Draisine (Laufmaschine)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Drais’ Maß-Laufmaschine 1817

Die Draisine oder Laufmaschine (so die auch vom Erfinder verwendete Bezeichnung) ist ein einspuriges, von Menschenkraft betriebenes Fahrzeug ohne Pedale, das als Urform des heutigen Fahrrads gilt. Sie wurde vom badischen Erfinder Karl Drais 1817 entwickelt und zum Patent angemeldet (badisches Privileg und französisches Brevet 1818). Die Entwicklung war beeinflusst durch Hungersnot, Futtermangel und Pferdesterben nach der Tambora-Eruption.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorführung im Jardin du Luxembourg (1818)

Die erste Fahrt unternahm Drais mit seiner Laufmaschine am 12. Juni 1817. Er fuhr von seinem Wohnhaus in den Mannheimer Quadraten (M 1,8) auf der vom kurfürstlichen Residenzschloss zur Schwetzinger Sommerresidenz führenden, gut ausgebauten „Chaussee“ zum etwa 7 km entfernten Schwetzinger Relaishaus im heutigen Mannheimer Stadtteil Rheinau. Er benötigte für den Hin- und Rückweg nur knapp eine Stunde und erreichte damit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 15 km/h.

Abgewandelte Holzdraisine von ca. 1820, Kurpfälzisches Museum in Heidelberg

Die Draisine gilt als das erste Fahrzeug, bei dem zwei Räder hintereinander laufen. Damit war – ohne Vorbild in der Natur – das bis dahin unbekannte Zweiradprinzip erfunden und erstmals in ebenem Gelände eine rasche Fortbewegung ohne Pferd möglich, sieht man vom Schlittschuhfahren ab. Die Unterarmstütze, von ihm Balancierbrett genannt, übertrug die Antriebskraft auf die Maschine. Das Vorderrad ordnete Drais per Lenker drehbar an derart, dass die Lenkachse 15 cm vor der Vorderradachse lag, um Lenkstabilisierung durch Nachlauf zu erzielen (wie bei den Einkaufswagen-Rollen). In England hatte Wagenbauer Denis Johnson 1819 für seine Version ohne Nachlauf ein Patent erhaltent und ihm den Namen pedestrian curricle gegeben.

Verstell-Laufmaschine, gezeichnet nach einem im Deutschen Museum München erhaltenen Original. Drehpunkt der Lenkung vor der Vorderradachse, wodurch ein Nachlauf nach Art einer Lenkrolle (vgl. Einkaufswagen) entsteht.
Franz Schubert und Draisine mit falsch dargestellter Lenkung und unter seinem Freund Kupelwieser (Unsinnsgesellschaft, Zeichnung 1818).

Die Laufmaschine erhielt bald in den Zeitungen nach ihrem Erfinder die Bezeichnung Draisine (französisch le vélocipède oder la draisienne, englisch the velocipede bzw. draisine). Die Fahrer wurden „Draisinenreiter“ genannt. Die Erfindung wurde alsbald nachgeahmt, erst viel später von politischen Gegnern verspottet: siehe hierzu Karl Drais. Drais' Originalversion wog mit etwas über 20 kg so wenig wie ein heutiges Hollandrad, hatte den Nachlauf wie heutige Fahrräder und damit ein stabiles Lenk- und Fahrverhalten. Nachbauten wiesen den Vorteil eines Nachlaufs bei der Lenkung oft nicht auf. Auf Grund weltweiter Fahrverbote erlangte dieses Fortbewegungsmittel, mit dem etwa die dreifache Gehgeschwindigkeit erreicht werden konnte, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine anhaltende Verbreitung. Die Vorliebe der Draisinenfahrer für komfortable Wegeoberflächen führte in Zeiten, da in Stadtstraßen die Fahrbahnen zerfurcht und schmutzig und nur die Trottoirs eben und sauber waren, alsbald zu Konflikten. Das Fahren auf den Gehwegen wurde in Mannheim schon im Dezember 1817 verboten, in Mailand 1818, in London, New York und sogar Kalkutta 1819.

In einer neueren Veröffentlichung erschien dazu diese Einschätzung:[3]

Diese Laufmaschinen hatten nur wenige Jahre Erfolg, die Obrigkeit verbot alsbald das allein mögliche Fahren auf den Gehwegen, und nach Sands Hinrichtung 1820 mobbten die Burschenschafter den Erfinder und Sohn des Oberhofrichters. Die Erfindung geriet etwas in Vergessenheit. Da die Leute Angst vor dem Balancieren hatten, griffen sie lieber auf mehrspurige Velozipede zurück […]. Etwa 50 Jahre später kamen Rollschuhbahnen auf, die Bevölkerung war nun eher bereit, das Balancieren zu wagen. Nun wurde das Fahrrad ‚vélocipède bicycle‘ genannt, also ‚zweirädriger Schnellfuß‘.“

Im Jahr 1865 tauchte die Draisine in zweckmäßig veränderter Konstruktion wieder auf. Vor allem hatte entweder der Franzose Pierre Michaux oder Pierre Lallement (US Patent 1866) inzwischen Tretkurbeln am Vorderrad angebracht. Auch Veränderungen an Rahmen (schmiedbarer Eisenguss) und Sitzen (gefederter Sattel) erfolgten und Michaux’s von den Gebrüdern Olivier finanzierte Produktion wurde während der Weltausstellung Paris 1867 weltbekannt. Auseinandersetzungen beendeten die Oliviers gerichtlich und gründeten ihre Fabrik zur Herstellung von Fahrrädern, die Compagnie Parisienne, ancienne maison Michaux & Comp. Die Fahrzeuge hießen nun Vélocipède bicycle. Es vergingen noch etliche Jahre, bevor die Luftbereifung wiedererfunden und der Kettenantrieb entwickelt wurde.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen zwei hintereinanderstehenden Rädern befindet sich ein Sattel als Sitz und ein gepolstertes Brettchen zum Aufstützen der Unterarme. Die Hände liegen auf dem Lenker des Vorderrades. Die Fortbewegung erfolgt durch abwechselndes Abstoßen der Füße auf dem Erdboden. Auf ebenen Wegen kann man so bis zu 22 km/h erreichen (Rennen in München 1829). Das Hinterrad ist fest im Rahmen gelagert, während das Vorderrad in seiner Achse als Ganzes um einen senkrecht stehenden Gewindebolzen drehbar ist. Dies ist das Prinzip der Schwenkachslenkung/Drehschemellenkung, wie es schon bei Kutschen Verwendung fand.

Besonders innovativ war damals Drais’ Erfindung der dosierbaren Schleifbremse, wogegen Kutschen nur mit den Körpern der Zugtiere oder mittels ruinöser Bremsschuhe gebremst wurden und erst in den 1840ern von der Eisenbahn inspiriert Schleifbremsen erhielten.[4]

Der Vorteil bei der Nutzung der Laufmaschine liegt – gegenüber dem Laufen – darin, dass das Körpergewicht vom Fahrzeug getragen wird, also die Muskeln keine Haltearbeit leisten müssen.

Kinderlaufrad[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kinderlaufrad (LIKEaBIKE) aus Holz, Speichenräder
Zwei Kinderlaufräder von Puky: Metallrahmen, Stehfläche, Kunststofffelgen, Hinterbremse und „moderne“ Lenkung mit Nachlauf.

Bereits 17 Jahre nach der Vorstellung der Laufmaschine für erwachsene Personen wurden auch solche Geräte für Kinder angefertigt. Im 20. Jahrhundert erhielt die Laufmaschine eine neue Chance, es entstanden neue robuste Kinderlaufräder (englisch balance bicycle) für etwa zwei- bis sechsjährige Kinder und wurden rasch populär. Der Produktdesigner Rolf Mertens überarbeitete im Jahr 1997 laut Marc Brost und Wolfgang Uchatius[5] diese gut zum Laufen- und Balancierenlernen geeigneten Geräte und begann mit dem Vertrieb. Die ersten dieser Kinderlaufräder waren aus Holz, verbreitet sind nun solche mit Rohrrahmen aus Stahl oder Aluminium, seltener werden Rahmen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (Spritzguss) angeboten. Insbesondere kleine Felgen sind häufig aus Kunststoff. Es gibt Holzscheibenräder mit harten Gummireifen, überwiegend jedoch mit Luftreifen in Alufelgen, Speichenräder haben immer ein gewisses Einklemmrisiko, selten werden die Radflanken teilweise von stehenden ausgebuchteten Schutzscheiben abgedeckt. Reifen aus PU-Schaumstoff sind etwas schwerer, weisen mehr Rollwiderstand auf, sind jedoch vandalismus- und betriebssicherer als Luftreifen, da sie nicht lecken können, kein Ventil brauchen und auch nicht nachgepumpt werden müssen.

Trotz teilweise gegenteiliger Untersuchungsergebnisse ist die Ansicht verbreitet, dass Kinder, die mit einem Laufrad geübt haben, später schneller das Fahrradfahren erlernen. Laufräder sind für Kinder ab einem Alter von etwa zwei bis zweieinhalb Jahren geeignet und werden meist bis einschließlich fünf Jahre genutzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Erhard Lessing: Karl Drais: Zwei Räder statt vier Hufe. Braun, Karlsruhe 2010, ISBN 978-3-7650-8569-7.
  • Hans-Erhard Lessing: Automobilität – Karl Drais und die unglaublichen Anfänge. Maxime, Leipzig 2003, ISBN 3-931965-22-8.
  • Hermann Ebeling: Der Freiherr von Drais: das tragische Leben „des verrückten Barons“; ein Erfinderschicksal im Biedermeier, Braun, Karlsruhe 1985, ISBN 3-7650-8045-4.
  • Michael Rauck: Karl Freiherr Drais von Sauerbronn, Beiträge zur Wirtschafts und Sozialgeschichte 24, Steiner-Verlag, Stuttgart 1983

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Laufräder – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans-Erhard Lessing: Karl von Drais – Der Empire-Technologe wird rehabilitiert, Mannheimer Geschichtsblätter N. F. 3/1996, S. 275–359
  2. Drais-Memoriale von Sven Fink
  3. Pryor Dodge: Faszination Fahrrad. Geschichte – Technik – Entwicklung. Aus dem Englischen von Renate Bauer-Lessing. Moby-Dick-Verlag, Kiel 1997, ISBN 3-89595-118-8 (Delius-Klasing)
  4. H.E. Lessing: Wie ausgeklügelt war die Laufmaschine?, Badische Heimat 2/2010 Juni, S. 552–556
  5. Ein Laufrad für Deutschland. In: Die Zeit. Nr. 17, 16. April 2009, S. 19