Jörg Becker (Politikwissenschaftler)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Jörg Becker 2011

Jörg Becker (* 17. September 1946 in Bielefeld) ist ein deutscher Gesellschaftswissenschaftler und Kommunalpolitiker (parteilos, aber aktiv für Die Linke).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jörg Becker studierte von 1966 bis 1970 Politikwissenschaft, Germanistik und Pädagogik an den Universitäten Marburg, Tübingen und Bern. 1970 schloss er sein Studium mit dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Marburg ab. 1977 promovierte er zum Dr. phil. am Fachbereich Gesellschaftswissenschaft der Universität Marburg, wo er sich 1981 auch habilitierte. 1987 verlieh ihm der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Universität Marburg den Titel Honorarprofessor und die Technische Hochschule Darmstadt den Titel Privatdozent. Von 1987 bis 1992 war Becker Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 1999 bis 2011 lehrte er als Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck.

Becker arbeitete von 1971 bis 1975 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt am Main und von 1974 bis 1980 als wissenschaftlicher Berater der Frankfurter Buchmesse. Seit dieser Zeit arbeitet er als freiberuflicher Sozialwissenschaftler. Von 1987 bis 2010 stand er dem von ihm gegründeten Institut für Kommunikations- und Technologieforschung KomTech GmbH, zunächst in Frankfurt und dann in Solingen, als Hauptgesellschafter und wissenschaftlicher Direktor vor. Minderheitsgesellschafter war Arthur Fischer, Geschäftsführer des Frankfurter Marktforschungsinstituts Psydata GmbH.

Becker ist mit Ulli Becker, Lehrerin am Gymnasium Vogelsang Solingen, verheiratet, hat vier Kinder und zwei Enkel. Er lebt in Solingen im Bergischen Land. Becker sitzt als parteiloser Vertreter der Partei Die Linke im Rat der Stadt Solingen.[1]

Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beckers Hauptaugenmerk gilt der internationalen Medienpolitik, besonders im Hinblick auf Lateinamerika, Afrika und Asien. Stand in seinen Arbeiten über Kinder- und Jugendbücher zunächst das Bild der Dritten Welt in deutschen Medien im Vordergrund, wandte er sich schon bald strukturellen Fragen einer Neuen Internationalen Informationsordnung (NIIO) zu. Für das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt, die Evangelische Akademie Arnoldshain, die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bonn und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn veranstaltete Becker in den achtziger Jahren dazu zahlreiche internationale Konferenzen und betreute viele Projekte. In den neunziger Jahren wandte er sich in Kooperation mit der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in St. Augustin der Medien- und Technologiepolitik im Allgemeinen und besonders in Osteuropa zu. Seit der Jahrtausendwende konzentriert er sich auf die beiden Themenfelder Medien und Krieg und Medien und Migration.

Beckers umfangreiches wissenschaftliches und journalistisches Werk liegt komplett im Stadtarchiv Solingen.

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Nachfolge der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer versteht sich Becker als Gesellschaftstheoretiker, der die politische Funktion von Kommunikation und Medien für die Gesellschaft untersucht und nicht als Kommunikations- und Medienwissenschaftler. Vom demokratietheoretischen Potential der Medien als Vierter Gewalt und einer staats- und kommerzfernen kritischen Öffentlichkeit ausgehend, stehen Fragen der politischen Ökonomie der Medien, der Medienmanipulation, des Machtmissbrauchs und der ideologischen Rolle von Medien im Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses. In seinen Arbeiten über außereuropäische Kulturen vertritt Becker weder die Position eines philosophischen Universalismus noch die eines Kulturrelativismus, sondern die vermittelnde Position eines relativen Kulturrelativismus.

Viele Arbeiten von Becker wurden von etablierter Seite kritisiert. So zum Beispiel seine Studie über Datenbankkooperation im Ost-West-Konflikt von 1985, die den empirischen Nachweis erbrachte, dass es entgegen regierungsoffizieller Stellungnahmen eine umfangreiche Zusammenarbeit zwischen Datenbanken in Osteuropa und der BRD gab[2] oder seine Arbeit über das TV-Programm der Deutschen Welle 1998, die zeigen konnte, dass dieses teure TV-Programm in Asien keinerlei Rolle spielt.[3]

Beckers im April 2013 erschienene Biographie über Elisabeth Noelle-Neumann polarisierte die Öffentlichkeit und wurde ausgesprochen kontrovers diskutiert. Negativen Rezensionen und Verrissen in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt, der Neuen Zürcher Zeitung, und der Jungen Freiheit[4] standen positive Besprechungen in Falter, Sozialismus, Hintergrund, Junge Welt, Neue Rheinische Zeitung, triple c, Neues Deutschland, Ossietzky und dem European Journal of Communication[5] gegenüber. Schon bald nach der Veröffentlichung dieses Buches stellte Ralph Erich Schmidt-Noelle, Großneffe und Adoptivsohn von Elisabeth Noelle-Neumann, vor dem Landgericht Köln einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen das Buch, da Beckers Behauptung falsch sei, Elisabeth Noelle-Neumann habe eine ihrer Entnazifizierungsurkunden gefälscht. Becker verpflichtete sich in einer Unterlassungserklärung, den Fälschungsvorwurf nicht weiterhin zu erheben,[6] doch weitere nachgewiesene inhaltliche Fehler zwangen Becker und seinen Verlag, das Buch vom Markt zu nehmen.[7] Seit August 2013 ist diese Biographie über Elisabeth Noelle-Neumann nicht mehr erhältlich.[8]

Neben seiner Tätigkeit als Sozialwissenschaftler zeichnet sich Becker als aktiver Fachjournalist aus. Er veröffentlicht seine Beiträge in epd-entwicklungspolitik, Frankfurter Rundschau, Neues Deutschland, Junge Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Solinger Morgenpost, Le Monde Diplomatique, Basler Magazin und Die Presse. Von 2007 bis 2009 schrieb er eine regelmäßige Kulturkolumne in der in Offenbach erscheinenden türkischen Zeitschrift Zukunft.

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beckers vielfältige Erfahrungen in der akademischen Lehre führten ihn in verschiedenen Funktionen an folgende Universitäten: Marburg, Gießen, Essen, Münster, Darmstadt, Frankfurt, Salzburg, Innsbruck, Bozen, Roskilde, American University of Beirut und Hong Kong Baptist University. In den neunziger Jahren hatte Becker sowohl an der TU Wien als auch an der Universität Bremen eine Gastprofessur für Angewandte Informatik inne. Während seiner Tätigkeit an der Universität Innsbruck leitete er jeweils 14-tägige politikwissenschaftliche Exkursionen in folgende Länder: 2005 Libanon, 2007 Georgien, 2008 Mali, 2009 Usbekistan, 2010 Myanmar und 2011 Nordkorea.

Gewerkschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parteipolitisch nicht gebunden ist Becker seit 1972 gewerkschaftspolitisch aktiv. In Solingen war er von 2005 bis 2010 Vorsitzender des Stadtverbands des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), dem er auch heute noch als Mitglied angehört. Seit 2001 ist er außerdem Mitglied im Präsidium und im Vorstand des Ver.di-Bezirks Rhein-Wupper. Zu seinen kommunalpolitischen Aufgaben gehört u. a. die Organisation einer politischen Vortragsreihe des DGB. Prominente Redner in dieser Reihe waren in den letzten Jahren unter anderem Friedhelm Hengsbach, Werner Rügemer, Ueli Mäder, Rudolf Dreßler, Sahra Wagenknecht und Ivo Gönner.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alltäglicher Rassismus. Afro-amerikanische Rassenkonflikte im Kinder- und Jugendbuch der Bundesrepublik, Frankfurt: Campus Verlag 1977. 2. Auflage 1992.
  • Die Dritte Welt im Kinderbuch, Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft 1978.
  • Free Flow of Information? Informationen zur Neuen Internationalen Informationsordnung, Frankfurt: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 1979.
  • Afrikanische Literatur in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, München: Weltforum Verlag 1981.
  • Informationstechnologie in der Dritten Welt. Eine kritische Analyse theoretischer und empirischer Studien, Frankfurt: Flach Verlag 1984.
  • Information Technology and a New International Order. Preface by Seán MacBride, Lund: Studentlitteratur Publishing House 1984.
  • Medienmacht im Nord-Süd-Konflikt. Die Neue Internationale Informationsordnung, Frankfurt: Suhrkamp 1984.
  • Massenmedien im Nord-Süd-Konflikt, Frankfurt: Campus Verlag 1985.
  • Communication and Domination. Essays to Honor Herbert I. Schiller, Norwood NJ: Ablex 1986.
  • Papiertechnologie und Dritte Welt. Ökonomische Rahmenbedingungen und technische Alternativen für die Produktion von Kulturpapier, Braunschweig und Wiesbaden: Vieweg Verlag 1986.
  • Tecnología de la Información Reto para el Tercer Mundo, Lima: Instituto Para América Latina 1988.
  • Telefonieren, Marburg: Jonas Verlag 1989.
  • Europe speaks to Europe. International Information Flows between Eastern and Western Europe. With a preface by Willy Brandt, Oxford: Pergamon Press 1989.
  • Small Pulp and Paper Mills in Developing Countries. Preface by Sam Pitroda, New Delhi: Concept Publishing Company 1991.
  • Datenbanken und Macht. Konfliktfelder und Handlungsräume, Opladen: Westdeutscher Verlag 1992.
  • Europe speaks to Europe: Telecommunications in a common European house. Preface by Michel D. Doo Kingué, Frankfurt: Haag + Herchen und Moskau: ICSTI 1993.
  • Fern-Sprechen. Internationale Fernmeldegeschichte, -soziologie und -politik, Berlin: Vistas-Verlag 1994.
  • Internet o Viet Nam va cac nuoc dang phat trien, Hanoi: Nha Xuat Ban Khoa Hoc Va Ky Thaut 2000.
  • Internet in Asia, Singapore: Asian Media Information and Communication Centre 2001.
  • Internet in Malaysia, Bangi: Universiti Kebangsaan Malaysia 2001.
  • Türkische Medienkultur in Deutschland. 3 Bde., Loccum: Evangelische Akademie Loccum 2000/2002/2003.
  • Information und Gesellschaft, Wien: Wissenschaftlicher Verlag Springer 2002.
  • Medien zwischen Krieg und Frieden, Baden-Baden: Nomos Verlag 2002.
  • Flimmerndes Asien. Die Fernsehentwicklung eines Kontinents im Aufbruch, Wien: Österreichischer Kunst- und Kulturverlag 2002.
  • Internet in Malaysia and Vietnam, Hamburg: Deutsches Übersee-Institut 2002.
  • Communication and Conflict. Studies in International Relations. Preface by Johan Galtung, New Delhi: Concept Publishing House 2005.
  • mit Mira Beham: Operation Balkan. Werbung für Krieg und Tod, Baden-Baden: Nomos Verlag 2006; 2. Auflage mit einem Vorwort von Norman Paech 2008, ISBN 978-3832935917.
  • Kino Heimat Solingen. Über die Glanzzeit des Kinos, Solingen: Stadtarchiv 2010.
  • Die Digitalisierung von Medien und Kultur. Vorwort von Lothar Bisky, Wiesbaden: Springer VS 2013, ISBN 978-3658007287.
  • Elisabeth Noelle-Neumann: Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus, Paderborn: Schöningh 2013, ISBN 978-3-506-77614-3.
  • Medien im Krieg – Krieg in den Medien, Wiesbaden: Springer VS 2015, ISBN 978-3658074760.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www2.solingen.de/C12572F80037DB19/0/Sitzungsdienst_2014__Gremienmitglieder?OpenDocument&r0=Beteiligungsausschuss&s0=2&nocache=1@1@2Vorlage:Toter Link/www2.solingen.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis..
  2. Becker, Jörg: Datenbanken im Ost-West-Konflikt. Die Stellung der Bundesrepublik Deutschland im grenzüberschreitenden Datenverkehr zwischen 0st und West, Schmitten/Ts.: Evangelische Akademie Arnoldshain 1985.
  3. Becker, Jörg und Salamanca, Daniel: Der unsichtbare Spätankömmling. Deutsche Welle-Fernsehen in Asien, Berlin: Heinrich Böll-Stiftung 1998.
  4. Vgl. Stauss, Frank: Elisabeth Noelle-Neumann war eine streitbare, stramm konservative Networkerin, in: Süddeutsche Zeitung, 11. Juni 2013; Wolffsohn, Michael: Infame Abrechnung mit Elisabeth Noelle-Neumann, in: FAZ, 24. Juni 2013; Kellerhoff, Sven Felix: Noelle-Neumann-Biografie ist grob fehlerhaft, in: Die Welt, 25. Juni 2013; Güntner, Joachim: Schillernde Vergangenheit der „Pythia vom Bodensee“, in: Neue Zürcher Zeitung, 26. Juni 2013; Hinz, Thorsten: Die Infamie bleibt konstant, in: Junge Freiheit, 28. Juni 2013.
  5. Vgl. Gepp, Thomas: Mittendrin in der Schweigespirale, in: Falter, Nr. 21/2013; Prokop, Dieter: Meinungsforschung: Führung der Massen durch Massenbefragungen?, in: Sozialismus, Nr. 6/2013; Schiffer, Sabine: Elisabeth Noelle-Neumann: Posthumer Sturz vom hohen Sockel?, in: Hintergrund, 10. Juni 2013; Rügemer, Werner: Meinungsforschung als Herrschaftsinstrument, in: Junge Welt – Literaturbeilage, 12. Juni 2013; Hecht-Galinski, Evelyn: Anlässlich des lesenswerten Noelle-Neumann-Buches von Jörg Becker, in: Neue Rheinische Zeitung, 7. Juli 2013; Fuchs, Christian: Review of Jörg Becker’s Book “Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus”, in: triple c, 7. Juli 2013; Kannapin, Detlef: Volksbetrachtung als Ideologie Elisabeth Noelle-Neumann und das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland, in: Neues Deutschland, 13. Juli 2013; Kebir, Sabine: Beinahe Goebbels‘ Adjutantin, in: Ossietzky, Nr. 19/2013; Splichal, Slavko: Legacy of Elisabeth Noelle-Neumann: The spiral of silence and other controversies, in: European Journal of Communication, Nr. 3/2015, S. 353–363.
  6. Faksimile der Unterlassungserklärung (Anlage 1)
  7. Neue Zürcher Zeitung, 4. September 2013 [1]
  8. Sven Kellerhoff referiert die von Peter Hoeres festgestellte Unwissenschaftlichkeit: Noelle-Neumann-Biografie ist grob fehlerhaft, in: Die Welt, 25. Juni 2013