Grundsatz der Nichtzurückweisung

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Der Grundsatz der Nichtzurückweisung, auch Nichtzurückweisungsprinzip oder (aus dem Französischen non-refoulement) Non-refoulement-Gebot oder Refoulement-Verbot genannt, ist ein völkerrechtlicher Grundsatz, der die Rückführung von Personen in Staaten untersagt, in denen ihnen Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Es ist als Grundprinzip des humanitären Umgangs mit Flüchtlingen als Völkergewohnheitsrecht (opinio iuris) anerkannt.

Genfer Flüchtlingskonvention und UN-Antifolterkonvention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Grundsatz ist in Artikel 33 der Genfer Flüchtlingskonvention vom Juli 1951, ergänzt durch das New Yorker Protokoll vom 31. Januar 1967 verankert:

  1. Keiner der vertragschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde.
  2. Auf die Vergünstigung dieser Vorschrift kann sich jedoch ein Flüchtling nicht berufen, der aus schwerwiegenden Gründen als eine Gefahr für die Sicherheit des Landes anzusehen ist, in dem er sich befindet, oder der eine Gefahr für die Allgemeinheit dieses Staates bedeutet, weil er wegen eines Verbrechens oder eines besonders schweren Vergehens rechtskräftig verurteilt wurde.[1]

Artikel 3 der UN-Antifolterkonvention verbietet ebenfalls die Zurückweisung:

  1. Ein Vertragsstaat darf eine Person nicht in einen anderen Staat ausweisen, abschieben oder an diesen ausliefern, wenn stichhaltige Gründe für die Annahme bestehen, dass sie dort Gefahr liefe, gefoltert zu werden.
  2. Bei der Feststellung, ob solche Gründe vorliegen, berücksichtigen die zuständigen Behörden alle maßgeblichen Erwägungen einschließlich des Umstands, dass in dem betreffenden Staat eine ständige Praxis grober, offenkundiger oder massenhafter Verletzungen der Menschenrechte herrscht. [2]

Regionale Vereinbarungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europäische Menschenrechtskonvention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Rückweisungsverbot ist durch Artikel 3 der Europäische Menschenrechtskonvention absolut gefasst und lässt keine Ausnahmen zu und ergibt sich aus:[3]

Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.[4]

Diese maßgebend strengere Vorschrift lässt auch die Ausweisung von verurteilten Straftätern in unsichere Herkunftsländer in Europa nicht mehr zu, was auch dem Strafanspruch des verurteilenden Landes entgegen kommt.[5]

Afrikanische Flüchtlingskonvention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Flüchtlingskonvention der Afrikanischen Union von 1969 enthält in Art. 2 Abs. 3 ein Refoulement-Verbot mit verpflichtendem Charakter. Der Flüchtlingsbegriff ist dabei weiter gefasst als in der Genfer Flüchtlingskonvention, die Zurückweisung an der Grenze fällt ausdrücklich unter das Refoulement-Verbot und es gibt keine umfassenden Ausnahmeklauseln. Flüchtlinge, die im Zufluchtsstaat ein schweres Verbrechen verübt haben bleiben geschützt.[6]

Amerikanische Menschenrechtskonvention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Amerikanische Menschenrechtskonvention von 1969 statuiert in Art. 22 Ziff. 8 ein umfangreiches Refoulement-Verbot. Ausländer dürfen nicht in ein Land abgeschoben oder zurückgeschickt werden, wenn dort ihr Recht auf Leben oder persönliche Freiheit verletzt zu werden droht. Offen gelassen wird, ob das Refoulement-Verbot auch für Abweisungen an der Grenze gilt. Eine Ausnahmeregel wie in Art. 33 Abs. 2 Genfer Flüchtlingskonvention gibt es nicht.[7]

EU-Sekundärrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Subsidiärer Schutz

Im europäischen Sekundärrecht wird das Prinzip u. a. in Art. 5 (Grundsatz der Nichtzurückweisung, Wohl des Kindes, familiäre Bindungen und Gesundheitszustand) der Rückführungsrichtlinie und in Art. 21 (Schutz vor Zurückweisung) der Qualifikationsrichtlinie bestätigt.

Die Frontex-Leitlinien von 2010 nahmen in Punkt 1.2 auf den Grundsatz der Nichtzurückweisung Bezug;[8] der Beschluss dieser Leitlinien wurde jedoch vom Europäischen Gerichtshof im September 2012 für nichtig erklärt, da er sowohl wesentliche Bestimmungen des Schengener Grenzkodex als auch den Inhalt der Frontex-Verordnung ändere, aber ohne die erforderliche Beteiligung des EU-Parlaments zustande kam.

Die Seeaußengrenzenverordnung (EU 656/2014) vom Juli 2014 regelt nun die völkerrechtliche Verpflichtung zur Seenotrettung und das Refoulement-Verbot bei Grenzüberwachungseinsätzen unter operativer Frontex-Koordination genauer.[9]

Der Grundsatz der Nichtzurückweisung ist dann verletzt, wenn Personen ohne Einzelfallprüfung ausgewiesen, abgeschoben oder an der Grenze zurückgewiesen werden.

Zurückweisung auf hoher See[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Europäische Union[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unklar war jedoch der Umgang mit Schutzsuchenden, die auf dem Seeweg versuchten nach Europa zu gelangen. Für den Umgang mit Schutzsuchenden bei Abfang-, Kontroll- oder Rettungsmaßnahmen sah das europäische Sekundärrecht keine Regelungen vor.[10]

Im Fall Hirsi Jamaa und andere gegen Italien stellte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2012 dann in einer Grundsatzentscheidung fest, dass

  • gemäß Art. 3 Europäischer Menschenrechtskonvention (EMRK) der rückführende Staat eine Misshandlung im Zielland verhindern müsse.
  • die Inkaufnahme einer Weiterschiebung in das folternde Herkunftsland gegen Art. 3 EMRK verstoße
  • Kollektivausweisungen auch auf hoher See und von Bootsflüchtlingen gegen Art. 4 des Protokolls 4 der EMRK verstoße
  • die Rückschiebung der Bootsflüchtlinge entgegen Art. 13 EMRK keine Rechtsmittel zuließ.

Das Urteil betrifft nicht nur das verurteilte Italien, sondern auch den Umgang anderer europäischer Staaten mit Flüchtlingen und Migranten.[11]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1993 werden Asylsuchenden die auf dem offenen Meer von Schiffen der US Küstenwache gefunden werden die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert. Vorausgegangen war eine seit 1981 anwachsender Migrationsstrom, durch den 21.800 Haitianer in die USA kamen, aber nur 6 Asylberechtigt waren. Der Oberster Gerichtshof der Vereinigten Staaten bestätigte in dem Urteil Sale, Acting Commissioner, Immigration and Naturalization Service et. al., Petitioners v. Haitian Centers Council Inc. et. al. die Praxis. Demnach gilt der Grundsatz der Nichtzurückweisung nur auf amerikanischem Staatsgebiet, nicht aber auf hoher See.[12]

Verstöße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem Bericht von Pro Asyl von 2013 beteiligte sich Frontex an Push Back Operationen als Flüchtlingsboote in die Türkei zurückgedrängt wurden.[13]

Nach Ansicht von Amnesty International verstießen 2015 mindestens 30 Staaten, darunter Australien, die Niederlande, Russland und Saudi-Arabien, gegen die Genfer Flüchtlingskonvention durch Zurückweisungen in potentiell unsichere Länder.[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verbot der Ausweisung und Zurückweisung, Jurion, abgerufen 14. Oktober 2017
  2. Übereinkommen gegen Folter, Institut für Menschenrechte, abgerufen 17. Oktober 2017
  3. Völker- und menschenrechtliche Vorgaben für Abschiebung von straffällig gewordenen Flüchtlingen. Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags. S. 10 f.
  4. Verbot der Ausweisung und Zurückweisung, dejure.org, abgerufen 17. Oktober 2017
  5. Völker- und menschenrechtliche Vorgaben für Abschiebung von straffällig gewordenen Flüchtlingen. Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags. S. 11
  6. Bianca Hofmann: Grundlagen und Auswirkungen des völkerrechtlichen Refoulement-Verbots. S. 16
  7. Bianca Hofmann: Grundlagen und Auswirkungen des völkerrechtlichen Refoulement-Verbots. S. 17
  8. Beschluss des Rates vom 26. April 2010 zur Ergänzung des Schengener Grenzkodex hinsichtlich der Überwachung der Seeaußengrenzen im Rahmen der von der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union koordinierten operativen Zusammenarbeit (2010/252/EU) (PDF) bei EUR-Lex
  9. Mechthild Baumann: Frontex – Fragen und Antworten. Bundeszentrale für politische Bildung, 15. Juni 2016, abgerufen 17. Oktober 2017
  10. Silja Klepp: Europa zwischen Grenzkontrolle und Flüchtlingsschutz: Eine Ethnographie der Seegrenze auf dem Mittelmeer. transcript Verlag, 2011, ISBN 978-3-8376-1722-1, S. 66 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. EU/Italien: Stärkung des Flüchtlingsschutzes auf hoher See. Bundeszentrale für politische Bildung, 1. März 2012, abgerufen 5. Oktober 2017
  12. Anne T. Gallagher, Fiona David, The International Law of Migrant Smuggling, Cambridge University Press, 2014, ISBN 978-1-107-01592-0, S. 100
  13. Mechthild Baumann: Frontex – Fragen und Antworten. Bundeszentrale für politische Bildung, 15. Juni 2016, abgerufen 17. Oktober 2017
  14. Australia among 30 countries illegally forcing return of refugees, Amnesty says. Guardian 24. Februar 2016, abgerufen 16. Oktober 2017
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