Finnische Literatur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Finnischer Literatur wird im Folgenden die in der finnischen Sprache verfasste Literatur verstanden. Zu in Finnland entstandener schwedischsprachiger Literatur und zu weiteren Sprachen siehe den Abschnitt Anderssprachige Literatur aus Finnland. Die finnische Literatur ist ein Teil der skandinavischen Literatur.

Erstausgabe des Kalewala von 1835
Erstausgabe der Kanteletar von 1840
Übersetzung des Neuen Testamentes von Mikael Agricola (1548)

Finnischsprachige Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die finnische Literatur trägt den Wechselfällen der Geschichte des Landes Rechnung, denn lange Zeitabschnitte hindurch war die Regierungs- und Kultursprache eine andere als die finnische Volkssprache. Finnland war fast siebenhundert Jahre ein integraler Teil Schwedens (siehe den Abschnitt Ein Teil Schwedens im Artikel Geschichte Finnlands). Auch in den darauffolgenden mehr als einhundert Jahren, als Finnland ein mit weitgehender innerer Autonomie ausgestattetes Großfürstentum innerhalb des Russischen Kaiserreichs war (siehe dazu Großfürstentum Finnland), blieb Schwedisch zunächst die dominierende Sprache. Zu einer gleichberechtigten Amtssprache wurde das Finnische erst im Jahr 1902 (siehe Finnische Sprachenpolitik). Mit Finnlands EU-Beitritt im Jahr 1995 wurde das Finnische eine der Amtssprachen der Europäischen Union.

Den größten Werken der finnischsprachigen Literatur liegt die Absicht der Schaffung und Erhaltung einer starken finnischen Identität zu Grunde.

Vor dem 16. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Was in der finnischen Sprache geschrieben wurde, ist relativ neu, so dass sich aus dem Mittelalter oder davor keine wesentliche Literatur erhalten hat. Einige wichtige Bücher, wie die Bibel oder geschriebene Gesetze, standen bis ins 16. Jahrhundert nur auf Lateinisch, auf Schwedisch oder auf anderen europäischen Sprachen (Französisch oder Deutsch) zur Verfügung.

Die wahrscheinlich älteste finnische Text ist eine Übersetzung des Gebetes Vaterunser in dem 1544 von Sebastian Münster in Basel veröffentlichten Buch Cosmographia (in deutsch-lateinischer Version).

Schaffung einer Literatursprache im 16. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die finnische Schriftsprache begründete schließlich der lutheranischen Pastor Mikael Agricola (1510–1557), der sich auf westliche Dialekte stützte. Sein Hauptwerk ist das Neue Testament (Se Wsi Testamenti) in finnischer Übersetzung, das 1548 veröffentlicht wurde und das erste in finnischer Literatursprache geschriebene Werk wurde.

Kalevala - Nationalepos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elias Lönnrot (1802–1884)

Kalevala

Hauptartikel: Kalevala

Das finnische Epos Kalevala[1] ist eine in jahrzehntelanger Arbeit von Elias Lönnrot (1802–1884) aus mündlich überlieferten Gesängen gesammelte und dichterisch zu einem einheitlichen Ganzen verbundene Sammlung finnischer Volksdichtung, die 1835 zuerst veröffentlicht wurde. Das Werk wurde rasch zum finnischen Nationalepos und zum Symbol des finnischen Nationalismus. Anton Schiefner (1817–1879) schuf unter dem Titel Kalewala, das National-Epos der Finnen[2] die erste Übersetzung in die deutsche Sprache (1852), die derzeit maßgebliche deutsche Übersetzung stammt von Hans Fromm (1967).

Kanteletar

Hauptartikel: Kanteletar

Als lyrisches „Schwesterwerk“ des Kalevala gilt die Kanteletar, eine 1840 ebenfalls von Elias Lönnrot zusammengestellte Sammlung finnischer Volkspoesie.

Die Werke hatten großen Einfluss auf andere finnische Künstler, wie Jean Sibelius, (1865–1957), den international meistbeachteten finnischen Komponisten.[3]

Die sieben Brüder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Seite einer finnischen Ausgabe der Sieben Brüder von Aleksis Kivi
Hauptartikel: Die sieben Brüder

Der erste in finnischer Sprache veröffentlichte Roman, der zugleich als eines der größten Werke, wenn nicht das größte Werk der finnischen Literatur gilt, ist das Werk Die sieben Brüder (1870) von Aleksis Kivi (1834–1872).

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) erhielt für seinen Roman Silja, die Magd (1931) im Jahr 1939 als bislang einziger Finne den Literaturnobelpreis.

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg publizierte Väinö Linna (1920–1992) sein bekanntestes Werk Der unbekannte Soldat oder Kreuze in Karelien (finnischer Originaltitel: Tuntematon sotilas). In dem 1954 erschienenen Werk beschreibt er den Krieg gegen die Sowjetunion.

Weltweit beliebt wurde der umfangreiche historische Roman Sinuhe (1945) des Schriftstellers Mika Waltari (1908–1979).

Zeitgenössische Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Werke der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen (* 1977) handeln von den Schrecken der Zeit des Nationalsozialismus und Stalinismus in Finnland und Estland.

Arto Paasilinna (* 1942) wurde durch humoristische Romane mit Titeln wie Der wunderbare Massenselbstmord, Vorstandssitzung im Paradies, Weltretten für Anfänger auch international erfolgreich.

In dem Roman Kärjäläinen ja jänis (Bettler und Hase) von Tuomas Kyrö (* 1974) schlägt sich ein rumänischer Bettler durch das ganze Land.

Vermittler der finnischen Kultur und Literatur im deutschen Sprachraum sind Hans Fromm (Übersetzung des Kalevala) und in der jüngeren Generation Stefan Moster, der Werke von Rosa Liksom, Hannu Raittila, Kari Hotakainen, Mikko Rimminen, Markku Ropponen, Petri Tamminen und vielen weiteren finnischen Autoren übersetzte und 2001 mit dem staatlichen finnischen Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde.

Akademische Institutionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptgebäude der Universität Helsinki am Senatsplatz

Matthias Alexander Castrén (1813–1852) wurde 1851 zum ersten Professor des neugeschaffenen Lehrstuhls für finnische Sprache und Literatur an der Universität Helsinki ernannt.

Finnische Literaturgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassade des Hauptsitzes der Finnischen Literaturgesellschaft in Helsinki

Die Finnische Literaturgesellschaft (finn. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura oder SKS) wurde 1831 gegründet, um die in Finnisch geschriebene Literatur zu fördern. Zu ihren ersten Publikationen zählt Kalevala, das finnische Nationalepos. Sie ist Herausgeber der Finnish Literature Society Editions. Sie veröffentlichte verschiedene breit angelegte Sammelwerke, wie die 34-bändige Sammlung Suomen Kansan Vanhat Runot[4] (Die alte Volksdichtung Finnlands), die Sammelwerke Suomen Kansan Sävelmiä (Finnische Volkslieder), Kalevalan Bunojen Historia (Geschichte der Kalevala-Lieder) und Suomalaisen teatterin historia (Geschichte des finnischen Theaters).

Volksdichtungsarchiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Volksdichtungsarchiv der Finnischen Literaturgesellschaft (1965)

Im großen Volksdichtungsarchiv[5] der Finnischen Literaturgesellschaft werden die Ergebnisse der Sammelarbeit der Gesellschaft aufbewahrt und erforscht.[6]

Es ist das weltweit umfangreichste und größte Volksüberlieferungsarchiv.[7]

Literaturpreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lesebegeisterung der Finnen kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass in Finnland viele Literaturpreise verliehen werden. Der Finlandia-Preis (finn. Finlandia-palkinto, schwed. Finlandiapriset) ist einer der renommiertesten Literaturpreise Finnlands, der jährlich seit 1984 von der Finnischen Buchstiftung (finn. Suomen Kirjasäätiö, schwed. Finlands bokstiftelse) für ein Werk der Belletristik verliehen wird und seit 1993 ausschließlich für einen Roman. Seit 1985 wird der Finnische Krimipreis verliehen, seit 1993 auch in der Kategorie international.

Verschiedenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finnland war 2014 das Gastland der Frankfurter Buchmesse. In diesem Jahr wurden ca. 140 Titel ins Deutsche übersetzt.

Anderssprachige Literatur aus Finnland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwedischsprachige Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sitz der Schwedischen Literaturgesellschaft in Finnland (schwed. Svenska litteratursällskapet i Finland) in Kruununhaka (Kronohagen), Helsinki

Die finnlandschwedische Literatur wird in der Regel auch von finnischsprachigen Finnen als integraler Bestandteil der finnischen Kultur aufgefasst. Das Hauptwerk der schwedischsprachigen finnischen Nationalromantik war das Versepos Fähnrich Stahl (1848/60) von Johan Ludvig Runeberg, der auch den Text der finnischen Nationalhymne dichtete (auf Schwedisch).[8]

Zu den bekanntesten finnlandschwedischen Schriftstellern der neueren Zeit gehört Tove Jansson (1914-2001), die Schöpferin der Mumins, der wahrscheinlich bekanntesten literarischen Figuren Finnlands. Dabei handelt es sich um erfundene nilpferdartige Trollwesen, die heute meist besser bekannt sind als Comics oder in Form von Karikaturen.

Als finnlandschwedischer Autor wurde auch Philip Teir (* 1980) durch seinen historischen Roman Winterkrieg[9] bekannt.

Sami-Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirsti Paltto (* 1947) beschreibt in ihrem Roman „Zeichen der Zerstörung“ die Verluste, die ihr Volk im Krieg erlitten hatte. Es war das erste Buch, das 1997 aus dem Samischen ins Deutsche übersetzt wurde.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jaakko Ahokas: A History of Finnish Literature. Indiana University Press, Bloomington USA, 1973, ISBN 978-0-87750-172-5
  • Finland: A Cultural Encyclopedia (Finnish Literature Society Editions). 2000
  • George C. Schoolfield: A History of Finland's Literature (History of Scandinavian Literatures, vol. 4) 1998 (Online-Teilansicht)
  • Gisbert Jänicke (Herausgeber): Finnland. - Erkundungen. 22 Erzähler aus Finnland. Aus dem Finnischen von Gisbert Jänicke, Regine Pirschel und Peter Uhlmann. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek und Widerun Rehwaldt. Mit einer Nachbemerkung des Herausgebers, 2. Auflage, Verlag Volk und Welt, Berlin (Ost) 1988
  • Erich Kunze: Finnische Literatur in deutscher Übersetzung 1675–1975. Eine Bibliographie. Painatusjaos, Helsinki 1982
  • Hans Grellmann: Finnische Literatur. Ferdinand Hirt, Breslau 1932
  • Eino Leino: Die Hauptzüge der finnischen Literatur [1918]. Klett-Cotta, Stuttgart 1980
  • Horst Bien: Nordeuropäische Literaturen. VEB Verlag, 1980 (Inhalt: Dänische, Norwegische, Finnische Literatur u.v.m.)
  • Johann Jakob Meyer: Vom Land der tausend Seen – Eine Abhandlung über die neuere finnische Literatur und eine Auswahl aus mehreren finnischen Novellisten, Georg Wigand, Leipzig 1910
  • Kai Laitinen: Finnlands moderne Literatur. Aus dem Finnischen von C.-A. von Willebrand. - Schriften aus dem Finnland-Institut in Köln. Band 8, Verlag Christoph von der Ropp, Hamburg 1969
  • Pirkko Liisa Rausmaa: A catalogue of anecdotes in the Folklore Archives of the Finnish Literature Society. Turku: Nordic Inst. of Folklore / Helsinki: Suomalaisen Kirjallisuuden Seuran
  • Emil Setälä: „Die finnische Literatur“. In: Die osteuropäischen Literaturen und die slawischen Sprachen, hrsg. von Adalbert Bezzenberger u. a., Berlin und Leipzig 1908, S. 309–332 (Digitalisat)
  • Kai Laitinen: Literature of Finland: In Brief. 2001
  • Kai Laitinen: Finnische Literatur im Überblick. Otava Verlag, Helsinki 1989
  • Pertti Lassila: Geschichte der finnischen Literatur. A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 1996
  • Pekka Tarkka: Finnische Literatur der Gegenwart. Fünfzig Autoren-Porträts. Otava Verlag, Keuruu 1983
  • Runar Schildt: Zoja und andere Erzählungen (Armas Fager, Der Hexenwald (Häxskogen), Der Schwächere (Den svagare), Der Fleischwolf (Köttkvarnen)). Geschichten aus Finnland. Aus dem Finnlandschwedischen von Gisbert Jänicke. Auswahl und Nachwort von Aldo Keel. Manesse, Zürich 2001, ISBN 3-7175-1972-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. den Artikel von Hans Fromm in der Enzyklopädie des Märchens, Band 7, 1993 (Online-Teilansicht).
  2. Kalewala, das National-Epos der Finnen (de.wikisource.org)
  3. siehe auch Finnische Musik
  4. siehe unter skvr.fi
  5. Vgl. Annette Sabban, Jan Wirre (Hrsg.): Sprichwörter und Redensarten im interkulturellen Vergleich. Westdeutscher Verlag, Opladen 1991, S. 37 (Volksdichtungsarchiv&f=false Online-Teilansicht). Siehe darin auch den Beitrag zu dem finnischen Märchenforscher Antti Aarne (1867–1925) von Pirkko-Liisa Rausmaa (Volksdichtungsarchiv&f=false Online-Teilansicht); vgl. Aarne-Thompson-Index
  6. Ingrid Schellbach-Kopra: Finnisch; vgl. Offizielle Website (englisch) & Archives of the Finnish Literature Society
  7. Finnische Volksmärchen. Diederichs, München 1993, S. 315
  8. In einem nach dem finnlandschwedischen Dichter Johan Ludvig Runeberg benannten Projekt Runeberg in Schweden werden Texte mit abgelaufenem Urheberrecht aus den nordischen Ländern digitalisiert und sind frei verfügbar im Internet zugänglich.
  9. siehe auch Winterkrieg
  10. Buch- und Autoreninfo auf der Website des Persona-Verlags