Moshé Feldenkrais

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Moshé Feldenkrais, 1978

Moshé Feldenkrais (* 6. Mai 1904 in Slawuta, Russisches Kaiserreich; † 1. Juli 1984 in Tel Aviv, Israel) war ein israelischer[1] Ingenieur, Judo-, Jiu-Jitsu- sowie Nahkampflehrer und hat zu diesen Themen diverse Bücher veröffentlicht. Er entwickelte die nach ihm benannte Feldenkrais-Methode der körperlichen Betätigung und Entspannung.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Feldenkrais wuchs in einer jüdischen Familie im weißrussischen Baranawitschy auf mit Erziehung im Cheder.[2] Als Vierzehnjähriger wanderte er 1919 nach Palästina aus.[2] Dort arbeitete er zunächst im Straßenbau auf Baustellen in Tel Aviv und als Privatlehrer für Kinder, außerdem lernte er Jiu Jitsu.

1921 unterrichtete er nach eigenen Angaben (z. B. in einem Interview mit Dennis Leri) Mitglieder der Hagana in Selbstverteidigung. Er begründete dabei einige der Grundkonzepte (z. B. Ausnutzen der natürlichen Abwehrreflexe), die später im KAPAP oder Krav Maga weiter kultiviert wurden.

1927 legte er sein Abitur am Herzliya-Gymnasium in Tel Aviv ab und ging 1930 nach Paris, um Elektrotechnik und Mechanik an der ESTP École Spéciale des Travaux Publics, du bâtiment et de l'industrie, einem Privatinstitut zu studieren.[2] Dieses Studium hat er abgeschlossen. Danach war er Student des ersten Jahrgangs eines neuen Studiengangs der Universität Sorbonne, der mit dem Titel eines Docteur ingénieur abgeschlossen werden konnte. Über den weiteren Verlauf des Studiums in Anbetracht des 2. Weltkriegs gibt es keine gesicherten Informationen.

Von 1933 bis zu seiner Emigration nach England 1940 arbeitete er als Ingenieur im Labor von Irene Joliot-Curie und Frédéric Joliot, der den Nobelpreis für Chemie 1935 erhalten hat. Während dieser Zeit traf er auf Kanō Jigorō, den Begründer des Judo. Wegen der Kriegserklärung Frankreichs und Englands an Deutschland vom 3. September 1939 begleitete er 1940 den Transport der gesamten französischen Vorräte an Schwerwasser und der Forschungsunterlagen zur Isotopentrennung nach England. Von 1940 bis Mai 1946 arbeitete er für die britische Admiralität im Forschungslabor H.M.A./S.E.E. der Marine in Fairlie, Ayrshire u. a. im Bereich der Sonartechnik zur Erkennung von U-Booten. Danach wohnte er in London bei Stanley Byard in Primrose Gardens 44 und zog im Juni 1946 nach Belize Grove Nr. 8.

Während seiner Arbeit im Forschungslabor der englischen Marine las er Bücher über Neurophysiologie und Neuropsychologie. In dieser Zeit hielt er auch Vorträge vor der British Association of Scientific Workers, die später die Basis für sein grundlegendes Buch Body and mature behaviour bildeten, das 1949 erschien. Im gleichen Jahr lehnte er die Gründung eines eigenen Instituts in London aus Mitteln privater Spender ab.

Moshé Feldenkrais hat 1946/1947 den Grad eines Ingénieur Docteur der Université Sorbonne erworben. Belege dafür sind seine Doktorarbeit "Contribution à la mesure des hautes tensions[3]" von 1945 in der Bibliothèque Universitaire Pierre et Marie Curie[4] sowie die Erwähnung seines Doktorgrades in den Annales de l'Université de Paris 1947, Seite 115[5]. Die Doktoren der Physik in den Annales de l'Université sind in einer anderen Kategorie gelistet. Im Gegensatz zu seinem erlernten Beruf als Ingenieur bezeichnete sich Feldenkrais selbst gern als Physiker. Für weitere akademische Grade, die er erworben haben könnte und mit denen er manchmal tituliert wurde, gibt es keine Belege. Die Angaben in zahlreichen Quellen im Internet sowie einigen Biographien sind daher sehr widersprüchlich.

1950 bat ihn die Israelische Regierung beim Aufbau des neu gegründeten Staates Israel mitzuhelfen.[2] Er arbeitete dort zunächst in einem Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums, angeblich im Bereich der Raketentechnik. Man fand aber sehr schnell heraus, dass er davon keine Ahnung hatte. (Zeitschrift Haaretz; 1. Julie 2015; Rubrik: This day in Jewish History "1984: The Father of Feldenkrais Dies"). Ab 1952 widmete er sich ganz der Ausarbeitung seiner eigenen Methode und gründete sein eigenes Feldenkrais-Institut.

Bei der Entwicklung seiner Methode wurde Feldenkrais unter anderem beeinflusst von:

Moshé Feldenkrais nahm selbst Unterricht bei:

Feldenkrais selbst war vor allem zwanzig Jahre lang auch Judolehrer gewesen und hatte mehrere Bücher darüber verfasst. 1936 erlangte er als erster Europäer den schwarzen Gürtel. Er nahm Unterricht bei Heinrich Jacoby, der über ihn notierte :

Trotz großer körperlicher Gewandtheit, Kraft, Courage repräsentiert Dr. F. weder in seiner Sprechweise noch in seiner Bewegungsqualität das, was er ‚theoretisch‘ als wünschenswert formuliert ... Aber er ist sehr bereit, das selber zuzugestehen, bereit, zu probieren und infrage zu stellen.

Ab Ende der 1960er Jahre bildete er die ersten Generationen Feldenkrais-Lehrer aus. Bis zu seinem Tod 1984 unterrichtete er in Tel Aviv und wurde vermehrt nach Frankreich, England und in die USA eingeladen, um seine Methode vorzustellen. Die zweite und dritte Generation der Feldenkrais-Lehrer bildete er in Schulungen in den USA aus: San Francisco 1975–1978 und am Hampshire College in Amherst, 1980–1983. Zu seinen bekanntesten Schülern zählten unter anderem David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, Yehudi Menuhin und Peter Brook. Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit mit Privatschülern war die Förderung behinderter Kinder.[6]

Feldenkrais-Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Feldenkrais-Methode

Moshé Feldenkrais ging davon aus, dass ein Mensch nach dem Bild handelt, das er sich von sich macht und dass dieses Bild essentiell mit seiner Bewegungserfahrung verknüpft sei. Er sagt, dass dieses Bild („self image“) teils ererbt, teils anerzogen und zu einem dritten Teil durch Selbsterziehung zustande kommt. Wenn nun jemand das Bedürfnis hat, sein Handeln zu ändern, z. B. um größere sportliche oder künstlerische Leistungen zu erzielen oder auch, um schmerzerzeugende oder sonst wie schädliche Handlungsmuster zu ändern bzw. alternative Handlungsmuster zu finden, dann muss dieses Bild von sich selbst geändert bzw. erweitert werden.

Um das erzielen zu können, entwickelte Moshé Feldenkrais, aufbauend aus seiner jahrzehntelangen Arbeit als Judolehrer, ein pädagogisches Konzept des Lernens durch Selbstbeobachtung und Veränderung von Bewegung. Dabei handelt es sich nicht um Körperübungen im herkömmlichen Sinn, sondern um langsam und ruhig ausgeführte Bewegungsabfolgen, die in kleinen Schritten aufeinander aufbauen und zum Ausprobieren und Lernen einladen.

In der Praxis kann das auf zwei verschiedene Arten unterrichtet werden kann: Als Anleitung von Gruppen verbal („Bewusstheit durch Bewegung“) und als Einzelarbeit eher nonverbal, mittels durch Berührung ausgeführten Bewegungsfolgen. Diese Einzelarbeit betont den Aspekt der Erfahrbarkeit, des Verständnisses, der Veränderbarkeit und Integration lokaler, regionaler und globaler Bewegungsmuster (funktionale Integration). Er erarbeitete eine umfangreiche Sammlung von Lektionen (über 1000), die er selbst ständig neu ausprobierte und überarbeitete, da er sich selbst immer als Lernender im Dialog mit seinen Klienten begriffen hat.

Sein Credo war die Vorstellung, dass es nicht darauf ankomme, was man tue, sondern wie man etwas tue. Dieses "wie" kann erfahrbar gemacht, hinterfragt und verändert werden. Als Methode der Selbstbefähigung ist dies ein offenes Lernkonzept, das in allen Lebensbereichen angewandt werden kann. Im Bereich der Körperarbeit war ihm wichtig, dass Sprache weitgehend zurückgenommen oder gar nicht eingesetzt wird, damit der Körper in seiner eigenen Sprache, nämlich der Selbstwahrnehmung von Bewegung, sich verstehen, mit sich experimentieren und lernen kann. Da die Methode ein offenes Lernkonzept für alle Beteiligten darstellt, gilt der Lernprozess immer sowohl für den Klienten, wie auch den Lehrer. Die durch Mitschriften und Videoaufzeichnungen dokumentierten Lektionen und Fallbeispiele sind daher keine Blaupausen, sondern die Vorgehensweise muss immer an die Bedürfnisse der Klienten und die eigene Erfahrung des Lehrers angepasst werden.

Ziel ist es, die Elemente Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühl und Denken über das Element Bewegung zu verändern und zu entwickeln.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Higher Judo. Ground Work (KATAME-WAZA). Frederick Warne & Co., London/New York 1953.
  • Bewusstheit durch Bewegung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, ISBN 3-518-36929-6.
  • Abenteuer im Dschungel des Gehirns. Der Fall Doris. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-37163-0.
  • Die Entdeckung des Selbstverständlichen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-37940-2.
  • Die Feldenkrais-Methode in Aktion. Eine ganzheitliche Bewegungslehre. 7. Auflage. Junfermann, Paderborn 2006, ISBN 978-3-87387-019-2.
  • Das starke Selbst. Anleitung zur Spontaneität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-38457-0.
  • Der Weg zum reifen Selbst. Phänomene menschlichen Verhaltens. 2. Auflage. Junfermann, Paderborn 2002, ISBN 978-3-87387-126-7.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Buckard: Moshé Feldenkrais. Der Mensch hinter der Methode. Berlin Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-8270-1238-8.
  • Norbert Klinkenberg: Moshé Feldenkrais und Heinrich Jacoby – Eine Begegnung. Schriftenreihe der Heinrich-Jacoby/Elsa-Gindler-Stiftung, Band 1. Berlin 2002, ISBN 3-00-009762-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frank Wildman: Feldenkrais. The Busy Person's Guide to Easier Movement. The Intelligent Body Press, Berkeley (CA) 2006, S. 3.
  2. a b c d Rainer Wenzel: Moshé Feldenkrais – Das abenteuerliche Leben. In: Kalonymos. Band 19, Nr. 2, 2016, S. 11–12.
  3. Bibliotheksverzeichnis Catalogue SUDOK: Contribution à la mesure des hautes tensions. Paris : Faculte des sciences, 1945, abgerufen am 8. Juli 2018 (französisch).
  4. Bibliothèque Universitaire Pierre et Marie Curie. Section Biologie-Chimie-Physique Recherche 4, place Jussieu Patio 13-24, RC (Saint-Bernard) Case courrier 261
  5. Annales de l'Université de Paris, No. 1, Janvier-Mars 1947. In: Seite 115 (im pdf 131). Sorbonne Paris V, 1947, abgerufen am 8. Juli 2018 (französisch).
  6. Die bewegte Persönlichkeit. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. April 2014, Seite 51.