Gemeinschaft Sant’Egidio

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Die Kirche Sant’Egidio in Rom

Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist eine als „Öffentlicher Verein von Gläubigen in der Kirche“[1] von der römisch-katholischen Kirche anerkannte geistliche Gemeinschaft, die 1968 von Andrea Riccardi in Rom als Laienbewegung von Schülern und Studenten gegründet wurde. Sie ist nach ihrem Hauptsitz, dem ehemaligen Kloster Sant’Egidio im römischen Stadtteil Trastevere, benannt.

Struktur und Verbreitung[Bearbeiten]

Die Gemeinschaft gibt an, dass es keine formelle Mitgliedschaft gebe, deswegen könne die Zahl derjenigen, die Sant’Edigido angehören, nur geschätzt werden. Das Kompendium des päpstlichen Laienrats für internationale Bewegungen nannte für 2006 eine Zahl von 50.000 Mitgliedern.[2]

Alle vier Jahre wählt eine aus etwa 40 Repräsentanten bestehende Wahlversammlung den Präsidenten und einen Rat als richtungweisendes Organ. Derzeitiger Präsident der Gemeinschaft ist Marco Impagliazzo, der zuletzt im Dezember 2014 wiedergewählt wurde. Außerdem gibt es einen geistlichen Generalassistenten.

Im deutschsprachigen Raum sind die Gemeinschaften in Form eines eingetragenen Vereins organisiert.[3] Erster Vorsitzender der Gemeinschaft Sant’Egidio e.V. ist Klaus Reder.[4] Dem Verein wurde am 23. April 2009 das DZI-Spendensiegel[5] zuerkannt.

Selbstverständnis[Bearbeiten]

Die Gemeinschaft betrachtet die Auseinandersetzung mit der Bibel, das Hören auf das Wort Gottes, das Gebet, die „Weitergabe des Evangeliums“, die „Freundschaft mit den Armen“, die Ökumene, den interreligiösen Dialog und den Einsatz für Frieden und Menschenrechte als zentral.

Das Gebet[Bearbeiten]

Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens ist das gemeinsame Abendgebet, das offen ist und in zentralen Kirchen stattfindet. Dabei wird jeweils eine Bibelstelle ausgelegt. Am Sonntag treffen sich die Gemeinschaften zur Eucharistiefeiern.[6]

Soziales Engagement[Bearbeiten]

Den sozialen Einsatz, im Besonderen durch persönliche Beziehungen, bezeichnet die Gemeinschaft Sant’Egidio als „Freundschaft mit den Armen“. Dazu gehören:

Kinder und Jugendliche[Bearbeiten]

In „Schulen des Friedens“ sollen bei der Hausaufgabenbetreuung Werte der Menschlichkeit, des Friedens und des Zusammenlebens auf der Grundlage des christlichen Glaubens vermittelt werden.[7] Das „Land des Regenbogens“ ist eine weltweite Bewegung der Gemeinschaft, in der sich Kinder für die Rechte von Kindern weltweit einsetzen sollen.

Alte Menschen[Bearbeiten]

In Europa unterstützt die Gemeinschaft alte Menschen. In den 90er Jahren entstand die Bewegung „Es lebe, wer alt ist“ und versucht, die Rechte der alten Menschen zu vertreten.

Mensa für Obdachlose und Bedürftige[Bearbeiten]

Die Gemeinschaft unterhält „Mensen“ in denen Mahlzeiten angeboten werden.

Sprachschule für Flüchtlinge und Neubürger[Bearbeiten]

Die Sprachschule „Louis-Massignon-Schule“, benannt nach dem französischen Orientalisten Louis Massignon, bietet in verschiedenen europäischen Ländern kostenlose Sprachkurse und eine Einführung in die Kultur des Gastlandes an.

Menschen mit Behinderung – Bewegung „Die Freunde“[Bearbeiten]

Es werden spiritueller Austausch, religiöse Fortbildungen und Freizeitgestaltung für erwachsene Menschen mit Behinderung angeboten.[8] Die Bewegung „Die Freunde“ ist eine von Behinderten der Gemeinschaft getragene Vereinigung, die durch den Verkauf von selbstgemalten Bildern der eigenen Malschule, unter anderem das DREAM-Programm für die AIDS-Kranken in Afrika unterstützt.

Frieden[Bearbeiten]

Die Bewegung „Menschen des Friedens“ ist ein Zusammenschluss von Menschen aus verschiedenen Völkern, Kulturen und Religionen, die einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben, zu Dialog und Gastfreundschaft sowie zu einer toleranten und offenen Gesellschaft leisten möchten.

Die Gemeinschaft war als Moderatorin oder Beobachterin an zahlreichen erfolgreichen Friedensverhandlungen beteiligt, etwa für Guatemala, den Kosovo, die Elfenbeinküste, den Südsudan[9], sowie mit einem Vermittlungsversuch in Algerien.[10] Ihr bedeutendster diplomatischer Erfolg ist die Vermittlung des Friedensvertrags für Mosambik am 4. Oktober 1992, dem Allgemeinen Friedensabkommen von Rom, das einen sechzehnjährigen Bürgerkrieg beendete; hier arbeitete sie mit der UN und zahlreichen Staaten zusammen.[11][12][13] Weitere Initiativen beziehen sich auf eine Vermittlungstätigkeit für Casamance im Senegal[14] und für die Region Mindanao auf den Philippinen, für die in Zusammenarbeit mit der großen islamischen Vereinigung Muhammadiyah aus Indonesien eine Vermittlerfunktion übernommen wurde.[15]

Dream-Programm[Bearbeiten]

DREAM (Drug Resource Enhancement against AIDS and Malnutrition) ist ein Programm zur Bekämpfung von HIV/AIDS in Afrika. Es kombiniert medizinische Maßnahmen wie die AIDS-Therapie, die Vorbeugung gegen die Mutter-Kind-Übertragung von HIV und die Behandlung von opportunistischen Infektionen mit nicht-medizinischen Aktivitäten, z. B. Aufklärung, Einbeziehung von HIV-positiven Personen in die Versorgung der Patienten (Aktivisten), Aufbau von Selbsthilfegruppen, Fortbildung von medizinischem Personal oder Lebensmittelhilfen. Dabei strebt DREAM einen europäischen Standard der medizinischen Leistungen an.[16] Alle Leistungen sind für die Patienten kostenlos.

Seit 2002 richtete DREAM in zehn afrikanischen Ländern (Mosambik, Malawi, Tansania, Kenia, Angola, Nigeria, Kamerun, Guinea, Guinea-Bissau, DR Kongo) 38 Tageskliniken ein, vor allem in staatlichen und kirchlichen Gesundheitseinrichtungen. Alle Zentren sind in die jeweiligen nationalen AIDS-Programme integriert und arbeiten nur mit lokalem Personal. Bisher wurden über 151.000 Patienten aufgenommen, von denen etwa 91.000 mit der AIDS-Therapie begonnen haben; 21.000 Kinder sind von HIV-positiven Müttern geboren, wobei durch die medizinischen Hilfen die HIV-Übertragungsrate auf die Neugeborenen von etwa 30 % auf 2 % gesenkt wird.

Zur Klärung medizinischer Fragestellungen werden im Rahmen des DREAM-Programms auch nicht-interventionelle Studien u.a. zur Mutter-Kind-Übertragung, Adhärenz der Patienten, Einfluss der Ernährung und Resistenzen des HI-Virus durchgeführt.[17]

Einsatz zur Abschaffung der Todesstrafe[Bearbeiten]

Seit 1998 setzt sich die Gemeinschaft für ein weltweites Moratorium der Todesstrafe ein. Einen Appell, den 2007 über 5 Millionen Menschen weltweit unterzeichneten, hat nach Auffassung der Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit der World Coalition against the Death Penalty (WCADP) dazu beigetragen, dass die UNO-Vollversammlung am 18. Dezember 2007 mit großer Mehrheit für eine Resolution stimmte, die weltweit ein Moratorium fordert.[18]

Friedenstreffen[Bearbeiten]

Beim Weltgebetstreffen 1986 in Assisi halfen Mitglieder der Gemeinschaft Sant’Egidio bei der logistischen Durchführung.[19] Die Gemeinschaft gestaltet seitdem jährliche „Internationale Friedenstreffen“, so 2003 in Aachen, 2011 in München,[20] 2012 in Sarajevo,[21] 2013 in Rom und 2014 in Antwerpen.[22]

Kritik[Bearbeiten]

Der italienische Journalist Sandro Magister behauptete 2003 in „L’Espresso“-Artikeln,[23] es gäbe „interne Versammlungen“, in denen sich das einzelne Mitglied vor der Gruppe für sein Handeln und seinen gelebten Glauben verantworten müsse. Der Leiter der örtlichen Gemeinschaft befinde über den Weg, den der Einzelne in der Gemeinschaft gehe. Wer eigene bzw. kritische Gedanken äußere, werde zunächst aus der Versammlung und gegebenenfalls auch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Neumitglieder und Mitglieder ohne Leitungsfunktionen werden über die innere Struktur nicht aufgeklärt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Andrea Riccardi bei seinem Vortrag im Rahmen des Karlspreis-Europa-Forums

Auswahl von Auszeichnungen[24]:

Im Januar 2002 stellte die italienische Abgeordnetenkammer einen Antrag an die italienische Regierung, die Gemeinschaft Sant’Egidio für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.[32] Dasselbe tat die Quäker-Vereinigung American Friends Service Committee (AFSC).[33]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Albert Franz (Hrsg.): Weltreligionen für den Frieden. Die Internationalen Friedenstreffen von Sant’Egidio. Paulinus Verlag, Trier 1996, ISBN 3-7902-0095-6.
  • Andrea Riccardi, Jean-Dominique Durand und Régis Ladous: Sant’Egidio – Rom und die Welt. Gespräche mit Jean-Dominique Durand und Régis Ladous. EOS Verlag, St. Ottilien 1998, ISBN 3-88096-453-X.
  • R. Morozzo della Rocca (Hrsg.): Wege zum Frieden. Die internationale Friedensarbeit der Gemeinschaft Sant’Egidio. Würzburg 2010, ISBN 978-3-429-03274-6.
  • R. Morozzo della Rocca (Hrsg.): Mosambik – Frieden schaffen in Afrika. Echter Verlag, Würzburg, ISBN 978-3-429-02582-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Eigene Seiten[Bearbeiten]

Presseberichte und andere Informationen[Bearbeiten]

Kritische Darstellungen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Codex iuris canonici (1983), can. 312; Kirchenrecht der lateinischen Kirche in der gültigen Fassung von 1983 (Kapitel II: Öffentliche Vereine von Gläubigen)
  2. Pontifical Council for the Laity: International Associations of the Faithful: Sant’Egidio Community. abgerufen am 13. Juli 2015.
  3. Gemeinschaft Sant’Egidio e.V., eingetragen beim Amtsgericht Würzburg (VR 986, Stand: 20. November 2006).
  4. Vereinsregister Amtsgericht Würzburg, Stand: 31. August 2011.
  5. Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen: Gemeinschaft Sant’Egidio e.V. . Abgerufen am 13. Juli 2015.
  6. Vgl. zum Selbstverständnis: Vicenzo Paglia: Das Wort Gottes jeden Tag 2014/2015. Sant’Egidio Bücher, Würzburg 2014, S. 7–16.
    Gemeinschaft Sant’Egidio: Gesang der Psalmen. Würzburg 2006, S. 7–18.
  7. Die Schulen des Friedens in der Welt. Website von Sant’Egidio, abgerufen am 13. Juli 2015.
  8. Die Arbeit wird ausführlich beschrieben in: Gemeinschaft Sant’Egidio: Jesus als Freund. Mit geistig behinderten Menschen auf dem Weg des Evangeliums. Würzburg 2004
  9. Christoph Albrecht: Die Gemeinschaft Sant’Egidio und ihr Friedensschaffen. friZ – Zeitschrift für Friedenspolitik, 5/2000
  10. Sandro Magister: Sant’Egidio „Ad Extra“: Disaster in Algeria. L’Espresso, 9. April 1998 (englisch)
    Sandro Magister: St. Egidio and Algeria. An Ambassador’s Disturbing Revelations. L’Espresso, 23. Dezember 2003 (englisch)
  11. Roberto Morozzo della Rocca: Mosambik. Frieden schaffen in Afrika. Echter, Würzburg 2003, ISBN 3-429-02582-6
  12. International Balzan Foundation: Balzan Preis 2004 für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkefrn: Gemeinschaft Sant’Egidio – DREAM. 18. November 2004; abgerufen am 13. Juli 2015.
  13. Andrea Bartoli: Forgiveness and Reconciliation in the Mozambique Peace Process. In: Raymond G. Helmick, Rodney L. Petersen (Hrsg.): Forgiveness and Reconciliation: Religion, Public Policy, and Conflict Transformation. ISBN 978-1890151843
  14. Gemeinschaft Sant’Egidio erreicht die Freilassung von Soldaten Senegals, die in Casamance gefangen gehalten wurden. Pressemitteilung Sant’Egidio, 9. Dezember 2012.
  15. Philippinen: Internationale Friedenskonferenz auf Mindanao. Zenit, 5. Juni 2014.
  16. Katherine Marshall: Interfaith Health-Care Reform. faithstreet.com, 16. August 2009.
  17. Maria Cristina Marazzi, Giuseppe Liotta, Giovanni Guidotti, Leonardo Palombi: DREAM - An Integrated Faith-Based Initiative to Treat HIV/Aids in Mozambique - case study. World Health Organization, Genf, 2005, ISBN 92-4-159298-2 (pdf; 384 kB).
    Maria Cristina Marazzi, Giuseppe Liotta, Paola Germano, Giovanni Guidotti, A. Doro Altan, Susanna Ceffa, Massimo Magnano San Lio, Karin Nielsen-Saines, and Leonardo Palombi: Excessive Early Mortality in the First Year of Treatment in HIV Type 1-Infected Patients Initiating Antiretroviral Therapy in Resource-Limited Settings. AIDS Research And Human Retroviruses, 2008, 24(4), S. 555–560 (pdf)
  18. Artikel über die Übergabe der Unterschriften: Iniziativa popolare per fermare il boia “È la volontà di 154 Paesi, non può essere ignorata”. Aus: Avvenire. Marco Impagliazzo: Pena capitale le firme del mondo. Aus: il Mattino.
    Artikel über die Abstimmung: Menschenrechte: Uno-Ausschuss fordert Stopp der Todesstrafe. Spiegel Online, 16. November 2007.
    Mit ausdrücklicher Erwähnung von Sant’Egidio: UNO: Vatikan begrüßt Beschluss zur Todesstrafe. Meldung von Radio Vatikan, 16. November 2007
  19. Aloysius Kedl: Father Marcello Zago’s Role in the Celebration of the 1986 Day of Prayer for Peace at Assisi. In: Vie Oblate Life 65/1 (2006) (PDF; 377 kB), S. 37.
  20. Daniel Deckers, Reinhard Bingener: Friedenstreffen: Die bessere Variante des Religiösen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. September 2011.
  21. Botschaft des Friedens und der Toleranz. Die Tagespost, abgerufen am 13. Juli 2015.
  22. Deckers Daniel: Eine Welt in Flammen: Religiöse Führer sprechen über Krieg und Frieden. Artikel aus der Frankfurter AllgemeineN Zeitung vom 9. September 2014 auf der Website der Gemeinschaft Sant’Egidio; abgerufen am 13. Juli 2015.
  23. Sandro Magister: Twenty-Five Years in the Community of Sant’Egidio : A Memoir. Mit einem Text von Giuliano Fiorese: The Life of Sant’Egidio. repubblica.it, 15. Mai 2003 (englisch).
  24. Comunità di Sant’Egidio: Premi e riconoscimenti. Abgerufen am 13. Juli 2015.
  25. UNESCO: Félix Houphouët-Boigny Peace Prize 1999 Prizewinner: Community of Sant’Egidio. Abgerufen am 13. Juli 2015.
  26. Landkreis Dillingen: Repräsentanten von rund 50 Gemeinschaften nehmen an der Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises in Dillingen teil. Pressemitteilung 17. April 2014.
  27. Stadt Goch, Bürgermeister: Die Gemeinschaft Sant’Egidio und ihr Gründer Andrea Riccardi erhalten den ersten, mit 15.000 Euro dotierten Arnold-Janssen-Preis der Stadt Goch. 26. September 2003 (pdf; 71 kB)
  28. Internationale Balzan Stiftung: Balzan-Preisträger für 2004 ernannt. 7. September 2004 (pdf; 62 kB)
  29. Search for Common Ground: Search for Common Ground Announces the 2004 Common Ground Awards Honoring Individuals and Organizations’ Achievements in Peacebuilding, Februar 2004
  30. Sant’Egidio erhält Wissenschafts-Preis. Die Tagespost, Teaser abgerufen am 13. Juli 2015.
  31. Der Karlspreisträger 2009 Andrea Riccardi. Abgerufen am 13. Juli 2015.
  32. Repubblica Italiana, Camera dei Deputati: Mozione Ciani ed altri N. 1-00027 concernente la Comunità di Sant’Egidio. 88. Sitzung, 29. Januar 2002
    Repubblica Italiana – Camera dei Deputati: Resoconto stenografico dell’Assemblea. Stenographisches Protokoll der 88. Sitzung, 29. Januar 2002
  33. AFSC Nominates Community for Nobel Peace Prize. American Friends Service Committee, 11. Januar 2002.