Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens

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In Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens analysiert Ines Geipel exemplarisch fünf Amokläufe aus den Jahren 1996 bis 2011: Port Arthur, Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Utøya. Der Untertitel Die Schule des Tötens deutet an, was bisher noch nicht so deutlich wurde: Die Täter lernen voneinander. Das optimale Kommunikationsmittel für die Täter stellt das Internet dar.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch ist eine zusammenfassende Recherche der Taten mit bisher unveröffentlichtem Material. Geipel versucht, nicht zu werten und verfolgt auch keinen psychologischen Erklärungsansatz. Subjektive Erklärungsversuche ihrerseits sind deutlich wahrnehmbar und sollen den Leser anregen weiterzudenken, zu überlegen.

Die Taten werden detailliert beschrieben: wie plante der Amokläufer, welchen Weg nahm der Amokläufer, wie reagieren Polizei und Einsatzkräfte, wie wird mit Opfern und Angehörigen umgegangen, was haben Täter, Einsatzkräfte, Politik und auch unsere Gesellschaft aus diesen Situationen gelernt. Auch wenn alle Taten unter der Bezeichnung „Amoklauf“ zusammenlaufen, gibt es innerhalb des Ablaufs, der äußeren Gegebenheiten, der Absichten etc. Unterschiede. Ines Geipel geht auf diese Verschiedenheiten der fünf Taten ein:

Port Arthur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Port Arthur (Tasmanien) bildet die Basis der von ihr untersuchten Amokläufe: Im Zentrum steht ganz klar das Lernen von vorhergehenden Amokläufen, speziell von dem in Dunblane (1996). Der Täter von Port Arthur, ein gesellschaftlicher Außenseiter seit seiner Kindheit, nimmt sich dieses Massaker zum Vorbild.

Erfurt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Amoklauf von Erfurt: auch hier ist das Lernen ein zentrales Motiv. Allerdings in einer neuen Dimension, nämlich in der des Amoklaufs von Columbine (1999). Erfurt steht für ein brutales Erkennen der Tatsache, dass diese Taten auch in Deutschland, vor unserer Haustür stattfinden können. Deutlich tritt die Überforderung aller Beteiligten zu Tage: Familie, Schule, Polizei etc. Geipel seziert die Tat und geht auf den Ablauf ein. Erschreckend ist das Protokoll des Polizeifunks aus Erfurt: durcheinander, ungläubig, unerfahren, unorganisiert. Hier hieß die Taktik: abwarten. In den anschließenden Diskussionen und Arbeitsgruppen wurde diese Taktik abgeändert: Statt abzuwarten soll die Polizei heute sofort in das betroffene Gebäude gehen („fluten“).

Emsdetten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Amoklauf in Emsdetten wird der Blick verstärkt auf Computerspiele und Internet, auf eine virtuelle Welt, gerichtet. Wie die Ermittlungen später zeigen: Der Täter versucht, über das Internet zu kommunizieren und kündigt seine Tat an. Mobbing in der Schule, das soziale Umfeld, spielen eine ausschlaggebende Rolle.

Winnenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ebenfalls eine große Rolle spielen die Familie und das soziale Umfeld des Täters in Winnenden. Geipel macht auf den Kontrast Versager versus Gewinner aufmerksam. An Bedeutung gewinnt die Waffendiskussion: Wie kann sinnvoller und besser kontrolliert werden und was sollte verboten werden? Schnell wird klar: die Fronten zwischen Waffenlobby, Politik, Sportschützen, Waffenliebhabern und Gesellschaft sind verhärtet, eine Einigung scheint undenkbar. Aus dem Amoklauf von Winnenden geht ein Aktionsbündnis hervor, das sich um Gewaltprävention an Schulen bemüht und gezielt versucht, Amokläufe zu verhindern.

Utøya[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einem vorerst abschließenden Blick auf den Amoklauf in Utøya von 2011 geht Geipel auf die veränderte Umwelt etwa hinsichtlich des Anteils der ausländischen Bevölkerung und der Politik ein, auf die Unzufriedenheit mit der Öffnung des Landes. Das Motiv des Täters scheint ein politisches zu sein. Ein weiterer Unterschied zu den anderen Amokläufen: Der Täter hat überlebt.

Fazit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ines Geipel scheut sich nicht, schwierige Themen kritisch anzusprechen: die Diskussionen um Waffen, Computerspiele, Jugendschutz im Internet usw. Es gibt keine Antwort darauf, wie ein potentieller Amokläufer aussieht. Aber es gibt sich wiederholende Elemente: Probleme in der Schule, Mobbing, die Täter waren Einzelgänger und gesellschaftliche Außenseiter, lebten in scheinbar intakten Familien, hatten Eltern, die nur das Beste für ihre Kinder möchten, aber diese nicht als eigene Persönlichkeiten wahrnehmen. Das Buch wirft noch mehr Fragen auf, als es beantwortet. Was übrig bleibt: viele leere Versprechungen seitens der Politik in Bezug auf Waffen, bessere Unterstützung der Schulen (Sozialarbeiter) und Fragen: Wie problematisch kann sich Leistungsdruck durch Eltern, Freunde, Schule, Gesellschaft, durch sich selbst auswirken? Was lernt die Gesellschaft aus diesen Amokläufen? Welchen Stellenwert nehmen diese Taten ein? Wie groß ist unsere Mitverantwortung?

Am Schluss steht die Erkenntnis: Die Täter sind keine Monster.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]