Iwan-Programm

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Das Iwan-Programm war der Name eines Programms zur Wiederinbetriebnahme der während des deutschen Vormarsches in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges besetzten Werke der sowjetischen Schwerindustrie in der Ukraine.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Rückzug der Roten Armee waren die Betriebe der Eisen- und Stahlindustrie auf Befehl Stalins großteils zerstört worden, um sie für die vorrückenden Deutschen unbrauchbar zu machen.[1] Im Rahmen des von Rüstungsminister Albert Speer Mitte Mai 1942 angeordneten Iwan-Programms sollten alle Hüttenwerke und die dazugehörigen Betriebe im Donez-Becken und Dneper-Bogen schnellstmöglich wieder in Betrieb genommen werden, um frontnah Rüstungsgüter, insbesondere Granaten, für die Wehrmacht produzieren zu können. Mit der Umsetzung des Programms wurde Edmund Geilenberg beauftragt. Deutsche Unternehmen der Montanindustrie hatten kein oder wenig Interesse, die Werke zu übernehmen, da unabsehbar war, wann diese wieder profitabel betrieben werden könnten, und weil sie die in ihren Stammwerken dringend benötigten Fachleute nicht abgeben wollten.[2] Schließlich erklärten sie sich dazu bereit, als sogenannte „Patenbetriebe“ für die Wiederherrichtung einzelner Werke zu sorgen, nachdem absehbar war, dass sie anderenfalls durch Weisungen dazu verpflichtet worden wären.[3]

Das Programm kam mit dem deutschen Rückzug 1943 zum Ende. Während des Rückzuges wurde ein erheblicher Teil der kurz zuvor aufgebauten Betriebe demontiert und die nicht demontierbaren Teile durch gezielte Sprengungen unbrauchbar gemacht. Die Produktionsziele des Programms wurden zu keinem Zeitpunkt seiner kurzen Existenz voll erreicht.[4]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Flick-Konzern errichtete innerhalb kürzester Zeit die Dnjepr Stahl GmbH,[5] die eine Vielzahl von ehemals sowjetischen Montankombinaten übernahm. Neben Flick waren weitere deutsche Großunternehmen in das Programm einbezogen:

Weitere Zuliefererwerke des Programms in der Ukraine waren:[9]

  • Fa. Van de Loo & Co. in Saporoshje (Zünderfertigung)
  • Magnesiumwerk, Verwert-Chemie GmbH in Saporoshje
  • Südwerft Nikolajew in Nikolajew (Modell- und Vorrichtungsbau)
  • Dynamit AG im Chemiewerk Pawlohrad in der Stadt Pawlograd
  • Dnjepr-Metall Union in Novo-Saporoshje
  • Dnjepr-Sinter Werk in Kaidaki
  • Dnjepr-Holz GmbH, Nishnij-Dnjepropetrowsk (Fertigung von hölzernen Munitionspackgefäßen)
  • Dnjepr-Beschlag, (Fa. Rinker), in Dnjepropetrowsk (Fertigung von Beschlägen für Munitionspackgefäße)
  • Bergbau- und Hüttenbedarf AG, in Kaidaki (Gießerei- und Schmiedearbeiten für das Iwan-Programm)
  • Polte Armaturen- und Maschinenfabrik OHG, in Saporoshje (Beute-Granathülsen-Rekalibrierung)

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geplant war zunächst folgende Produktion pro Monat (bei Steigerung in jedem weiteren Monat des fünfmonatigen Produktionhochlaufplans):

  • Monat 1: 50.000 Schuss 10,5-cm-Granaten, 25.000 Schuss 15-cm-Granaten, 5.000 Schuss 21-cm-Granaten
  • Monat 2: 100.000 Schuss 10,5-cm-Granaten, 50.000 Schuss 15-cm-Granaten, 10.000 Schuss 21-cm-Granaten
  • Monat 3: 150.000 Schuss 10,5-cm-Granaten, 75.000 Schuss 15-cm-Granaten, 15.000 Schuss 21-cm-Granaten
  • Monat 4: 200.000 Schuss 10,5-cm-Granaten, 100.000 Schuss 15-cm-Granaten, 20.000 Schuss 21-cm-Granaten
  • Monat 5: 250.000 Schuss 10,5-cm-Granaten, 125.000 Schuss 15-cm-Granaten, 25.000 Schuss 21-cm-Granaten

Wegen Anlaufschwierigkeiten wurde das Programm zunächst rein auf die Fertigung von 10,5-cm-Granaten konzentriert. Der Produktionsbeginn für die 15-cm- und 21-cm-Granaten sollte später erfolgen. Auf Anordnung des Reichsministerium für Bewaffnung und Munition vom 6. August 1943 sollten die Ausstoß-Termine des Iwan-Programms um drei Monate vorverlegt werden. Mit der angelaufenen Produktion im August 1943 wurde für September die Fertigung von 150.000 Geschossen 10,5 cm eingeplant. Die Vorbereitung zum Anlauf der Produktion von 15-cm- und 21-cm-Granaten wurde im August 1943 begonnen.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Matthias Riedel: Bergbau und Eisenhüttenindustrie in der Ukraine unter deutscher Besatzung (1941–1944). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 21 (1971), S. 245–284, hier S. 250–251.
  2. Matthias Riedel: Bergbau und Eisenhüttenindustrie in der Ukraine unter deutscher Besatzung (1941–1944). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 21 (1971), S. 245–284, hier S. 269–270.
  3. Matthias Riedel: Bergbau und Eisenhüttenindustrie in der Ukraine unter deutscher Besatzung (1941–1944). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 21 (1971), S. 245–284, hier S. 270.
  4. Kim Christian Priemel: Flick – Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Wallstein Verlag, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0219-8.
  5. Norbert Frei: Flick: Der Konzern, die Familie, die Macht. Karl Blessing Verlag, München 2009, ISBN 3-89667-400-5.
  6. a b c d Matthias Riedel: Bergbau und Eisenhüttenindustrie in der Ukraine unter deutscher Besatzung (1941–1944). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 21 (1971), S. 245–284, hier S. 271.
  7. a b Thomas Ramge: Die Flicks. Campus Verlag, 2004, ISBN 978-3-593-37404-8, S. 123 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Alexander Donges: Die Vereinigte Stahlwerke AG im Nationalsozialismus. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-657-76628-4, S. 392.
  9. Vgl. Wirtschaftsinspektion Süd, Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion Ukraine Teil XXVI, Rückblick auf die Rüstungswirtschaftliche Entwicklung vom 01.07. – 30.09.1942, Bundesarchiv-Militärarchiv Wi I D/413
  10. Vgl. Wirtschaftsinspektion Süd, Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion Ukraine Teil XXVV, Lagebericht per 31.07.1943 Bundesarchiv-Militärarchiv Wi I D/413