Josias zu Waldeck und Pyrmont

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Josias zu Waldeck und Pyrmont im April 1947

Josias Georg Wilhelm Adolf Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont (* 13. Mai 1896 in Arolsen; † 30. November 1967 auf Schloss Schaumburg bei Diez an der Lahn) war ein deutscher Adliger, Politiker der NSDAP, Mitglied des Reichstags, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS und Polizei. Von 1946 bis zu seinem Tod 1967 war er Chef des Hauses Waldeck-Pyrmont und nannte sich als solcher Josias Fürst zu Waldeck und Pyrmont.[1]

Während der Zeit des Nationalsozialismus war er Höherer SS- und Polizeiführer im Rang eines SS-Obergruppenführers. Ab 1941 war er zudem General der Polizei und ab Juli 1944 General der Waffen-SS.[2] Im Jahr 1947 wurde er von einem US-amerikanischen Militärgericht im Buchenwald-Hauptprozess für Verbrechen im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Buchenwald als Kriegsverbrecher zunächst zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die später reduziert wurde.

Josias zu Waldeck und Pyrmont war unter anderem der Vetter der niederländischen Königin Wilhelmina, und Neffe der Regentin Emma zu Waldeck und Pyrmont, der zweiten Ehefrau des niederländischen Königs Wilhelm III. und älteren Schwester des Fürsten Friedrich zu Waldeck-Pyrmont.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erbprinz Josias, 3 Jahre alt
Waldeck-Pyrmont, hier im Rang SS-Gruppenführer

Erbprinz Josias, der älteste Sohn von Friedrich, dem letzten regierenden Fürsten des Fürstentums Waldeck-Pyrmont und der Prinzessin Bathildis zu Schaumburg-Lippe. Nachdem er ab 1902 Privatunterricht erhalten hatte, wechselte er 1912 auf das Wilhelmsgymnasium Kassel und legte dort 1914 das Notabitur ab. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig als Soldat und nahm mit dem Infanterie-Regiment „von Wittich“ (3. Kurhessisches) Nr. 83 durchgehend am Krieg teil. Er wurde mehrfach verwundet; neben anderen Verwundungen erlitt er einen Kopfstreifschuss.

Nach Ende des Krieges war er Freikorpsoffizier in Oberschlesien und wurde im Mai 1919 aus der Armee entlassen. Nachdem er unter anderem Praxis in der Landwirtschaft erworben hatte, studierte er ohne Abschluss von 1921 bis 1923 Agrarwissenschaft, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft in München. Im Herbst 1923 meldete er sich für zwei Monate zur Reichswehr zur Niederschlagung von Aufständen in Thüringen und Sachsen.

Von 1923 und 1927 war er Mitglied im Jungdeutschen Orden, bei dem er unter anderem das Revisionsamt leitete und später außenpolitischer Leiter wurde. Nach seinem Austritt aus dieser Organisation gehörte er bis 1929 dem Stahlhelm an. Danach wurde er am 1. November 1929 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnr. 160.025) und im März 1930 der SS (SS-Nr. 2.139). Zu Waldeck wurde Adjutant von Sepp Dietrich und Heinrich Himmler, die ihm einen raschen Aufstieg in der SS-Hierarchie ermöglichten. Bereits 1932 war zu Waldeck SS-Gruppenführer. Seit der 8. Wahlperiode 1933 war er für die NSDAP Mitglied des Reichstages, zunächst auf Reichswahlvorschlag und dann ab November 1933 für den Wahlkreis 23 (Düsseldorf-West). Nach einer kurzen Tätigkeit im Auswärtigen Amt kehrte Josias zu Waldeck 1934 wieder zur SS zurück. In seiner Eigenschaft als Assistent von Himmler beteiligte er sich an der von Hitler befohlenen Gefangennahme und Ermordung der SA-Führung einschließlich ihres Stabschefs Ernst Röhm und anderer Konkurrenten um die Macht (siehe „Röhm-Putsch“) (30. Juni bis zum 2. Juli 1934), indem er die Exekutionen im Münchener Gefängnis Stadelheim organisierte. Im Dezember 1934 ernannte ihn Hitler zum sogenannten „Volksrichter“ am 2. Senat des Volksgerichtshofs. Von 1936 bis Anfang 1939 war er Richter am Obersten Ehren- und Disziplinarhof der DAF.

Ende Januar 1936 zum SS-Obergruppenführer befördert, übernahm er im selben Jahr die Führung des SS-Oberabschnitts „Rhein“ und ein Jahr später dieselbe Funktion im SS-Oberabschnitt „Fulda-Werra“, den er bis Kriegsende innehatte.

Im Oktober 1938 wurde zu Waldeck zum Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) für den Wehrkreis IX ernannt, in dem auch das KZ Buchenwald lag. Ab Oktober 1939 war er zudem Oberster Gerichtsherr des SS- und Polizeigerichts XXII in Kassel. Ab Februar 1944 führte er den Titel Höherer SS- und Polizeiführer Fulda-Werra und wurde im Oktober 1944 in Personalunion noch Höherer Kommandeur der Kriegsgefangenen. In HSSPF-Funktion war er auch für die Errichtung eines KZ-Außenlagers des KZ-Buchenwald im Kasseler Druseltal[3][4] zuständig, in dem vom 5. Juli 1943 bis zum Einmarsch der Amerikaner am 4. April 1945 150 KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Das Kasseler KZ-Außenlager war das frühere Gasthaus Zur alten Drusel, ein Fachwerkbau mit Anbau. Zwei der vier Baracken stehen noch heute, zwischen Panoramaweg und Wiegandtsstraße oben auf einem Hang. Aufgrund seiner Funktion als Höherer SS- und Polizeiführer für den Wehrkreis IX war zu Waldeck für die Evakuierung des KZ Buchenwald und die daraus resultierenden Todesfälle hauptverantwortlich.[5]

Unter seiner Jurisdiktion wurde der ehemalige Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald, SS-Standartenführer Karl Otto Koch, wegen fortgesetzter Unterschlagungen sowie wegen Mordes an drei Häftlingen zwecks Vertuschung seiner Straftaten zum Tode verurteilt und am 5. April 1945 hingerichtet.

Nach Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josias zu Waldeck und Pyrmont als Angeklagter 1947

Am 13. April 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft. 1946 wurde Josias zu Waldeck mit dem Tode seines Vaters Oberhaupt des fürstlichen Hauses Waldeck und Pyrmont. Am 14. August 1947 wurde er vom US-amerikanischen Militärgerichtshof im Buchenwald-Hauptprozess im Internierungslager Dachau wegen Verbrechen im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Buchenwald zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, die jedoch am 8. Juni 1948 auf 20 Jahre Haft verkürzt wurde. Am 29. November 1950 wurde Waldeck aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen. Während der Haft war er durch die Spruchkammer Fritzlar-Homberg 1949 entnazifiziert worden.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er zurückgezogen, unter anderem auf Schloss Schaumburg (Rhein-Lahn-Kreis). In den Jahren 1959 bis 1961 wurden mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet, unter anderem wegen des Verdachts des Mordes, des Totschlags und der Beihilfe zum Mord. Die meisten Ermittlungsverfahren wurden wegen Eintritts der Verjährung oder „nicht nachweisbarer Schuld“ eingestellt.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josias Prinz zu Waldeck und Pyrmont war seit 1922 mit Altburg Marie Mathilde Herzogin von Oldenburg (1903–2001), der jüngsten Tochter des Großherzogs Friedrich August von Oldenburg, verheiratet. Ihre Kinder sind:

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruth Bettina Birn: Die Höheren SS- und Polizeiführer. Himmlers Vertreter im Reich und in den besetzten Gebieten. Droste Verlag, Düsseldorf 1986, ISBN 3-7700-0710-7.
  • Karl Fischer: Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont – Eine Betrachtung, PDF.
  • Alfred F. Groeneveld, Anke Schmeling, Dietfrid Krause-Vilmar: Im Außenkommando Kassel des KZ Buchenwald, Mit einer biographischen Skizze des Höheren SS- und Polizeiführers Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, [1].
  • Eugen Kogon: Der SS-Staat: das System der deutschen Konzentrationslager. 12. Auflage. Heyne, München 1982, ISBN 3-453-00671-2 (Neueste Ausgabe: Nikol, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86820-037-9).
  • Gerhard Menk: Das Ende des Freistaats Waldeck. Möglichkeiten und Grenzen kleinstaatlicher Politik. 2. Auflage. Bad Arolsen 1998 (Waldeckische Historische Hefte 1).
  • Gerhard Menk: Waldecks Beitrag für das heutige Hessen. 2. Auflage. Hessische Landeszentrale für Politische Bildung, Wiesbaden 2001, ISBN 3-927127-41-8, S. 123–157 (Hessen: Einheit aus der Vielfalt, Bd. 4).
  • Gerhard Menk: Waldeck im Dritten Reich. Voraussetzungen und Wirken des Nationalsozialismus im hessischen Norden. Archiv und Museum der Kreisstadt Korbach, Korbach 2010, ISBN 978-3-9813425-0-5, S. 108–124; 210–215 (Beiträge aus Archiv und Museum der Kreisstadt Korbach, Bd. 1).
  • Anke Schmeling: Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont: Der politische Weg eines hohen SS-Führers. Verlag Gesamthochschul-Bibliothek Kassel, Kassel 1993, ISBN 3-88122-771-7 (PDF, 7,84 MB Nationalsozialismus in Nordhessen – Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 16).
  • Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich?, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1987 ISBN 3-596-24373-4.
  • Bernd Joachim Zimmer: Deckname Arthur, Das KZ-Außenkommando in der SS-Führerschule Arolsen, 1994, [2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Josias Prinz zu Waldeck und Pyrmont – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Obwohl seit der Abschaffung der Standesvorrechte des Adels 1919 nur der Titel „Prinz“ (/„Prinzessin“), nicht jedoch der vordem in Primogenitur gewährte Erstgeburtstitel „Fürst“, Bestandteil des bürgerlichen Namens ist, wird letzterer von den Chefs mehrerer im 19. Jahrhundert regierender, mediatisierter oder gefürsteter Häuser inoffiziell weiter verwendet.
  2. Ruth Bettina Birn: Die Höheren SS- und Polizeiführer. Himmlers Vertreter im Reich und in den besetzten Gebieten., Düsseldorf 1986, S.347
  3. Verzeichnis der Konzentrationslager Lfd. Nr. 702
  4. Aussenlager KZ-Buchenwald im Druseltal
  5. Deputy Judge Advocate’s Office 7708 War Crimes Group European Command APO 407, 1947, S. 36 f.
  6. Klaus D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1934–1944. Patzwall, Norderstedt 2004, ISBN 3-931533-50-6. S. 89.
Vorgänger Amt Nachfolger
Friedrich Chef des Hauses Waldeck-Pyrmont
1946–1967
Wittekind