Berliner Schule (Film)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Berliner Schule ist die Bezeichnung für eine Stilrichtung im deutschen Kino, die seit Mitte der 1990er-Jahre entstanden ist.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in den 1970er-Jahren wurde von der Berliner Schule gesprochen, damals in Bezug auf den sogenannten Arbeiterfilm. Dieser Artikel behandelt jedoch die Berliner Schule der 1990er- und 2000er-Jahre, die sich auf den Neuen Deutschen Film bzw. Autorenfilm der 1960er- und 70er-Jahre bezieht. Die Urheberfrage des Begriffs Berliner Schule ist bisher ungeklärt geblieben.[1]

Zu der losen Gruppe an Filmemachern zählt man in erster Generation Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec, die sich gemeinsam auf der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennengelernt haben. Seit Anfang der 1990er-Jahre begeistern sie die deutsche Filmkritik mit Werken in der Ästhetik der Berliner Schule.[2]

Im Jahr 2003 lief der Film Milchwald von Christoph Hochhäusler auf der Berlinale. Im folgenden Jahr war der Film Marseille von Angela Schanelec bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes zu sehen. Beide und andere deutsche Filme ähnlicher Machart stießen bei französischen Filmkritikern auf Resonanz, die sich in Rezensionen in Cahiers du cinéma und Le Monde niederschlug. Die französischen Journalisten bezeichnen diesen Trend als „Nouvelle Vague Allemande“, die deutsche Presse entschied sich für „Berliner Schule“. Nach Ansicht von Cathy Rohnke funktioniere dieser Begriff als „Marketing-Label“, nicht als inhaltliche Beschreibung. Die darunter eingeordneten Filme seien sehr unterschiedlich und variationsreich, und die Filmästhetik sei kein ausschließliches Berliner Phänomen.[2]

Aktuell ordnet man vor allem auch die Werke von Christoph Hochhäusler (Milchwald und Falscher Bekenner), Benjamin Heisenberg (Schläfer), Maren Ade, Henner Winckler (Klassenfahrt) und Valeska Grisebach (Mein Stern) in die Berliner Schule ein. Obschon Hochhäusler, Heisenberg und Ade Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film in München sind, wird an der Bezeichnung „Berliner Schule“ festgehalten. In ihrer Gesamtheit spiegeln die Regisseure die gesamte Bandbreite der deutschen Filmschulen wider, einige wurden auch im Ausland ausgebildet, einige arbeiten eng zusammen, andere kennen sich untereinander nicht oder lehnen gar Kollektivismus ab.[2]

Weitere Regisseure, die der Berliner Schule zugeordnet werden, sind unter anderen Valeska Grisebach, Elke Hauck, Sonja Heiss, Ulrich Köhler, Jan Krüger, Hannes Lang, Matthias Luthardt, Pia Marais, Timo Müller, Ayse Polat, Jan Schomburg, Maria Speth, Isabelle Stever und Sören Voigt. Für die jüngeren Regisseure der Berliner Schule sind Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec Vorbilder.[3]

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Berliner Schule hat sich jenseits des Mainstream-Kinos eine Gruppe von jungen deutschen Filmemachern etabliert. Bei einem ausgeprägten Stilwillen geht es ihnen weniger darum, spektakuläre Geschichte zu erzählen, sondern es werden eher alltägliche, aus eigener Erfahrung gespeiste Szenarien erforscht. Die Hintergründe der in den Filmen dargestellten Figuren werden meistens nur angedeutet, nicht aber ausführlich beschrieben. Die Menschen sind häufig auf der Flucht, ohne aber neue Horizonte oder besseres Leben erreichen zu können. Die Filme der Berliner Schule spielen an anonymen Nicht-Orten und zersiedelten, heruntergekommenen Landschaften oder Stadtquartieren. Im Unterschied zum sozialkritischen Neuen Deutschen Film der 1970er-Jahre werden keinerlei Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem angeboten. Die depressive Stimmung vieler dieser Filme reflektiert letztendlich auch die zunehmende soziale Unsicherheit und die Absturzängste der intellektuellen Mittelklasse, aus der diese jungen Filmemacher stammen.

Motor der Geschichten ist oft die Verzweiflung der Protagonisten beim Kampf um ihr persönliches Glück. Das häufig offene Ende überlässt den Zuschauenden, ob sich die Sehnsucht der Figuren erfüllt, manchmal gibt es jedoch ein bitteres Ende. Entscheidende Themen der Gesellschaft werden auf Gefühle und Motive von Individuen heruntergebrochen bzw. am Mikrokosmos der Familie oder der Zweierbeziehung abgehandelt. Für die dort stattfindenden Katastrophen gibt es selten Erlösung.[2]

Ein verbindendes Merkmal der Berliner Schule ist die narrative visuelle Ästhetik, die von stilprägenden Kameramännern und -frauen verantwortet wird, wie Jürgen Jürges, Hans Fromm, Reinhold Vorschneider, Nikolai von Grävenitz, Bernhard Keller, Bernadette Paaßen und Patrick Orth und Film-Editorinnen wie Bettina Böhler. Eine Stilistik der Kargheit (lange Kameraeinstellungen, wenige Schnitte, reduzierte Dialoge und ausgedehntes Schweigen sowie sparsam eingesetzte musikalische Untermalung)[4] fokussiert die Zuschaueraufmerksamkeit auf die Charakteristika der Filmfiguren. Die Geschehnisse laufen oft in gefühlter Echtzeit ab, was mitunter an die Qualität von Dokumentationen erinnert. Die Zuschauenden können sich dabei voyeurhaft oder uneingeladen fühlen.[2]

Diskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das publizistische Sprachrohr der Regisseure der Berliner Schule ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift Revolver, in der sich der Diskurs der Filmemacher entwickelt und abbildet.[5] Herausgegeben wird sie von Jens Börner, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Franz Müller, Nicolas Wackerbarth und Saskia Walker. Aus diesem Zusammenhang heraus werden Veranstaltungen wie Filmaufführungen und Diskussionen organisiert. Erfahrene internationale Regisseure und junge deutsche Regisseure werden vorgestellt und in den Diskurs einbezogen. So wurde z. B. im Januar 2012 der amerikanische Mumblecore-Regisseur Andrew Bujalski zu einem Workshop und Panel nach Berlin eingeladen. Eine neue Generation zukünftiger Regisseure ist von der Revolver-Redaktion im Mai 2012 vorgestellt worden: Jessica Krummacher (Totem), Hannes Lang (Peak), Maximilian Linz (Das Oberhausener Gefühl) und Timo Müller (Morscholz).[6]

Mittlerweile ist ein Sammelband mit Aufsätzen von Revolver-Autoren erschienen, der den Diskurs um Kino mitbestimmt: Kino muss gefährlich sein. Revolver Filmbuch. Das Beste aus 14 Ausgaben Revolver. 40 Texte und Interviews zum Film.[3]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die amerikanische Filmemacherin Miranda July bezieht sich positiv auf die Regisseurin Maren Ade.[7]
  • „Einbruch der Wirklichkeit in den deutschen Film“ – (Christoph Hochhäusler über Bungalow von Ulrich Köhler)[2]
  • Der Filmemacher Dietrich Brüggemann äußerte sich 2013 in seinem Blog abwertend zur Arbeit der Berliner Schule: „Gekünstelte Dialoge. Reglose Gesichter. Ausführliche Rückenansichten von Leuten. Zäh zerdehnte Zeit. Willkommen in der Welt des künstlerisch hochwertigen Kinos, willkommen in einer Welt aus quälender Langeweile und bohrender Pein.“[8]
  • Georg Seeßlen: „Ich riskiere ein großes Wort: Die Filme der "Berliner Schule" versuchen, den Kapitalismus darzustellen. Als Lebensraum und als Lebenszeit von Menschen, die nicht in ihm aufgehen und ihn nicht erfüllen. Und als Raum und Zeit von Gespenstern. Den unerledigten Aufgaben, der ungelösten Schuld. Den Kapitalismus darstellen, obwohl das in unseren Erzählmaschinen eigentlich verboten ist – oder in gewisser Weise unmöglich – ist nicht leicht. Und es geht nicht ohne eine sehr eigene Art von Transzendenz: Was zu den Filmen der "Berliner Schule" gehört, das ist, dass sie auf eine Weise auch sehr, sehr schön sind.“[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Berliner Nouvelle Vague. Dokumentarfilm, Deutschland, 2016, 51:35 Min., Buch und Regie: André Hörmann und Nadya Luer, Produktion: telekult, rbb, arte, Erstsendung: 11. Januar 2017 bei arte, Inhaltsangabe von ARD.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rüdiger Suchsland: Zum Begriff „Berliner Schule“. In: filmzentrale.com, Oktober 2006, siehe unten, letzter Abschnitt.
  2. a b c d e f Cathy Rohnke: Die Schule, die keine ist – Reflektionen über die „Berliner Schule“. (Memento vom 26. März 2012 im Internet Archive) In: Goethe-Institut, Dezember 2006.
  3. a b Marcus Seibert (Hrsg.): Kino muss gefährlich sein. Revolver Filmbuch. Das Beste aus 14 Ausgaben Revolver. 40 Texte und Interviews zum Film. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 2006, ISBN 978-3-88661-296-3.
    Mit Beiträgen von Maren Ade, Barbara Albert, Jens Börner, Jean-Claude Carrière, Katrin Cartlidge, Patrice Chéreau, Jacques Doillon, Jean Douchet, Christopher Doyle, Bruno Dumont, Harun Farocki, Helmut Färber, Dominik Graf, Michael Haneke, Jessica Hausner, Benjamin Heisenberg, Werner Herzog, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Wong Kar-Wai, Abbas Kiarostami, Roland Klick, Alexander Kluge, Harmony Korine, Peter Kubelka, Noémie Lvovsky, Jonas Mekas, Christian Petzold, Jacques Rivette, Éric Rohmer, Ulrich Seidl, Angela Schanelec, Georg Seeßlen, Hans-Jürgen Syberberg, Lars von Trier, Reinhold Vorschneider, Jeff Wall, Nicolas Wackerbarth, Henner Winckler u.a.
  4. Cristina Moles Kaupp: Fast ohne Romantik. Wo beginnt, wo endet die Berliner Schule? In: tip, Nr. 14, 2006, 29. Juni – 12. Juli 2006, S. 42–43.
  5. Internetpräsenz der Zeitschrift Revolver, aufgerufen am 12. Januar 2017.
  6. Christoph Hochhäusler: Gesprächsrunde im Roten Salon: Revolver live! (29). (Memento vom 15. Februar 2013 im Webarchiv archive.is). In: Volksbühne Berlin, 7. Mai 2012.
  7. Renn Brown: Interview mit Miranda July. In: Chud.com – Cinematic Happenings under Development, 12. Dezember 2011, (englisch), aufgerufen am 12. Januar 2017.
  8. Dietrich Brüggemann: Fahr zur Hölle, Berliner Schule. In: d-trick.de, 11. Februar 2013, aufgerufen am 12. Januar 2017.
  9. Georg Seeßlen: Die Anti-Erzählmaschine. Ein Gegenwartskino in der Zeit des audiovisuellen Oligolopols oder der Versuch, die "Berliner Schule" zu verstehen. In: der Freitag / filmzentrale.com, 14. September 2007.