Friedrich Sengle

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Friedrich Sengle (* 14. November 1909 in Thalassery, Kerala, Indien; † 14. März 1994 in Seefeld, Oberbayern) war ein deutscher Germanist und Literaturhistoriker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Sengles Vater Paul (1870–1932) war Missionar der Basler Mission in Britisch-Indien, wo Friedrich zur Welt kam. Nach dem Wunsch seines Vaters sollte er Theologie im Evangelischen Stift Tübingen studieren, entschied sich dann aber für Deutsch, Englisch und Geschichte in Tübingen (1928/29), Berlin (1929–31), Frankfurt am Main (1931) und wieder Tübingen, wo er 1933 sein Lehramtsexamen ablegte und dann als Lehrer tätig war. Er promovierte 1936 in Tübingen zum Doktor der Philosophie und wurde an dieser Universität Assistent bei seinem Doktorvater Paul Kluckhohn.

Seit 1937 war Sengle Mitglied der NSDAP; von einem damals entstandenen antisemitisch-tendenziösen Aufsatz über Ludwig Börne distanzierte er sich im Alter. Von 1939 bis 1945 war er Soldat und verfasste zu dieser Zeit eine Studie über das deutsche Geschichtsdrama, mit welcher er 1942 in Tübingen habilitierte. Nach 1945 war er in Tübingen Privatdozent, seit 1949 außerplanmäßiger Professor. Ab 1951 war er a.o. Professor in Köln, 1952 Professor in Marburg, 1959 in Heidelberg und 1965 in München; Sengle emeritierte 1978. Seit 1965 war er Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.[1] 1968 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

Friedrich Sengle wurde 1994 auf dem Alten Evangelischen Friedhof von Seefeld-Hechendorf begraben.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Literaturhistoriker vertrat Sengle eine dem Positivismus und Marxismus ablehnend gegenüberstehende Haltung. Am Irrationalismus kritisierte er die Bevorzugung der pathetischen und tragischen Literatur, stattdessen befürwortete er den ironischen Stil. Bei seiner Antrittsrede in Heidelberg (1959) trat er für die Einheit von Literaturgeschichte und -kritik ein.

Sein Arbeitsschwerpunkt war die deutsche Literatur von 1750 bis 1850. Er schrieb über Johann Wolfgang von Goethe eine Dissertation („Goethes Verhältnis zum Drama“, 1937), einen Sammelband („Neues zu Goethe“, 1989) und eine sozialgeschichtliche Biographie („Das Genie und sein Fürst.“, 1993)[2] In seinem dreibändigen Hauptwerk „Biedermeierzeit“[3] korrigierte er das bisherige Bild dieser Zeit als Übergangsperiode und stellte sie als eigenständige und originäre Literatur-Epoche dar. Von den 15 Schriftstellern, denen im dritten Band monographische Abschnitte gewidmet sind, stammen dank Sengles besonderer Beziehung zur österreichischen Literatur und Literaturwissenschaft sechs aus dem habsburgisch-österreichischen Raum: Franz Grillparzer, Nikolaus Lenau, Johann Nestroy, Ferdinand Raimund, Charles Sealsfield (Carl Anton Postl) und Adalbert Stifter.

Als Beispiel dafür sei Johann Nestroy erwähnt, zu dessen Posse Nur Ruhe! er über die beiden Kontrahenten des Stücks, Anton Schafgeist und Rochus Dickfell, anmerkte: Der „bürgerliche“ Schafgeist besitze keinerlei „kapitalistische Dynamik“, sondern sei ein „gutmütiger Phlegmatiker“, der einzig die Verantwortung für seinen Betrieb loswerden wolle – der „proletarische“ Rochus mit seiner „klassenkämpferischen Gebärde, einer captatio benevolentiae[4] für die Galerie“ sei in Wahrheit lediglich ein „Gauner und halber Zuhälter“, bei dem sich Komik und Tendenz schlecht miteinander vertrügen.[5]

1949 schrieb er über Christoph Martin Wieland; 1976 wurde er Mitbegründer des „Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur“, dessen Mitherausgeber er von 1976 bis 1983 war. Jost Hermand, Georg Jäger und Manfred Windfuhr zählen zu seinen prominentesten Schülern. Ende 1994 übernahm das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf Sengles umfangreichen Nachlass, wo er zum Bereich „Wissenschaft“ gehört.

Biedermeierzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengle gliedert seine "Biedermeierzeit" in drei Bände (Titel verkürzt): Bd.1 "Richtungen" (1971), Bd.2 "Formenwelt" (1972), Bd.3 "Dichter" (1980). Sengle geht aus von der Vorstellung einer Epoche als Koordinatensystem der jeweils vorliegenden Richtungen/Strömungen. Aus dieser Vorstellung ergibt sich für die Darstellung der Biedermeierzeit als Aufgabe: Zuerst werden alle literarisch relevanten Richtungen/Strömungen bestimmt, die das Koordinatensystem der Biedermeierzeit bilden (Bd.1 "Richtungen"). Die einzelnen Dichter werden in dieses Koordinatensystem eingeordnet (Bd.3 "Dichter"). Bd.2 stellt die relevanten literarischen Gattungen der Biedermeierzeit dar.

Richtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die herkömmliche deutsche Literaturgeschichte arbeitet für das 18./19. Jahrhundert bezüglich der Richtungen mit der Abfolge der "Gegensatzpaare" Aufklärung/Empfindsamkeit, Klassik/Romantik, Biedermeier/Junges Deutschland (mit dem Einschub der Jugendbewegung des Sturm und Drang im 18. Jahrhundert), gefolgt vom Zeitalter des Realismus. Das herkömmliche Schema Biedermeier/Junges Deutschland genügt zur Beschreibung der Biedermeierzeit nach Sengle nicht: "Die Aufstellung weiterer Richtungen ist ... notwendig. Das Biedermeier und das Junge Deutschland erfassen nur einen Teil der Literatur, die uns in der Biedermeierzeit dichterisch wertvoll oder historisch interessant erscheint" [6]. Sengle führt, wie man an Bd. I, Inhaltsverzeichnis, 3. Kapitel, ablesen kann, zusätzlich zu den Richtungen des "Biedermeier" und des "Jungen Deutschland" weitere Richtungen ein, so dass das Koordinatensystem für die Biedermeierzeit bei Sengle schließlich mehr als zehn Richtungen umfasst. Als weitere "zeitgenössische" Richtungen führt Sengle ein: den Weltschmerz[7] (z.B. Nikolaus Lenau); die Junghegelianer[8] (z.B. zeitweise Karl Marx/Friedrich Engels); die geistliche Restauration (die kirchliche Gegenbewegung gegen die Tendenzen des Atheismus/Materialismus). Die Hauptmenge der neu eingeführten Koordinaten betrifft jedoch das Weiterwirken vorangegangener "Richtungen" in Form der Tradition. Dazu zählt Sengle: Barocktradition, Aufklärungstradition, Rokoko-Tradition, Empfindsamkeitstradition, Sturm-und-Drang-Tradition, Romantiktradition[9]. Dazu kommen "Einstellungen", die immer wieder in veränderter Gestalt auftreten können, wie z.B.: Idealismus, Klassizismus (im Sinn von: Kunstströmungen, die sich an der Antike orientieren bzw. die sich auf antike Vorbilder berufen).

Einordnung der Dichter in die Richtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die verschiedenen Richtungen einer Epoche dienen als Koordinatensystem, "das es dem Historiker gestattet, den geschichtlichen Ort des einzelnen Schriftstellers näher zu bestimmen"[10]. So gut wie immer wird der einzelne Schriftsteller bei der Einordnung in dem freien Raum zwischen den Linien zu stehen kommen. Kein einziger Schriftsteller wird genau auf den gezogenen Linien (= Richtungen) liegen, d. h., eine Richtung vollkommen repräsentieren. Sengle berücksichtigt bei der Einordnung auch die individuelle Entwicklung eines einzelnen Schriftstellers sowie regionale Unterschiede (z.B. österreichisches Biedermeier und schwäbisches Biedermeier). Bei der Einordnung der Schriftsteller in das Koordinatensystem der Biedermeierzeit ergeben sich Zwischenstellungen.

In Bd.3 "Dichter" (1980) ordnet Sengle die einzelnen Schriftsteller folgendermaßen ein (Auswahl; es sind der Übersichtlichkeit halber nur die jeweils dominanten Richtungen genannt, es gibt bei fast jedem Dichter weitere Einflüsse): Grillparzer: Anfänge als Schauerromantiker, dann zwischen Biedermeier und Klassizismus[11] ("klassizistisch überformtes Biedermeier"). Ferdinand Raimund: zwischen biedermeierlicher Gemütskultur und Weltschmerz. Johann Nestroy: "gehört in die Spätphase der Barocktradition"[12]. Adalbert Stifter: in der Jugend Anteil am "empfindsamen Weltschmerz"[13], dann vor 1850 Inbegriff des Biedermeier[14], nach 1850 "klassizistisch überformtes Biedermeier"[15]. Mörike: Strukturveränderung, zuerst Weltschmerzpoet, dann "klassizistische Wende" zum "heiteren Meister des Spätbiedermeier"[16]. Graf von Platen[17]: am Anfang seiner Werke "romantische" Formen; Mitte: dramatische Versuche, die z.T. schon an der Antike orientiert sind; Spätzeit: volle Ausbildung zum "Klassizisten". Nikolaus Lenau: der "Klassiker des Weltschmerzes"[18] (Lenau ist, wie der hier nachfolgende J. Gotthelf, einer der Schriftsteller, die noch am ehesten einer bestimmten "Linie" (Richtung) zugeordnet werden können). Gotthelf: ein Vertreter der geistlichen Restauration[19]. Annette von Droste-Hülshoff: "steht zentraler im Biedermeier als die meisten Dichter ihrer Zeit"[20]; steht im Spannungsfeld zwischen weltlichem und geistlichem Biedermeier[21]. Immermann[22], Willibald Alexis[23], Karl Postl (Charles Sealsfield)[24]: Zwischenstellung zwischen Biedermeier und Jungem Deutschland. Justinus Kerner: "irgendwo zwischen Weltschmerzpoeten, schwäbischem Biedermeier und ... Romantiktradition[25]. Der alte Tieck: "Salonschriftsteller" zwischen Biedermeier und entdämonisierter Romantik[26]. Varnhagen, Nicolai, J.H. Voss: Vertreter der "Spätaufklärung" (Aufklärungstradition).[27]

Beispiel Heinrich Heine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine interessante Figur in Bezug auf die Einordnung in das Koordinatensystem der Biedermeierzeit ist Heinrich Heine. Heine zeigt nach Sengle "eine tiefe Verwurzelung in der Vergangenheit"[28], d. h., er hat einen Bezug zu fast allen Richtungen der Zeit. Sengle ordnet nach folgenden Kriterien zu: Junges Deutschland: wenn man Heine in seinem Schwerpunkt erfassen will, "muss man ihn als den geistigen Führer der Jungdeutschen sehen" [29]. Weltschmerz: Grundstruktur Heines Widersprüchlichkeit, Zwiespältigkeit: damit ordnet er sich ein in die zeittypische Zerrissenheit (Weltschmerz); "Heine ist für seine Zeit der deutsche Byron" [30]. Biedermeier/Empfindsamkeit: einerseits hatte Heine gerade wegen seiner empfindsam-biedermeierlichen Elemente Erfolg beim breiten Publikum[31]; andererseits stetige Parodie der Empfindsamkeit. Klassizismus: Heine lehnt die "Kunstperiode", die im Zeichen Goethes stand, ab.[32] Aufklärungstradition: Heine steht in der Reihe der "großen polemischen Geister des 18. Jahrhunderts"[33], allen voran Voltaire, der "Fürst der Spötter". Romantiktradition: Heine der "letzte Romantiker", das "letzte Waldlied der Romantik"[34]; auch hier Parodie, Desillusionierung, Entlarvung der Romantik. Barocktradition: das alte metaphysische Schema von der Welt als Narrentheater und Siechenhaus[35]; Stil: Geist der alten Emblematik[36]. Witzkultur des 18. Jahrhunderts, die im Rokoko entstand (Witzstil: Hyperbolik, Ironie, Satire, Parodie); Heine als "Napoleon des Witzes".[37] Was sind bei Heine die dominanten Richtungen? Das letztendliche Fazit Sengles zu Heine fällt so aus: in seinem zeitgenössischen Schwerpunkt war er der geistige Führer der Jungdeutschen. Historische Einordnung: nicht bewältigter Versuch der Vermittlung von Romantik (Schwärmerei) und Aufklärung (Ironie), was sich in seiner zentralen Denkfigur der "Illusionsbrechung" zeigt (Romantik/Empfindsamkeit und Parodie/Desillusionierung der Romantik/Empfindsamkeit).

Bewertung der Richtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengle vertritt die Einheit von Literaturgeschichte und Literaturkritik, d. h., zur Literaturgeschichte gehört zwingend die Wertung/Bewertung der einzelnen Richtungen und Schriftsteller dazu. Dies soll im Folgenden an den beiden Polen der Zeit, den Jungdeutschen und den Biedermeierdichtern, sowie der darauf folgenden Epoche der Realisten aufgezeigt werden.

Die Jungdeutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengle hält wenig von den Jungdeutschen als Dichtern im strengen Sinn[38]. Sein Gesamturteil über die Jungdeutschen (außer Heine) findet in folgenden Zitaten beredten Ausdruck: "Tatsächlich verrät mein Abschnitt über die Jungdeutschen noch die Qualen, die ich beim Lesen von soviel jungdeutscher Erzählprosa erlitt"[39]; "der literarische Qualitätsnachweis (bezüglich der Jungdeutschen) steht noch aus"[40]: die Jungdeutschen sind zweitrangige Schriftsteller (bis auf Heine, dieser gehört zu den "Wahren Meistern"). Was Sengle den Jungdeutschen ankreidet, ist, dass sie "in der Negation steckenbleiben"[41]. Sie sind eine reine Oppositionsbewegung gegen die Restauration ohne eigene positive Kraft. Zur Zeit der "Studentenrevolution" an den deutschen Universitäten (um 1968) erfuhr die Richtung eine Aufwertung: Aufkommen der Epochenbezeichnung "Vormärz", Heine und Büchner in der Forschung überrepräsentiert, verbunden mit einer "Diffamierung der konservativen Hauptrichtung" (Restauration) als kleinbürgerlich[42]. Dem hält Sengle entgegen, dass der Historiker objektiv zu sein hat, er darf sich nicht auf seine Lieblingsschriftsteller beschränken.

Einige markante Zitate zur Beurteilung einzelner Schriftsteller. Karl Gutzkow: "ist typisch für Geist, Stil und Taktik der Jungdeutschen"[43]; "Wally, die Zweiflerin" (1835): dichterisch schwach, "ein schlechter und in jeder Weise taktloser Roman"[44]; Fazit zu Gutzkow: verdientermaßen vergessen[45]. Theodor Mundt: "Madonna, oder: Unterhaltungen mit einer Heiligen" (1835): dieser Roman ist "ästhetisch mangelhaft"; "Der Begriff Tendenzdichtung bedeutet oft nichts anderes, als dass der Erzähler zur ästhetischen Verwirklichung des Gedachten unfähig ist"[46]. Heinrich Laube: "begrenzte Fähigkeit zu inhaltsreicher und allgemeinverständlicher Erzählung" [47]; im Drama (Lustspiel) besser[48]. Ludolf Wienbarg: "Später tat er das, was bei zweitrangigen Poeten immer das beste ist. Er nahm Abschied von der Poesie"[49].

Die Biedermeierdichter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Biedermeierdichter sind nicht so stark verneinend wie die Jungdeutschen[50]. "Es gibt gute literarhistorische Belege für die Tatsache, dass die konstante Verneinung eher zweitrangigen als erstrangigen Dichtern bekömmlich ist". "Produktive Geister können nicht ein Leben lang in der Verneinung leben". "die dichterische Weltschöpfung scheint von einem, wie immer begrenzten, "Ja zur Welt" abzuhängen"[51]. Stifters Novellen und die zwei Novellen von Annette von Droste-Hülshoff und Mörike (Judenbuche, Mozart auf der Reise nach Prag) nehmen einen immer gesicherteren Platz in der deutschen Nationalliteratur und wohl auch bald in der Weltliteratur ein[52].

Den Gegensatz von Weltverneinung und Weltbejahung exemplifiziert Sengle an verschiedenen Beispielen. Der Pfarrer Gotthelf schrieb seine besten Romane (Uli-Romane) im Vormärz (vor 1848). Die fast fanatische Verneinung, die in seinen Nachmärzromanen (nach 1848) hervortritt, hat sein Ansehen als großer Erzähler, als "Homer" erschüttert. Umgekehrt kann man sich den Tendenzlyriker G. Keller von 1845 noch nicht als den Erzähler von "Romeo und Julia auf dem Dorfe" vorstellen. Es war wahrscheinlich so, dass der liberale Keller der Ermutigung durch ein liberaleres Zeitalter (nach 1848) bedurfte, um zum großen Erzähler zu reifen. Rückblickend ist die Kritik der Universität Göttingen in Heines "Harzreise" hervorragend witzig, aber man erhält kein positives Bild der bedeutenden Lehrstätte, wie es große Erzähler erschaffen könnten. Es bleibt bei der derb gezeichneten Karikatur, Heine bleibt "in der Negation stecken"[53].

Die Realisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den Realisten erreicht Deutschland das Niveau der westeuropäischen Nationalstaaten, die Dichtung der realistischen Generation in Deutschland entspricht dem Maßstab der Weltliteratur[54]. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch den verstärkten Gegensatz des Christentums zu den atheistischen Strömungen (Ablehnung der Existenz einer überirdischen Welt). Das "Ja zur Welt", das Verklärungsprinzip des bürgerlichen Realismus ergibt sich jetzt gerade aus der Tatsache, dass die Welt die einzig verbleibende Instanz ist[55]. Während Sengles Verhältnis zu den Dichtern der Biedermeierzeit letztlich auf einer historischen Grundlage stand, gehört Sengles "Liebe und Verehrung den großen realistischen Dichtern" (Keller, Raabe, Fontane)[56]. Der "größte Meister unter den deutschsprachigen Realisten" ist G. Keller[57]. Sengle spricht von der "unvergleichlichen Frische" der "Leute von Seldwyla"[58]. Zu den reinsten Werken eines symbolischen Realismus dürfe wohl der "Grüne Heinrich" (1854, erste Fassung) wegen seiner noch weithin unbewussten Bildlichkeit gerechnet werden[59].

Sengles Geschichtsauffassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengles Geschichtsauffassung basiert im Wesentlichen auf zwei Grundannahmen. Erstens: Geschichte kann adäquat nur auf der Basis großer Materialmengen betrieben werden (Erhebung von Massendaten). Zweitens: Geschichte muss von den Historikern aus diesen Massendaten rekonstruiert werden (Gedanke der Rekonstruktion)[60].

Erhebung von Massendaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengle hat eine sehr anspruchsvolle Auffassung der Geschichtswissenschaft: "Geschichtliche Strukturen sind ... immer nur Dominanten innerhalb zahlreicher widersprüchlicher Tendenzen und Traditionen. Da es für jedes Einzelzitat ein Gegenzitat gibt, bleibt man ohne eine quantitative Erfassung der historischen Tendenzen im Vorhof der Geschichte."[61] Voraussetzung hierzu ist, dass man auf einer umfassenden Materialbasis aufsetzt: "die bisherige Literaturgeschichte" habe "auf einer viel zu schmalen, jede Deutungswillkür gestattenden Materialbasis aufgebaut"[62] (geschrieben 1970). In der Praxis bedeutet das, dass man, um Geschichte auf dem Niveau von Sengle betreiben zu können, extrem viel lesen muss. So wertet Sengle nicht nur die Primärliteratur und die Sekundärliteratur aus, sondern vielfach unbekanntes Material: "Das von mir vorgelegte Material zur Rhetorik-, Poetik-, und Stilgeschichte ist zum größeren Teil unbekannt"[63]. Beispiel: für die "militante geistliche Restauration" wertet Sengle umfassend Ausgaben der zeitgenössischen "Evangelischen Kirchenzeitung", dem "protestantischen Hetzblatt"[64], aus.

Wie aus dem Beispiel zu H. Heine ersichtlich, muss man bei der historischen Einordnung eines Schriftstellers in das Koordinatensystem seiner Zeit aus der Masse der vorliegenden Daten die "dominanten" Daten herausfiltern. Dies bedeutet eine Verarbeitung von Massendaten, wie sie normalerweise vom Computer geleistet wird[65]. Aus diesem Grund leitet Sengle, sobald es um die historische Einordnung eines Schriftstellers geht, seinen Gedankengang stereotyp mit Wendungen ein wie: "diese schwierige Frage ...", "diese ungemein schwierige Frage ...", "der alte Tieck, dieser überaus komplizierte Schriftsteller ..."[66].

Geschichte als Rekonstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es darf bei der Arbeit der Historiker aber selbstverständlich nicht bei der "bloßen Entfaltung der Stoffmassen"[67] bleiben, sondern diese Stoffmassen erfordern einen konstruktiven Zugriff, d. h., der Historiker muss aus den Daten die Geschichte rekonstruieren (Gedanke der Rekonstruktion). Dies soll an den beiden Hauptrichtungen der Biedermeierzeit, "Biedermeier" und "Junges Deutschland", an einigen Hauptpunkten erläutert werden.

Die Forschung zur literarischen Richtung des Biedermeier begann um 1910/20 (Paul Kluckhohn)[68]. Die frühe Biedermeierforschung neigte dazu, im bürgerlichen bzw. kleinbürgerlichen Biedermeier die Quintessenz dieser Richtung zu sehen[69]. Aus diesem Blickwinkel ergab sich z.B. die Meinung, dass sich die Tragödie unmöglich mit dem Biedermeier vertrage. Um dieses Problem der Verbürgerlichung des Biedermeier zu umgehen, führte Sengle die Begriffe "Höfisches Biedermeier" und "Geistliches Biedermeier" ein[70]. Höfisches Biedermeier umfasst dabei z.B. hohe Gattungen (wie Ode, Tragödie), die oft noch Nachfolger von dem waren, was in früheren Zeiten die Gattungen des Fürstenpreises oder Fürstenspiegels darstellte (Beispiel: Platen, Ode "An König Ludwig" (1825) oder J. Pyrker, Hexameterepos "Rudolph von Habsburg", zu Ehren der Habsburgerdynastie)[71]. Geistliches Biedermeier meint z.B. die Erneuerung des Kirchenlieds durch Johann Philipp Spitta[72].

Einen ähnlich konstruktiven Zugriff zeigt Sengle bei der Behandlung des "Jungen Deutschland". Das beginnt schon bei der Frage, wen man alles zu der Richtung der Jungdeutschen dazu zählen soll. Sengle plädiert, im Gegensatz zu Forschern, die dazu neigen, die Richtung auszuweiten, dazu, nur die Schriftsteller einzubeziehen, die von dem Verbot 1835 betroffen waren (also: Heine, Wienbarg, Laube, Mundt, Gutzkow)[73]. Des Weiteren überlegt Sengle, ob es nicht sinnvoll wäre, noch eine weitere eigene Richtung des "Frühsozialismus" in das Koordinatensystem der Biedermeierzeit einzuführen (z.B. für Büchner, Freiligrath u.a.)[74]. Für die zukünftige Forschung schließt Sengle auch nicht aus, dass man den Jungdeutschen doch die anderen oppositionellen Gruppen (Vormärzpoeten, Junghegelianer, Frühsozialisten) angliedern könnte[75]. Wie man sieht, ist Sengle bei der Rekonstruktion der Geschichte sehr innovativ. Man muss sich immer darüber bewusst bleiben, dass man bei der Lektüre eines Buchs über Geschichte eine Rekonstruktion von Historikern vor sich hat[76], im Fall von F. Sengle allerdings eine sehr gute.

Gesamtkonzept "Biedermeierzeit"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sengles Gesamtkonzept zur Biedermeierzeit läuft darauf hinaus, dass er die Jahrhundertmitte (1848/50) als den großen Umschlagpunkt interpretiert, von der, idealtypisch gesehen, "vorrealistischen Zeit" ("Altes Europa") zum "Zeitalter des Realismus". Aus Sengles Sicht gehören alle Schriftsteller, die zur Biedermeierzeit (1815-48) aktiv waren, zum "Alten Europa": "Alle diese Dichter - gleichgültig ob sie progressiv oder konservativ waren - wurzelten noch im Ordnungsdenken des vorrealistischen Europa"[77]. Sogar L. Feuerbach und D.F. Strauss erscheinen in dieser Sicht lediglich als "umgedrehte Prediger"[78], als "fromme Atheisten"[79] und gehören damit zum "Alten Europa". Den Gegensatz "Altes Europa" (vor 1848/50) versus "Zeitalter des Realismus" (nach 1848/50) kann man nach Sengle, wieder idealtypisch, so charakterisieren.

War Deutschland vor 1850 noch ein Agrarstaat, so liegt nach 1850 der "Beginn des technischen Zeitalters"[80] (Eisenbahn, Dampfmaschine, Fabriken), eine "kalte, nüchterne Zeit", das beginnende "Zeitalter der Vermassung". Ist in der ersten Jahrhunderthälfte noch das "Fortbestehen der Jenseitsreligion" (Diesseits/Jenseits)[81] zu konstatieren, so in der zweiten der verstärkte "Abbau der Jenseitsreligion". Zur Biedermeierzeit war die Restauration die "dominante" Strömung. Mit der politischen Restauration (ancien regime) war auch die literarische wieder da: Rückgriff auf das 18. Jahrhundert, Wiederaufleben der Rhetorik-Tradition[82]. Diese beinhaltet ein Nebeneinander der verschiedenen Sprechhaltungen (genera dicendi): Erzählung, Kommentierung, Reflexion, Predigteinlagen. Dem entspricht ein dualistisches Hin- und Herspringen zwischen "hohem Stil" (Pathos) und "niederem Stil" (Witz, Satire, Ironie, Groteske)[83]. Demgegenüber tendiert der "bürgerliche Realismus" zum Abbau der Rhetorik und zum mittleren Stil: es gibt nur noch eine einzige Sprechhaltung (z.B Erzählung), keine Stilmischungen mehr. Für die Rhetorik-Tradition (Altes Europa) gilt: der "hohe Stil" stilisiert nach oben, der "niedere Stil" nach unten, gemeinsames Kennzeichen aber ist, dass sie beide nicht "realistisch" sind. Erst die zweite Jahrhunderthälfte, die "nur noch diese Welt kennt", ermöglicht einen konsequenten Individualismus und Realismus. Galt in der Rhetorik-Zeit noch die Tönerhetorik (der hohe, der schaurige, der grelle, der kurze, der komische Ton, der Vokston, der Salonton usw.)[84], so gibt es im "Realismus" nur noch einen "Ton", den nüchternen, sachlichen. War von alters her die Affektenlehre die Basis der Tönerhetorik gewesen (Stillagen leiten sich von menschlichen Emotionen ab, z.B.: ein zorniger Mensch schreit, das ist dann sozusagen der Brüllton), so ist das "Zeitalter des Realismus" damit verglichen eine kalte, nüchterne Zeit und der Stil entsprechend nüchtern und sachlich. In diesem Sinn gehören alle "zeitgenössischen" Richtungen der Biedermeierzeit (Biedermeier, die Jungdeutschen, die Vormärzlyriker, die Junghegelianer) nach Sengle von ihrer Denkweise her noch zum "Alten Europa".

Durch beide Jahrhunderthälften aber zieht sich die "Schlacht um das Christentum"[85]: auf der einen Seite der "christliche Dammbau"[86] gegen den Atheismus (Geistliche Restauration), auf der anderen Seite die anti-christlichen Bewegungen. Dieser Gegensatz verschärfte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte (Kirche gegen materialistische Wissenschaft). Alles steuert auf die große Auseinandersetzung zu. Es scheint, "dass die Periode nahe sei, wo die Kirche Christi und das Reich der Finsternis sich völliger sondern und einander gegenübertreten werden, als es bisher noch jemals der Fall gewesen" (Evangelische Kirchenzeitung, 1836)[87].

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mitglieder der HAdW seit ihrer Gründung im Jahr 1909. Friedrich Sengle. Heidelberger Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 12. Juni 2016.
  2. Friedrich Sengle: Das Genie und sein Fürst. Die Geschichte der Lebensgemeinschaft Goethes mit dem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Ein Beitrag zum Spätfeudalismus und zu einem vernachlässigten Thema der Goetheforschung.research gate
  3. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution, 1815–1848., 3 Bände, Metzler, Stuttgart 1971/80, ISBN 3-476-00182-2.
  4. captatio benevolentiae = lateinisch: Erheischen des Wohlwollens
  5. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. 3. Band.
  6. Bd.I, S.198; dasselbe ganz explizit Bd. I, Vorwort, S. X
  7. nicht alle Konzepte, die Sengle (um 1970) einführte, haben sich auch durchgesetzt: zehn Jahre später (1980) schreibt Sengle in Bd.III, S.647, Fußnote: "mein als neutraler historischer Gruppenbegriff gedachtes Wort "Weltschmerzpoeten" scheint in der Germanistik wenig Verbreitung gefunden zu haben"
  8. die Vormärzlyriker betrachtet Sengle als Fortsetzer der Jungdeutschen, nicht als vollwertige eigene Richtung, Bd. I, S. 201
  9. die Romantiktradition geht bei Sengle bis 1945, Bd. I, S. 244
  10. Bd.I, S.198
  11. Bd.III, S.117f.
  12. Bd.III, S.207
  13. Bd. III, S. 957
  14. Bd.III, S.1019
  15. Bd.III, S.988
  16. Bd.I, S.252
  17. Bd. I, S. 252
  18. Bd.III, S.642
  19. Bd.III, S.888
  20. Bd. III, S. 596
  21. Bd. III, S. 602
  22. Bd.III, S.809
  23. Bd.I, S.198
  24. Bd.III, S.809
  25. Bd.I, S.251
  26. Bd.I, S. 247f.
  27. Bd. III, S. 525
  28. Bd. III, S. 472
  29. Bd. III, S. 540
  30. Bb. III, S. 510
  31. Bd. I, S. 111
  32. Bd. III, S. 494
  33. Bd. III, S. 521
  34. Bd. III, S. 531
  35. Bd. III, S. 517
  36. Bd. III, S. 501
  37. Bd. III, S. 543
  38. Bd. III, 1022
  39. Bd. III, 1065
  40. Bd. I, 155
  41. Bd. I, 192
  42. Bd. III, 1021
  43. Bd. I, 169
  44. Bd. I, 177
  45. Bd. I, 189
  46. Bd.I, 175
  47. Bd. I, 171
  48. Bd.I, 187
  49. Bd. I, 190
  50. Bd. III, 1022
  51. alle Zitate III, 1069
  52. Bd. III, 1068
  53. alles Bd. III, S. 1069
  54. Bd. III, 1048
  55. Bd. III, 1048
  56. Bd. III, 1071
  57. Bd. I, 263
  58. Bd. I, 267
  59. Bd. I, 307
  60. Bd. I, Vorwort, S. VIII
  61. Bd. I, Vorwort, S. VIII
  62. Bd. I, Vorwort, S. VIII
  63. Bd. I, Vorwort, S. XIII
  64. Bd. I, S. 145
  65. Das Arbeiten nach Sengle ähnelt in gewisser Weise der Vorgehensweise in der Homöopathie: zuerst muss man feinsäuberlich alle Symptome des "Patienten" erfassen; für die schlussendliche Beurteilung des "Falls" muss man dann jedoch zwei oder drei "Leitsymptome" bestimmen, die "die Idee des Falls" ausmachen. Wünschenswert, natürlich utopisch (aber technisch machbar!), wäre für Sengle ein Computerprogramm wie in der Homöopathie, das alle Kennzeichen sämtlicher Richtungen enthält und bei dem man dann die Einordnung eines Schriftstellers in das Koordinatensystem per Knopfdruck erzeugen könnte
  66. Beispiele: "der stilgeschichtliche Ort der Jungdeutschen ... diese komplizierte Frage" (I,190); "es ist besonders schwierig, Hebbels historischen Ort klar zu bestimmen ... (III,361); "die überaus schwierige Frage nach Heines geschichtlichem Ort ... (III,521); "Immermanns Stellung zwischen den Richtungen ... diese ungemein schwierige Frage" (III,822); usw.
  67. Bd. I, Vorwort, S. VIII
  68. Bd. I, S. 120
  69. Bd. I, S. 119
  70. Bd. I, S.119
  71. Bd. I, S. 136
  72. Bd. I, S. 139
  73. Bd. I, S. 160
  74. Bd. I, S. 161
  75. Bd. I, S. 161
  76. was in guten Geschichtsbüchern auch meist im Vorwort angesprochen wird, z.B. J. Bumke, Höfische Kultur, Bd.1 (1986), S. 32: "Ebenso unangenehm ist es, dass immer wieder Einzelbelege ... als typische Zeiterscheinungen angesprochen werden ... Hier wird der subjektive Charakter der Darstellung am deutlichsten; denn es wäre natürlich möglich, mit Hilfe anderer Belegstellen ein anderes Zeitbild zu entwerfen".
  77. Bd. III, S. 256
  78. Bd. I, S. 168
  79. Bd. I, S. 64
  80. Bd. I, S. 21
  81. Bd. I, S. 74
  82. Bd. I, S. 129
  83. Bd. I, S. 191
  84. Bd. I, S. 594ff.
  85. Bd. I, S. 142
  86. Bd. I, S. 145
  87. Bd. I, S. 122

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]