Einheitsplural

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Pluralendungen im Indikativ Präsens in deutschen und niederländischen Dialekten

Als Einheitsplural bezeichnet die Germanistik einen Flexionsmodus, bei dem im Unterschied zum Standarddeutsch bei einem Verb alle Plural­formen eines Tempus gleich sind. Eine Isoglosse (Mundartgrenze) eines Gebietes mit Einheitsplural wird als Einheitsplurallinie bezeichnet.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie in die meisten indoeuropäischen Sprachen Europas (aber nicht mehr in den meisten heutigen germanischen Sprachen) werden in der Konjugation der meisten deutschen Mundarten und der hochdeutschen Schriftsprache die Pluralformen nach dem Subjekt unterschieden. Im Deutschen und seinen Mundarten ist allerdings die Unterscheidung zwischen 1. und 3. Person Plural allgemein verloren gegangen. Im Althochdeutschen gab es für die Erste Person noch das Suffix „-emes“, analog zum lateinischen „-mus“ und slawischen „-me“. In einigen deutschen Mundarten hat jedoch die Zweite Person Plural dieselbe Personalendung wie die beiden anderen. Dieses Phänomen wird als Einheitsplural bezeichnet.

Verteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Norden gibt es mehrere Regionen mit Einheitsplural: In einem Gebiet aus Westfalen, großen Teilen Niedersachsens und Holstein, das sich in etwa mit dem altsächsischen Stammesgebiet deckt, tragen alle drei Pluralformen das Suffix „-et“ oder „-t“. Davon westlich (Holland und altfriesches Gebiet), nördlich (altdänisches Schleswig mit Nordfriesland) und östlich (vormals slawisches Brandenburg, Mecklenburg und (Vor-)Pommern) tragen alle drei Pluralformen das Suffix „-en“ oder „-n“.

Im Süden gibt es den Einheitsplural im Schwäbisch-alemannischen Sprachgebiet, mit Ausnahme von dessen Südwesten, der historisch zum Burgund gehörte. Hier haben die Pluralformen entweder alle die Personalendung „-(e)t“ oder alle „-(e)nt“. Letzteres leitet sich von der althochdeutschen Dritten Person Plural her.

Nördlich an das Alemannische grenzt der Einheitsplural „-en“ im Rheinfränkischen und südlichen Moselfränkischen. Das gesamte moselfränkische und das rheinfränkische Gebiet zusammen entsprechen etwa dem nichtalemannischen Teil der einstigen römischen Provinz Germania superior.

Einzelne Gebiete und Grenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niederfränkisch und Niederdeutsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grenze zwischen niederfränkischem und niederdeutschem Sprachgebiet ist auch als Rhein–IJssel–Linie bekannt, oder als mähet/mähe(n)-Linie bekannt. Sie verdankt diesen Namen der Tatsache, dass die Präsens-Pluralformen regelmäßiger Verben (etwa „mähen“) auf den beiden Seiten der Linie anders gebildet werden (siehe unten). An dieser Linie treffen u. a. auf dem Gebiet von Nordrhein-Westfalen das Niederrheinische und das Westfälische aufeinander. Deshalb ist diese Isoglosse auch als „Westfälische Linie“ bekannt und setzt sich abschwächend in das niederländische Sprachgebiet fort.

Rheinisch-westfälische Grenze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 9. Jahrhundert gehörte das betroffene Gebiet in den heutigen Niederlanden zum Herrschaftsbereich der Franken und der Friesen. Nach der Abwanderung der Franken folgten die Sachsen nach und nahmen das von den Franken verlassene Gebiet in Besitz.

Um 1378 verlief die Isoglosse an der IJssel entlang und fiel fast vollständig mit der damaligen politischen Grenze des Herzogtums Geldern und des Bistums Utrecht zusammen. Doch im Laufe der Zeit verlagerte sich die Isoglosse immer mehr nach Süden, so dass sie heute südlich von Harderwijk beginnt und von dort aus ziemlich geradlinig in Richtung Zutphen verläuft. Südlich dieser Stadt überschreitet die Isoglosse die IJssel und läuft nun, der Alten Issel (niederländisch Oude IJssel) folgend, auf die niederländisch-deutsche Grenze zu. Bei Anholt wird diese überschritten und nun folgt die Isoglosse der Linie IsselburgReesDorstenEssenLangenbergBarmenRadevormwaldHückeswagenMeinerzhagen.

Sprachliche Kennzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Rheinische und Niederrheinische haben, wie das Standarddeutsche, zwei verschiedene Pluralformen der Verben im Präsens:

  • im Niederrheinischen Dialekt und historisch auch im Niederländischen: wij maken, gij maakt, zij maken. (Deutsch: wir machen, ihr macht, sie machen, im modernen Niederländischen wird anstelle von gij maakt allerdings jullie maken verwendet, wodurch das Niederländische ebenfalls einen Einheitsplural besitzt)

Das Westfälische zeichnet sich durch seinen Einheitsplural im Präsens der Verbformen aus, das heißt, dass die erste, zweite und dritte Person im Plural mit derselben Verbform stehen, die im Indikativ auf -t und im Konjunktiv auf -en endet.

  • auf Westfälisch: wi maket, gi maket, se maket

Niederdeutsche zu hochdeutschen Mundarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Hilchenbach stößt die Einheitsplurallinie auf die Benrather Linie, der sie nun eine Zeit lang im Großen und Ganzen folgt.

Altsächsisch und hochmittelalterliche Kolonisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Sachsa trennt sich die Isoglosse wieder von der Benrather Linie und folgt nun der Linie WernigerodeDerenburgHalberstadtGröningenSeehausenCalvördeOebisfeldeDannenbergLüneburgRatzeburg. Bei Lübeck endet diese Einheitsplurallinie an der Ostsee. Westlich davon, in Westfalen, dem Westmünsterland und in Holstein sowie in den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck herrscht der „niedersächsische“ Einheitsplural auf -(e)t vor, während im sogenannten „Elbostfälischen“ (bei Magdeburg), dem Märkischen und dem Mecklenburgisch-Vorpommerschen sowie in den ehemaligen Kolonialdialekten Mittelpommersch, Niederpreußisch (Danzig, West- und Ostpreußen) und Baltendeutsch (in den baltischen Staaten) der Einheitsplural auf -en gebildet wurde.

Alte deutsch-dänische Grenze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außer in dem beschriebenen Beispiel gibt es mehrere Gebiete im westgermanischen Dialektkontinuum, die dieselben Kennzeichen aufweisen. So gibt es zum Beispiel die sogenannte „Eiderlinie“, die die Dialekte Schleswigs (Schleswigsch) von denen in Holstein (Holsteinisch) trennt. Das heißt, dass die nördlichen Dialekte Schleswig-Holsteins einen Einheitsplural auf -en besitzen, die südlichen jedoch einen auf -t.

Grenze zu heutigem und früherem friesischen Sprachgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Nordniedersächsische wird vom Ostfriesischen Platt ebenfalls durch eine Einheitsplurallinie geschieden, da letzteres den Einheitsplural auf -en besitzt.

Schwäbisch-alemannischer Einheitsplural[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Dialektgrenze zwischen Schwäbisch und dem Südrheinfränkischen bzw. dem Mainfränkischen wird durch eine Einheitsplurallinie gebildet. In den fränkischen Dialekten herrscht mähe und in den schwäbischen das Wort mähet vor.

So verläuft in Nord-Süd-Richtung durch die Schweiz eine Einheitsplurallinie in Richtung Deutschland. Diese Einheitsplurallinie überschreitet auf Schweizer Gebiet die „trinkche/trīche“-Linie und die Dialektgrenze zwischen Walserdeutsch und dem Höchstalemannischen. Ferner wird auch die „Kind/Chind“-Linie überschritten und zwischen der Donau- und Neckarquelle stößt diese Linie auf die „Hus/Haus“-Linie, die das Schwäbische vom Niederalemannischen trennt. Dieser Linie folgt die Einheitsplurallinie im Großen und Ganzen am Ost- und Nordrand des Schwarzwaldes entlang bis zur Stadt Wissembourg, wo sie auf die Speyerer Linie trifft und dieser bis zu deren Ende in den Vogesen folgt. In den Gebieten östlich dieser Linie wird in den Dialekten mähet und in den Gebieten westlich davon mähe verwendet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elard Hugo Meyer: Volkskunde. Geschichte der deutschen Lebensweise und Kultur, Verlag Karl I. Trübner, Straßburg 1898
  • Werner König: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, 14. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag 1978, ISBN 978-3-423-03025-0
  • Hallwag AG, Bern: Atlas, Lingen Verlag 1975, ohne ISBN
  • Digitaler Wort-Atlas: Karte „mähe“ (Wenker-Satz 38)