Hans-Joachim Selenz

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Hans-Joachim Selenz (* 29. Juni 1951 in Gudensberg) ist ein deutscher Ingenieur, Autor und ehemaliger Politiker (vormals FDP bzw. Schill-Partei, nunmehr parteilos). Er untersuchte in seinen Büchern Compliance- und Corporate-Governance-Aspekte anhand der Volkswagen AG und die Preussag AG[1]. Er widmet sich zudem der Aufarbeitung von Betrugsvorgängen in großen deutschen Publikumsgesellschaften.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans-Joachim Selenz ist ein Sohn des Realschullehrers Werner Selenz. Er wuchs in Gudensberg auf. Nach dem Abitur 1970 an der König-Heinrich-Schule in Fritzlar studierte er Stahlmetallurgie an der Technischen Universität Berlin. Selenz schloss 1976 sein Studium mit dem Diplom ab und promovierte 1980 in Berlin mit der Arbeit Ein Beitrag zum Verständnis der Verzunderung von Stahl in technischen Rauchgasen. Mit Hans Günter Geck veröffentlichte er 1986, die für die Klöckner-Werke in Georgsmarienhütte durchgeführte Studie, Vorwärmung und Reinigung von Schrott beim Blasstahlverfahren unter synchroner Nutzung der Konverterabgase.

Selenz ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.[2] Er lebt in Peine.

Manager bei Nordferro, den Klöckner Werken, Preussag und Edag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selenz arbeitete als leitender Angestellter bei den Stahlunternehmen Nordferro, Klöckner Werke AG Georgsmarienhütte und Peine Salzgitter AG. Ab 1992 war er Vorstandsmitglied und ab 1994 Vorstandssprecher der Preussag Stahl AG.

Zeit bei Preussag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1996 wurde er zum Mitglied des Vorstands der Preussag AG berufen.

Die Vorstände von Preussag und Preussag Stahl hatten sich 1997 darauf verständigt, die Tochter an die Börse zu bringen, da sich die Preussag von einem Konglomerat zu einem Logistik- und Tourismuskonzern wandeln sollte. Der ehemalige Preussag-Konzernchef Michael Frenzel, der sich von dem zyklischen Stahlgeschäft trennen wollte, favorisierte einen Verkauf der Preussag Stahl.

In der Hannoveraner Mansardenwohnung entwickelte der Niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder unterstützt von Salzgitter Vorstandsmitglied Hans-Joachim Selenz am 8. Januar 1998 den Gedanken, den kurzzeitigen Verkauf der Preussag Stahl für 1,3 Milliarden Mark an Voest rückgängig zu machen.[3] Am 9. Januar 1998 überzeugte Gerhard Schröder den Vorsitzenden des Vorstands der Westdeutschen Landesbank (WestLB) Friedel Neuber, die Großaktionärin der Preussag war, den Verkauf zu unterlassen und veranlasste den Kauf der Preussag Stahl AG durch das Land Niedersachsen für 1 Milliarde Mark.[3] Das überzeugende Dossier erstellte Hans-Joachim Selenz.

Als Vorstandsmitglied hatte Selenz „eine ganze Menge Mut und Courage bewiesen“, indem er sich dem „perfiden Vorgehen“ des Verkaufs an die Voest der Preussag Stahl AG in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ verweigerte.[4]

Abberufung und Demontage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. Februar 1998 wurde Selenz aus dem Vorstand der Preussag AG abberufen, nachdem er sich geweigert hatte, den nach seinem Dafürhalten gefälschten Jahresabschluss, die dubiose Quersubventionen von 2,5 Milliarden Mark bei der Preussag enthielten[5] zu unterzeichnen. Selenz forderte eine Sonderprüfung, die jedoch von Frenzel abgelehnt wurde.[6] Die Preussag hatte Risiken auf ihr Tochterunternehmen Babcock Borsig übertragen, um diese später zu verkaufen.[7] Die Preussag Stahl AG wurde als Salzgitter AG 1998 durch das Land Niedersachsen an der Börse platziert.

1998 wurde Selenz zum Honorarprofessur an der Universität Hannover berufen.[2]

Am 15. März 1999 trat Selenz nach Differenzen mit Vertretern der IG Metall als Vorstandsmitglied der Salzgitter AG zurück.[8] Bei Allianzgesprächen mit der luxemburgischen ARBED, die Selenz pflichtgemäß geführt hatte, trugen die IG Metall Vertreter vor, nicht ordnungsgemäß unterrichtet gewesen zu sein und Strategiegespräche seien ohne deren Wissen geführt worden.[9]

Von September 1999 bis Januar 2001 war er Vorstandsmitglied der EDAG in Fulda.

Im November 2000 sagte er gegenüber der Staatsanwaltschaft Hannover zu Betrugsvorwürfen bezüglich der WestLB/Preussag-Gruppe aus.

Am 3. Dezember 2014 und am 22. Dezember 2014[10] sagte Selenz im CDU-Fraktionssaal des Düsseldorfer Landtags im Untersuchungs-Ausschuss WestLB vor dem Vorsitzenden Peter Biesenbach aus.[11]

Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2001 kandidierte der ehemalige Sozialdemokrat für die FDP bei der Wahl des Oberbürgermeisters von Salzgitter und erhielt 17 % der Stimmen. Von Januar bis Mai 2002 war er Landesbeauftragter der von Ronald Schill gegründeten Partei Rechtsstaatlicher Offensive in Niedersachsen. Zu beiden Parteien ging er später auf Distanz.[2]

Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2005 erschienen seine Bücher Schwarzbuch VW, ein Werk über die VW-Korruptionsaffäre, und Wildwest auf der Chefetage.[1]

CleanState[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selenz ist Gründer und erster Vorsitzender des eingetragenen Vereins CleanState, der sich nach eigenen Angaben „für Recht und Gerechtigkeit in Politik, Staat und Wirtschaft“ einsetzt[12] und sich als deutschlandweite Anlaufstelle für Whistleblower versteht.[13] Zudem ist er Referent von Impulsvorträgen wie Praktische Erfahrungen mit der Gewaltenteilung.[14]

2003 stellte er Strafanzeige gegen Friedel Neuber und Michael Frenzel. Er warf beiden Bilanzmanipulation vor.[15]

2005 stellte er Strafanzeige gegen Sigmar Gabriel, der an einer Firma beteiligt war, die einen Auftrag des Autokonzerns VW über 100000 Euro erhalten hatte. Nach Selenz handele es sich hierbei um eine illegale Scheintätigkeit.[16]

Selenz verlangte von der angeschlagene HSH Nordbank 2008 eine zweite Sonderprüfung, nicht durch die Landesbank, sondern durch ein unabhängiges Institut. Die HSH Nordbank hat 45 Millionen Dollar an die US-Investmentbank Goldman Sachs gezahlt – obwohl strittig war, ob das Institut die Summe, die Goldmann Sachs gegen Kreditausfälle des US-Konkurrenten Lehman Brothers absicherte überweisen musste.[17]

Selenz ist ein hartnäckiger Kritiker des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch.[18], den er oftmals auf der VW-Hauptversammlung zur Rede stellte. 2007 stellte er Strafanzeige gegen Ferdinand Piëch. Aufgeklärt werden sollte, ob Piëch von den korrupten Betriebsräten des VWs Ex-Arbeitsdirektor Peter Hartz Kenntnis hatte[19] und wollte einen Gegenantrag zur Sonderprüfung der Konzernrevision durchsetzen, weil dieser trotz Kenntnis diverser betrügerischer Vorgänge und Affären nie Anlass zu ernsthaften Beanstandungen gesehen hatte[20]. Zudem forderte er 2008 Sonderprüfungen, die die Geschäftsbeziehungen von VW mit Unternehmen der Familien Piëch und Porsche untersuchen sollten.[21]

2012 kündigte Selenz Strafanzeige gegen den Christian-Wulff-Vertrauten Staatssekretär Lothar Hagebölling an, da dieser Wulffs Ehrensold bewilligte.[22]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein Beitrag zum Verständnis der Verzunderung von Stahl in technischen Rauchgasen, 1980
  • Schwarzbuch VW. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-8218-5612-2
  • Wildwest auf der Chefetage. Buch und Media, München 2005, ISBN 3-86520-140-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Hans-Joachim Selenz: Meine Bücher. Abgerufen am 2. April 2009.
  2. a b c Lebenslauf von Hans-Joachim Selenz. Abgerufen am 2. April 2009.
  3. a b Aachener Nachrichten vom 27. Februar 2015- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus den Aachener Nachrichten
  4. Heinz Jörg Fuhrmann in:Börsen-Zeitung vom 28. Mai 2018 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus der Börsen-Zeitung
  5. Aachener Nachrichten vom 27. Februar 2015- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus den Aachener Nachrichten
  6. Euro vom 15. Dezember 2010- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus dem Euro
  7. Euro vom 10. Dezember 2010- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus dem Euro
  8. Ewald Schulte: Salzgitter-Stahlmanager Selenz wirft das Handtuch. In: Berliner Zeitung, 6. März 1999.
  9. Börsen-Zeitung vom 16 Juni 2011- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus der Börsen-Zeitung
  10. Rheinische Post Düsseldorf vom 23. Dezember 2014- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus den Rheinischen Post
  11. Aachener Nachrichten vom 27. Februar 2015- Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus den Aachener Nachrichten
  12. Satzung des CleanState e. V. Abgerufen am 2. April 2009.
  13. Hans-Joachim Selenz: CleanState. abgerufen am 27. August 2014
  14. Rheinische Post Düsseldorf vom 14. Februar 2014 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus der Rheinischen Post.
  15. Die Welt vom 14. Januar 2003 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 13. August 2018 aus der Welt.
  16. Frankfurter Rundschau vom 25. November 2005 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 8. August 2018 aus der Frankfurter Rundschau.
  17. Aachener Nachrichten vom 22. September 2009 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 8. August 2018 aus den Aachener Nachrichten
  18. Manager Magazin vom 3. Dezember 2009 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus dem Manager Magazin
  19. Welt am Sonntag vom 22. April 2007 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 8. August 2018 aus der Welt am Sonntag
  20. Börsen-Zeitung vom 11. April 2007 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 8. August 2018 aus der Börsen-Zeitung
  21. Börsen-Zeitung vom 12. April 2008 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 8. August 2018 aus der Börsen-Zeitung
  22. General-Anzeiger Bonn vom 3. März 2012 - Artikel bei Nexis, abgerufen am 7. August 2018 aus dem Bonner Generalanzeiger