Ehernes Gesetz der Oligarchie

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Als Ehernes Gesetz der Oligarchie (ehern: gehobenes Deutsch für „aus Erz“ im Sinne von „hart, ewig während“; Oligarchie: griechisch für „Herrschaft Weniger“) bezeichnet man die zwischen 1907 und 1911 vom deutsch-italienischen Soziologen Robert(o) Michels vorgelegten Thesen zur Demokratieentwicklung.

1911 veröffentlichte Michels sein Hauptwerk Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. In dieser Fallstudie der deutschen Arbeiterbewegung des Fin de Siècle, insbesondere der SPD, untersuchte er die Entwicklung von Entscheidungsstrukturen. Dabei betrachtete er sowohl formale Bürokratie- als auch informelle Machtstrukturen. Seine zentralen Thesen besagen, dass Führungsgruppen in Organisationen zunehmend an eigenen Interessen, persönlichem Nutzen – insbesondere sichergestellt durch den Erhalt der Organisation – interessiert sind. Die einstigen Ziele der Gruppe, an deren Spitze sie stehen, treten so in den Hintergrund. Führungsgruppen versuchen demnach, die soziale Basis, die „Massen“, zu lenken, selbst dann, wenn die herrschende Ideologie dieser Gruppierungen das Gegenteil anstrebt.

Michels Theoriefragment hat eine nunmehr schon ein Jahrhundert währende Forschung inspiriert. Nach ihrer letzten Renaissance Ende der 1990er Jahre im Zuge des Neoinstitutionalismus stehen Michels Thesen heute wieder im Zentrum der sozialwissenschaftlichen Forschung und werden in so unterschiedlichen Forschungsfeldern wie der Radikalisierung von Kirchen, der Institutionalisierung der Neuen Sozialen Bewegungen oder der Organisation Wikipedias diskutiert.

Metaphorisch fasst Darcy K. Leach den derzeitigen Forschungsstand dahingehend zusammen, dass es sich vielleicht nicht um ein „ehernes Gesetz“, aber immerhin um eine „Tendenz aus Aluminium“[1] handelt.

Ideengeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]

Michels veröffentlichte die ersten Arbeiten zum Ehernen Gesetz 1907,[2] als der frühere Aktivist der Sozialistischen Internationale den sozialdemokratischen Parteien Deutschlands und Italiens den Rücken gekehrt hatte (später wandte er sich dem fascismo Mussolinis zu).[3] Innerhalb der Marburger Ortsgruppe der SPD war Michels aktiv gewesen, hatte aber nie eine Führungsposition bekleidet, wenngleich er als Intellektueller in der Partei angesehen gewesen war.[4] Dabei verfolgte Michels immer mehr eine akademische denn eine politische Karriere und war ideologisch näher an der französischen Syndikalismusbewegung verortet, die er mit seinem Freund Hubert Lagardelle unterstützte.[4] Die Theorie erschien 1911 in Michels' heute klassischem Werk zur Parteienforschung, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, in dem die organisatorische Struktur in der SPD analysiert wird. Das Werk kann als Polemik gegen den Anti-Syndikalismus der SPD verstanden werden.[5] Gewidmet ist die Untersuchung Max Weber, der einen wesentlichen Einfluss auf Michels Denken ausübte.[6] Darüber hinaus baute er im Besonderen auf Arbeiten Gaetano Moscas zur Politischen Klasse auf, dem er seine Desillusionierung vom Syndikalismus maßgeblich mitverdankte und dessen Ideen von Führerschaft und Geführten er weitgehend übernahm.[7] Michels Demokratieverständnis basiert dabei auf dem direktdemokratischen Modell in Rousseaus Gesellschaftsvertrag;[8] sein Fernziel ist die klassenlose Gesellschaft.[9]

Michels zentrale These zur Politik seiner Zeit spiegelt dabei Max Webers „stahlhartes Gehäuse“ des Kapitalismus in der Wirtschaft wider; beide als „ehern“ titulierte Phänomene wurden dabei in den 68er-Bewegungen praktisch attackiert.[10]

Thesen[Bearbeiten]

Michels’ Ehernes Gesetz wurde von ihm selbst auf Parteien, Staaten und Gewerkschaften angewandt,[11] aber sein Geltungsbereich wurde später auch auf andere Organisationen ausgeweitet. Das Gesetz lässt sich in drei Hypothesen zerlegen:

  1. Größere Menschengruppen bilden aus Effizienzgründen immer eine bürokratische Organisation heraus;
  2. Bürokratien neigen zur Herausbildung einer Machtelite;
  3. Die daraus folgende Oligarchisierung führt zur Korrumpierung dieser Machtelite.[1]

Im Einzelnen lassen sich diese Thesen wie folgt herausarbeiten.

Bildung von Formalorganisationen[Bearbeiten]

Voraussetzung für Demokratie in Staaten oder politischen Parteien ist, dass die Entscheidungsfindung beim Volk oder den Mitgliedern liegt. Bei größeren Gruppierungen muss sich dafür allerdings wahrscheinlich eine Organisation herausbilden, die die Aufgabe der Koordination übernimmt. Begründet wird dies bei Michels vor allem mit kommunikationstechnischen Bedingungen, die es unmöglich machen würden, demokratische Entscheidungsfindung in größeren Gruppen zu ermöglichen; Michels vermutet dabei die maximale Größe direktdemokratisch organisierbarer Gruppen zwischen 1.000 und 10.000 Personen;[12] neuere Untersuchungen setzen die Zahl dabei jedoch, selbst unter Berücksichtigung modernerer Kommunikationstechnologien, weitaus tiefer an.[13] Eine Massenpartei wie die SPD, die schon 1905 im Großraum Berlin 90.000 Mitglieder hatte, könne also nicht mehr direktdemokratisch geführt werden.[14]

Größere Gruppen benötigen zum effizienten Handeln eine Bürokratie und damit einhergehende Spezialisierung, welche wiederum ein spezifisches Training für die Ämterinhaber erfordert, die durch ihr erworbenes Wissen wichtige und dauerhafte Pfeiler der Organisation werden.[15] Schließlich bewegt sich die Kommunikation weg von Treffen von Angesicht zu Angesicht hin zu den Massenmedien, welche zu Michels Zeit von Zeitungen dominiert waren.[15]

Entstehung von Oligarchie[Bearbeiten]

Michels vermutete, dass jede Organisation, gleich, wie demokratisch oder autokratisch ihre Ideologie zu Beginn gewesen sein mochte, letztendlich zur Bildung einer Oligarchie führen müsse. Seine vielzitierte Kernthese lautet:

„Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Auftraggeber, der Delegierten über die Delegierenden.“

Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie[16]

Das Delegieren von Aufgaben sei in jeder Organisation notwendig. Dieses Delegieren führe zur Bildung eines Bildungsvorsprungs von Organisations- und Fachwissen einer Führungsschicht, die solcherart einen Machtvorsprung erlange. Basis oligarchischer Macht sind also nicht nur die hierarchieimmanenten Zwangsmächte, sondern vor allem auch Wissensmonopole.[17]

Michels’ Oligarchiebegriff bleibt dabei mehrdeutig.[18] Kennzeichen der Oligarchie sind für ihn sozialer Status, Macht, Wissen und finanzielle Ressourcen.[11]

Korrumpierung der Machtelite[Bearbeiten]

Die Etablierung einer Parteiorganisation führt nach Michels zwangsläufig zu einem Verlust der innerorganisatorischen Demokratie und zu einem Verlust der Dynamik der Gruppe infolge der Trägheit bürokratischer Apparate. Darüber hinaus würde Konservativismus gefördert, der sich zudem noch verselbstständige. „So wird die Organisation von einem Mittel zum Zweck zu einem Selbstzweck“[19]. Letztendlich führe dies zu einer Zweiteilung der Organisation und einer Entfremdung der Organisationselite von den Mitgliedern.

Theoretische Rezeption[Bearbeiten]

Michels Thesen haben nunmehr fast ein Jahrhundert theoretischer und empirischer Forschung inspiriert. Ungeachtet aller Kritik gilt sein innovativer Ansatz, Organisationssoziologie vor Ort zu betreiben sowie informelle Strukturen zu durchleuchten, als Klassiker der Organisationstheorie.

Nicolai Bucharin, einer der frühen Kritiker Michels’

Kritik erfuhr das Gesetz zunächst aus Kreisen des orthodoxen Marxismus, so zum Beispiel von Bucharin, der bestritt, dass bürokratische Organisationen zu einer Machtkonzentration führen, da mit den Organisationspositionen und -rollen kein Eigentum verbunden sei.[1] Dagegen bestätigte Rosa Mayreder in einer frühen Rezeption Michels’ Thesen weitgehend und wandte sie auf soziale Bewegungen an, denen sie im Erfolgsfalle im Laufe ihrer Entwicklung eine Tendenz von der inhaltlichen Arbeit zur reinen Machterhaltung nachsagte: „Je älter eine Machtorganisation wird, […] desto stärker tritt das Interesse der Selbsterhaltung als das wichtigste in den Mittelpunkt ihrer Orientierung.“[20] Allerdings kann nach ihrer Auffassung dieses Hemmnis sozialen Fortschritts umgangen werden durch die Bildung neuer Konkurrenzorganisationen, die noch nicht an der Macht teilhaben.[20][21]

In den 1950er und 1960er Jahren bemängelte die soziologische Kritik vor allem eine Pauschalität und vermisste eine Differenzierung der Oligarchieformen und eine damit verbundene Differenzierung der psychologischen Auswirkungen auf die Organisationsführerschaft.[1] In diesem Zeitraum wurde vor allem die Ersetzung der substantiellen Organisationsziele durch Organisationsreproduktion als oberstes Ziel der Organisationsführer erforscht.[1] Zu zwei führenden Exegeten des Ehernen Gesetzes entwickelten sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Seymour M. Lipset und Philip Selznick. Lipset kritisierte anhand zweier Beispiele, denen er selbst biographisch verbunden war, dass dies unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich dann, wenn die Führerschaft einer Organisation ihre Klassenbasis widerspiegele, nicht gelten würde. Darüber hinaus seien auch Studenten- und andere Jugendgruppen weniger anfällig für oligarchische Tendenzen, weil sie eher eine Gesinnungs- denn eine Verantwortungsethik verfolgten und sich somit nicht mit organisatorischer Macht beschäftigten.[22]

In späteren Jahren wurden weniger neue theoretische Kritikpunkte vorgebracht, als vielmehr die empirische Angemessenheit der Thesen untersucht. Dabei kommen neuere Überblicksstudien zu dem Ergebnis, dass es zwar in der Gesellschaft keine „ehernen Gesetze“ im strikten Sinne gibt, eine Tendenz zur Oligarchisierung jedoch unverkennbar sei.[23] Die meisten Studien versuchen dabei Bedingungen zu identifizieren, unter denen die Oligarchisierung und/oder ihre negativen Konsequenzen abgeschwächt werden; nur selten jedoch werden Michels’ Thesen grundsätzlich in Frage gestellt.[24]

Empirie[Bearbeiten]

Empirische Analysen, die sich auf das Eherne Gesetz der Oligarchie beziehen, befassen sich mit mannigfaltigen Organisationsproblemen. Bis in die frühen 1970er Jahre wurden zumeist bürokratische Massenorganisationen auf Oligarchisierung hin untersucht, erst danach rückten auch kleinere Organisationen und soziale Bewegungen in den Blickpunkt der Forschung.[25] Neben Bewegungen und politischen Parteien wurden nun auch Wirtschaftsorganisationen, Kirchen und andere religiöse Organisationen unter Zuhilfenahme des Ehernen Gesetzes analysiert. Nach wie vor ist die Frage noch wenig erforscht, ob die fluideren Organisationsformen von Bewegungen die Entstehung von Oligarchien abmildern, verschleppen oder gar verhindern können.[26]

Größte Schwachstelle der empirischen Forschung ist das schon bei Michels angelegte Versäumnis, den Begriff der Oligarchie klar zu definieren, und die damit einhergehende oft mangelhafte Operationalisierung.[27] Zumeist wird die Oligarchisierung dabei entweder durch Kontinuität in Besetzung von Führungsrollen[28] oder durch die Veränderung der Ideologie weg von substantiellen Zielen hin zur Organisationsreproduktion gemessen.[29]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Politische Parteien[Bearbeiten]

Michels’ originäres Untersuchungsobjekt, politische Parteien mit demokratischer Ideologie, ist keineswegs dominant in der Empirie zum Ehernen Gesetz, trotzdem gibt es eine Reihe von Untersuchungen zu solchen Parteien.

Eine experimentelle Studie zur Parteioligarchisierung fand dabei heraus, dass solche Parteien, die über von der Parteiführung unabhängige Informationsmedien verfügen, egalitärer organisiert werden würden.[30]

Die Grünen[Bearbeiten]

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Bei der Institutionalisierung der Neuen Sozialen Bewegungen in der bundesdeutschen Partei Die Grünen sollte Oligarchisierung bewusst vermieden werden. Es gab keine dauerhaften Aufgabenbereiche oder ständigen Bevollmächtigten. Jede kleinste, routinemäßige Entscheidung konnte zur Diskussion und Abstimmung gestellt werden. Als die Mitgliederzahl noch gering war, hatten diese anti-oligarchischen Maßnahmen einigen Erfolg. Als die Partei jedoch wuchs und erfolgreicher wurde, veranlasste das Bestreben, in Wahlen mit anderen Parteien zu konkurrieren, dafür Geldmittel zu beschaffen, große Veranstaltungen und Demonstrationen zu organisieren und mit gewählten Parteien zu kooperieren, die grüne Partei dazu, konventionellere Strukturen und Arbeitsweisen aufzugreifen. Aus der Frühzeit der Partei stammen das sogenannte Rotationsprinzip, die Trennung von Amt und Mandat sowie die Doppelspitze bei der Partei- und Fraktionsführung.

Unternehmen[Bearbeiten]

Auch auf Wirtschaftsunternehmen wird das Eherne Gesetz angewandt und zumeist bestätigt. So spricht der Wirtschaftswissenschaftler Oliver E. Williamson vom downside drift: der Tendenz, dass die Unternehmensführung zunehmend ihren Eigeninteressen statt den Interessen der Unternehmenseigentümer, insbesondere der Aktionäre, nachgeht.[31]

Kirchen[Bearbeiten]

Ein weiteres Untersuchungsfeld des Ehernen Gesetzes bilden religiöse Organisationen, insbesondere die des Christentums. So stellte eine Studie zur Radikalität evangelischer Kirchen in den USA fest, dass Kirchen mit größerer Apathie der Laien ceteris paribus weniger pluralistische Politikpositionen einnehmen.[32]

Eine andere Studie zur kirchlichen Dachorganisation National Council of Churches kommt entgegen der Annahmen Michels’ zum Schluss, dass die Organisationsziele durch Oligarchisierung nicht notwendigerweise konservativer, sondern auch radikaler werden können.[33] Zwar hätte wie erwartet eine Professionalisierung der Organisationsangestellten stattgefunden,[34] die Anreizstruktur innerhalb der Organisation hätte jedoch diejenigen Mitarbeiter bevorteilt, die sich für besonders „hehre“ Ziele und Veränderungen eingesetzt hätten.[35]

Soziale Bewegungen[Bearbeiten]

In der Bewegungsforschung wird das Eherne Gesetz vor allem als Institutionalisierung der Bewegung verstanden:[36] Bewegungsorganisationen entstehen zunächst, werden dann professionalisiert und fügen sich schließlich als pressure group, Nichtregierungsorganisation oder als politische Partei in die institutionalisierte Politik ein. Gleichzeitig werden die Ziele der Bewegungsorganisationen damit konservativer, um eine stabile Beziehung zur Politik und zur Restgesellschaft aufbauen zu können.[37]

Abstinenzbewegung[Bearbeiten]

Eine der ersten Studien, die das Eherne Gesetz anhand einer Bewegung überprüfte, befasst sich mit der Abstinenzbewegung von den 1880er Jahren bis zur Mitte der 1950er Jahre. Joseph R. Gusfields Studie zeigt, dass das Gesetz in vielerlei Hinsicht nicht auf die Bewegung anwendbar war – die Ideologie wandelte sich in jener Zeit von der Idee einer modernen Gesellschaftsreform hin zu moralischem Rückzug; die stärkste Bewegungsorganisation, die Woman’s Christian Temperance Union, verlor an Personal und band weniger qualifiziertes Personal aus den unteren Schichten.[38] Allerdings verlor die Bewegung gleichzeitig auch massiv an politischem Einfluss.

Bauernbewegung[Bearbeiten]

Seymour M. Lipset untersuchte ungefähr zur gleichen Zeit wie Gusfield Bauernbewegungsorganisationen in Saskatchewan und Manitoba. Dabei kam er zu dem Schluss, dass aufgrund der wesentlich schlechteren Verkehrsinfrastruktur in der ersteren kanadischen Provinz die Führung der dortigen Bewegung sich stärker aus der durchschnittlichen Bauernschaft rekrutiere.[39] Dies habe zur Folge, dass sie auch weiterhin die Interessen der Bauern stark vertrete, während dies in Manitoba nicht der Fall sei.[39]

Neue Soziale Bewegungen[Bearbeiten]

Die 68er-Bewegungen, die aus ihnen hervorgegangen Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) und die Neue Linke unternahmen am Ende des 20. Jahrhunderts den bewussten Versuch, das Eherne Gesetz praktisch-voluntaristisch zu überwinden.[40] Schon in der Anfangsphase der Bewegungen wurde dabei in der Port-Huron-Erklärung explizit Wert auf die gleichberechtigte Teilnahme aller Bewegungsmitglieder wertgelegt.[41]

Neue Medien[Bearbeiten]

Hinsichtlich der von Michels postulierten Bedeutung von Kommunikationstechnologien gibt es in jüngerer Zeit einige Studien, die den Einfluss der Neuen Medien auf das Eherne Gesetz untersuchen. Zwei prominente Untersuchungsobjekte dieses Strangs sind das Nachrichtenportal Indymedia und das Online-Enzyklopädie-Projekt Wikipedia.

Indymedia[Bearbeiten]

Eine Untersuchung über Indymedia kommt hier zu dem Schluss, dass die Neuen Medien zwar dem Ehernen Gesetz Einhalt gebieten, aber im Gegenzug der Zielkorridor der mit Indymedia verbundenen (zunächst nur globalisierungskritischen) Bewegungsindustrie bedeutend weiter und damit schlechter durchsetzbar wird.[42]

Wikipedia[Bearbeiten]

Eine vorwiegend informell organisierte Gemeinschaft, anhand deren Dynamik in jüngerer Zeit das Eherne Gesetz überprüft wurde, ist die Wikipedia. Piotr Konieczny, Wikipedia-Autor, Administrator und Soziologiedoktorand, dessen Datenbasis primär die Diskussionen im Umfeld der englischsprachigen Metadiskussionsseite um die Überprüfbarkeit von Informationen ist, verneint in seinem 2009 erschienenen Aufsatz Governance, Organization, and Democracy on the Internet: The Iron Law and the Evolution of Wikipedia zwar nicht die Tendenz, dass langfristig mitarbeitende Autoren einen geringfügigen Machtvorsprung bei der Erstellung der Artikel haben.[43] Dennoch sei spürbar, dass das Eherne Gesetz durch das Wikiprinzip bestenfalls einschränkende Wirkung entfalte.[44] Grund dafür seien die stark verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten in Wikis, die breitere Partizipation und höhere Transparenz erlauben würden[45] sowie die Bescheidenheit der Wikipedia-Führung, die durch die Ehrenamtlichkeit aller Wikipedia-Mitarbeiter hervorgerufen würde: Niemand trage deshalb zur Wikipedia bei, um in deren Hierarchie aufzusteigen, da Geld- und andere Belohnungsanreize fehlen würden.[46]

Dagegen sieht der Soziologe Christian Stegbauer ebenfalls 2009 in seiner Studie Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation die Kriterien für das Eherne Gesetz innerhalb der Wikipedia als weitgehend erfüllt an. Die Führerschaft der (deutschsprachigen) Wikipedia, die er über die Zugehörigkeit zur Benutzergruppe der Administratoren operationalisiert, wird demnach ganz überwiegend kooptiert, indem Führungspositionen vorwiegend auf Vorschlag von und mit der überwältigenden Mehrheit der Elitemitglieder gewählt würden.[47] Schon der formale Prozess der Zuteilung der Administratorenrechte ohne Pflichtwiederwahlen sichere die von Michels vermutete Stabilität des Führungspersonals.[48] Auch entwickele das Führungspersonal eine Ideologie der Unentbehrlichkeit, um seinen Führungsanspruch zu legitimieren.[49] Schließlich bilde das Führungspersonal auch ein informelles Netzwerk, das sich zum Beispiel bei physischen Treffen bei sogenannten Stammtischen manifestiere.[50]

Der Rechtstheoretiker Adrian Vermeule kommt unter Bezugnahme auf einen Artikel in Slate im Herbst 2010[51] zu einem ähnlichen Ergebnis wie Stegbauer und vermutet, dass dieses Ergebnis auf alle epistemischen Gemeinschaften zutrifft.[52]

Belege[Bearbeiten]

  1. a b c d e Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 313.
  2. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 789.
  3. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 778.
  4. a b Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 782f.
  5. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 775f.
  6. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 779f.
  7. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 783f.
  8. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 786.
  9. Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 788.
  10. Wini Breines: Community and Organization: The New Left and Michels' "Iron Law". In: Social Problems. 27, Nr. 4, 1980, S. 419-429, S. 427.
  11. a b C. Fred Alford: The "Iron Law of Oligarchy" in the Athenian Polis … and Today. In: Canadian Journal of Political Science / Revue canadienne de science politique. 18, Nr. 2, 1985, S. 295-312, S. 297.
  12.  Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Werner Klinkhardt, Leipzig 1911, S. 27.
  13. Bruce H. Mayhew, Roger L. Levinger. 1976. „On the Emergence of Oligarchy in Human Interaction“. American Journal of Sociology 81 (5): 1017-1049.
    Michael Katovich, Marion W. Weiland, Carl J. Couch: Access to Information and Internal Structures of Partisan Groups: Some Notes on the Iron Law of Oligarchy. In: The Sociological Quarterly. 22, Nr. 3, 1981, S. 431-445, S. 431.
  14.  Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Werner Klinkhardt, Leipzig 1911, S. 26.
  15. a b Phillip J. Cook: Robert Michels's Political Parties in Perspective. In: The Journal of Politics. 33, Nr. 3, 1971, S. 773-796, S. 790.
  16.  Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Werner Klinkhardt, Leipzig 1911, S. 384.
  17. Michael Katovich, Marion W. Weiland, Carl J. Couch: Access to Information and Internal Structures of Partisan Groups: Some Notes on the Iron Law of Oligarchy. In: The Sociological Quarterly. 22, Nr. 3, 1981, S. 431-445, S. 432.
  18.  Frank R. Pfetsch: Einleitung. In: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. 4 Auflage. Kröner, Stuttgart 1989, ISBN 3-520-25004-7, S. XVII-XLI, S. XXVI.
  19.  Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Werner Klinkhardt, Leipzig 1911, S. 359.
    Zitiert beispielsweise in: Wini Breines: Community and Organization: The New Left and Michels' "Iron Law". In: Social Problems. 27, Nr. 4, 1980, S. 419-429, S. 424.
  20. a b  Rosa Mayreder: Der typische Verlauf sozialer Bewegungen. In: Der Aufstieg: Neue Zeit- und Streitschriften. 3, Anzengruber, Wien 1917, S. 20 (online (PDF; 2,1 MB)).
  21. Dieter Rucht: Linking Organization and Mobilization: Michels's Iron Law of Oligarchy Reconsidered. In: Mobilization. 4, Nr. 2, 1999, S. 151-169, S. 154.
  22.  Phillip G. Altbach, Seymour M. Lipset (Hrsg.): Students in Revolt. Houghton Mifflin, Boston, MA 1969, The possible effects of student activism on international politics, S. 495-521, S. 499.
  23. Dieter Rucht: Linking Organization and Mobilization: Michels's Iron Law of Oligarchy Reconsidered. In: Mobilization. 4, Nr. 2, 1999, S. 151-169, S. 154.
    Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 313.
  24. Kim Voss, Rachel Sherman: Breaking the Iron Law of Oligarchy: Union Revitalization in the American Labor Movement. In: The American Journal of Sociology. 106, Nr. 2, 2000, S. 303-349, S. 306.
  25. Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 314.
  26. Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 315.
  27. Alwin J. Schmidt: Oligarchy in Fraternal Organizations: A Study in Organizational Leadership. Gale Research Co., Detroit, MI 1973, ISBN 0-8103-0345-0, S. 10.
  28. Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 317f.
  29. Darcy K. Leach: The Iron Law of What Again? Conceptualizing Oligarchy across Organizational Forms. In: Sociological Theory. 23, Nr. 3, 2005, S. 312-337, S 318f.
  30. Michael Katovich, Marion W. Weiland, Carl J. Couch: Access to Information and Internal Structures of Partisan Groups: Some Notes on the Iron Law of Oligarchy. In: The Sociological Quarterly. 22, Nr. 3, 1981, S. 431-445, S. 444.
  31. Oliver E. Williamson: Corporate Boards of Directors: In Principle and in Practice. In: Journal of Law, Economics, and Organization. 24, Nr. 2, 2008, S. 247–272, S. 258f.
  32. Marc Berk: Pluralist Theory and Church Policy Positions on Racial and Sexual Equality. In: Sociological Analysis. 39, Nr. 4, 1978, S. 338–350, S. 349.
  33. J. Craig Jenkins: Radical Transformation of Organizational Goals. In: Administrative Science Quarterly. 22, Nr. 4, 1977, S. 568-586, S. 568..
  34. J. Craig Jenkins: Radical Transformation of Organizational Goals. In: Administrative Science Quarterly. 22, Nr. 4, 1977, S. 568-586, S. 582..
  35. J. Craig Jenkins: Radical Transformation of Organizational Goals. In: Administrative Science Quarterly. 22, Nr. 4, 1977, S. 568-586, S. 584..
  36. Joseph R. Gusfield: Social Structure and Moral Reform: A Study of the Woman's Christian Temperance Union. In: The American Journal of Sociology. 61, Nr. 3, 1955, S. 221-232, S. 221.
  37. Mayer N. Zald, Roberta Ash: Social Movement Organizations: Growth, Decay and Change. In: Social Forces. 44, Nr. 3, 1966, S. 327-341, S. 332.
  38. Joseph R. Gusfield: Social Structure and Moral Reform: A Study of the Woman's Christian Temperance Union. In: The American Journal of Sociology. 61, Nr. 3, 1955, S. 221-232, S. 232.
  39. a b  Seymour M. Lipset: Agrarian Socialism: The Cooperative Commonwealth Federation in Saskatchewan. 2. überarbeitete Auflage. University of California Press, Berkeley, CA [1949] 1968, ISBN 0-520-02056-1, S. xviii.
  40. Wini Breines: Community and Organization: The New Left and Michels' "Iron Law". In: Social Problems. 27, Nr. 4, 1980, S. 419-429, S. 423f.
  41. Wini Breines: Community and Organization: The New Left and Michels' "Iron Law". In: Social Problems. 27, Nr. 4, 1980, S. 419-429, S. 421.
  42. Jenny Pickerill: Radical Politics on the Net. In: Parliamentary Affairs. 59, Nr. 2, 2006, S. 266-282, S. 272f.
  43. Piotr Konieczny: Governance, Organization, and Democracy on the Internet: The Iron Law and the Evolution of Wikipedia. In: Sociological Forum. 24, Nr. 1, 2009, S. 162-192, S. 179.
  44. Piotr Konieczny: Governance, Organization, and Democracy on the Internet: The Iron Law and the Evolution of Wikipedia. In: Sociological Forum. 24, Nr. 1, 2009, S. 162-192, S. 162.
  45. Piotr Konieczny: Governance, Organization, and Democracy on the Internet: The Iron Law and the Evolution of Wikipedia. In: Sociological Forum. 24, Nr. 1, 2009, S. 162-192, S. 180f.
  46. Piotr Konieczny: Governance, Organization, and Democracy on the Internet: The Iron Law and the Evolution of Wikipedia. In: Sociological Forum. 24, Nr. 1, 2009, S. 162-192, S. 182f.
  47.  Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16589-9, S. 179ff.
  48.  Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16589-9, S. 184ff.
  49.  Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16589-9, S. 186ff.
  50.  Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16589-9, S. 190ff.
  51. Chris Wilson: The Wisdom of the Chaperons: Digg, Wikipedia, and the myth of Web 2.0 democracy. 22. Februar 2008. Abgerufen am 15. Oktober 2012.
  52. Adrian Vermeule: Law and the limits of reason. Oxford University Press, Oxford 2008, S. 53.

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Klinkhardt, Leipzig 1911 Volltext.
    • 2., vermehrte Auflage. Philosophisch-soziologische Bücherei 21, Alfred Kröner, Leipzig 1925.
    • 4. Auflage. herausgegeben und mit einer Einführung versehen von Frank R. Pfetsch, Kröners Taschenausgabe, Bd. 250, Kröner, Stuttgart 1989, ISBN 3-520-25004-7.
    • Michels, Robert: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911. In: Hans Maier u. a.: Klassiker des politischen Denkens. Band 1: Von Plato bis Hobbes. 5. Auflage. Beck, München 1979, ISBN 3-406-02517-X.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Maurizio Bach: Robert Michels, “Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens“. In H. P. Müller, M. Schmid (Hrsg.): Hauptwerke der Ungleichheitsforschung. Westdeutscher Verlag, Opladen 2003, ISBN 3-531-13320-9, S. 180–181.
  • W. Grunwald: Das „Eherne Gesetz der Oligarchie“: Ein Grundproblem demokratischer Führung in Organisationen. In: W. Grunwald, H.-G. Lilge (Hrsg.): Partizipative Führung: betriebswirtschaftliche und sozialpsychologische Aspekte. Huber, Bern 1980, S. 245–28
  • Joachim Hetscher: Robert Michels: Die Herausbildung der modernen politischen Soziologie im Kontext von Herausforderung und Defizit der Arbeiterbewegung. Diss. Münster. Pahl-Rugenstein, Bonn 1993, ISBN 3-89144-141-X.
  • Suzanne S. Schüttemeyer: Innerparteiliche Demokratie: „Ehernes Gesetz der Oligarchie?“. In: Peter Haungs, Eckhard Jesse (Hrsg.): Parteien in der Krise? In- und ausländische Perspektiven. Verl. Wiss. und Politik, Köln 1987, ISBN 3-8046-8694-X, S. 243–247.
  • Till Westermayer: Parteiinterner Einsatz neuer Medien und die Macht der Eliten: Beginnt das eherne Gesetz der Oligarchie zu brechen oder droht die Rückkehr zur Kaderpartei? In: Arne Rogg (Hrsg.): Wie das Internet die Politik verändert. Einsatzmöglichkeiten und Auswirkungen. Leske + Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-3851-2, S. 105–115.

Weblinks[Bearbeiten]