Pieke Biermann

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Pieke Biermann (geb. am 22. März 1950 in Stolzenau als Lieselotte Hanna Eva Biermann) ist eine deutsche Kriminalschriftstellerin, Literaturübersetzerin und Journalistin. Sie ist Trägerin des Übersetzerpreises der Leipziger Buchmesse 2020. In den 1970er und '80er Jahren war sie auch als feministische Aktivistin der Berliner Frauenbewegung bekannt.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pieke Biermann[Anm. 1] zog 1955 von Stolzenau nach Hannover. An der Helene-Lange-Schule machte sie ihr Abitur. Ab 1968 studierte sie deutsche Literatur und Sprache bei Hans Mayer sowie Anglistik und politische Wissenschaften an der Universität Hannover. Sie verbrachte 1973/'74 ein Studienjahr in Padua und begann mit ersten Übersetzungsarbeiten. Ihr Studium schloss sie 1976 an der TU Hannover mit einer Magisterarbeit zum Thema unbezahlte Hausarbeit ab.[1][2] Anschließend erhielt sie ein Graduiertenstipendium für eine Dissertation, die sie nicht beendete.

Seit 1976 lebt sie in Berlin und arbeitet freiberuflich als Übersetzerin von englischer, amerikanischer und italienischer Literatur ins Deutsche. Sie übersetzte Dacia Maraini, Dorothy Parker, Tom Rachman u. a. Von einigen Romanen Agatha Christies legte sie Neuübersetzungen vor, wie Der Tod auf dem Nil und Das Eulenhaus. Für die Übertragung von Oreo, dem einzigen Roman der afroamerikanischen Schriftstellerin Fran Ross, der seinen besonderen Klang vom Jiddischen erhielt, wurde Biermann 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Die Literaturkritik von Antje Rávik Strubel würdigte es als eine „grandiose Leistung“ der Übersetzerin, „dass sich die zahllosen Sprachspiele, Lautmalereien und der Wortfindungsreichtum ins Deutsche übertragen und sich die sprachliche Lust und große Komik des Textes übermitteln“.[3]

Von 1976 an war Pieke Biermann eine Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung und galt als „Frontfrau“ der westdeutschen Hurenbewegung in den 1980er Jahren.[4] Sie gründete u. a. mit Gisela Bock und Barbara Duden die „Lohn für Hausarbeit“-Gruppe, die auf eine internationale, Anfang der Siebziger in den USA entstandene feministische Bewegung zurückging. Die Gruppe vertrat, dass nicht nur Hausarbeit, sondern auch Prostitution eine Lohnarbeit wie jede andere sei und Sexarbeit eine Möglichkeit für Frauen im Patriarchat Unabhängigkeit zu erlangen.[5] Mit diesem Ansatz initiierte Biermann, die selbst zeitweise als Sexarbeiterin tätig war, eine Prostituierten-Kampagne.[6] Ihr 1980 im Rowohlt Verlag veröffentlichtes Buch „Wir sind Frauen wie andere auch!“ Prostituierte und ihre Kämpfe polarisierte die Frauenbewegung. Es wurde 2014, ergänzt mit fünf Reden und Essays von Pieke Biermann aus den Jahren 1980 bis 2007, neu aufgelegt. Biermann war Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der Berliner Prostituiertenorganisation Hydra und gehörte zu den Initiatorinnen des ersten deutschen „Hurenballs“, der am 6. Februar 1988 im Internationalen Congress Centrum Berlin stattfand.[7][8]

Bekannt wurde Biermann insbesonders als Schriftstellerin von Kriminalliteratur. Ihr Debutroman erschien 1987. Dreimal bekam sie den Deutschen Krimi Preis. Biermann entwickelte ihre Krimihandlungen als private Geschichten vor dem Hintergrund Berlins und entwarf ein Panorama von Lebensformen. Vorbild ist der expressionistische Großstadtroman.

„Was Los Angeles für Raymond Chandler oder Amsterdam für Janwillem van de Wetering ist für mich Berlin – die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint. Ich will Berlin erzählen in Romanen, die von Tatsachen berichten.“

Pieke Biermann[9]

Ihre Serie von vier Berlin-Romanen mit der Kommissarin „Karin Lietze“ beginnt im Kalten Krieg mit Potsdamer Ableben. Der letzte Roman der Serie Vier, Fünf, Sechs (der Titel spielt auf Billy Wilders Komödie Eins, zwei, drei von 1961 an) behandelt das „von Vereinigungsproblemen gequälte Berlin“. Mord ist dabei die Nebensache. Biermann führt auf einem topographischen Weg durch die Stadt, um „Kriminalfall, Zeitgeschichte, Wendeproblematik, Großstadtdynamik, Lebensschicksale unter den Hut eines sozialkritischen Unterhaltungsromans zu bringen“, so der Rezensent Thomas Medicus. Er kritisierte den „gleichmacherischen Szenejargon“, der den Roman durchziehe.[10] Ganz anders las Florian Felix Weyh die Sprache ihrer Kriminal-Kurzgeschichten Berlin, Kabbala, die im selben Jahr erschienen. Er fühlte sich atmosphärisch an Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert. Der Großstadtlärm lege sich als akustisches Muster über und unter Biermanns Texte. „Der Leser muß hören können, manchmal sogar mitsprechen, um Dialekten und Soziolekten einen Sinn abzugewinnen.“[11]

Als Journalistin schrieb Pieke Biermann Gerichts- und literarische Kriminalreportagen für Printmedien und Hörfunk, politische Feuilletons und Literaturkritiken. Sie ist Autorin u. a. beim Tagesspiegel und Deutschlandfunk Kultur. Die Jüdische Allgemeine gab ihr 2002 den Auftrag, aus nicht-jüdischer Sicht jüdisches Leben zu kommentieren. Über anderthalb Jahre erschien ihre Kolumne unter dem Titel Gojisch gesehen. Die gesammelten Texte kamen 2004 als Buch heraus. Im Nachwort stellte Michael Daxner fest, dass Biermanns Kolumnen „neben aller Komik und Leichtigkeit […] auch ein Beweis dafür seien, dass ‚gojisches Selbstbewußtsein’ keineswegs antisemitisch sein muss“.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Herausgeberin
  • Mit Zorn, Charme & Methode. Oder: Die Aufklärung ist weiblich. 13 Kriminalgeschichten, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-10839-X.
  • Wilde Weiber GmbH. Kriminalgeschichten. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11586-8.

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lebensdaten Pieke Biermann, in: Silvio Vietta (hrsg.): Das literarische Berlin im 20. Jahrhundert. Mit aktuellen Adressen und Informationen. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-15-010481-1, S. 214
  2. Pieke Biermann: Berufsbild: Herz der Familie. Selbstverlag, Berlin 1977. (=Lohn für Hausarbeit - Materialien für eine internationale feministische Strategie, Nr. 1)
  3. Antje Rávik Strubel: Preis der Leipziger Buchmesse. Schwarz und weiß ergibt bunt, Deutschlandfunk, 12. März 2020
  4. Marie Schmidt: Profil. Pieke Biermann. Übersetzerin, die für manches Buch durchs Feuer geht. Süddeutsche Zeitung, 12. März 2020 (online hinter der Paywall)
  5. Almuth Waldenberger: Die Hurenbewegung. Geschichte und Debatten in Deutschland und Österreich, LIT Verlag, Münster 2016, ISBN 978-3-643-50597-2, S. 198
  6. Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-14729-1, S. 153 ff.
  7. Fragen an Pieke Biermann, Der Spiegel, 18. Januar 1988
  8. Maria Neef-Utthoff: Sag mir, wo die Huren sind, Taz Archiv, 8. Februar 1988
  9. Görtz, Franz Josef (1994), Pieke Biermann in: Frankfurter Allgemeine Zeitung/ Magazin Heft 744, 22. Woche vom 3. Juni. Zitiert von Stefanie Abt: Soziale Enquête im Aktuellen Kriminalroman. Am Beispiel von Henning Mankell, Ulrich Ritzel und Pieke Biermann. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8244-4605-7, S. 21, Fn 22
  10. Thomas Medicus: In Tempelhof wird alles gut, Rezension, FAZ, 19. Februar 1998
  11. Berlin, Kabbala, Rezension von Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk (falsches Datum in der Website)
  12. Frank Auffenberg: Gefühlte Temperaturen. Pieke Biermanns Kolumnen zum gojisch-jüdischen Verhältnis – ein Plädoyer der Vernunft, in: Kritische Ausgabe I/2005 (pdf)
  13. Journalistenpreise, Preisträger 2009
  14. Den Übersetzer-Preis erhielt Pieke Biermann, zeit.de, erschienen und abgerufen 12. März 2020

Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ‚Pieke‘ Biermann ist nach eigener Angabe ihr eingetragener Künstlername.