Draisine (Laufmaschine)

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Abgewandelte Holzdraisine von ca. 1820, die Urform des heutigen Fahrrads und Motorrads – das erste Fortbewegungsmittel auf Grundlage des Zweiradprinzips
Radrennen im Jardin du Luxembourg (1818)
Lenkbares Vorderrad

Die Draisine oder Laufmaschine (so die auch vom Erfinder verwendete Bezeichnung) ist ein einspuriges, von Menschenkraft betriebenes Fahrzeug ohne Pedale, das als Urform des heutigen Fahrrads gilt. Sie wurde vom badischen Erfinder Karl Drais 1817 entwickelt und zum Patent angemeldet (badisches Privileg und französisches Brevet 1818). Die Entwicklung war beeinflusst durch Hungersnot, Futtermangel und Pferdesterben nach der Tambora-Eruption.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten]

Drais' Maßlaufmaschine 1817

Die erste Fahrt unternahm Drais mit seiner Laufmaschine am 12. Juni 1817. Er fuhr von seinem Wohnhaus in den Mannheimer Quadraten (M 1,8) auf der vom kurfürstlichen Residenzschloss zur Schwetzinger Sommerresidenz führenden, gut ausgebauten „Chaussee“ zum etwa 7 km entfernten Schwetzinger Relaishaus im heutigen Mannheimer Stadtteil Rheinau. Er benötigte für den Hin- und Rückweg nur knapp eine Stunde und erreichte damit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 15 km/h.

Die Draisine gilt als das erste Fahrzeug, bei dem zwei Räder hintereinander laufen. Damit war – ohne Vorbild in der Natur – das bis dahin unbekannte Zweiradprinzip erfunden und erstmals in ebenem Gelände eine rasche Fortbewegung ohne Pferd möglich, sieht man vom Schlittschuhfahren ab. Die allererste Laufmaschine hatte keinen beweglichen Lenker sondern lediglich Armstützen. Erst in einem zweiten Schritt ordnete Drais das Vorderrad um seine Achse vertikal drehbar an, wodurch das Kurvenfahren erst möglich wurde. In England hatte ein anderer das Laufrad ebenfalls zum Patent angemeldet und ihm den Namen Dandy horse gegeben.[3]

Franz Schubert mit stark vereinfacht dargestellter Draisine und seinem Freund Kupelwieser (Unsinnsgesellschaft, Zeichnung 1818)

Die Vorrichtung erhielt bald nach ihrem Erfinder die Bezeichnung Draisine (französisch le vélocipède oder la draisienne, englisch the velocipede bzw. draisine). Die Fahrer wurden „Draisinenreiter“ genannt. Die Erfindung wurde alsbald nachgeahmt, aber auch verspottet: siehe hierzu Karl Drais. Drais' Originalversion wog mit etwas über 20 kg nur wenig mehr als ein heutiges Hollandrad und hatte durch seinen Nachlauf ein recht stabiles Fahrverhalten. Nachbauten wiesen diese Vorteile oft nicht auf. Wegen solcher Probleme, wegen der Unbequemlichkeit der harten ungefederten Räder auf schlechten Wegen und (wahrscheinlich auch) wegen seines Preises erlangte dieses Fortbewegungsmittel, mit dem etwa die dreifache Gehgeschwindigkeit erreicht werden konnte, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine allgemeine Verbreitung. Die Vorliebe der Draisinenfahrer für komfortable Wegeoberflächen führte in Zeiten, da in Stadtstraßen die Fahrbahnen holperig und nur die Trottoirs eben waren, alsbald zu Konflikten. Das Fahren auf den Gehwegen wurde in Mannheim schon im Dezember verboten, in Mailand 1818, in London, New York und sogar Kalkutta 1819.

Fehlrestaurierte Laufmaschine aus Drais’ Nachlass 1851 (Nachbau)

In einer späteren Veröffentlichung erschien dazu diese Einschätzung:[4]

Diese Laufmaschinen hatten nur wenige Jahre Erfolg, die Obrigkeit verbot alsbald das allein mögliche Fahren auf den Gehwegen, und nach Sands Hinrichtung 1820 mobbten die Burschenschafter den Erfinder und Sohn des Oberhofrichters. Die Erfindung geriet etwas in Vergessenheit. Da die Leute Angst vor dem Balancieren hatten, griffen sie lieber auf mehrspurige Velozipede zurück […]. Etwa 50 Jahre später kamen Rollschuhbahnen auf, die Bevölkerung war nun eher bereit, das Balancieren zu wagen. Nun wurde das Fahrrad ‚vélocipède bicycle‘ genannt, also ‚zweirädriger Schnellfuß‘.“

Im Jahr 1862 tauchte die Draisine in zweckmäßig veränderter Konstruktion wieder auf. Vor allem hatte der Franzose Pierre Michaux inzwischen Tretkurbeln an einem Rad des Fahrzeugs angebracht, mit dem der Nutzer die Vorwärtsbewegung durch Beinkraft erreichte. Auch Veränderungen an Rahmen, Sitzen (Einführung gefederter Sättel) erfolgten und Michaux nahm mit einem solchen Fahrrad an der Weltausstellung Paris 1867 teil. Sein Exponat erregte Aufsehen und führte zur Gründung der ersten Fabrik zur Herstellung von Fahrrädern, der Compagnie Parisienne, ancienne maison Michaux & Comp. Die Fahrzeuge hießen nun Velocipede.[3] Es vergingen noch etliche Jahre, in denen der Holzrahmen durch Stahl ersetzt, die Luftbereifung eingeführt, der Kettenantrieb entwickelt wurde.

Technik[Bearbeiten]

Zwischen zwei hintereinander stehenden Rädern befindet sich ein Sattel als Sitz und ein Bügel zum Aufstemmen der Arme und zum Lenken des Vorderrades. Die Fortbewegung erfolgt durch abwechselndes Abstoßen der Füße auf dem Erdboden. Auf ebenen Wegen kann man so bis zu 15 km/h erreichen. Das Hinterrad ist fest mit dem Rahmen verbunden, während das Vorderrad um eine senkrechte Achse drehbar ist.

Kinderlaufrad[Bearbeiten]

Kinderlaufrad (LIKEaBIKE) aus Holz, Speichenräder
Zwei Kinderlaufräder von Puky: Metallrahmen, Stehfläche, Kunststofffelgen, Hinterbremse

Bereits nach der Vorstellung einer Laufmaschine für erwachsene Personen wurden auch solche Geräte für Kinder angefertigt. Im 20. Jahrhundert erhielt das Prinzip Laufrad eine neue Chance, es entstanden neue robuste Kinderlaufräder (englisch balance bicycle) für etwa zwei- bis sechsjährige Kinder und wurden rasch populär. Der Produktdesigner Rolf Mertens überarbeitete im Jahr 1997 laut Marc Brost und Wolfgang Uchatius[5] diese gut zum Laufen- und Balancierenlernen geeigneten Geräte und begann mit dem Vertrieb. Die ersten dieser Kinderlaufräder waren aus Holz, verbreitet sind nun solche mit Rohrrahmen aus Stahl oder Aluminium, seltener sind Rahmen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (Spritzguss) angeboten. Insbesondere kleine Felgen sind häufig aus Kunststoff. Es gibt Holzscheibenräder mit harten Gummireifen, überwiegend jedoch mit Luftreifen in Alufelgen, Speichenräder haben immer ein gewisses Einklemmrisiko, selten werden die Radflanken teilweise von stehenden ausgebuchtete Schutzscheiben abgedeckt. Reifen aus PU-Schaumstoff sind etwas schwerer, weisen mehr Rollwiderstand auf, sind jedoch vandalismus- und betriebssicherer als Luftreifen, da sie nicht lecken können, kein Ventil brauchen und müssen auch nicht nachgepumpt werden.

Trotz teilweise gegenteiliger Untersuchungsergebnisse wird allgemein gesagt und geschrieben, dass Kinder, die mit einem Laufrad geübt haben, später schneller das Fahrradfahren erlernen. Laufräder sind für Kinder ab einem Alter von etwa zwei bis zweieinhalb Jahren geeignet und werden normalerweise bis einschließlich fünf Jahre genutzt. Ein Kinderlaufrad kann somit noch etwas länger als das Kinderdreirad oder ein Rutscher bzw. Bobby Car bespielt werden. Eine besonders große Rolle spielt bei Kindern Motivation zum Spaß an der Bewegung. Ein leichtes Laufrad kann auch ganz gut neben einem Kind im Fahrradsitz mit dem Erwachsenenrad mittransportiert werden.

Dreiräder und Rutscher werden bis zu einem Alter von vier Jahren empfohlen, bevor die Kinder in der Regel das Interesse verlieren. Davor kann ein Kind bereits mit einem Lauflernwagen die ersten Schritte unternehmen und diesen bis etwa zwei Jahre herumstoßen. Tretautos und Kindertraktoren werden bis ca. sieben Jahre verwendet. Der Kinderroller ist das Fahrzeug, das am längsten im Einsatz ist (bis zu acht Jahren).[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais: das tragische Leben „des verrückten Barons“; ein Erfinderschicksal im Biedermeier, Braun, Karlsruge 1985, ISBN 3-7650-8045-4.
  • Hans-Erhard Lessing: Automobilität – Karl Drais und die unglaublichen Anfänge. Maxime, Leipzig 2003, ISBN 3-931965-22-8.
  • Hans-Erhard Lessing: Karl Drais: Zwei Räder statt vier Hufe. Braun, Karlsruhe 2010, ISBN 978-3-7650-8569-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Draisine – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Drais-Memoriale von Sven Fink
  2. Paolo Faccinetti, Guido P. Rubino: Campagnolo – ein Unternehmen schreibt Fahrradgeschichte; Delius Klasing Moby Dick; 1. Auflage 2009; ISBN 978-3-7688-5275-3
  3. a b Heinrich Samter (Hrsg.): Das Reich der Erfindungen. Verlag von W. Herlet, Berlin u. Leipzig, 1901. Seite 754ff: Die Draisinen oder Velocipede
  4. Pryor Dodge: Faszination Fahrrad. Geschichte – Technik – Entwicklung. Aus dem Englischen von Renate Bauer-Lessing. Moby-Dick-Verlag, Kiel 1997, ISBN 3-89595-118-8 (Delius-Klasing)
  5. Ein Laufrad für Deutschland. In: Die Zeit. Nr. 17, 16. April 2009, S. 19
  6. http://www.kids-choice.ch/einkaufshilfe/