Franziskanerkirche (Wetzlar)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Untere Stadtkirche vom Klostergarten
Blick nach Nordosten
Eingang zur Musikschule mit dem Symbol der Franziskaner, 1723

Die Franziskanerkirche am Schillerplatz im mittelhessischen Wetzlar ist die Klosterkirche des ehemaligen Franziskanerklosters der Stadt. Nach der Säkularisation fungiert noch der Chor als evangelische Kirche, welche als Untere Stadtkirche bezeichnet wird. Das Kirchenschiff wird inzwischen als Musikschule genutzt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erstmalige Erwähnung von Franziskanern in Wetzlar fand im Jahr 1248 statt.[1] Sie gründeten ein Kloster und bauten eine angeschlossene Kirche, die über dem Wetzbach errichtet wurde und dessen Bachlauf sich auch unter dem Altar befand. 1269 wurde auch die Existenz eines Konvents urkundlich nachgewiesen.

Als die Reformation mit dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 die Stadt erreichte, wurde das Kloster aufgelöst. Im Kloster entstand eine städtische Lateinschule. Die Franziskanerkirche wurde fortan für lutherische Gottesdienste genutzt und der langgezogene Chor im Jahr 1586 wallonischen Glaubensflüchtlingen zur Verfügung gestellt. Dort wurden seitdem reformierte Gottesdienste in französischer Sprache abgehalten. Im Chor fanden so reformierte, im Hauptschiff lutherische Gottesdienste statt, ohne bauliche Trennung.

1626, im Zuge des Dreißigjährigen Krieges übernahmen die Franziskaner die Kirche erneut – 1632-34 gewannen die Lutheraner unter schwedischer Besetzung das Kloster für kurze Zeit zurück – verließen die Stadt jedoch 1649. Ab 1650 wurde wieder lutherisch gepredigt und an der Stadtschule unterrichtet. Die reformierten Gläubigen erhielten 1660 den Chor zurück. Zwei Flügel der Klostergebäude und das Hauptschiff der Kirche wurden seit 1675 wieder von Franziskanern genutzt. Der Chor blieb der reformierten Gemeinde erhalten und ein dritter Flügel des Klosters wurde von einem lutherischen Prediger bewohnt. Da im Langhaus nun wieder katholische Gottesdienste stattfanden, trennte die reformierte Gemeinde den Chor durch eine Fachwerktrennwand vom Kirchenschiff ab. Der Raum im Westen wurde so endgültig katholisch, die östliche Seite zur „Unteren Stadtkirche“ (Im Gegensatz zum Wetzlarer Dom, der „Oberen Stadtkirche“)

Die Chorhalle ist in der Apsis mit einem 5/8-Abschluss mit Kreuzrippengewölbe ausgebildet. Im nördlichen Querhaus der Chorhalle befindet sich der heutige Eingang. Der frühgotische Kirchraum ist schlicht gehalten, der klassizistische Emporeneinbau trägt die Orgel. Der Schlussstein über der Orgel zeigt einen Löwen mit Jungen. Das barocke Muschelportal am Eingang aus rotem Sandstein entstand um 1720. 1723 bauten die Franziskaner das Langhaus im Stile des Barocks um. Das in dieser Zeit entstandene grüne Westportal (heute Eingang zur Musikschule) zeigt das Symbol der Franziskaner: Zwei Arme, kreuzweise übereinander liegend, mit Wundmalen an den inneren Handflächen, vor einem Kreuz, umgeben von einem vierfach geknoteten Kuttenstrick sowie Rankenwerk. Lebten 1813 lebten noch acht Patres und vier Laienbrüder im Kloster waren es 1824 nur noch vier Brüder und 1826 noch ein einziger.

Ab 1833 war der Chor der ehemaligen Franziskanerkirche uniert. Das Langhaus wurde bereits 1820 zum Proviant- und Salzmagazin, danach Archiv für die Akten des Reichskammergerichtes. Daraufhin wurde es zur Kaserne für das 8. Rheinische Jägerbataillon. Doch mehrmals wurde die Nutzung noch geändert, so war es zwischen 1877 und 1925 eine evangelische Volksschule, ehe es dann umfangreich umgebaut wurde und die Dienststelle der NSDAP einzog. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Amerikaner das ehemalige Kirchenschiff zum Truppengefängnis. Bis 1967 war eine Gewerbliche und Kaufmännische Berufsschule in den Obergeschossen sowie im Erdgeschoss das Depot der Wetzlarer Freiwillige Feuerwehr hier untergebracht, ehe dann die Musikschule einzog.

1983 wurde die Untere Stadtkirche renoviert. Sechs Jahre später, also 1989, erfolgte Innenrenovierung des ehemaligen Kirchenschiffes. Um weitere Sanierungen zu finanzieren startete die Kirchengemeinde 2013 die Sammelaktion „Erhaltung der Unteren Stadtkirche“.[2]

An den Wänden der Unteren Stadtkirche sind Grabsteine des 18. Jahrhunderts aus dunklem Lahnmarmor befestigt. Sie erinnern an Bestattete im Kirchenraum und auf dem Friedhof.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahrend-Orgel hinter historischem Prospekt

Der siebenachsige Prospekt der Orgel datiert aus dem Jahr 1803 und ist der verbliebene Rest eines Orgelneubaus durch Philipp Heinrich Bürgy, der ursprünglich über 24 Register verfügte. Ein überhöhter Mittelturm wird von zwei Flachfeldern flankiert. Unter gleichem Gesims schließen sich zweigeschossige Rundtürme an, denen außen niedrige Harfenfelder folgen.[3] 1930 wurde hinter den historischen Prospekt von der Orgelbaufirma Walcker ein neues Werk mit 16 Registern gebaut. Nach dem Umbau der Kirche konzipierte Jürgen Ahrend 1989 einen Neubau hinter dem alten Gehäuse, das sich an Bürgys Orgel anlehnte, ohne diese zu kopieren. Die Disposition lautet seitdem:[4]

I Hauptwerk C–f3
Bourdun 16′
Prinzipal 8′
Bourdun 8′
Viola da Gamba 8′
Oktave 4′
Flöte 4′
Nasat 3′
Oktave 2′
Cornett IV D
Mixtur IV
Trompete 8′
II Echo/Brustwerk C–f3
Holzgedackt 8′
Traversflöte D 8′
Holzflöte 4′
Waldflöte 2′
Sesquialtera II
Vox humana 8′
Pedal C–f1
Subbaß 16′
Oktave 8′
Oktave 4′
Posaune 16′
Trompete 8′

Technische Daten:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Irene Jung: Wetzlar: eine kleine Stadtgeschichte, Sutton Verlag GmbH, 2010, ISBN 9783866807150, S. 49–51
  • Frank Werner Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. Wetzlars Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Zweihundert Jahre evangelisches Leben (Inhaltsverzeichnis), Tectum-Verlag, Marburg 2009
  • Werner Volkmar: Braune Kutten bestimmen das Stadtbild : aus den Klosterzellen der Franziskaner-Mönche in Wetzlar wurden Gefängniszellen, Heimat an Lahn und Dill, Wetzlarer Neue Zeitung, Wetzlar 2009, Band 619, S. 2
  • Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Reinhold Schneider (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Wetzlar Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 978-3806219005 (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), S. 18–19, 26–27, 39, 77, 144, 332
  • Britta Geldschlaeger: Aus der Geschichte eines Wetzlarer Klosters, In: Heimatjahrbuch für den Lahn-Dill-Kreis, 1991, Band 1, S. 221–226
  • Joachim Mehlhausen: Reformationsgedenken: Beiträge zum Lutherjahr 1983 aus der Evangelischen Kirche im Rheinland, Evangelische Kirche im Rheinland, Rheinland-Verlag, 1985, ISBN 9783792708125, S. 289–9
  • Herbert Flender: Das Franziskanerkloster, die Reformierte Gemeinde und die Untere Stadtkirche zu Wetzlar, Magistrat der Stadt Wetzlar, 1983
  • Hans Pohl: Das Kloster der "Kleinen Brüder", Heimat an Lahn und Dill, Wetzlarer Neue Zeitung, Wetzlar 1977, Band 77, Heft 77 S. 1–2, Heft 78 S. 1–2
  • Adolf Lux: Die Kirche der Franziskaner, Heimat an Lahn und Dill, Wetzlarer Neue Zeitung, Wetzlar 1965, Band 12, S.116
  • Gallus Haselbeck: Die Franziskaner an der mittleren Lahn und im Westerwald, Beiträge zur Geschichte der Limburger Diözesangebiete, Kloster Frauenberg, Fulda 1957
  • Friedrich Kilian Abicht: Der Kreis Wetzlar historisch, statistisch und topographisch dargestellt, Teil: 2. Die Statistik, Topographie und Orts-Geschichte des Kreises, Wigand, Wetzlar 1836, S. 8–21,

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Franziskanerkirche (Wetzlar) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Doepner: Das Prämonstratenserinnenkloster Altenberg im Hoch- und Spätmittelalter. Sozial- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchungen. Marburg 1999, ISBN 3-7708-1128-3, S. 305, Anm. 1.
  2. Lothar Rüh: Bürger kämpfen für Untere Stadtkirche. Sanierung kostet eine Million Euro, Wetzlarer Neue Zeitung, 5. November 2013
  3. Franz Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins (= Beiträge zur Mittelrheinischen Musikgeschichte. Band 7,2). Band 2: Das Gebiet des ehemaligen Regierungsbezirks Wiesbaden. Teil 2: L–Z. Schott, Mainz 1975, ISBN 3-7957-1370-6, S. 843.
  4. Günter Lade (Hrsg.): 40 Jahre Orgelbau Jürgen Ahrend 1954–1994. Selbstverlag, Leer-Loga 1994, S. 66.

Koordinaten: 50° 33′ 10″ N, 8° 30′ 4″ O