gotteskrieger aus Deutschland, München 2010. Rezension Gotteskrieger aus NRW Von Karsten Rudolph 2. Mai 2010
  10. Muslime nehmen Stellung zu Islamist Harrach El-Kaida-Terrorist war 2006 im Vorstand einer Bonner Moschee. Von Frank Vallender, General-Anzeiger (Bonn) vom 19. November 2009
  11. a b „Abu Talha, der Deutsche“ droht der Bundesrepublik, Focus Online, 19. September 2009
  12. a b Al Kaida Video – Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Bekkay Harrach, Focus Online, 22. Januar 2009
  13. WELT 18. Januar 2011 (online)
  14. Treasury Designates al-Qa’ida Member October 15, 2009
  15. Bekkay Harrach: Deutscher Terrorist in Afghanistan getötet?, Focus Online, 16. September 2010
  16. Dschihadist Abu Talha: Bonner Qaida-Kämpfer soll bei Gefecht gestorben sein Von Yassin Musharbash, Der Spiegel 18. Januar 2011
  17. “Neujahr in Waziristan” von Abu Adam al-Almani (Mounir Chouka), für die Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) mit Jahresstatistik (1431 n.H.), veröffentlicht Januar 2011
  18. Ermittlungen gegen Deutsch-Marokkaner wegen Drohvideos, Spiegel Online, 22. Januar 2009
  19. Logbuch al-Qaida: Abu Blahbla und die Spaßguerilla Von Yassin Musharbash, Der Spiegel 5. Februar 2009
  20. youtube Videos: Hindukush Home Shopping, Abu Talha als "Schnellste Maus von Mexiko", Rettungspaket für MTV, Abu Talha auf der Suche nach der Primzahl
  21. Deutscher Islamist Harrach warnt vor Kapitalismus, Welt Online, 26. Februar 2009
  22. a b Wortlaut des Drohvideos "Dann sieht es für das deutsche Volk bitter aus" Der Spiegel, 18. September 2009
  23. Al-Qaida droht mit Anschlägen nach der Bundestagswahl Yassin Musharbash, Marcel Rosenbach, Holger Stark, Spiegel Online, 18. September 2009
  24. Der deutsche Al-Qaida-Terrorist Harrach - Ein gefährlicher Mann taz 22. September 2009
  25. Bekkay gibt den Mafioso Holger Schmidt, SWR, 18. September 2009
  26. Sanfte Drohungen, Dank an Berlin und Trost für Kiel Neue Zürcher Zeitung 21. September 2009
  27. Bekkay Harrachs Plädoyer für den „Heiligen Krieg“, Welt Online, 20. September 2009
  28. Al-Qaida veröffentlicht neue Propaganda-Predigt auf Deutsch Spiegel Online, 25. September 2009
  29. Yassin Musharbash, Marcel Rosenbach, Holger Stark: Al-Qaida droht mit Anschlägen nach der Bundestagswahl, Spiegel Online, 18. September 2009
  30. Al-Qaida droht Deutschland mit bösem Erwachen, Zeit Online, 18. September 2009
  31. Terrorhelfer kommt in Haft (Memento vom 15. November 2009 im Internet Archive) Susanne Janssen, Stuttgarter Zeitung, 13. November 2009