Bernd Raffelhüschen

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Bernd Raffelhüschen (* 7. Oktober 1957 in Niebüll) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer. Er war von 1994 bis 1995 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bergen und ist seit 1995 Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und tritt in gegenüber Politik und Öffentlichkeit als Lobbyist[1][2][3] u. a. für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)[4] und andere Pressure Groups auf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raffelhüschen studierte ab 1977 Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der FU Berlin und der Universität Aarhus. 1989 wurde er an der Universität Kiel zu einem Thema der Geldtheorie und Sozialpolitik mit summa cum laude promoviert. 1994 erfolgte gleichfalls in Kiel die Habilitation bei Wolfgang Kitterer. 1994 erhielt Raffelhüschen einen Ruf an die Universität Bergen (Norwegen). Dort leitet er neben der deutschen Tätigkeit das Institut für Volkswirtschaftslehre. Seit 1995 ist Raffelhüschen Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwissenschaft, an der Universität Freiburg. Die Entwicklung eines Modells der Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme führte 2002 zur Berufung in die Rürup-Kommission.[5] Er ist außerdem Mitglied des Vorstands der Stiftung Marktwirtschaft, wo er seit 2006 regelmäßig die Generationenbilanz herausbringt. Darüber hinaus ist er als Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft[4] tätig. Raffelhüschen ist Beiratsmitglied der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen.

Seit 2011 ist er als Autor des jährlich erscheinenden Glücksatlas aktiv.[6] Seit 2017 ist er Studienleiter der Deutschen Immobilienakademie an der Universität Freiburg.[7] Er hält mit Genehmigung der Universität Freiburg Aufsichtsratspositionen bei der Ergo Group,[8] der Volksbank Freiburg[9] und ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Augustinum Gruppe.[10]

Seit den 1990er Jahren ist Raffelhüschen verheiratet mit der Bundestagsabgeordneten Claudia Raffelhüschen. Sie haben drei erwachsene Kinder und leben in Freiburg-Littenweiler.[11]

Wissenschaftliches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raffelhüschen ist nach eigenen Angaben ein Vertreter der Freiburger Schule. Auf diese Traditionen beziehend vertritt Raffelhüschen seine wirtschaftsliberalen Auffassungen zur Reform des deutschen Rentensystems. Er begründete die Generationenbilanz.[12] Er macht auf die implizite bzw. unsichtbare Staatsschuld im Rahmen der gesetzlichen Sozialversicherung aufmerksam[13] und plädiert für eine Liberalisierung des Systems. Raffelhüschens Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die öffentlichen Finanzen.[12] Er wirbt für eine Ergänzung des umlagefinanzierten Rentensystems durch eine kapitalbasierte Rente und setzt sich für eine Steigerung der Nachhaltigkeit in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ein.[14] Bekannt zur Rente, speziell zur Altersarmut, ist seine Aussage „Es gibt keine Altersarmut in Deutschland. Sie ist quasi irrelevant.“[15]

Raffelhüschen befasst sich mit der Erforschung von Determinanten der Lebenszufriedenheit im Rahmen der Glücksforschung.[16] Darüber hinaus forscht Raffelhüschen auch im Bereich der Immobilienökonomie.[17]

Politikberatung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raffelhüschen ist regelmäßig in verschiedenen Beratungsfunktionen für die Politik tätig.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Journalist Marvin Oppong warf Raffelhüschen die Verknüpfung von Wissenschaft, Politikberatung (Rürup-Kommission) und Lobbyismus bei gleichzeitigen Aufsichtsratsmandaten in der Versicherungswirtschaft und Vortragstätigkeit vor.[19] Auch Lobbypedia kritisierte sein mediales Auftreten als unabhängiger Experte, ohne dass er seine berufliche Verknüpfung mit den Versicherungsunternehmen bei diesen Auftritten kenntlich macht.[20] Raffelhüschen gilt als wirtschaftsliberal und vertritt die These, dass die durchschnittliche Lebenserwartung mit dem Bruttoinlandsprodukt in Deutschland korreliere. Im Umkehrschluss folgert er, dass die COVID-19-Pandemie in Deutschland Lebenszeit koste. Dieser Kausalzusammenhang wird jedoch kritisch gesehen.[21]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2016 Die langfristigen Auswirkungen der Fluchtmigration auf die fiskalische Nachhaltigkeit in Deutschland, Bahnsen, L., Manthei, G. und B. Raffelhüschen, Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften, 14(4), 483–502.
  • 2013 Long-Term Fiscal Effects of Public Pension Reform in Norway – A Generational Accounting Analysis, Hagist, C., B. Raffelhüschen, A.E. Risa und E. Vårdal, Nordic Journal of Political Economy, 38(2), 1–23.
  • 2009 How Regional Differences in Taxes and Public Goods Distort Life Cycle Location Choices, Kotlikoff, L., B. Raffelhüschen und C. Hagist, Hacienda Pública Española/Revista de Economía Pública, 189(2), 47–80.
  • 2004 Denn sie wussten, was sie taten: Zur Reform der Sozialen Pflegeversicherung, Häcker, J. und B. Raffelhüschen, Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 73(1), 158–174.
  • 1999 Population Aging and Fiscal Policy in Europe and the United States, Gokhale, J. und B. Raffelhüschen, Economic Review, 35(4), 10–20.
  • 1999 Generational Accounting in Europe, Raffelhüschen, B., The American Economic Review, Papers and Proceedings, 89(2), 167–170.
  • 1996 Et generationsregnskab for Danmark, Jensen, S., P. Jacobsen, M. Junge und B. Raffelhüschen, Nationaløkonomisk Tidsskrift, 134(1), 39–60.
  • 1994 Social security and intergenerational redistribution: A generational accounting perspective, Boll, S., B. Raffelhüschen und J. Walliser, Public Choice, 81(1), 79–100.
  • 1992 Labor migration in Europe: Experiences from Germany after unification, Raffelhüschen, B., European Economic Review, 36(7), 1453–1471.
  • 1989 Alterssicherung und Staatsverschuldung, Raffelhüschen, B., Finanzarchiv, 47(1), 60–76.

Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lausitzer Rundschau: Das weit gespannte Netz der Lobbyisten. 21. April 2006, abgerufen am 13. November 2020.
  2. Braunschweiger Zeitung, Braunschweig Germany: „Raffelhüschen ist Lobbyist der Wirtschaft“. 5. September 2017, abgerufen am 13. November 2020 (deutsch).
  3. Wie die Rente sicher bleibt | Blätter für deutsche und internationale Politik. Abgerufen am 13. November 2020.
  4. a b Homepage der INSM, abgerufen am 14. Juli 2021.
  5. Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme
  6. Raffelhüschen, B., Krieg, O.: Deutsche Post Glücksatlas 2017
  7. Deutsche Immobilienakademie
  8. ERGO
  9. Volksbank Freiburg
  10. Augustinum Gruppe
  11. Uwe Mauch: Das Leben als Wettbewerb. Badische Zeitung, 11. September 2021, abgerufen am 11. September 2021.
  12. a b Raffelschüschen Lebenslauf
  13. Der unsichtbare Schuldenberg FAZ 26. April 2010
  14. Quelle: Homburg, Stefan et al. (2014) : Staatsschuldenkrise: Zeitbombe für die Währungsunion?, ifo Schnelldienst, ISSN 0018-974X, Vol. 67, Iss. 15, S. 3–30.
  15. Interview der INSM: '8 Fragen der INSM an Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen', veröffentlicht 29. September 2016
  16. Fiskalische Nachhaltigkeit
  17. Forschungszentrum Generationenverträge: Immobilienmärkte
  18. Vgl. Beiräteliste des Verbandes kinderreicher Familien, zuletzt abgerufen am 12. Juli 2021.
  19. Marvin Oppong: Lobbyisten auf Sendung. Die Tageszeitung, 24. Juli 2009, abgerufen am 14. Juli 2021.
  20. Eintrag über Bernd Raffelhüschen bei Lobbypedia (Memento vom 20. Dezember 2017 im Internet Archive)
  21. versicherungsbote.de: Raffelhüschen: Corona-Lockdown kostet mehr Lebensjahre als Krankheit selbst, Artikel vom 17. Juni 2020, aufgerufen am 4. Mai 2021