Amoklauf an einer Schule

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Blumenniederlegung vor der Wirtschaftsschule in Freising am Tag des Amoklaufs von Eching und Freising 2002

Als Amoklauf an einer Schule (auch Schulmassaker, School Shooting oder School Rampage) wird ein bewaffneter Angriff mit Tötungsabsicht auf Personen mit Bezug zu einer Schule bezeichnet.[1] Die genaue Definition des Phänomens ist in der sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Forschung umstritten.

Begriff und Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Phänomen werden unterschiedliche Begriffe verwendet, deren Definitionen in der sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Forschung umstritten sind.[2] Im deutschen Sprachraum wird in der sozialwissenschaftlichen Forschung überwiegend die Bezeichnung Amok verwendet.[3] In den Vereinigten Staaten werden Schulamokläufe hingegen als School Massacre, School Shooting oder School Rampage bezeichnet. Der Begriff School Shooting wurde auch in der deutschen Fachsprache und in den Medien übernommen, hat den Leitbegriff Amok aber bislang nicht abgelöst.[4] Weitere Begriffe, die zur Bezeichnung des Phänomens benutzt werden, sind „Schulmassaker“, „Schulanschlag“, „intendierte Mehrfachtötungen durch jugendliche Täter an Bildungsinstitutionen“ oder „Classroom Avenger“.[2]

Bannenberg (2010) verwendet den Begriff „Amoklauf“ im schulischen Bereich für „lange geplante Gewalttaten mit übersteigerten Hass- und Rachefantasien, die meistens im ebenfalls geplanten Suizid enden.“[5] Bondü (2012) definiert den Begriff School Shooting als „[gezielten Angriff] eines (ehemaligen) Schülers an seiner bewusst als Tatort ausgewählten Schule mit potentiell tödlichen Waffen und Tötungsabsicht. Die Tat ist durch individuell konstruierte Motive im Zusammenhang mit dem Schulkontext bedingt und richtet sich gegen mit der Schule assoziierte, zumindest teilweise zuvor ausgewählte Personen oder Personengruppen.“[6] Entgegen der Wortbedeutung müsse es sich bei der Tatwaffe nicht um eine Schusswaffe handeln.[7] Beim School Shooting handele es sich um eine spezifische Form des Amoklaufs.[8]

Inzidenz und historische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der großen medialen Aufmerksamkeit, die diesen Taten zukommt, handelt es sich insgesamt betrachtet und im Vergleich zur alltäglichen Gewalt an Schulen um ein sehr seltenes Phänomen.[9] Bannenberg (2010) und Bondü (2012) gehen von einer Tat pro Jahr in Deutschland aus.[10][11] In Deutschland werden Amokläufe in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert aufgeführt, sondern sind in den Tötungsdelikt-Fallzahlen (versuchter/vollendeter Mord oder Totschlag) enthalten.[10]

Bis Ende der 1980er Jahre traten schulbezogene Amokläufe weltweit nur vereinzelt auf. Zu den am weitesten zurückliegenden, dokumentierten Taten gehören der Amoklauf des Julius Becker an einem Saarbrücker Gymnasium im Jahr 1871, der Amoklauf in Bremen 1913, das Schulmassaker von Bath 1927, das Attentat von Volkhoven im Jahr 1964 und der Amoklauf von Brenda Ann Spencer im Jahr 1979. Ab den 1990er Jahren stieg die Zahl der Taten vor allem in den Vereinigten Staaten deutlich an. Nach dem Amoklauf an der Columbine High School im Jahr 1999, der aufgrund der enormen Medienberichterstattung weltweit für Aufsehen sorgte, kam es auch außerhalb der USA zu einem signifikanten Anstieg an School Shootings.[12]

Tatmerkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tatplanung und -vorbereitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Amokläufen an Schulen handelt es sich nur selten um impulsive Taten. Die meisten School Shootings werden von den Tätern genauestens geplant und vorbereitet.[13] In den von Vossekuil et al. (2002) untersuchten Fällen betrug die Zeitspanne von der Tatidee bis zu ihrer Ausführung bei 95 % der Fälle zwischen einem Tag und einem Jahr, wobei über 51 % der Täter die Idee zur Tat mindestens einen Monat im Voraus entwickelten. In 93 % der Fälle wurde die Tat geplant und vorbereitet, 63 % der School Shooter taten dies mindestens zwei Tage vor dem Amoklauf. Bei einigen Tätern dauerte die Entwicklung des Tatplans zwischen sechs und acht Monaten.[14]

In den meisten Fällen folgt unmittelbar im Anschluss an die Tat der Suizid oder ein Selbsttötungsversuch des Täters. Daher wird in der Forschung auch von „Homizid-Suizid“ gesprochen. Angenommen wird, dass dieser ein geplantes Tatelement darstellt. Außerdem wird vermutet, dass die Täter sich suizidieren, um eine Rückkehr in die „Hauptrealität“ nach der Tat zu vermeiden.[15]

Neuere Veröffentlichungen gehen davon aus, dass mögliche Täter mittlerweile voneinander lernen, sozusagen trainieren („Schule des Tötens“) mit dem Ziel eines möglichst hohen Wirkungsgrades und maximaler Aufmerksamkeit für die geplante Tat; hierbei verschiebe sich der Schwerpunkt von einem „Gewaltausbruch“ zu einem gut organisierten Vorgehen.[16]

Tatankündigung (Leaking)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Fällen kündigen die Täter den Amoklauf im Vorfeld direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich an. Dieses sogenannte Leaking (von englisch to leak, hier im Sinne von ‚etwas durchsickern lassen‘) äußert sich beispielsweise in Form von verbalen Androhungen, durch das Erstellen von Opferlisten oder Andeutungen in Tagebucheinträgen, Schulaufsätzen, Gedichten, Briefen, Chats, Interneteinträgen, Videos oder Zeichnungen.[17] Indirektes Leaking kann sich durch einen exzessiven Konsum gewalthaltiger Medien, ein gesteigertes Interesse an Gewalt oder Waffen, das Sammeln von Informationen zu früheren Taten und Tätern, eine Änderung des Verhaltens und äußeren Erscheinungsbilds (z. B. neuerliches Tragen von Armeekleidung oder schwarzer Bekleidung) oder suizidale Tendenzen zeigen.[18]

Vossekuil et al. (2002) kamen bei ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass es in 81 % der Fälle mindestens eine Person gab, die von den Tatgedanken oder dem Tatplan des Amokläufers wusste. Bei dieser Person handelte es sich in 93 % der Fälle um einen Freund, Klassenkameraden oder Geschwister des Täters.[19]

Welche Motive die Täter mit dem Leaking verfolgen, gilt als nicht abschließend geklärt. Teilweise wird vermutet, dass der spätere Täter durch das Leaking die Umsetzung seiner Gewaltfantasie erprobe. Auch wird angenommen, dass es sich um einen Hilferuf, eine letzte Warnung oder ein Mittel zur Erzeugung von Angst, zur Ausübung von Kontrolle oder zur Demonstration von Macht und Überlegenheit handele.[20]

Tatauslöser und -motive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Tatauslöser werden bestimmte psychosoziale Stressoren angesehen, denen die Täter über einen längeren Zeitraum – Wochen bis Jahre – ausgesetzt waren und die sie aufgrund ihrer spezifischen Persönlichkeitsstruktur und Psychopathologie, ihrer unzureichenden Problemlösungskompetenz sowie eines tatsächlichen oder von ihnen empfundenen Mangels an sozialer Unterstützung nicht angemessen verarbeiten und bewältigen konnten.[21] Zu den tatauslösenden Stressoren gehören beispielsweise Zurückweisungen, Verluste, Demütigungen, empfundene Ungerechtigkeiten, fehlende Zukunftsperspektiven oder Mobbingerfahrungen.[22] Die späteren Täter reagieren auf diese unbewältigten Stressoren meist mit Wut, Enttäuschung, Frustration oder Verzweiflung und projizieren die Schuld für ihre missliche Situation auf andere. Mit der Zeit erkennen sie immer weniger Handlungs- und Problemlösungsalternativen, sodass ihnen die zielgerichtete tödliche Gewalt schließlich als der einzige Ausweg aus ihrer Lage erscheint.[23] Oftmals lässt sich in zeitlicher Nähe zur Tat eine Häufung der Stressoren beobachten – laut Linssen und Bannenberg (2004) handelt es sich hierbei um den „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“[24]

Die Beweggründe zur Tat sind stets individuell und resultieren aus der spezifischen Lebenssituation des Täters. Meistens liegen mehrere Motive gleichzeitig vor, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. In Studien wurden vier zentrale Tatmotive identifiziert: Rache, Problemlösung, Suizid und Ruhm.[25]

Tatzeitpunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amokläufe an Schulen ereignen sich das gesamte Jahr über, allerdings finden in den Sommermonaten Juni bis September aufgrund der Ferienzeit deutlich weniger Taten statt. Die meisten von Robertz und Wickenhäuser (2010) untersuchten School Shootings ereigneten sich im April, gefolgt von den Monaten März und November. Die Häufung der Taten im April führen sie auf Nachahmungstaten anlässlich des Jahrestages des Amoklaufs an der Columbine High School zurück.[26] Mangels Unterricht am Wochenende finden die Taten fast ausschließlich an Werktagen statt. Bondü und Beier (2015) ermittelten, dass es sich beim Tattag am häufigsten um einen Montag handelt und die meisten Amokläufe während der Unterrichtszeit zwischen 6:00 und 10:00 Uhr stattfinden.[27]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amokläufe an Schulen werden fast ausschließlich von jungen männlichen Tätern begangen; Täterinnen sind selten.[28] Laut Frank Robertz (2004) handelt es sich bei den Tätern zu 97 Prozent um Personen männlichen Geschlechts mit einem Altersdurchschnitt von 15,6 Jahren.[29]

Die Täter zeigen häufig psychische Auffälligkeiten, leiden aber in der Regel nicht an schizophrenen oder affektiven Psychosen mit Realitätsverlust oder Halluzinationen. Stattdessen war ein Großteil der Täter im Vorfeld der Tat depressiv und suizidal.[30] Lothar Adler stellte drei psychologisch-psychiatrische Typologien vor, indem er zwischen (wahnhaft-)schizophrenen, (schamhaft-)depressiven und (narzisstisch-)persönlichkeitsgestörten Tätern unterscheidet.[31] Letztere betrachtet er als gefährlichste Gruppierung, deren Taten am opferreichsten seien. Peter Langman differenziert zwischen dem psychopathischen, psychotischen und traumatisierten Tätertyp.[32]

Bei den von Bannenberg (2010) analysierten Einzelfällen fielen die Täter im Vorfeld der Tat nicht durch ein gestörtes Sozialverhalten, Gewalt oder Aggressionen auf, sondern wurden als unauffällig, ruhig, still, scheu, ängstlich, unzugänglich und/oder verschlossen beschrieben. Auffällig sei zudem ihr starker sozialer Rückzug gewesen. In vielen Fällen hätten die Täter gegenüber ihren Mitschülern vor der Tat Andeutungen über frühere Amokläufe getätigt oder von Suizid gesprochen. In ihren schriftlichen Aufzeichnungen äußerten die Täter Hassgefühle und Rachebedürfnisse, die laut Bannenberg „gänzlich überzogen und nicht nachvollziehbar“ erschienen.[33] Des Weiteren nennt Bannenberg folgende Gemeinsamkeiten der Täter in den von ihr untersuchten Fällen:[34]

  • Angehörige der Mittelschicht
  • Herkunft aus „unauffälligen“ Familienverhältnissen
  • meistens gibt es Geschwister
  • Einzelgänger oder Außenseiter
  • keine feste Freundin
  • meistens schlechte schulische Leistungen, die nicht den Fähigkeiten entsprechen und sich besonders ab der 7./8. Klasse zeigen
  • subjektive, nicht unbedingt der Realität entsprechende Empfindung, gemobbt zu werden, und Gefühle tiefer Kränkung
  • Faszination für Waffen („Waffennarr“)
  • Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen
  • Tragen schwarzer Kleidung in den Monaten vor der Tat
  • Interesse an Amokläufern, Massen- und Serienmördern
  • intensive Beschäftigung mit gewalthaltigen Computerspielen und Filmen
  • psychische Auffälligkeiten (z. B. narzisstische Persönlichkeitsstörung, Depression, Zwangsstörungen), derer sich die späteren Täter oft selbst bewusst sind.

Amokläufe an Schulen werden meist von Einzeltätern begangen. Bekannt sind jedoch auch Täterduos, wie beispielsweise bei dem Amoklauf an der Westside Middle School in Jonesboro, Arkansas, im Jahr 1998, dem Amoklauf an der Columbine High School oder dem Amoklauf in Suzano, São Paulo, im Jahr 2019. Die Täter entstammen oft dem Kreis der aktuellen oder kurz zuvor entlassenen oder abgewiesenen Schüler, wie etwa bei den Amokläufen von Montréal (1989), von Eching und Freising sowie von Erfurt (2002),[35] dem Amoklauf von Emsdetten (2006) sowie den Amokläufen in Winnenden und Wendlingen und in Ansbach (2009).

Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut Frank Robertz (2004) wurden bei den von ihm untersuchten Fällen jeweils ungefähr zu gleichen Teilen entweder ausschließlich das Lehrpersonal, ausschließlich Mitschüler oder sowohl Schulpersonal als auch Schüler verletzt.[29] Bryan Vossekuil gibt einen Lehreranteil von 54 % an.[36] Nur in wenigen Fällen wurden so genannte Todeslisten gefunden.[37]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Amoklauf hat direkte und indirekte Folgen. Hierzu zählen unter anderem erhebliche finanzielle Aufwendungen für über weite Zeiträume erforderliche Nachsorge von direkt und indirekt Betroffenen sowie die Wiederinstandsetzung und Renovierung von Gebäuden.[38]

In der Folge von Amokläufen kommt es immer wieder zu Nachahmungstaten, weshalb oft von einem „Copycat-Effekt“ die Rede ist. Da besonders der Amoklauf an der Columbine High School viele Nachahmungstäter inspiriert hat, wird auch die Bezeichnung „Columbine-Effekt“ verwendet.[39] Es wird von einer Sog- oder Modellwirkung besonders medienwirksamer Taten ausgegangen. Auffallend ist eine periodische Häufung von Schulamoktaten im Zusammenhang mit Jahrestagen spektakulärer Amoktaten.[37]

Prävention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Britta Bannenberg (2007) kann keine spezifische Amok-Prävention erfolgen. Es können lediglich allgemeine Maßnahmen wie solche der Suizid- oder Gewaltprävention angewandt werden. Zudem können Aufmerksamkeit und Engagement von Umfeld und Mitschülern entsprechende Gewalttaten verhindern.[40]

Ein infolge des Amoklaufs von Winnenden vom Landtag Baden-Württemberg eingesetzter 18-köpfiger Sonderausschuss gab nach zehnmonatiger Arbeit parteiübergreifend mehr als 100 Empfehlungen; 77 davon stammten aus dem Bericht einer zusätzlich eingesetzten Expertenkommission des baden-württembergischen Kultusministeriums (Expertenkreis Amok Baden-Württemberg).[41] Die Kosten der Umsetzung aller dieser Vorschläge wurden mit etwa 30 Mio. Euro veranschlagt.[42]

In Studien wird die Verbesserung von allgemeinen Bildungschancen als Vorbeugung vor und Ansatz zur Reduzierung von Kriminalität betrachtet.[43]

Organisatorische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An Ostern 2012 trat in Baden-Württemberg eine neue Verwaltungsvorschrift über das Verhalten an Schulen bei Gewaltvorfällen und Schadensereignissen in Kraft: Es wurden ausführliche ergänzende Verhaltenshinweise im Fall einer Amokdrohung oder Amoklage eingearbeitet und sichergestellt, dass sich die Alarmsignale und Reaktionspläne an den Schulen je nach Gefahrensituation klar unterscheiden.[44]

Technische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Auslösung von Amok-Alarmen und zur Alarmierung hilfeleistender Stelle dienen Notfall- und Gefahren-Reaktions-System (NGRS) nach DIN VDE V 0827. Diese Systeme sind vorwiegend für den Einsatz in öffentlichen Gebäuden wie Bildungseinrichtungen (z. B. Schulen, Universitäten), Behörden, Kindergärten und ähnlichen Einrichtungen, konzipiert. Sie können jedoch auch in nicht öffentlichen Gebäuden mit ähnlichem Risiko und Schutzbedürfnis zum Einsatz kommen. Zur manuellen Auslösung einer Alarmmeldung im Falle eines akuten Notfalls oder einer Gefahr (z. B. Amok) dienen Notfall- und Gefahrenmelder (NGRS-Melder) gemäß DIN VDE V 0827-1 oder Notfall- und Gefahren-Sprechanlagen (NGS) gemäß DIN VDE V 0827-2. Eine Weiterleitung des Alarms erfolgt über Fernalarmierungseinrichtungen an eine hilfeleistende Stelle (z. B. eine Notruf- und Serviceleitstelle (NSL)). In Abstimmung mit der Polizei kann in begründeten Fällen auch ein direkter Anschluss des NGRS an die Polizei erfolgen. Dieser ist analog der ÜEA-Richtlinie auszuführen. In diesem Fall ist die Polizei frühzeitig in die Planung des NGRS einzubeziehen.

Als technische Maßnahmen gegen schulbezogene Amoktaten werden die in vielen Schulen bisher gebräuchlichen, zum Öffnen der Klassenzimmertüren von innen wie außen herabzudrückenden Türklinken gegen so genannte „Amok-Türknäufe“ ausgetauscht. Danach sollen sich die entsprechenden Türen von außen nur noch mit einem Schlüssel öffnen lassen, man könnte die Türen also durch einfaches Zuziehen quasi von innen her (vom Klassenraum her) verriegeln. Umstritten ist dabei, ob diese Knäufe von außen drehbar (Drehknauf) oder nicht (Festknauf) sein sollen; bei nicht drehbaren Knäufen würde auch eventuell auftretenden Rettungskräften ein Zugang erheblich erschwert. In den USA wird ein System verwendet, bei dem drehbare Türknäufe zusätzlich von innen verriegelt werden können.

Um in Notfallsituationen Rettungs- und Einsatzkräften die Orientierung zu erleichtern, richtet der Main-Taunus-Kreis seit 2009 flächendeckend ein Farbleitsystem an Schulen (Signaletik) ein.[45] Mittlerweile wird dieses System auch in einigen weiteren hessischen Landkreisen eingesetzt.

Nach einer Empfehlung der im Gefolge des Amoklaufes von Winnenden eingesetzten Sondergremien stattet das Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg dessen öffentliche Schulen ab Ostern 2012 mit so genannten Pagern (siehe: Funkmeldeempfänger) aus: mit diesen kann die Polizei in Akutsituationen Warnmeldungen an die Schulen versenden. Die Kosten für die notwendigen Datenverbindungen tragen die Kommunen, die der ca. 4.800 Geräte in Höhe von mehr als 500.000 € das Land.[44]

Stärkung schützender Faktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein werden hier aufgeführt (Elliot Aronson, 2001):

  • schulpsychologische und sozialarbeiterische Konzepte
  • Stärkung des Selbstbewusstseins
  • Vermittlung von Selbstwirksamkeitserleben und Erfolgserfahrungen
  • Abbau von Ängsten wie z. B. Schulangst

Verminderung, Verhinderung von Risikofaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gewaltdarstellung – Verbot, Kontrolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit gewalthaltigen Medien erscheint der Teilaspekt der Nachahmung, das Aufgreifen und Ausleben einer Idee durch junge Menschen als relevant für das Verständnis auch von Schulschießereien. Darauf deutet die Nachahmung von Heldenfiguren aus bekannten Filmen oder Computerspielen durch die Täter hin.[46]

Die Zunahme von Amoktaten wird auch von einigen Wissenschaftlern und Politikern mit einer steigenden Gewaltbereitschaft und sinkenden Hemmschwelle aufgrund von Trainings- und Gewöhnungseffekten durch Gewalt darstellende und benutzende Computerspiele („Killerspiele“) oder Filme in Zusammenhang gebracht: Sie könnten insbesondere sozial nicht fest verwurzelte und labile Schüler massiv beeinflussen.[47]

Das deutsche Jugendschutzgesetz enthält spezielle Passagen, die sich auf Mediennutzung beziehen.[48]

Waffenzugangskontrolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Amokläufen werden immer wieder verschärfte Gesetze und auch das Verbot von tödlichen Sportwaffen gefordert. Das gilt besonders für Faustfeuerwaffen, mit denen viele Massaker angerichtet wurden. Nach einem Schulmassaker in Großbritannien und heftigen Reaktionen der Bevölkerung wurde dort 1997 ein Verbot von Faustfeuerwaffen ausgesprochen.[49]

Als Reaktion auf Amokläufe an Schulen wurde das deutsche Waffenrecht verschärft.[50]

In den Vereinigten Staaten werden an Schulen vermehrt Waffenkontrollen durchgeführt.[51][52]

Schulpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Bundesländern wurden schulpsychologische Kriseninterventionsteams gebildet und Strukturen geschaffen, Schulen bei Krisen und Gewaltereignissen kurzfristig durch Schulpsychologen zu unterstützen (Drewes & Seifried 2012); in einigen Bundesländern wurden dafür auch neue Stellen geschaffen. In Nordrhein-Westfalen wurden seit 2007 insgesamt 75 neue Stellen eingerichtet. In Baden-Württemberg sollten bereits im Schuljahr 2010/11 die ersten 30 von 100 zusätzlichen Schulpsychologen zum Einsatz kommen; insgesamt soll hier innerhalb von drei Jahren deren Zahl auf dann 200 verdoppelt werden.[42]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2013 wurde an der Freien Universität Berlin der Forschungsverbund TARGET (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt) gestartet,[53] der Zusammenhänge, Hintergründe, Ursachen, etwaige Täterprofile und -lebenswege sowie mögliche Präventionsmaßnahmen identifizieren soll. Das Projekt wird vom Bundesbildungsministerium mit drei Millionen Euro gefördert.[54][55]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-06873-2.
  • Nils Böckler, Thorsten Seeger: Schulamokläufer. Eine Analyse medialer Täter-Eigendarstellungen und deren Aneignung durch jugendliche Rezipienten. Juventa, Weinheim u. a. 2010, ISBN 978-3-7799-1499-0.
  • Nils Böckler, Thorsten Seeger, Peter Sitzer, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): School Shootings. International Research, Case Studies, and Concepts for Prevention. Springer, New York NY u. a. 2013, ISBN 978-1-4614-5525-7.
  • Benjamin Faust: School-Shooting. Jugendliche Amokläufer zwischen Anpassung und Exklusion. Psychosozial-Verlag, Gießen 2010, ISBN 978-3-8379-2063-5.
  • Robert A. Fein, Bryan Vossekuil, William S. Pollack, Randy Borum, William Modzeleski, Marisa Reddy: Handreichung zur Einschätzung bedrohlicher Situationen in Schulen. United States Secret Service – United States Department of Education, Washington DC Mai 2002, ((PDF; 332,83 KB)).
  • Ines Geipel: Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-608-94627-7.
  • André Grzeszyk: Unreine Bilder. Zur medialen (Selbst-)Inszenierung von School Shootern. Transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-1980-5 (Zugleich: Erlangen, Nürnberg, Universität, Dissertation: If I could nuke the world I would – Zur medialen (Selbst-)Inszenierung von school shootern.).
  • Anne Kühling: School Shooting. Ursachen und Hintergründe zu extremen Gewalttaten an deutschen Schulen (= Online-Schriftenreihe zur sozialen Arbeit. Bd. 2). Vechtaer Verlag für Studium, Wissenschaft und Forschung VVSWF, Vechta 2009, ISBN 978-3-937870-08-3 (Zugleich: Vechta, Hochschule, Diplomarbeit, 2009; (PDF; 671,33 KB) (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive)).
  • Peter Langman: Amok im Kopf. Warum Schüler töten. Beltz, Weinheim u. a. 2009, ISBN 978-3-407-85887-0.
  • Elsa Pollmann: Tatort Schule. Wenn Jugendliche Amok laufen. Tectum-Verlag, Marburg 2008, ISBN 978-3-8288-9801-1.
  • Frank Robertz, Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule. Springer, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-71630-3.
  • Melanie Verhovnik: School Shootings. Interdisziplinäre Analyse und empirische Untersuchung der journalistischen Berichterstattung (= Schriftenreihe Aktuell. Studien zum Journalismus. Bd. 9). Nomos, Baden-Baden 2015, ISBN 978-3-8487-1805-4 (Zugleich leicht überarbeitete Fassung von: Eichstätt, Ingolstadt, Katholische Universität, Dissertation, 2014).
  • Hans-Peter Waldrich: In blinder Wut. Amoklauf und Schule (= Neue kleine Bibliothek. 124). 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. PapyRossa-Verlag, Köln 2010, ISBN 978-3-89438-374-9.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Morten Rhue: Ich knall euch ab! (= Ravensburger Taschenbücher. 58172). Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2008, ISBN 978-3-473-58172-6 (Originaltitel: Give a Boy a Gun.).
  • Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden. Roman. List, Berlin 2006, ISBN 3-471-78679-1 (Originaltitel: We need to talk about Kevin.).
  • Patrick-Philippe Christian Seifert: Unter den Flügeln der Engel. Roman. Edition t.s.e., Leutenbach 2012, ISBN 978-3-00-038071-6.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Definition School shooting. Freie Universität Berlin: Projekt NETWASS, abgerufen am 12. Mai 2012.
  2. a b Anna-Lena Braun: Erwachsene Amoktäter: Eine qualitative Untersuchung der Motive aus kriminologischer Sicht. Springer, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-20038-1, S. 238.
  3. Jörn Ahrens: Die unfassbare Tat – Gesellschaft und Amok. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-42864-2, S. 29.
  4. Jörn Ahrens: Die unfassbare Tat – Gesellschaft und Amok. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-42864-2, S. 30.
  5. Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-641-04216-5, S. 28 f.
  6. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 25 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  7. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 24 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  8. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 28 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  9. Anna-Lena Braun: Erwachsene Amoktäter: Eine qualitative Untersuchung der Motive aus kriminologischer Sicht. Springer, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-20038-1, S. 243.
  10. a b Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-641-04216-5, S. 36.
  11. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 28 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  12. Anna-Lena Braun: Erwachsene Amoktäter: Eine qualitative Untersuchung der Motive aus kriminologischer Sicht. Springer, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-20038-1, S. 245 f.
  13. Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 115.
  14. Bryan Vossekuil et al.: THE FINAL REPORT AND FINDINGS OF THE SAFE SCHOOL INITIATIVE: IMPLICATIONS FOR THE PREVENTION OF SCHOOL ATTACKS IN THE UNITED STATES. Hrsg.: United States Secret Service und United States Department of Education, Washington, D.C. 2002, S. 23 f. (online [PDF; abgerufen am 12. Oktober 2019]).
  15. Amoktaten – Forschungsüberblick unter besonderer Beachtung jugendlicher Täter im schulischen Kontext. (PDF) LKA Nordrhein-Westfalen, Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle, Analysen Nr. 3/2007, S. 1, abgerufen am 30. Juli 2016.
  16. Dirk Becker: „Columbine war der Ausgangspunkt“. Ines Geipel über die Komplexität von Amokläufen. In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 27. März 2012, abgerufen am 31. Oktober 2015.
  17. Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 115 f.
    Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 48 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  18. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 48 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  19. Bryan Vossekuil et al.: THE FINAL REPORT AND FINDINGS OF THE SAFE SCHOOL INITIATIVE: IMPLICATIONS FOR THE PREVENTION OF SCHOOL ATTACKS IN THE UNITED STATES. Hrsg.: United States Secret Service und United States Department of Education, Washington, D.C. 2002, S. 25. (online [PDF; abgerufen am 12. Oktober 2019]).
  20. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 50 f. (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  21. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 81 f. (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  22. Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 120 f.
  23. Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 81 f. (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
    Adolf Gallwitz: Amok – grandios untergehen, ohne selbst Hand anzulegen. In: Polizei heute, 30 (6), 2001, S. 170–175.
  24. Zitiert nach Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012, S. 82 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019).
  25. Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 122 f.
  26. Frank J. Robertz, Ruben Philipp Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-11309-3, S. 74 f.
  27. Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 116.
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  33. Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-641-04216-5, S. 85 f.
  34. Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-641-04216-5, S. 85 ff.
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