Bozner Blutsonntag

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dreisprachige Gedenktafel am Franz-Innerhofer-Platz in Bozen
Italienisches Militär beim Absperren des Bozner Obstmarktes nach dem faschistischen Überfall am 24. April 1921
Plakat der Bozner Frühjahrsmesse 1921

Als Bozner Blutsonntag werden die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen bezeichnet. Es handelte sich dabei um einen ersten Höhepunkt faschistischer Gewalt im nach dem Ersten Weltkrieg an Italien gefallenen, mehrheitlich deutschsprachigen Südtirol.

Am 24. April 1921 fand im österreichischen Tirol eine Volksabstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich statt. Die Faschisten, damals noch eine italienweit tätige Schlägertruppe, betrachteten die zufällig am selben Tag stattfindende Eröffnung der Bozner Frühjahrsmesse als eine mit dem Plebiszit zusammenhängende Provokation und beschlossen, den traditionellen Trachtenumzug durch Bozen zu stören. Trotz Warnungen ergriffen die zuständigen italienischen Behörden keine Sicherheitsmaßnahmen.

Am Morgen des Tages trafen am Bahnhof Bozen etwa 290 Faschisten aus dem übrigen Italien ein, denen sich etwa 120 örtliche Faschisten anschlossen. Während des Trachtenumzugs griffen die Faschisten Teilnehmer und Zuschauer mit Knüppeln, Pistolen und Handgranaten an. Etwa fünfzig Südtiroler wurden teils schwer verletzt. Der Lehrer Franz Innerhofer aus Marling starb beim Versuch, einen Jungen zu beschützen, durch Schüsse im Hauseingang des Bozner Ansitzes Stillendorf.[1]

Begräbniszug von Franz Innerhofer in Bozen 1921: der Kondukt im südlichen Abschnitt der Sparkassenstraße

Das nun einschreitende Militär beschränkte sich darauf, die Aggressoren zum Bahnhof zu eskortieren, wo sie unbehelligt abreisen konnten. Infolge der Aufforderung des italienischen Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti, die Täter unverzüglich festzunehmen und der Gerichtsbarkeit zuzuführen, wurden zwei Bozner Faschisten verhaftet. Nachdem Benito Mussolini damit gedroht hatte, am 1. Mai in Bozen mit 2000 Faschisten die Befreiung seiner Kampfgefährten zu erzwingen, wurden die beiden wieder freigelassen.

Heute erinnert eine Gedenktafel im Ansitz Stillendorf an die Ereignisse.[2] Vor ihr legten im November 2019 die beiden Staatspräsidenten Italiens und Österreichs, Sergio Mattarella und Alexander Van der Bellen, einen Strauß weißer Blumen zum Zeichen des gemeinsamen Gedenkens nieder.[3] Am 25. April 2011, dem Tag der Befreiung Italiens von Faschismus und Nationalsozialismus, wurde ein Platz in der Altstadt von Bozen (beim Hauptgebäude der Freien Universität Bozen) nach Franz Innerhofer benannt.[4]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Lechner: Der „Bozner Blutsonntag“: Ereignisse, Hintergründe, Folgen. In: Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento a confronto (Hefte zur Bozner Stadtgeschichte/Quaderni di storia cittadina 7). Bozen: Stadtgemeinde Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-9-7, S. 37–46, Bezug S. 41.
  2. Pressemitteilung der Stadt Bozen vom 24. April 2008, abgerufen am 26. April 2011.
  3. Seite an Seite, Artikel auf Salto.bz vom 23. November 2019 (mit Foto der Gedenktafel).
  4. Artikel auf stol.it vom 25. April 2011 (Memento vom 27. April 2014 im Internet Archive), abgerufen am 26. April 2011.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rolf Steininger: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. StudienVerlag, Innsbruck – Wien – München – Bozen 2003, ISBN 3-7065-1348-X.
  • Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921–1926. Wagner, Innsbruck 2005, ISBN 3-7030-0398-7.
  • „Der Tiroler“ vom 26. April 1921

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]