Die andere Seite (Roman)

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Die andere Seite. Ein phantastischer Roman ist ein Roman von Alfred Kubin. Er entstand im Herbst 1908 aus einer Schaffenskrise heraus und wurde 1909 mit 52 Illustrationen Kubins im Verlag G. Müller (München und Leipzig) veröffentlicht.

Struktur des Romans[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman gliedert sich in drei Teile:

  1. Der Ruf,
  2. Perle,
  3. Der Untergang des Traumreichs.

Der erste Teil hat zwei Unterkapitel, der zweite und dritte Teil haben je fünf Unterkapitel. Diese Kapitel wiederum sind in namenlose Teilkapitel unterteilt (Ausnahmen: Teil II, Kap. V.II und V.III). Zudem ist ein kurzer Epilog angefügt, der den Erzähler zeigt, nachdem er aus dem Traumreich zurückgekehrt ist und sich in eine Heilanstalt begeben muss.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Roman reist der Protagonist, wie Kubin ein Zeichner von Beruf, in ein vom Multimillionär Patera im fernen Asien geschaffenes Traumreich und seine Hauptstadt „Perle“. Die seltsame, im ewigen Dämmerlicht liegende Stadt ist dem Zeichner zunächst eine willkommene Inspirationsquelle. Spätestens aber nach dem Tod seiner Frau steigert sich die Faszination immer stärker zu einer gnadenlosen Horrorvision und dem anschließenden apokalyptischen Niedergang des Traumreichs, den Kubin minutiös über die gesamte zweite Hälfte des Buches schildert.

Erster Teil: Der Ruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kapitel I: Der Besuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im ersten Kapitel erhält der Erzähler Besuch von Franz Gautsch, einem Gesandten Pateras (dem Herrn des Traumlands). Claus Patera kennt der Erzähler vom gemeinsamen Besuch eines Gymnasiums in Salzburg, 60 Jahre vor der Niederschrift der Erlebnisse. Gautsch lädt den Erzähler im Auftrag Pateras ein, ihm ins Traumland zu folgen. Das Ganze zuerst für einen Scherz abtuend, fragt der Erzähler, was das Traumreich sei. Gautsch erklärt ihm, wie das Traumreich aufgebaut ist und welche Ideologien dabei verfolgt würden. Einer der Hauptaspekte ist die Abwendung vom Fortschritt (insbesondere von den Wissenschaften). Weiter gibt Gautsch dem Erzähler einen Brief mit der Einladung und eine Miniatur mit dem Bild Pateras. Der zuvor an die Begegnung mit einem Geisteskranken glaubende Erzähler wird nun neugierig und schließlich erhält er einen Scheck über hunderttausend Mark. Als sich dieser als gedeckt erweist, willigt seine Frau nach langer Überzeugungsarbeit endlich ein und sie beginnen ihre Reise nach Perle.

Kapitel II: Die Reise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich einem traditionellen Reisebericht schildert der Erzähler die Bahnreise nach Zentralasien und schließlich die Ankunft im Traumreich. Vor der Einreise müssen der Erzähler und seine Frau die meisten ihrer Habseligkeiten zurücklassen, denn einem Fortschritt soll auch durch diese Zollbestimmungen entgegengewirkt werden.

Zweiter Teil: Die Ankunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kapitel I: Die Ankunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einem Zug fahren die beiden nach Perle. Der erste Eindruck ist ein sehr schlechter, denn der Erzähler ruft aus: „So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“ Die Frau hingegen genießt die milde Luft.

Kapitel II: Die Schöpfung Pateras[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einem Unterbruch der persönlichen Erlebnisse beginnt der Erzähler mit der Schilderung der Schöpfung Pateras. Primäres Merkmal des Traumreichs ist, dass die Sonne niemals scheint. Das Traumreich ist von der Außenwelt abgeschottet durch einen Vorhang aus Wolken. Der Erzähler schildert die verschiedenen Regionen von Perle, die Quartiere und ihre Menschen.

Kapitel III: Der Alltag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Traummenschen tragen alle Kleider der Mode ihrer Eltern und Großeltern. Das Ehepaar findet eine Wohnung, die den Erzähler an ein Haus aus seinen Kindertagen erinnert. Sehr rasch gliedern sich die beiden in den Alltag und die Sitten der Traumstädter ein. Im Folgenden erhält der Erzähler einen Posten als Zeichner beim „Traumspiegel“. Die Geldwirtschaft und das Vermögen des Einzelnen hängen lediglich von Zufällen ab, vieles erinnert an das Rad der Fortuna. Die Bürokratie funktioniert nicht, Anträge werden aufgrund von Formfehlern zurückgestellt. Im Weiteren sucht sich der Erzähler einige Freunde, darunter auch seinen Friseur, der mehr Philosoph denn Friseur ist. Ein Brief, den der Erzähler einem Freund außerhalb des Traumreichs schicken will, kommt nach zwei Jahren als unzustellbar zurück. Im Brief hatte der Erzähler den Uhrbann beschrieben. Dieser Uhrbann ist eine der religiösen Sitten des Landes. Jedoch spricht niemand darüber, die Menschen ergeben sich einfach in das Schicksal, das ihnen zuteilwird. Die Nachbarschaft des Paares besteht einerseits aus der hässlichen Prinzessin von X, einer alten Jungfer, andererseits aus dem Studenten. Beide machen dem Ehepaar das Leben schwer. Ein weiterer negativer Aspekt sind die Geräusche, die in der Nacht vorherrschen und insbesondere der Frau des Erzählers Angst einflößen.

Kapitel IV: Im Bann[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frau des Erzählers sieht Patera und gerät zunehmend in Angstzustände. Während der Erzähler seine Beziehungen im Kaffeehaus pflegt, bleibt sie hauptsächlich in der gemeinsamen Wohnung. Hinzu kommt die miserable finanzielle Situation des Paares, denn ihr Geld ist weg. Schließlich behauptet die Frau, dass es in einem nahegelegenen Brunnen spuke und der Erzähler geht in die Molkerei, um dort im Keller auf ein verwahrlostes Pferd zu stoßen, dass an ihm vorbeirast und in Todesangst versetzt. Der Gang, in dem er dem Pferd begegnet ist, führt direkt ins Kaffeehaus, wo ihn ein „älterer würdevoller Herr mit einem weißen Halstuch“ darüber aufklärt, dass hier alle unter dem Bann stünden. Er erklärt dem Erzähler auch, dass es sich bei diesen Ereignissen um den Klaps handle, der als epileptische Anfälle Pateras erklärt wird. Der Frau geht es immer schlechter und sie beschließen, einen Ausflug in die Berge zu machen. Doch unterwegs klagt die Frau darüber, dass es ihr in dieser Atmosphäre nur noch schlechter gehe und sie kehren um. Im Folgenden gelangt der Erzähler zu Patera, den er darum bittet, seiner Frau zu helfen. Als der Erzähler kurz darauf Patera fragt, ob er denn glücklich sei, beginnt Patera zu rufen: „Gib mir einen Stern, gibt mir einen Stern!“ und verwandelt sich in die verschiedenen Traumstädter, worauf der Erzähler flieht. Bei seiner Rückkehr findet der Erzähler seine Frau sterbend auf und in einer relativ kurzen Zeit wird sie begraben und alle raten dem Erzähler dazu, sie zu vergessen. In derselben Nacht gibt er sich Frau Lampenbogen, der Frau des Arztes, hin. In den folgenden Tagen erscheint der Amerikaner Herkules Bell.

Kapitel V: Die Vorstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erzähler geht in die Vorstadt, wo er auf die Blauäugigen trifft (die Ureinwohner des Traumreichs). Sie erscheinen dem Erzähler sehr ruhig, in späteren Zeiten sucht er oft den Anblick dieser Ruhe, um vor seiner eigenen Unruhe Zuflucht zu finden. Das zweite und dritte Unterkapitel tragen als einzige einen Titel: „Die Klärung der Erkenntnis“ (II) und schildert die Philosophie der Blauäugigen. Die Welt sei Einbildungskraft. In der „Verwirrung des Traumes“ (III) erlebt der Erzähler einen großartigen Traum, der jedoch verwirrenden Strängen folgt und eventuell Vorausverweis für die letzten Kapitel des Romans sein könnte.

Dritter Teil: Der Untergang des Traumreichs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kapitel I: Der Widersacher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkules Bell, der Amerikaner, wird geschildert. Er stammt aus Philadelphia und ist unermesslich reich. Damit wird bereits angedeutet, dass er einen ähnlichen Status hat wie Patera. Mit einer Proklamation will Bell eine Revolution herbeiführen.

Kapitel II: Die Außenwelt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Außenwelt ist nicht informiert über das Traumreich und man versucht, es zu finden, denn einige der Bewohner des Traumreichs werden vermisst, beispielsweise die Prinzessin von X.

Kapitel III: Die Hölle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkules Bell betrachtet sich im Spiegel und stellt fest, dass er ebenso mächtig ist wie Patera. Inzwischen senkt sich eine Schlafsucht über die Traumstädter – egal, was sie gerade getan hatten, sie schlafen ein. Nur Herkules Bell bleibt wach. Beim Aufwachen finden sich die Traumstädter in einem riesigen Tierparadies. Eine regelrechte Plage überkommt das Reich und die Tiere übernehmen in gewisser Weise die Herrschaft. Nach und nach aber sinkt auch die Sittlichkeit und der Zerfall der Materiellen beginnt: Moder und Schimmel bedecken sowohl Häuser als auch Kleider. Viele sterben. Das Essen ist kaum mehr genießbar, denn überall bildet sich Grünspan und Schimmel. Eine Rebellion bahnt sich an. Die meisten sterben und es gelingt nicht mehr, die Leichen alle zu begraben.

Kapitel IV: Visionen – Der Tod Pateras[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer visionären Szene kämpfen Patera und Herkules Bell miteinander, und es hat den Anschein, als siege schließlich Bell. Das Traumreich geht unter. In einer Felshöhle erweisen die Blauäugigen Patera die letzte Ehre, und Patera wird in die Nähe einer Gottheit gerückt, wiewohl das Rätsel um seine Person ungelöst bleibt. Der Text gibt der Deutung Hinweise in verschiedene Richtungen, bleibt aber letztlich offen.

Kapitel V: Schluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Außenwelt und damit auch die Sonne dringen ins ehemalige Traumreich ein. Überlebt haben nur die wenigsten, die Prinzessin von X wird als Mumie aufgefunden, kann jedoch zum Leben erweckt werden.

Zentrale Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Themen sind der nahtlose Übergang von Traum und Realität, den Kubin bis zu einem „Traum im Traum“ ausbuchstabiert, sowie die Erkenntnis von der Dualität der Welt und der Zusammengehörigkeit der Gegensätze. Letzteres veranschaulicht Kubin durch den finalen Titanenkampf der Proteusfigur Patera gegen seinen Widersacher, den amerikanischen Büchsenfleischfabrikanten Herkules Bell. Im Verlauf des in Urgewalten-Metaphorik beschriebenen Kampfes wachsen beide ineinander, werden zu einer ununterscheidbaren Masse. Am Ende des Romans steht die Erkenntnis: „Der Demiurg ist ein Zwitter“.

Weitere Aspekte in diesem vielschichtigen Werk sind die Beschäftigung mit der Welt des Traums in all seinen Facetten (wieweit Kubin die Traumdeutung von Sigmund Freud 1908 schon vertraut war, ist allerdings unklar) und der Ausschluss der Kranken (die Traumstädter sind hauptsächlich nervöse Menschen), der die Moderne stark geprägt hat. Hier werden die Kranken in den Mikrokosmos des Traumreichs gebracht, wo sie der Außenwelt durch einen dichten Schleier aus permanenten Wolken verschlossen bleiben.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das Leben ist ein Traum! Nichts scheint mir zutreffender als dieses altbekannte Gleichnis“, schreibt Kubin 1922 über sein „Traumerleben“. Dieser Ausspruch gäbe ein passendes Motto auch für den ersten und einzigen Roman des Österreichers ab.

Die andere Seite erlebte bei zeitgenössischen Literaten und Künstlern einen durchschlagenden Erfolg, wenngleich sie – wohl bis heute – nie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Wirkung entfaltete der als „phantastisch“ betitelte Roman sowohl bei Gustav Meyrink, Franz Kafka als auch bei den deutschsprachigen Surrealisten, als deren Wegbereiter Kubin gilt. Die „Andere Seite“ selbst steht in der Tradition etwa E. A. Poes und E. T. A. Hoffmanns, die Kubin als ihr Illustrator gut kannte.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reprint der Erstausgabe Müller, Leipzig 1909. Edition Spangenberg im Ellermann-Verlag, München 1975, ISBN 3-7707-0151-8, Neuauflage 1990, ISBN 3-89409-051-0; als Taschenbuch: rororo 25556, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2010, ISBN 978-3-499-25556-4.
  • Festausgabe zum 75. Geburtstag von Alfred Kubins mit 52 neuen Zeichnungen und einem Plan. Gurlitt-Verlag Wien-Linz-München, gedruckt bei der Demokratischen Druck– und Verlagsanstalt Linz, 1952
  • Taschenbuchausgabe mit 51 Zeichnungen Kubins und einem Plan. Reclam Band 901, Leipzig 1981 (ohne ISBN, „Lizenzausgabe des Ellermann-Verlags, München für die DDR und die übrigen sozialistischen Länder“).
  • Neuausgabe: Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Mit einem Nachwort von Josef Winkler. Bibliothek Suhrkamp 1444, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-22444-1.

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertonung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philip Ajouri: Literatur um 1900. Naturalismus – Fin de Siècle – Expressionismus. Akademie-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004536-8.
  • Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914. (Originaltitel: The Vertigo Years), Hanser, München 2009, ISBN 978-3-446-23292-1, als Taschenbuch: dtv 34678, München 2011, ISBN 978-3-423-34678-8.
  • Clemens Brunn: Der Ausweg ins Unwirkliche. Fiktion und Weltmodell bei Paul Scheerbart und Alfred Kubin. 2. aktualisierte Auflage. Igel, Hamburg 2010, ISBN 978-3-86815-518-1.
  • Ralf Georg Bogner: Einführung in die Literatur des Expressionismus. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-22798-3.
  • Peter Cersowsky: Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Strukturwandel des Genres, seinen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen und zur Tradition der „schwarzen Romantik“ insbesondere bei Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Franz Kafka. 2. Auflage, Fink, München 1989, ISBN 3-7705-2133-1.
  • Andreas Geyer: Träumer auf Lebenszeit. Alfred Kubin als Literat. Wien u. a.: Böhlau 1995, ISBN 3-205-98404-8.
  • Sigmund Freud: Die Traumdeutung. In: ders.: Studienausgabe. Band 2, Fischer, Frankfurt am Main 1972, S. 488–588.
  • Winfried Freund (Hrsg.): Der Demiurg ist ein Zwitter. Alfred Kubin und die deutschsprachige Phantastik. München: Fink 1999. ISBN 3-7705-3329-1.
  • Anneliese Hewig: Phantastische Wirklichkeit. Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. Fink, München 1967 (= Zur Erkenntnis der Dichtung, Band 5, zugleich Dissertation an der Universität Freiburg im Breisgau 1966).
  • Helmut Kiesel: Geschichte der literarischen Moderne. Beck, München 2004, ISBN 978-3-406-51145-5.
  • Heinz Lippuner: Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. Francke, Bern / München 1977, ISBN 3-7720-1376-7.
  • Jürgen Neffe: Einladung ins Traumreich. Alfred Kubins Jahrhundertroman ist ein virtuoses Schlüsselwerk für die Epochenwende, an der wir stehen. In: Die Zeit, Nr. 34/2009

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]