Geldschöpfungsmultiplikator

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Der Geldschöpfungsmultiplikator ist in der Makroökonomie und Geldtheorie ein Multiplikator, der die maximale Grenze der aktiven Geldschöpfung eines Bankensystems wiedergibt.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Geldschöpfung wird die Schaffung von zusätzlichem Buchgeld durch die Geschäftsbanken eines Bankensystems bezeichnet. Zusätzliches Bargeld kann lediglich von der Zentralbank durch Ausgabe von Banknoten und Münzen geschaffen werden. Bargeld und Buchgeld in Händen von Nichtbanken (Privathaushalte, Unternehmen, öffentliche Haushalte) bilden zusammen auf dem Geldmarkt die Geldmenge.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Begründer der Lehre von der Schaffung zusätzlichen Giralgeldes durch Geschäftsbanken gilt Henry Dunning Macleod (1863), wonach Banken in der Lage seien, ein Mehrfaches der bei ihnen deponierten Gelder in Form von Bankgutschriften zu schaffen.[1] Der diesen Vorgang quantifizierende Geldschöpfungsmultiplikator in heutiger Form wurde von Chester Arthur Phillips (1882–1976) im Jahre 1920 vorgestellt.[2][3] Der Bargeldabfluss als restriktive Größe kam 1933 hinzu.[4]

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterschieden wird allgemein zwischen aktiver und passiver Geldschöpfung:[5]

Die Refinanzierung für das Kreditgeschäft der Geschäftsbanken ist die Überschussreserve,[6] dem Ausgangspunkt des Geldschöpfungsprozesses.

Zudem kann danach unterschieden werden, von wem die Geldschöpfung ausgeht:[7]

Damit sind sowohl die Zentralbanken als auch die Geschäftsbanken an der Geldschöpfung beteiligt.

Geldschöpfungsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Geldschöpfungsprozess wird dadurch in Gang gesetzt, dass nicht nur eine Geschäftsbank, sondern alle kreditgewährenden Geschäftsbanken ihre Überschussreserven zur aktiven Geldschöpfung einsetzen. Dadurch multipliziert sich die Schaffung von Buchgeld in einem Maße, dass die Überschussreserve einer einzelnen Geschäftsbank um ein Vielfaches übertroffen wird. Dieser Tatbestand wird multiple Giralgeldschöpfung genannt.[8] Er wiederholt sich unendlich.

Formale Darstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die multiple Giralgeldschöpfung wird in einer Summenformel als unendliche geometrische Reihe dargestellt. Dabei ist die Überschussreserve Ausgangspunkt für die Berechnung der betriebswirtschaftlichen Kennzahl des Geldschöpfungsmultiplikators , bei dem die Bargeldquote und der Mindestreservesatz als limitierende Faktoren zu berücksichtigen sind:[9]

.

Das zusätzlich geschaffene Giralgeld entstand aus einer Bareinzahlung oder Gutschrift als erster Überschussreserve bei einer Geschäftsbank.

Die mechanisch wirkende Formel unterstellt unter anderem, dass das zusätzlich geschaffene Giralgeld als Kreditangebot auf den Kreditmarkt gelangt, wo es durch die Kreditnachfrage vollständig absorbiert wird und wiederholt zu Sichteinlagen führt,[10] die wiederum Grundlage für eine neue Geldschöpfung werden.

Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangspunkt der Überlegung ist die von der Zentralbank emittierte Geldbasis, welche die Zentralbank den Geschäftsbanken kontingentiert und gegen den Leitzins zur Verfügung stellt (siehe auch Hauptrefinanzierungsinstrument).[11] Umfang und Preis dieser Geldkontingente sind Gegenstand der Geldpolitik der Zentralbank. Die Geschäftsbanken wiederum stellen das Zentralbankgeld den Nichtbanken in Form von Krediten zur Verfügung. Ein Multiplikatoreffekt tritt nun dadurch ein, dass die Nichtbanken zumindest einen Teil ihrer Liquidität nicht in Form von Bargeld benötigen und diesen Teil als Buchgeld innerhalb des Geschäftsbankensystems belassen. Diese Einlagen stehen damit wiederum als Basis für weitere Kreditvergaben zur Verfügung.

Eine Abschwächung erfährt der Multiplikatoreffekt durch die Mindestreservepflicht, der zufolge die Geschäftsbanken die Einlagen ihrer Kunden nicht in vollem Umfang als Kredite weiterreichen dürfen.

Zwischen der Geldmenge , die sich aus dem Multiplikatoreffekt ergibt, und dem Zentralbankgeld ergibt sich folgender Zusammenhang:

:

sei hierbei der mINDESTReservesatz der Banken (also derjenige Anteil der Einlagen, der freiwillig oder unfreiwillig nicht als Kredit vergeben wird) und die Bargeldhaltung der nICHTBAnken (also der Anteil des Bargeldes an ihrem Buchgeldbestand). Für die Herleitung der Formel wird die Geldmenge als ausgedrückt, wobei der Buchgeldbestand (Guthaben auf Girokonten) der Nichtbanken und deren Bargeldbestand seien, und das Zentralbankgeld als die Summe der Reserve und des Bargeldbestands: . Daraus folgt .

Wirtschaftliche Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept des Geldschöpfungsmultiplikators ist mechanisch, weil es auf starren Verhaltensannahmen beruht. Die Bargeldquote wird als dauerhaft konstant angenommen, tatsächlich schwankt sie im Jahresverlauf jedoch beträchtlich (Urlaubssaison). Ferner wird davon ausgegangen, dass die einzelne Geschäftsbank maximal bis zur Höhe ihrer Überschussreserve Geldschöpfung betreiben kann. Es ist tatsächlich aber denkbar, dass sie die Überschussreserve nicht voll zur Kreditgewährung ausschöpft oder sie sogar überschreitet, wenn eine Geschäftsbank über anderweitige Zentralbankgelder verfügt. Schließlich ist unsicher, ob in Höhe der Überschussreserve stets Kreditnachfrage besteht.[12]

Die Zentralbank besitzt das Monopol zur Schaffung von Zentralbankgeld, das sie durch Ankauf von Devisen (bei einer Devisenmarktintervention) oder Wertpapieren (Offenmarktpolitik oder Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems) wahrnimmt. Durch diese Geschäfte wirkt auch die Zentralbank an der aktiven Geldschöpfung mit, denn die Geldschöpfung entspricht der Zunahme der Geldbasis.[13] Geschäftsbanken können sich auch begrenzt durch Lombardkredit (Spitzenrefinanzierungsfazilität, Wertpapierpensionsgeschäfte) bei der Zentralbank Zentralbankgeld beschaffen, so dass die Überschussreserve nicht die Obergrenze für die aktive Giralgeldschöpfung darstellt.[14] Die aktive Giralgeldschöpfung erhöht das bestehende Kreditangebot des Bankensystems[15] auf dem Kreditmarkt. Deshalb führt eine expansive Geldpolitik der Zentralbank zur Erhöhung des Kreditangebots, eine restriktive ermäßigt es. Erhöht sie den Leitzins, sinkt das optimale Kreditangebot, weil sich die Refinanzierungskosten für Zentralbankgeld erhöhen und umgekehrt.[16] Gleichzeitig dürfte die Kreditnachfrage sinken.

Die Geldschöpfung erhöht – ceteris paribus – die Geldmenge in einer Volkswirtschaft bei unverändert bleibendem Güterangebot und ist damit eine Inflationsursache.[17][18] Um diese geldmengenbedingte Inflation zu bekämpfen, wenden Zentralbanken innerhalb ihrer Geldpolitik das Instrument der Mindestreserve an, deren Erhöhung – als restriktiver Teil des Geldschöpfungsmultiplikators berücksichtigt – die maximale Geldschöpfung der Geschäftsbanken einschränkt. Daneben können Zentralbanken auch weitere Instrumente einsetzen.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Geldschöpfungsmultiplikator weist in der Praxis höchstens theoretische Annäherungsmöglichkeit auf und stellt vor allem eine Korrelation in normalen Zinsniveaus dar, die jedoch an der Nullzinsgrenze (Negativzins) bzw. in einer Liquiditätsfalle nicht mehr gilt.[19] Da Zentralbankgeld (bis auf Bargeld) nicht in den Geldkreislauf der Realwirtschaft gelangt, weil Nichtbanken keinen Zugang zu Konten bei der Zentralbank und damit Zugriff auf Zentralbankgeld haben, kann dementsprechend bei einer Ausweitung von Zentralbankgeld, z. B. im Rahmen von quantitativer Lockerung (QE), auch nicht von einer direkt inflationär wirkenden „Geldschwemme“ gesprochen werden. Ein solche Formulierung, wie sie häufig in den Medien vorzufinden ist,[20][21] ignoriert die fundamentalen Unterschiede zwischen Zentralbankgeld und Giralgeld bzw. unterstellt einen – in der Realität nicht vorhandenen – stabilen kausalen Zusammenhang zwischen beiden Größen auf Basis eines Geldschöpfungsmultiplikator-Modells.

Ein wesentlicher dabei unbeachteter Faktor ist die auch von der Konjunktur abhängige Höhe der Kreditnachfrage der Nichtbanken. Claus Köhler wies am Beispiel des Rezessionsjahres 1975 darauf hin.[22]

Das klassische Multiplikator-Modell geht von der Notwendigkeit des Einwerbens von Spareinlagen aus. Das ist nur bedingt richtig, nämlich aus einzelwirtschaftlicher Sicht und nur für die einzelne Bank. Tatsächlich ist der Kausalzusammenhang bei gesamtwirtschaftlicher Betrachtung umgekehrt zu erkennen: Die Summe der Einlagen entsteht im Gesamtbankensystem aus der Nettokreditvergabe der Geschäftsbanken, und nur wenn die Verbindlichkeiten (Einlagen) einer einzelnen Bank A zum Tragen kommen, vermindert dies ihre Liquidität, erhöht (bei Vernachlässigung erhöhter Bargeldhortung) jedoch gleichzeitig die Liquidität der komplementären Bank B, womit ebendiese über eine erhöhte Überschussreserve und erhöhte Kreditvergabemöglichkeit verfügt. Bank A benötigt zu weiteren Kreditvergaben nun eventuell Refinanzierungskredit entweder von der Zentralbank oder von Banken (Interbankenhandel), die über überschüssige Zentralbankguthaben verfügen.

Die Zentralbank stellt dem Bankensystem grundsätzlich das für die Mindestreserven und den Bargeldumlauf benötigte Zentralbankgeld zur Verfügung. Angebotsseitig ist die Kreditvergabe der Geschäftsbanken primär von der Zinspolitik der jeweiligen Zentralbanken abhängig,[23] nachfrageseitig vor allem von der Investitionsbereitschaft des Unternehmenssektors.[24]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Henry Dunning Macleod, Credit, in: A Dictionary of Political Economy, 1863, S. 573–581
  2. Chester A Phillips, Bank Credit: A Study of the Principles and Factors underlying Advances made by Banks to Borrowers, The Macmillan Company/New York, 1920, S. 38 f.
  3. Chester A Phillips, Bank Credit, in: Political Science Quarterly 36 (2), 1921, S. 323–326
  4. James Harvey Rogers, The Absorption of Bank Credit, in: Econometrica 1 (1), 1933, S. 63–70
  5. Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 461
  6. Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462; ISBN 978-3-486-24233-1
  7. Annette L. Dernick/Uwe Gail/Dieter Hesberg/Christian-Horst Musiol/Wolfgang Schwarzer/Eva-Bettina Ullrich, Steuerung und Führung im Unternehmen, 2016, S. 167
  8. Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462
  9. Thomas M. Dewner/Jürgen Krumnow/Thomas A. Lange/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank - Börse – Finanzierung, 2000, S. 580
  10. Verlag Dr. Th. Gabler (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 3, 1984, Sp. 1694; ISBN 3-409-30344-8
  11. Wolfgang Cezanne, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, München, 2005, S. 413; ISBN 978-3-486-25984-1
  12. Thomas M. Dewner/Jürgen Krumnow/Thomas A. Lange/Ludwig Gramlich (Hrsg.), Gabler Bank-Lexikon: Bank - Börse – Finanzierung, 2000, S. 580 f.
  13. Olivier Blanchard/Gerhard Illing, Makroökonomie, 2009, S. 174
  14. Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2011, S. 60
  15. Heinz-Josef Bontrup, Volkswirtschaftslehre: Grundlagen der Mikro- und Makroökonomie, 2004, S. 462 f.
  16. Wolfgang Cezanne, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 2005, S. 414
  17. Ricarda Kampmann/Johann Walter, Makroökonomie, 2013, S. 62
  18. Michael Burda/Charles Wyplosz, Makroökonomie, 2018, S. 432
  19. Paul De Grauwe: The European Central Bank as a lender of last resort. In: VoxEU.org. 18. August 2011, abgerufen am 10. Juni 2018.
  20. Handelsblatt: Trotz Geldschwemme: EZB kommt Inflationsziel nicht näher. (handelsblatt.com [abgerufen am 10. Juni 2018]).
  21. Patrick Bernau: Euro-Tsunami: Die große Geldschwemme. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 10. Juni 2018]).
  22. Claus Köhler, Probleme der Zentralbankgeldsteuerung, in: Probleme der Geldmengensteuerung, Berlin, 1978. S. 32 f – siehe Auszug: Monetäres Ziel erreicht – Nachfrage- und Wachstumsziel verfehlt. (PDF).
  23. Bank of England, Quarterly Bulletin 2014 Q1: Money creation in the modern economy, S. 14 (PDF)
    englisch The amount of money created in the economy ultimately depends on the monetary policy of the central bank. In normal times, this is carried out by setting interest rates
  24. Claus Köhler, Probleme der Zentralbankgeldsteuerung, in: Probleme der Geldmengensteuerung. Berlin, 1978